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Live-Dossier 25 Jahre Deutsche Einheit

Als die Deutschen Revolution machten

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"Hört uns endlich zu!" forderten die DDR-Bürger 1989 von ihrer Führung. Ihr Mut stürzte die Mauer – und ein Jahr später ihren Staat. Was wann geschah.

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17 Beiträge 7. Mai 1989 bis 3. Oktober 1990

Die Lage im Frühjahr 1989

  • Deutschland ist seit 41 Jahren geteilt. Die DDR sperrt ihre Bürger hinter Mauer und Stacheldraht ein, es regiert die Einheitspartei SED. Im Osten Sozialismus, im Westen soziale Marktwirtschaft. Wer in der DDR den Staat kritisiert, riskiert Verfolgung, wer fliehen will, sein Leben.

  • Seit Michail Gorbatschow, der Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU, den Sowjetstaaten mehr Eigenständigkeit zugestanden hat, gibt es auch in der DDR Hoffnung auf Reformen. Anders als Ungarn und Polen verweigert die DDR-Staatsführung jede Veränderung. Noch am 11. Januar 1989 erklärt SED-Chef Erich Honecker: "Die Mauer wird in fünfzig und auch in hundert Jahren noch bestehen bleiben."

  • Noch kann sich keiner vorstellen, dass die Mauer fallen könnte. Doch seit Beginn des Jahres gelingt immer mehr DDR-Bürgern die Flucht. Im Mai 1989 beginnt Ungarn, den Grenzschutz zu Österreich abzubauen. Im Juli besetzen Bürger in Ost-Berlin und Budapest die diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik, um eine Ausreise zu erzwingen – mit Erfolg.

07.05.89

Die gefälschte Wahl

Am 7. Mai finden Kommunalwahlen in der DDR statt. Zum ersten Mal in der Geschichte des sozialistischen Staates weisen Bürger der Regierung nach, dass die Ergebnisse gefälscht sind: Aktivisten zählen mit und finden deutlich mehr Nein-Stimmen, als die offiziellen Zahlen vermerken. Die Wahlfälschung löst Demonstrationen in Ost-Berlin aus, am 7. jedes Monats fordern Bürger nun öffentlich und laut freie Wahlen. mehr lesen

© dpa/Roland Holschneider
19.08.89

Paneuropäisches Picknick

Eigentlich sollte die Grenze nur symbolisch geöffnet werden, organisiert vom CSU-Abgeordneten Habsburg und dem ungarischen Staatsminister Poszgay. Aber dann stehen um 15 Uhr Hunderte Ostdeutsche am Übergang zwischen Österreich und Ungarn. Sie drücken das morsche Holztor auf, beobachtet von Journalisten, Kamerateams und den verblüfften bewaffneten Grenzsoldaten. Mehr als 600 Menschen fliehen. mehr lesen

© dpa
10.09.89

Seit Sommeranfang fahren viele DDR-Bürger nach Ungarn, in der Hoffnung, es über die Grenze zu schaffen. Am 10. September öffnet Ungarn nachts die Grenze. Bis zum 1. Oktober reisen 24.500 Menschen aus. Erstmals kommentiert SED-Chef Erich Honecker die Ereignisse: "Man sollte ihnen keine Träne nachweinen." Viele DDR-Bürger sind wütend: Trotz der vielen Flüchtlinge wettert die SED-Führung nur gegen den Westen, statt Reformen anzustoßen. mehr lesen

30.09.89

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise... " Weiter kommt BRD-Außenminister Hans-Dietrich Genscher nicht. Der Rest seiner Ankündigung geht im Jubel der 6.000 Menschen unter, die in die deutsche Botschaft in Prag geflüchtet sind. Am 4. Oktober reisen weitere 7.600 Flüchtlinge aus, verplombte Züge bringen sie in die BRD. Die SED reagiert: DDR-Bürger dürfen nicht mehr ohne Visum nach Prag reisen. mehr lesen

