Die Bienen sterben, im Grundwasser werden zu hohe Nitratwerte gemessen und in den Ställen reiht sich Schwein an Schwein. In Berlin demonstrierten im Januar Zehntausende für eine andere Form der Landwirtschaft, gegen Massentierhaltung, Glyphosat und Monokulturen. Trotzdem ist von der neuen Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner keine radikale Reform zu erwarten, so liest sich zumindest der Koalitionsvertrag.

Statt auf einen Wandel von oben zu warten, organisieren sich deshalb immer mehr Menschen selbst. Um die Landwirtschaft nachhaltiger, ökologischer und fairer zu machen, gründen sie Ernährungsräte, Erzeugergemeinschaften, Selbsternteprojekte und landwirtschaftliche Investitionsgenossenschaften. Sie gärtnern mitten in der Stadt oder unterstützen eine solidarische Form der Landwirtschaft (Solawi). Verbraucherinnen und Verbraucher kommen mit Erzeugern ins Gespräch und erproben neue Modelle der Nahrungsmittelversorgung. Auch wenn man damit gegen den Welthunger und die zunehmende Macht der Agrarkonzerne nicht ankommt, gibt es zahlreiche Möglichkeiten mitzugestalten, wie hierzulande die Landwirtschaft organisiert ist – Möglichkeiten, die weit über unsere Kaufentscheidung im Supermarkt hinausgehen.

Verbraucher jäten Unkraut, der Bauer liefert das Gemüse

Solidarische Landwirtschaft (Solawi), das klingt ein bisschen nach Sozialismus. Treffender wäre eigentlich die wörtliche Übersetzung der englischen Bezeichnung "Community Supported Agriculture (CSA)", etwa "eine von der Gemeinschaft unterstützte Landwirtschaft". Denn die Grundidee ist, dass eine Gemeinschaft von Verbrauchern einen Bauern direkt unterstützt. Einerseits, indem die Verbraucherinnen und Verbraucher garantieren, regelmäßig Produkte von ihm zu kaufen, deren Preise vorab festgelegt wurden. Andererseits, indem sie regelmäßig auf seinem Bauernhof mitarbeiten. Die Kundinnen und Kunden erhalten dann jede Woche eine Kiste mit frischem Gemüse und anderen Produkten aus "ihrer" Landwirtschaft.

Maria Bienert betreibt einen Biohof bei Leipzig, der genau so organisiert ist. Sie weiß, dass die solidarische Landwirtschaft nur funktioniert, wenn Verbraucher und Bäuerinnen sich aufeinander zu bewegen: "Natürlich müssen auch die Bauern offener werden und nicht nur sagen: Die Kunden sollen das Gemüse kaufen und Schluss."

Unkraut jäten, Bohnen oder Kürbisse ernten: Auf dem Feld oder im Gewächshaus zu arbeiten, bedeutet auch, aus erster Hand zu erfahren, wo und wie Gemüse und Früchte wachsen. Das finden immer mehr Städter gut, die sonst nichts davon mitbekommen, wie das Essen angebaut wird, das später auf ihrem Teller landet. Eine noch weitergehende Variante sind sogenannte Selbsternteprojekte, bei denen der Verbraucher oder die Verbraucherin im Mai eine kleine Parzelle eines bereits mit diversen Gemüsesorten professionell bestellten Feldes übernimmt und dann nur noch für das Jäten und Ernten zuständig ist.

Auf der Internetseite www.ernte-teilen.org gibt eine interaktive Karte darüber Auskunft, wo sich die nächste Solawi-Initiative befindet. Zahlreiche weitere Projekte sind im Entstehen. Stephanie Wild vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft freut sich über das Interesse: "Die Sache nimmt definitiv gerade Fahrt auf." Gab es bis 2009 noch weniger als zehn Solawi-Projekte in Deutschland, beteiligen sich heute schon über 175 Betriebe.

Und was haben die Bauern davon? Die Verbraucher lernen durch das Jäten und Ernten, deren Produkte zu schätzen. Außerdem bindet die Solawi Kundinnen und Kunden und vor allem kommt mehr Geld beim Bauer an. Und gerade die Wertschöpfung ist in der Landwirtschaft ein zunehmendes Problem. Nach Berechnungen des Thünen-Instituts für Marktanalyse in Braunschweig bleiben heute im Schnitt nur noch 20 Prozent der Wertschöpfung beim Bauern, während es in den Siebzigerjahren noch fast 50 Prozent waren. Große Molkereien, Getreidemühlen und vor allem der auf wenige Supermarktketten konzentrierte Einzelhandel schöpfen einen Großteil der Gewinne ab. Um gegenzusteuern, organisieren sich Bäuerinnen und Bauern in Erzeugergemeinschaften; aber auch ein Pakt zwischen Produzierenden und Verbrauchern kann das in größerem Stil ändern, wie die Vermarktungsinitiative Wer ist der Chef!? (C'est qui le patron!?) in Frankreich zeigt.

Frankreich fragt: Wer ist der Chef!?

Bei Wer ist der Chef!? dürfen die Verbraucher bestimmen, ob die Kuh, die die Milch liefert, Kraftfutter bekommt oder auf die Weide darf, ob die Milch Bioqualität haben soll, woher sie kommt und wie viel Freizeit dem Bauern bleibt. Je nachdem, was die Verbraucherinnen und Verbraucher genau möchten, kostet die Milch dann ein paar Cent mehr oder weniger. Sie stimmen online ab, bevor das Produkt, also zum Beispiel die Milch, auf den Markt kommt. Je nach Auswahl sieht man dort direkt die dadurch entstehenden Mehrkosten.

