Aikido wurde ursprünglich Übungsform für einen meditativen Weg der Kriegskünste entwickelt. Heute ist es weder Kriegstechnik noch Kampfsport, sondern eine gewaltfreie Kampfkunst

Aikido macht Menschen der westlichen Zivilisation oft ratlos. Die japanische Kampkunst setzt eine andere Denkweise voraus als unsere Kultur, die unsere Auffassung vom Sinn des Lebens beeinflusst. Wettkämpfe finden nicht statt, denn es geht bei Aikido weder ausschließlich um Geschicklichkeit, noch um Fleiß, Kraft oder Ausdauer. Aikido nimmt auch im japanischen Kampfsport eine Sonderstellung ein. In den zwanziger Jahren als Übungsform für den inneren, geistigen Weg entwickelt, ist es weder Kriegstechnik noch Kampfsport, sondern eine gewaltfreie Kampfkunst. Zeit.de testet drei Übungsräume für Aikido in Berlin, Köln und Hamburg.

Undogmatisch: Berlin Kreuzberg

Berlin, Blücherstraße. Im zweiten Hinterhof einer Teppichfabrik befindet sich der Aufgang zum Aikido Zentrum am Südstern. Wie in allen japanischen Kampfkünsten heißt der Trainingsbereich beim Aikido Dojo . Das Wort kommt ursprünglich aus dem Buddhismus und bezeichnete einmal Orte, die in Klöstern der Meditation vorbehalten waren. Heute sind es die Hallen, in denen moderne Kriegskünste gelehrt werden: Judo, Aikido, Kendo, Karate. Stets ist ein Sensei, ein Meister, anwesend, um das technische Training zu leiten und in die Gedankenwelt der Kampfkünste zu unterweisen. Es ist noch eine Viertelstunde bis Trainingsbeginn, und im Dachgeschoss des alten Fabrikgebäudes steht Jean-Marie Milleville in dem mit Matten ausgelegten Raum und staubsaugt. Auf beiden Querseiten reichen Fenster bis unter den Giebel. Mit Panelen sind Umkleidekabinen von dem Mattenbereich abgetrennt. Auf einer Stange hängen ehemals weiße Kampfanzüge, vom Schweiß gelblich verfärbt.

Zwei Kinder haben sich auf der Matte aus Aikido-Schwertern ein Tor gebaut und spielen Fußball, direkt unter dem Bild des Aikido-Begründers Morihei Ueshibas. Eigentlich ein Sakrileg. Auf der Aikido-Kampffläche, dem Tatami, ist den Adepten der Kampfkunst Privatkonversation in der Regel verboten, noch weniger dürfen sie herumalbern. Selbst wenn kein Unterricht erteilt wird, herrscht in Dojos Schweigen. Die Schüler erweisen so ihrem Meister und dem Metier die geziemende Hochachtung.

„Salut! Tu parles francais?“ begrüßt uns Jean-Marie und besteht darauf, dass die Neuen sofort mit der Gruppe trainieren statt zuzuschauen. Ohne weitere Erklärungen weist Jean-Marie die Ankömmlinge in die Reihe der anderen Aikidokas ein. Das Imitieren der Aufwärmbewegungen ist nicht leicht. Die ersten Stunden Aikido sind ein schwieriger Einstieg: Anfänger spüren die eigene Unfähigkeit, den Körper zu beherrschen. Während die Fortgeschrittenen mit gekonnten Rückwärtsrollen über die Matten fliegen, verhaken sich ungeschickt die schwitzenden Arme der unerfahrenen Schüler. Hinfallen lassen, wieder aufstehen, hinfallen, wieder aufstehen, ohne Pause. Jean-Marie schaut immer wieder nach den Anfängern, gibt Ratschläge und erklärende Hilfestellungen. „Das Prinzip ist Kommunikation. Jemand tritt ein und kommuniziert, das heißt: er greift an. Du reagierst darauf. Aber ohne Gewalt“, erklärt er die Methode. Dabei darf Ausweichen nicht als Nachgeben missverstanden werden. „Stell dir vor, es ist Asphalt unter uns, und keine Matte. Du willst dich selbst schützen, nicht dem anderen weh tun.“ Nach einer Stunde dürfen wir uns mit Jean-Marie an den Rand der Kampffläche setzen und den fortgeschritteneren Aikidokas zuschauen, während Jean-Marie die eine oder andere Bewegung für uns kommentiert. Erst jetzt, nach einer Stunde anstrengenden Trainings, kehren die Gedanken wieder. Wir hatten uns für eine kurze Zeit vergessen.

Fazit: Das Dojo am Südstern ( www.aikido-dojo-berlin.de ) ist ein heller, freundlicher Ort mit einem fröhlichen Lehrer, der trotz aller Ernsthaftigkeit, mit der er Aikido betreibt, auch Humor zeigt. Anfänger, die auf lockere Atmosphäre Wert legen, sind hier gut aufgehoben.