Der eine ist Geschäftsführer bei Bayer, der andere Umweltaktivist beim WWF. Beide erwarten mit Spannung, ob und wie die geplante Übernahme des Konzerns Monsanto die Landwirtschaft hierzulande und weltweit verändern wird. Wird Bayer ganz auf genverändertes Saatgut setzen oder stärker den Wunsch deutscher Verbraucher hören, die vielfach Genfood, wie es salopp heißt, ablehnen? Werden nach der Einschränkung des Einsatzes von Glyphosat nun neue Pestizide erforscht, die sicherer oder vielleicht sogar schlechter erforscht sind?

Jörg-Andreas Krüger vom WWF (links) und Helmut Schramm von Bayer CropScience Deutschland im Gespräch mit der ZEIT © Daniel Hofer für DIE ZEIT

Jörg-Andreas Krüger (WWF) und Helmut Schramm (Bayer CropScience) haben in der ZEIT über die Zukunft der Landwirtschaft, über Gentechnik und Pestizide, über die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, Fakten und Mythen gestritten. Und sie haben sich Ihren Fragen gestellt. ZEIT ONLINE hat die am häufigsten genannten, prägnantesten ausgewählt. Krüger und Schramm haben sie beantwortet.

Frage: Herr Krüger, Herr Schramm,früher wurden hochgiftige Pestizide in Massen gespritzt. Trotzdem war die Frontscheibe des Pkw voll mit Insekten. Heute sind viele Pestizide verboten. Trotzdem gibt es weniger Insekten. Warum?

Helmut Schramm (Bayer): Gute Frage! Wie aussagekräftig der Windschutzscheibentest ist, sei mal dahingestellt. Aber tatsächlich sind Langzeitstudien zu dem Schluss gekommen, dass die Zahl der Insekten in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren zurückgegangen ist. Die genauen Ursachen dafür kennen die Forscher nicht. Vermutet wird ein Zusammenhang mit Entwicklungen wie Verstädterung, Lichtverschmutzung, Klimawandel und der Änderung der Landschaftsstruktur; sicher hat auch jede Form der Landwirtschaft Einfluss. Die Ursachen müssen untersucht werden.

Jörg-Andreas Krüger (WWF): Der Pestizideinsatz in Deutschland ist zwischen 1980 und heute angestiegen und seit einigen Jahren auf dauerhaft hohem Niveau. Zwar werden immer wieder Pestizide verboten, die vor allem bei der Einführung von der Chemieindustrie als "völlig unbedenklich und komplett abbaubar" eingestuft wurde, aber gleichzeitig kommen neue Mittel auf den Markt – oder alte werden wieder rausgeholt. Unsere Insekten haben also seit fast drei Jahrzehnten mit diesen Giften zu kämpfen. Leider greifen politische Maßnahmen zu kurz, wenn sie nur den Einsatz einzelner Stoffe, etwa aus der Gruppe der Neonikotinoide, beschränken. Die Zukunftsaussichten von Bienen, Hummeln und anderen Insekten werden damit nicht besser. Wird der Einsatz eines Stoffes zum Teil oder ganz verboten, dann greifen Landwirte eben zum nächsten Insektengift. Wir müssen raus aus dieser perversen Logik!

Frage: Herr Krüger, für wie naturhistorisch relevant halten Sie denn das Insektensterben – also, wenn man in Größenordnungen von mehr als ein paar Jahrzehnten denkt, etwa im Verhältnis zu Faktoren wie dem Klimawandel oder Schadstoffen in der Luft?

Krüger (WWF): Ab welchem Zeitraum ist denn etwas "naturhistorisch relevant"? Der Mensch verursacht gerade das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier. Dieser dramatische Trend ist ohne Frage naturhistorisch relevant, obwohl er bisher einen kurzen Zeitraum umfasst. Wir beobachten immer wieder, dass es in Ökosystemen oder Populationsentwicklungen Kipppunkte gibt, ab denen eine Entwicklung rasant und unumkehrbar geschieht. 2017 wurde in der Fachzeitschrift Plos One eine Studie veröffentlicht, die einen Zeitraum von 27 Jahren (ab 1990) abdeckt und einen Rückgang von 75 Prozent der Biomasse von Fluginsekten in Teilen Deutschland beschreibt.

Frage: Was ist Ihrer Ansicht nach die Ursache für dieses rasante Insektensterben?

Krüger (WWF): Hauptverursacher dafür ist nach WWF-Ansicht eindeutig die Intensivierung der Landwirtschaft. Bienen, Schmetterlinge und Käfer leiden mehrfach unter der gängigen Agrarpraxis: Falls sie nicht direkt durch Insektizide sterben, sind ihnen mit dem Verschwinden von Säumen, Hecken und anderen Landschaften die Lebensräume und vielfältigen Nahrungsgrundlagen genommen worden: Denn durch Pestizide werden Wildkräuter, Gräser und Grünstreifen vernichtet. Enge Fruchtfolgen auf den Äckern führen außerdem zur Fehlernährung der Insekten. Da sie die Nahrungsgrundlage für viele Vögel und Amphibien sind, verschwinden auch diese zunehmend.