07.10.89

Stell dir vor, es ist Geburtstag, und keiner will hin

Der 40. Geburtstag der DDR soll ein Festtag werden, aber viele Bürger haben keine Lust. Bejubelt wird nur Michail Gorbatschow, der SED-Chef Honecker ermahnt: "Wenn wir zurückbleiben, bestraft uns das Leben sofort." Bürger demonstrieren oder versorgen Demonstranten mit Limonade, stellen eine Kerze ins Fenster. Die Stasi löst die Demos mit Gewalt auf, nimmt Regimekritiker fest, verhört sie und zwingt viele zum stundenlangen Stehen. mehr lesen

© dpa
09.10.89

70.000 Menschen demonstrieren – niemand greift ein

70.000 Menschen gehen nach einem Friedensgebet in der Leipiger Nikolaikirche auf die Straße – Polizei und Stasi lassen sie gewähren. Sie fordern freie Wahlen, Reformen und einen Führungswechsel. "Wir sind das Volk", rufen sie. Auch in Dresden ist der 9. Oktober ein Wendepunkt: Dresdens Oberbürgermeister Berghofer stimmt Gesprächen mit der Opposition zu. Die Menschen hoffen, dass nun endlich friedliche Reformen möglich sein werden. mehr lesen

18.10.89

Erich Honecker muss alle Ämter abgeben, die Demonstrationen der vergangenen Wochen zeigen Wirkung. 18 Jahre lang stand Honecker an der Spitze der DDR, SED-Politbüromitglied Egon Krenz wird am selben Tag sein Nachfolger. "Mit dem heutigen Tag werden wir eine Wende einleiten", kündigt Krenz am Abend im DDR-Staatsfernsehen an. Doch die Bürger trauen Krenz nicht und demonstrieren abends wieder. mehr lesen

04.11.89

Das Staatsvolk geht bei Rot über die Straße

Während der größten Demonstration in der Geschichte der DDR versammeln sich auf dem Ostberliner Alexanderplatz eine halbe Million Menschen. Sie fordern freie Wahlen, Presse- und Meinungsfreiheit und ein Ende der SED-Herrschaft. Mitglieder von Umwelt- und anderen Oppositionsgruppen sprechen, aber auch Staatsvertreter. mehr lesen

© dpa
09.11.89

"Nach meiner Kenntnis ist das sofort – unverzüglich."

Am Ende einer Pressekonferenz gibt Günter Schabowski vom SED-Politbüro eine neue Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt: Ausreisevisa werden ab sofort unverzüglich erteilt. Hunderte strömen zu den Grenzübergängen in Ost-Berlin, die überraschten Grenzsoldaten improvisieren: Gegen Mitternacht dürfen die Menschen passieren. Die Mauer ist auf. Tausende fahren noch nachts an die Grenze, spazieren in Berlin von Ost nach West oder verlassen die DDR. mehr lesen

© dpa
17.11.89

Eine neue Regierung soll es richten

Die Regierung der DDR tritt zurück und das Parlament wählt eine neue. Der frühere SED-Bezirkschef Hans Modrow wird am 17. November neuer Ministerpräsident und stellt seine Idee der "Regierung des Friedens und des Sozialismus" vor. Er kündigt Reformen an, die die DDR und ihr Verhältnis zur BRD betreffen, aber die Bürger bleiben misstrauisch und demonstrieren weiter. mehr lesen

© Patrick Hertzog/AFP
28.11.89

Überraschend für Bundestag und Regierung präsentiert Bundeskanzler Helmut Kohl ein Sofortprogramm für Bundesrepublik und DDR. Punkt eins betrifft Nothilfe an die DDR, Punkt ist die Wiedervereinigung. Die DDR-Blockparteien kritisieren Kohls Plan. Sie fürchten um die Eigenständigkeit der DDR. mehr lesen

