Vielleicht deutete es sich erst an, als es bereits zu spät war. Durch ein Rauschen – ungewöhnlich laut, lauter als es normalerweise an den Küsten des Indischen Ozeans ist. Das Wasser zog sich in Sekundenschnelle zurück. Nur um dann mit einer zerstörerischen Wucht zurückzukehren. Vielleicht gab es aber auch schon viel früher erste Anzeichen: Ein unruhiger Elefant beispielsweise, der sich auf der Stelle hin und her bewegte, die Ohren ausbreitete, sich schließlich umdrehte und mit schnellen Schritten einen Hang hinauflief. Möglicherweise hätte man auch auf Vögel achten sollen, die verschreckt in die Luft stiegen und landeinwärts flogen. Alles Zufall oder Beispiele für einen tierischen sechsten Sinn, den Menschen nur nicht richtig deuten können?

Das Erdbeben vom 26. Dezember 2004 gilt als Jahrhundertkatastrophe. Mehrere Tsunamis im Indischen Ozean töteten an den Küsten zahlreicher Länder rund 230.000 Menschen und verwüsteten ganze Landstriche. Die meisten Tiere blieben aber wundersamerweise verschont. Medienberichten zufolge waren auf Luftaufnahmen, die etwa den Yala-Nationalpark in Sri Lanka kurz nach dem Naturereignis zeigten, keine toten Tiere zu sehen. Wohl aber die Leichen von rund 200 Menschen, die von den Wasser- und Geröllmassen überrascht worden sind. Später gab es auch zahlreiche Erzählungen, dass Tiere die Flutwellen vorausgeahnt hätten – wie eben Elefanten.

Solche Geschichten kursieren häufig nach Naturkatastrophen – meist nach Erdbeben oder Vulkanausbrüchen. Bären und Löwen im Zoo von Sarajevo hetzten beispielsweise am Ostermorgen des Jahres 1979 stundenlang durch ihre Gehege, wie damals schon das Magazin stern berichtete. Tierpfleger rätselten über ihr Verhalten – befürchteten sogar eine Tollwut-Erkrankung – bis kurz darauf die Erde zitterte. Oder im Jahr 2008: Damals hüpften Medienberichten zufolge Hunderttausende Kröten über die Straßen der chinesischen Stadt Mianyang. Wenig später tötete ein Beben in der Region mehr als 50.000 Menschen.

Tiere reagieren auf Gase, Vibration und Elektrizität

Wissenschaftler konnten in vielen Fällen nachweisen, dass Tiere Dinge spüren können, die weit über die Wahrnehmung von Menschen hinausgehen: Ein Beispiel dafür ist der innere Kompass, der Zugvögel jedes Jahr zuverlässig an ihren Platz zum Überwintern bringt. Mittlerweile sind Forscher sich ziemlich sicher: Die Vögel orientieren sich am Magnetfeld der Erde, wenn sie nach Süden fliegen. Für einen sechsten Sinn allerdings, der sie womöglich vor Naturkatastrophen warnt, konnten Wissenschaftler noch keine Belege finden.

Doch worauf könnten Tiere vor einem Beben reagieren? Ehe es den Erdboden verrückt, stehen die tektonischen Platten tief unter der Oberfläche unter großer Spannung. Sie bewegen sich, reiben aneinander, verkeilen sich und die Erde beginnt anfangs kaum spürbar zu vibrieren. Auch Gase aus zuvor verschlossenen Hohlräumen können aufsteigen und an die Oberfläche gelangen – sogar elektrische Ladung wird aufgebaut. Die Risse in der Erdkruste sind häufig mit Quarz durchzogen. Gerät das Mineral unter Druck, baut sich Spannung auf, die sich durch einen Stromfluss wieder abbaut. Dabei können mehrere Tausend Volt pro Quadratzentimeter Spannung entstehen. Ähnlich sieht es vor einem Vulkanausbruch aus: Tief in der Erde baut das Magma einen immensen Druck auf das umliegende Gestein auf. Auch hier vibriert die Erde und Gase treten aus, ehe sich alles in einer gewaltigen Explosion entladen kann. All das können wir Menschen nicht spüren. Höchstens Messgeräte helfen dabei, solche Vorboten zu erkennen.

Tiere reagieren dagegen auf kleine Veränderungen deutlich sensibler und setzen dabei mehrere Sinne ein: So könnten die Elefanten, die vor dem Tsunami im Indischen Ozean flohen, vermutlich das Wasser gehört haben, als es sich von der Küste entfernte. Die Tiere sind zudem fähig, extrem niederfrequente Wellenbewegungen im Untergrund zu spüren, wie sie auch Erdbeben auslösen. Auch veränderte Gerüche, die durch das weichende Wasser entstanden, könnten eine Rolle gespielt haben, mutmaßen Forscher (The Open Conservation Biology Journal, Garstang 2009).