Promis zeigen sich in Anti-Pelz-Kampagnen lieber nackt als umhüllt von totem Tier. "Pelz ist nicht okay" – das scheint Konsens zu sein. Verkaufszahlen offenbaren etwas anderes. Auch Susanne Kolb-Wachtel sagt, Pelz sei hochaktuell. Wir treffen die Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts an der Ecke zum ehemaligen Kürschnerviertel in der Frankfurter Niddastraße – zusammen mit einer Frau, deren Position gegensätzlicher kaum sein könnte: Henriette Mackensen vom Tierschutzbund. Die Tierärztin setzt sich dafür ein, dass Pelzfarmen verboten werden. Ein Streitgespräch.

ZEIT ONLINE: Diesen Winter fallen mir erstaunlich viele Leute im Pelz auf. Ältere Damen im Nerz oder Fuchsmantel und junge Männer mit wehenden Fellkrägen. Ich hätte gedacht, das Thema sei durch. Frau Kolb-Wachtel, warum wird weiterhin Tierfell getragen?

Susanne Kolb-Wachtel: Ein Pelz ist einfach warm. Besonders wenn es feucht-kalt ist, verleiht so ein Mantel eine trockene Wärme, die synthetische Materialien nicht erreichen. Und ein Pelz kann nachhaltig sein. Der Nerz, den ich trage, stammt von 1985. Ich habe ihn mehrfach umarbeiten lassen – inzwischen ist er geschoren und wird nach innen getragen.

Henriette Mackensen: Ich habe zwei kleine Kinder, einen Hund und verbringe sehr viel Zeit draußen. Trotzdem schaffe ich es, mich ohne Pelz warmzuhalten. Meine Winterjacke ist von einer Outdoormarke, ich glaube aus Norwegen – jedenfalls ohne tierische Bestandteile. Und sehr warm.

Kolb-Wachtel: Das ist ja das Schöne! Wärmeempfinden ist individuell, manche frieren eher als andere. Der Verbraucher hat die Wahl. Das sollte so bleiben, schließlich ist Mode etwas, das unsere Entscheidungsfreiheit repräsentiert.

ZEIT ONLINE: Und diese Freiheit geht soweit, dass sich jemand für den Tod von Tieren entscheidet, die zur Fellproduktion gezüchtet wurden? Diese Felle stammen ja bei Weitem nicht alle von Tieren, die gegessen werden.

Kolb-Wachtel: Richtig, aber gute Pelze hierzulande werden aus Fellen von zertifizierten, kontrollierten Farmen hergestellt.

Zwei Frauen streiten: Henriette Mackensen – Vegetarierin und Aktivistin vom Deutschen Tierschutzbund (links) und Susanne Kolb-Wachtel, Pelzträgerin und Geschäftsführerin des Deutschen Pelzinstituts. Beide sind Hundehalterinnen. Ansonsten haben sie wenig gemeinsam. © Lara Malberger/© Lara Malberger/ ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Da kann ich mich als Käuferin im Laden drauf verlassen?

Mackensen: Absolut nicht! Es gibt unzählige importierte Textilien mit Fellen dran, von denen niemand nachvollziehen kann, wo sie herkommen oder wie die Tiere gehalten wurden.

Kolb-Wachtel: Moment. Sie müssen zweierlei unterscheiden. Auf der einen Seite gibt es unsere in Deutschland gefertigten Pelze: Nerze und Fuchsjacken etwa, die hier in Handwerksbetrieben verarbeitet werden. Und dann gibt es auf der anderen Seite, wie Frau Mackensen richtig sagt, Fellverarbeitung in der internationalen Modeindustrie. Bei dieser Art von Massenproduktion geht es nur darum, ob ein Teil mit Fell dran in der Fertigung 50 Cent günstiger ist – die Wege sind kaum nachvollziehbar. Nur ist das ein Markt, auf den unsere Branche keinerlei Einfluss hat.

ZEIT ONLINE: Das heißt, es gibt gute und böse Pelze?

Mackensen: Ein Pelz als Kleidungsstück kann für mich niemals gut sein.

Kolb-Wachtel: Es ist wie mit allen Produkten: Qualität kostet Geld. Die geprüften, hochwertigen Waren sind den Leuten oft zu teuer. Jeder weiß, wenn er billig kauft, muss einer den Preis dafür bezahlen. Wenn Sie eine Mütze mit Pelzbommel für zehn Euro bekommen oder einen Parka mit Pelzbesatz für 99 Euro, dann wissen Sie doch, dass da was in der Produktion nicht stimmen kann. Nur nehmen das viele in Kauf.

Mackensen: Manch einer erkennt doch gar nicht, dass es sich bei dem, was er kauft, um echten Pelz handelt. In den Kaufhäusern hängen billige Echtpelze neben Kunstpelz zum gleichen Preis am selben Ständer. Die Kundinnen und Kunden sind nicht in der Lage, die Fasern zu unterscheiden – auch, weil es nicht richtig gekennzeichnet ist.

Kolb-Wachtel: Mit der Kennzeichnung rennen Sie bei mir offene Türen ein! Das deutsche Pelzinstitut hat das längst eingeführt. Bei allen Waren unserer Verbandsmitglieder steht drauf, dass es Echtfell ist. Zusätzlich ist der deutsche Name des Tieres auf dem Kleidungsstück vermerkt (siehe Kasten), der lateinische und der amerikanische. Gute Modehändler bieten nur derart gekennzeichnete, hochwertige Ware an. Die billigen Sachen haben diese Hinweise nicht. Damit Kundinnen und Kunden nachvollziehen können, wie die Tiere gehalten werden, hat das Pelzinstitut mit dem europäischen Pelzverband Fur Europe das Label WelFur eingeführt.

ZEIT ONLINE: Die teuren gekennzeichneten Produkte sind also alle aus Farmen, in denen es den Tieren gut geht?

Mackensen: Das ist Unsinn. Aus Tierschutzsicht sind die Bedingungen auch in europäischen Farmen absolut nicht akzeptabel. Teilweise sind sie nicht besser als in China.

ZEIT ONLINE: Auch in den zertifizierten? Wieso bekommen solche Farmen dann das Siegel?

Mackensen: Weil es nur darum geht, ob die niedrigen Rahmenbedingungen eingehalten werden – nicht darum, ob die Haltung tiergerecht ist. Wir reden noch immer von Käfigen. Und zwar von sehr kleinen. Eine Nerzfarm bekommt, was die Unterbringung angeht, nach WelFur schon die beste Bewertung, wenn die Käfige fünf Zentimeter höher sind als vom Europarat empfohlen. Dieser hat vorgegeben: 0,26 Quadratmeter pro Nerz reichen. Das ist auf keinen Fall tiergerecht!