ZEIT ONLINE: Diese Saison ist die Lawinengefahr in den Alpen so groß wie seit 20 Jahren nicht mehr – in der Schweiz, in Österreich, Frankreich und Italien. Mehrere Gebäude wurden evakuiert, Straßen gesperrt. Warum ist die Lage dieses Jahr so außergewöhnlich?

Thomas Stucki: Der Hauptgrund: Es hat extrem viel geschneit – allein in sieben Tagen gab es in den Hauptniederschlagsgebieten zwei bis drei Meter Neuschnee. So viel auf einmal fällt nur alle 15 bis 30 Jahre. Ein weiterer Faktor war der sehr starke und stürmische Wind. Der ist nämlich der Baumeister von Lawinen: Er verfrachtet Schnee und türmt ihn meterhoch auf. Zuletzt war es in den Alpen zudem stellenweise relativ warm, es hat in bis zu 2.200 Metern Höhe geregnet. Der Regen destabilisiert die Schneedecke zusätzlich. Das kann Nass- und Gleitschneelawinen auszulösen.

ZEIT ONLINE: Sind denn in der vergangenen Woche angesichts der zeitweise großen Gefahr auch mehr Menschen verschüttet worden?

Stucki: Nein, nach heutigem Stand kam während der letzten Woche keine Person zu Schaden, zumindest nicht bei uns in der Schweiz.

Thomas Stucki ist Leiter der Gruppe Lawinenwarnung beim WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung in der Schweiz. © Institut für Schnee- und Lawinenforschung

ZEIT ONLINE: Wie genau entsteht eine Lawine?

Stucki: Die Schneedecke ist wie ein Sandwich aufgebaut. Schneefall, Regen oder Triebschnee bilden jeweils eine neue Schicht. Auch eine Schneeoberfläche kann, wenn sie eingeschneit wird, eine Schicht bilden. Für die Entstehung von Schneebrettlawinen – der wichtigsten Lawinenart – braucht es mindestens eine schwache Schicht, die brechen kann. Und der Bruch muss sich ausbreiten können. Daneben gibt es noch andere Typen von Lawinen (siehe Infokasten).

ZEIT ONLINE: Woran können Urlauber erkennen, wie gefährlich die Gegend aktuell ist, in der sie sich befinden?

Stucki: Wer sich in gesicherten Gebieten aufhält, also auf Skipisten, Straßen oder in Ortschaften, kann sich auf die örtlichen Sicherheitsdienste verlassen. Was geöffnet ist, ist vor Naturgefahren so gut es geht gesichert. Für das freie Gelände informiert das Lawinenbulletin täglich über die Lawinengefahr. Es gibt fünf Gefahrenstufen, die in ganz Europa einheitlich verwendet werden. Wer zum Freeriden oder Skitourenfahren gehen will, sollte sich auf diese Informationen stützen und braucht die dazu nötige Ausbildung.

ZEIT ONLINE: Werden nicht auch extra Lawinen gesprengt, bevor sie von selbst abbrechen?

Stucki: Ja, auf diese Weise schützen die lokalen Lawinendienste Straßen oder Skipisten. Während solcher Lawinensprengungen werden in Skigebieten Pisten zeitweise gesperrt. Sie werden danach aber wieder freigegeben. Dass der Betrieb in einem ganzen Skigebiet eingestellt wird, kommt eher selten vor, zum Beispiel wenn wegen schlechten Wetters nicht gesprengt werden kann, die Präparation aufgrund von sehr viel Schnee mehr Zeit braucht oder es stürmt. Selbstverständlich sind die Leute gehalten, sich an die Anweisungen der lokalen Behörden zu halten, also zum Beispiel gesperrte Wege nicht zu begehen.

ZEIT ONLINE: Wie können Skifahrer, Snowboarder und Tourengänger, die im freien Gelände unterwegs sind, Unfälle vermeiden?

Stucki: Indem sie sich über die aktuelle Lawinensituation informieren, sich ausbilden lassen und lernen, worauf zu achten ist. Frischen Triebschnee zum Beispiel – Schnee, der vom Wind an eine andere Stelle geweht wurde – sollte man meiden. Oder wenn etwa am Tag die Sonne auf den Schnee strahlt, sich der erwärmt, nass und weich wird und sich die Lawinengefahr damit erhöht, dann sollte man sich nachmittags nicht mehr an solchen Hängen aufhalten.

ZEIT ONLINE: Woran erkennt man den Triebschnee, etwa als Stadtmensch, der nur einmal im Jahr eine Woche in den Alpen ist?

Stucki: Generell sollten diese wenig erfahrenen Urlauber auf der Piste bleiben. Oder sich entsprechend ausbilden. Es gibt dafür Kurse, Literatur und Informationen auch auf unserer Webseite oder auf dem Portal whiterisk.ch. Dort lernt man online auch, die Gefahrenzeichen zu erkennen. Eine gute Ausbildung ist der beste Weg, Lawinenunfälle zu vermeiden.

ZEIT ONLINE: Wenn eine Skifahrerin, ein Tourengänger oder eine Snowboarderin noch rechtzeitig bemerkt, dass sich auf einmal eine Lawine löst oder die Schneemassen heranrollen – kann die- oder derjenige noch irgendetwas tun, um möglichst lebend aus der Situation herauszukommen?

Stucki: Man kann versuchen, von der Lawine wegzufahren und an der Oberfläche zu bleiben. Oder die Arme vor das Gesicht zu bringen, wenn die Lawine anhält. Das ist aber sehr theoretisch. Besser ist, gar nicht in eine solche Situation zu kommen. Eine Lawine bedeutet immer Lebensgefahr. Man sollte nie allein unterwegs sein, immer eine Notfallausrüstung dabei haben und auch wissen, wie man sie benutzt. Dazu gehört ein Suchgerät und eine Sondierstange, womit man einen Verschütteten orten kann. Außerdem eine Lawinenschaufel. So können Kameraden, die nicht unterm Schnee liegen, jemanden schnell finden und ausgraben.

ZEIT ONLINE: Es gibt viele Geschichten dazu, was man beachten soll – falls man verschüttet ist und noch bei Bewusstsein. Sich in die Hand spucken zum Beispiel, um zu merken, wo oben und unten ist und sich nicht versehentlich tiefer einzugraben. Was davon sind Mythen, was kann wirklich das Leben retten?

Stucki: In die Hand spucken nützt gar nichts. Verschüttete sind wie einbetoniert, ohne Bewegungsfreiheit, da gräbt man gar nicht. Leider ist jemand in so einer Lage von seinen Kameraden abhängig, die helfen. Und das muss schnell gehen, denn das Hauptproblem ist fehlender Sauerstoff. Je länger ein Mensch in einer Lawine vergraben ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht überlebt. In den ersten 15 Minuten ist die Chance am größten, dass derjenige noch lebt, wenn man ihn findet.