03.12.89

Sowohl das Politbüro als auch das Zentralkomitee unter Egon Krenz, gerade einen guten Monat im Amt, treten geschlossen zurück. Sie übernehmen die Verantwortung für den politischen Bankrott der DDR. Zwei Tage vorher hatte die Volkskammer, das Parlament der DDR, den Führungsanspruch der SED aus der Verfassung gestrichen. Das größte Problem: Es fehlt allen Ost-Parteien an glaubwürdigem Nachwuchs. mehr lesen

01.02.90

Vor und seit dem Mauerfall sprachen viele DDR-Bürger darüber, den eigenen Staat zu reformieren und einen neuen Sozialismus zu schaffen. Doch jetzt ist klar: Die Einheit wird kommen. Die frühere SED-Elite sitzt in Haft, die Planwirtschaft zerbricht, immer mehr Menschen wandern gen Westen aus. Ministerpräsident Hans Modrow zieht die Wahl zur Volkskammer von Mai auf März vor und legt einen Vierpunkteplan vor. Das Ziel: Ein deutscher Einheitsstaat. mehr lesen

18.03.90

Eine freie Wahl für die Bürger der DDR

Die erste freie Wahl zur Volkskammer wird die letzte sein. CDU-Kandidat Lothar de Mazière holt, unterstützt von der West-CDU Kohls, mehr als 40 Prozent der Stimmen. Die CDU ist damit stärkste Kraft in der DDR, die Wahlbeteiligung liegt bei mehr als 93 Prozent. De Mazière will so schnell wie möglich eine Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der BRD schaffen.  mehr lesen

© dpa
01.07.90

Wechselstuben tauschen Ost-Mark gegen Deutsche Mark im Verhältnis 1:1, Gehälter werden umgestellt. Pro Bürger darf aber nur ein Sockelbetrag 1:1 getauscht werden, manche richten sogar für Babys Girokonten ein. Die DDR stellt auf das Versicherungssystem der Bundesrepublik um und führt die soziale Marktwirtschaft ein. Vom Sozialismus ist acht Monate nach der Grenzöffnung kaum etwas übrig. mehr lesen

23.08.90

Um 2:47 Uhr morgens beschließt die Volkskammer der DDR mit 294 zu 62 Stimmen den Anschluss an die Bundesrepublik zum 3. Oktober 1990. Die politische Einheit ist damit besiegelt – aber die wirtschaftlichen und sozialen Unterschiede beseitigt das nicht. Die Bürger der DDR haben ihre Freiheit erlangt, aber ihren Heimatstaat, so wie er war, verloren. mehr lesen

03.10.90

Deutschland ist wieder vereint

Vor kaum einem Jahr feierte DDR-Staatschef Erich Honecker sein Land und sich selbst, jetzt ist die Deutsche Demokratische Republik Geschichte. Um Mitternacht wird vor Hunderttausenden Ost- und Westbürgern die bundesdeutsche Flagge vor dem Reichstag gehisst. Nach 41 Jahren der Teilung ist Deutschland wieder vereint. mehr lesen

© Getty Images

Wo wir heute stehen

  • Vor 25 Jahren wurden aus DDR und BRD wieder ein Staat. Am 3. Oktober feiert Deutschland ein Vierteljahrhundert Wiedervereinigung.
  • Bis heute sind Folgen der Teilung spürbar. Ostdeutsche verdienen weniger und sind häufiger arbeitslos. Der Altersdurchschnitt in den nicht mehr ganz so neuen Bundesländern ist höher – aber die Ostdeutschen bekommen mehr Kinder als die Westdeutschen.
  • Was denken Deutsche über Heimat, Liebe und Geld 25 Jahre nach der Wiedervereinigung? In unserer Reportage, sprechen zwei Ehepaare – eins aus dem Osten, eins aus dem Westen – über die Nachwendezeit.
  • Und unser Kartenstapel "Einheit für Dummies" erklärt in 20 Karten, wie es zur Wende kam.