Milch war das erste Wer-ist-der-Chef!?-Produkt, über 7.000 Verbraucher haben das Onlineformular ausgefüllt. Zum Konzept der Marke gehört auch weitestgehend auf traditionelle Werbung zu verzichten. Die Verbrauchermilch in den schlichten blau-weißen Tetrapacks gibt es mittlerweile für 99 Cent pro Liter in sämtlichen großen Supermarktketten Frankreichs und pro Woche werden bis zu vier Millionen Liter davon verkauft. Zum Wer-ist-der-Chef!?-Sortiment gehören neben der Milch auch Biobutter, Apfelsaft, Hackfleisch und Tiefkühlpizza. Etliche weitere Produkte stehen im Netz zur Abstimmung oder kurz vor der Markteinführung. Ein Teil der Gewinne wird reinvestiert. So gehen 15 Cent vom Verkaufspreis jeder Biobutter in einen Fonds, der Landwirte bei der Umstellung auf ökologische Landwirtschaft unterstützt. Martial Darbon ist Milchbauer aus dem Burgund und begeistert vom Konzept seines neuen Abnehmers: "Der Verbraucher wurde gefragt: Möchtest du billige Milch haben, um den Preis, dass die Kühe nur im Stall stehen, Genfutter fressen und Antibiotika bekommen? Die Antwort war eindeutig: Nein! Das ist eine echte Revolution! Da wird eine Beziehung aufgebaut zwischen den Verbrauchern und denen, die ihre Lebensmittel herstellen."

Ernährung wird zur Lokalpolitik

Einen weiteren Weg, die regionale Landwirtschaft zu unterstützen, haben die Ernährungsräte gefunden. In solchen Räten schließen sich Bürgerinnen und Bürger zusammen und organisieren zum Beispiel Bauernmärkte, versuchen an Schulen, das Thema gesunde Ernährung auf den Lehrplan zu bringen oder unterhalten landwirtschaftliche Flächen in Stadtnähe. Ziel ist es, ganz lokal Ernährungspolitik zu machen. "Wir wollen selbst mitbestimmen, wo und wie unsere Nahrung produziert wird. Deshalb arbeiten wir gemeinsam mit Bauern, Stadtgärtnern, Gastwirten, der Stadtverwaltung und vielen anderen an einer umweltfreundlichen Lebensmittelversorgung unserer Stadt", sagt Valentin Thurn, Filmemacher (Taste the Waste) und Gründer des Ernährungsrates in Köln. Das habe auch soziale Effekte, denn Menschen aus verschiedenen Schichten und Herkunftsländern würden sich engagieren. Mittlerweile gibt es im deutschsprachigen Raum in zwölf Städten und Kreisen Ernährungsräte, mindestens 20 weitere befinden sich in der Gründungsphase. Seit November 2017 haben sie sich im Netzwerk Ernährungsräte zusammengeschlossen.

Landwirtschaft per Crowdfunding

Wem das alles zu viel Zeitaufwand ist, für den gibt es Bürgeraktiengesellschaften und Investitionsgenossenschaften. Dort kann man Geld anlegen und gleichzeitig die ökologische Landwirtschaft unterstützen. Pionierarbeit hat hier die Freiburger Regionalwert AG geleistet. Seit ihrer Gründung vor zwölf Jahren kann man mit Aktien, die 500 Euro kosten, Landwirte, Bioläden oder Gastronomiebetriebe aus der Region fördern, die bestimmte ökologische und soziale Kriterien erfüllen. Inzwischen gibt es auch eine Regionalwert AG im Rheinland. Neue Ableger in Berlin und Brandenburg sind geplant. Ein ähnliches Modell mit Investitionsmöglichkeiten in Permakultur bietet die Genossenschaft Permagold in Dresden. Das Kapital der Genossenschaftsmitglieder (ab 50 Euro) fließt in den Aufbau einer landwirtschaftlichen Permakultur, bei der Nutzpflanzen in gesunden und vielschichtigen Ökosystemen angebaut werden sollen. Obst- und Nussbäume gedeihen dann neben Beerensträuchern, Gemüse, Kräutern und Getreide. Seit November 2017 wirbt die Genossenschaft über ihre Internetplattform Kapital ein. Bevor Land für die Permakultur erworben werden kann, sollen Shiitakepilze, die auf Bäumen wachsen, und Biomineralwasser erste Einnahmen generieren, so der Plan von Gründer Jens-Uwe Sauer, der hinter der Crowdfunding-Plattform Seedmatch steckt. Nach drei Jahren soll der Verkauf der Bioprodukte so laufen, dass die Kapitalanlage der Genossenschaftsmitglieder jährlich um drei Prozent plus Gewinnzuschlag wächst. 

Und dann gibt es noch Bauernmärkte und Hofläden, Initiativen gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln wie Tafeln und Foodsharing-Läden. Oder Projekte wie die Urbane Farm Dessau, wo auf den Grünflächen zwischen Plattenbauten Kartoffeln, Tomaten und Möhren wachsen. All diese Bewegungen, Verbraucher und Bauern gemeinsam, könnten so eines Tages eine Agrarwende von unten einleiten. Eine Wende, die der Umwelt und der Landschaft guttut – und nebenbei auch noch ganz gut schmeckt.