Frage: Herr Schramm, Herr Krüger, gibt es Alternativen zu Glyphosat? Ein ersatzloses Verbot könnte für Kleinbauern zum Problem werden, oder?

Schramm (Bayer): Glyphosat ist seit mehr als 40 Jahren im Einsatz. Es zählt zu den meistverwendeten Breitbandherbiziden, weil es einen hohen Nutzen bei geringem Risiko aufweist. Es gibt derzeit keinen adäquaten Ersatz auf dem Markt. Ein Glyphosat-Verbot würde alle Landwirte treffen, egal ob groß oder klein. Um nur einen Aspekt anzusprechen: Glyphosat macht eine reduzierte Bodenbearbeitung vor der Aussaat der Kultur in vielen Fällen erst möglich. Das hilft, CO2 einzusparen, fördert das Bodenleben und mindert die Gefahr von Erosion durch Wind oder Regen.

Krüger (WWF): Glyphosat ist die Spitze des Eisbergs. Der Einsatz von Giften gegen Insekten und Ackerwildkräuter muss generell rasch und deutlich sinken. Glyphosat tötet alle grünen Pflanzen, egal ob Ackerwildkraut oder Weizenpflanze. Daher wird es hauptsächlich vor der Aussaat eingesetzt, um den natürlichen Pflanzenbewuchs auf dem Acker zu zerstören und optimale Bedingungen für die Kulturpflanzen zu bieten. Oder es wird verwendet, wo viele hartnäckige Wildgräser oder Wildkräuter wachsen, die gegen andere Mittel resistent geworden sind. Es gibt genügend ackerbauliche Maßnahmen, die verhindern, dass es zur Ausbreitung solcher Wildkräuter und -gräser kommt. Wirkungsvoll ist etwa die mechanische Bekämpfung, die weniger Nebenwirkungen auf die Umwelt mit sich bringt.

Frage: Stimmt es, dass Glyphosat auch als Antibiotikum registriert ist oder wirkt?

Krüger (WWF): Es gibt eine Untersuchung aus Neuseeland, der zufolge Herbizide, also auch Glyphosat, die Wirkung von Antibiotika auf Krankheitserreger wie Salmonellen und Darmbakterien verändern. Die Ergebnisse der Untersuchungen bedeuten jedoch nicht, dass Glyphosat generell als Antibiotikum wirkt.

Schramm (Bayer): Glyphosat wurde von Monsanto entwickelt und ist kein Bayer-Produkt. Bitte haben Sie daher Verständnis, dass ich diese sehr spezifische Frage nicht beantworten kann. Umfangreiche Informationen zu Glyphosat finden Sie auf dieser Seite.

Frage: Die global konkurrierenden Agrarproduzenten scheinen zur endlosen Steigerung der Flächenerträge "verdammt" zu sein, um an den Märkten bestehen zu können. Müssen wir nicht den Absprung aus dem Schwindel erzeugenden Konkurrenzkarussell schaffen – und wie?

Schramm (Bayer): Eine wachsende Weltbevölkerung und eine global größer werdende Mittelschicht verlangen nach mehr und hochwertigeren Lebensmitteln; zugleich müssen wir aus Gründen des Umwelt- und Klimaschutzes ressourcenschonender wirtschaften. Hinzu kommen Probleme wie die Verschwendung von Lebensmitteln oder die Frage, wie die produzierten Lebensmittel gerechter verteilt werden können. Unternehmen wie Bayer können diese Herausforderungen nicht alleine lösen, aber wir sehen uns in der Verantwortung. Dazu arbeiten wir in mehr als 120 Ländern mit Landwirten zusammen.

Krüger (WWF): Der WWF fordert eine neue Art der Landwirtschaft weltweit. Wir haben unsere natürlichen Grenzen im Bereich Klima, Biodiversität und fruchtbaren Böden überschritten und leben auf Kosten nachfolgender Generationen. Sie haben recht: Ja, wir müssen den Absprung schaffen hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft. Allen voran muss sich die neue Bundesregierung auf EU-Ebene stark machen für ein Ende der giftigen Geldspritzen im EU-Agrarhaushalt. Die EU-Ziele bei Klimaschutz, Erhalt von Biodiversität und Schutz von Wasser und Boden müssen die ökologische Messlatte sein für die gemeinsame Agrarpolitik nach 2020. 

Frage: Herr Krüger, glauben Sie denn, es wird jemals eine Landwirtschaft geben, die ohne Pestizide auskommt?

Krüger (WWF): Der ökologische Landbau zeigt in vielen Fällen, wie man zumindest ohne chemisch-synthetische Pestizide auskommen kann. Wir müssen es bald schaffen, stabile vielfältige Ökosysteme zu erhalten und den Boden nachhaltig zu bewirtschaften. Wir brauchen die gezielte Förderung einer Landwirtschaft, die gesunde Lebensmittel erzeugt und die artenreiche Lebensräume erhält; wir brauchen Landnutzungspläne zur Ausweitung von Schutzgebieten und unschädlichen Produktionszonen. Wie das aussehen kann, zeigt unser Projekt "Landwirtschaft für Artenvielfalt".