Schmelzende Gletscher sind keine Nachricht mehr, das Tempo mit dem der Menschheit diese Eismassen verloren gehen, aber schon. Wir sehen ihnen gerade beim Sterben zu. Bis zum Jahr 2100 werden die Gletscher der Welt zusammen etwa ein Drittel (36 Prozent) ihrer Masse verlieren. Verhindern kann das auch nicht der verzweifelte und ständig wiederholte Appell an die Länder der Welt, die Erderwärmung noch unter die berühmten zwei Grad zu drücken. Die neue Prognose deutscher und österreichischer Wissenschaftler der Universitäten Bremen und Innsbruck erscheint auch unabhängigen Experten als realistische Vorhersage. Sie wurde heute im Magazin Nature Climate Change veröffentlicht (Marzeion et al. 2018).

Das Schwinden ist ein Problem – verflüssigtes Eis hebt den Meeresspiegel und trifft das Leben in Küstenregionen. Gletscher versorgen die Bewohner vieler Gebirgsregionen auch indirekt mit Trinkwasser und Energie. Wasserkraftwerke in den Alpen etwa versorgen die Schweizer mit fast 60 Prozent ihres Strombedarfs. Angeschlossen sind sie an große Gebirgsbäche, die durch wiederkehrendes Schmelzwasser gespeist werden.

Fragt sich, wie lange noch. Denn viele Gletscher nehmen in kalten Perioden nicht mehr an Eis zu. Sie regenerieren sich nicht mehr. Für ihre aktuellen Berechnungen berücksichtigten die Forscher Niederschlags- und Abschmelzraten von Gletschern auf der ganzen Erde. Die daraus erstellten Simulationen zeigen, wie viel Volumen die Gletscher voraussichtlich in den kommenden Jahrzehnten verlieren werden. Die Eisschilde der Antarktis und Grönlands bezogen die Wissenschaftler dabei nicht mit ein. Dem Meereis dort geht es aber auch nicht wirklich besser.

Seit Längerem wissen Forscherinnen und Experten, dass Gletscher eigentlich sehr langsam auf ausgestoßene Treibhausgase und die damit einhergehende Erderwärmung reagieren (Science, Bolch et al. 2012). "Der Gletscherschwund bis 2040 ist etwa durch die Emissionen der Vergangenheit determiniert", sagte der Klimageograph Christoph Schneider vor Veröffentlichung der aktuellen Studie dem deutschen Science Media Center (SMC). Die Ergebnisse seiner Kollegen hält er für "in sich schlüssig und solide". Damit scheint klar, dass viel Gletschermasse unwiederbringlich verloren gehen könnte. Ben Marzeion, Klimageograph und Hauptautor der neuen Prognose, ist überzeugt, dass sämtliche Klimaschutzbemühungen lediglich verhindern können, dass noch mehr Gletschereis sich dauerhaft verflüssigt.

Kein Grund, nichts zu unternehmen

Die Stärke der aktuellen Studie sei, "dass die Anpassungszeit global quantifiziert und klar dargelegt wurde, dass es kurzfristig keinen Unterschied macht, wie stark die Temperatur steigt". Das sagt Tobias Bolch. Der Leiter der Arbeitsgruppe Glaziologie und Geomorphodynamik an der Universität Zürich war nicht an der Studie beteiligt und sprach ebenfalls mit dem SMC. Regional können die Auswirkungen aber ganz unterschiedlich sein. Gletscher ist nicht gleich Gletscher, ob in den Schweizer Alpen oder in den südamerikanischen Anden. Beispielsweise könnten viele Eismassen in den Alpen bald schon viel stärker abschmelzen. Kleinere, warme Gletscher überleben heute schon nur noch am Rande des Gefrierpunkts. Bereits kleine Temperaturschwankungen können hier verheerende Auswirkungen haben – gerade auch weit unterhalb einer Zunahme der weltweiten mittleren Temperatur von 1,5 oder 2 Grad Celsius. Globale Studien wie die aktuelle Prognose seien deshalb auf jeden Fall sinnvoll, sagt der Glaziologe Bolch. "Man muss sich nur bewusst sein, dass die globalen Werte nicht einfach auf regionale Studien übertragen werden können […]."

Auch für den Eisdynamik- und Gletscherforscher Johannes Fürst ist das ein wichtiger Aspekt. "Dass ein Anstieg von 0,5 Grad keine Rolle spielt, kann man nun wirklich nicht sagen", sagte er dem SMC. "Wenn man auf den Langzeitrückgang blickt unter dem 1,5- oder 2-Grad-Szenario, ist ein Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels von entweder 159 oder 191 Millimetern zu erwarten." Faktoren wie die Schuttbedeckung eines Gletschers, dessen Eisdynamik, das Eisbergkalben oder die lokale Sonneneinstrahlung seien mitentscheidend. Sie können die Gletscherschmelze je nach Ort beschleunigen oder bremsen. Solche regionalen Aspekte berücksichtigt die aktuelle Prognose nicht.

Auch wenn der Verlust riesiger Gletschermassen als sicher gilt, lohnt es in den Klimaschutz zu investieren. "Viele kleinere, tiefer gelegene Gletscher werden verschwinden", sagt Fürst zwar. "Aber gerade auch in Regionen mit erwartetem Wasserversorgungsdruck gibt jedes zusätzliche Jahr, das ein Gletscher überlebt, wertvolle Zeit für Anpassungsmaßnahmen."

Joe Raedle/Getty Images
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Stimmt. Viele Forscher sind sicher, dass es einen Zusammenhang gibt. Europa soll aber nicht so stark betroffen sein wie andere Kontinente der Erde.

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