Steigt der Meeresspiegel um 65 Zentimeter an, hätten wir ein ernstes Problem. Die Menschen an der Küste des US-Bundesstaats Virginia müssten langsam, aber sicher den Rückzug antreten. Der Millionenstadt Miami würde es wahrscheinlich ähnlich gehen.* Einer Studie zufolge ist es sehr wahrscheinlich – wenn nicht sogar untertrieben –, dass genau das eintreten wird. Denn der Meeresspiegel steigt jedes Jahr ein bisschen schneller. Bis zum Jahr 2100 sogar um mehr als das Doppelte, als bisherige Prognosen voraussagten. Das geht aus Berechnungen hervor, die eine Gruppe Wissenschaftler rund um den Geophysiker Steve Nerem jetzt veröffentlichte (PNAS, Nerem et al. 2018). Seit 1993 stieg der Meeresspiegel weltweit um durchschnittlich drei Millimeter pro Jahr. In dieser Studie konnten die Forscher messen, dass sich dieser durchschnittliche Anstieg jedes Jahr um 0,08 Millimeter beschleunigt.

Der Prognose zufolge könnte der Anstieg im Jahr 2100 schon bei etwa zehn Millimetern pro Jahr liegen. Der durchschnittliche Pegel läge dann an den Küsten um 65 Zentimeter höher als im Jahr 2005 – bisherige Prognosen gingen häufig von etwa 30 Zentimetern aus. "Und das ist mit ziemlicher Sicherheit eine vorsichtige Schätzung", sagt Nerem in einer Mitteilung seiner Universität. Bei ihrer Kalkulation gingen die Forscher davon aus, dass sich der Trend der vergangenen 25 Jahre in Zukunft fortsetzt. "Angesichts der großen Veränderungen, die wir heute in den Eisschilden sehen, ist das unwahrscheinlich", betont Nerem. Anders ausgedrückt: Der Anstieg wird wahrscheinlich noch höher ausfallen als von den Forschern prognostiziert.

Für die Berechnungen verwendeten die Wissenschaftler Satellitendaten aus den vergangenen 25 Jahren, in der weltweit der Stand des Meeresspiegels erfasst wird. Es handelt sich dabei um die längste bisher vorhandene Messreihe, die mit dem Start des Erdbeobachtungssatelliten Topex/Poseidon im August 1992 begann und mit den drei Jason-Satelliten fortgesetzt wurde.

Joe Raedle/Getty Images
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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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Steve Nerem und seine Kollegen berücksichtigten verschiedene Faktoren, die den globalen Meeresspiegel beeinflussen – etwa das Klimaphänomen El Niño im Pazifik. Auch die Schwankungen, die an Land gemessen wurden, gingen in die statistische Analyse ein. Bedeutsam war zudem der Ausbruch des philippinischen Vulkans Pinatubo im Jahr 1991: Dessen Auswirkungen auf den Meeresspiegel zeigten sich noch zu Beginn der Satellitenmessreihe. Ebenso glichen die Forscher die Satellitenmessungen, die sich auf das offene Meer beziehen, mit Gezeitenpegelständen an den Küsten ab.

Nach Berücksichtigung all dieser Faktoren errechnete das Team eine jährliche Beschleunigung des globalen Meeresspiegelanstiegs um 0,08 Millimeter. Es ergibt sich also eine exponentielle Kurve mit stets zunehmenden Anstiegsraten. Verantwortlich für den Anstieg ist zum einen das Abschmelzen der Eisschilde, zum anderen der Umstand, dass Wasser sich bei Erwärmung ausdehnt.

"Die Studie stellt sehr glaubhaft dar, dass es eine Beschleunigung des Anstiegs gibt", sagt Ingo Sasgen vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die Forscher hätten nicht nur neue Messdaten verwendet, sondern diese auch sehr gründlich ausgewertet. So seien zahlreiche Effekte, die nichts mit dem Klimawandel zu tun haben, herausgerechnet worden. Dass beim deutschen Küstenschutz zum Teil mit einem Meeresspiegelanstieg um bis zu 1,70 Meter gerechnet werde, erklärt Sasgen mit Extremwerten, die dabei angenommen worden seien.

*Anm. d. Red.: In einer ersten Version des Textes stand hier, die Fidschi-Inseln seien bis dahin wahrscheinlich verschwunden. Da wir den Eindruck vermeiden wollen, dass die Inseln bei einem Anstieg von 65 Zentimetern gänzlich mit Wasser bedeckt und im Ozean verschwunden wären, haben wir den Text an dieser Stelle geändert.