ZEIT.de: Warum wollten Sie Reiki lernen? Ellen Süllentrop: Das erste Mal bin ich 1993 in Neuseeland mit Reiki in Berührung gekommen. Ich hatte mir vom Rucksacktragen einen Wirbel ausgerenkt und bin zum Arzt gegangen, der mir Massagen verschrieb. Da meine Muskeln so verkrampft waren, konnte man mich jedoch nicht massieren, sondern schickte mich zu einer Reiki-Frau. Sie machte leise Musik und fing an, meinen Rücken ganz sanft zu berühren, um überall Wärme und Energie einfließen zu lassen. Nach einer halben Stunde konnte sie mich dann massieren. Sie hat mich danach noch drei oder vier Mal behandelt und ich war wie neu!
Vertrauen spielt dabei eine große Rolle. Das erste Mal habe ich es als ein wenig befremdlich empfunden, mir von einer wildfremden Frau die Hände auflegen zu lassen, aber nach dem zweiten Mal war ich ganz begeistert und wollte sofort einen Reiki-Kurs machen.
ZEIT.de: In Verbindung mit der Lehre wird immer von Einweihung gesprochen. Süllentrop: Reiki ist unter anderem mit einer Symbolik verbunden, in die man eingeweiht wird. Jeder Glaube hat seine eigenen Symbole - zum Beispiel die Christen das Kreuz. Alle Symbole sind energetisch geladen. Mikao Usui, der Entwickler von Reiki, hat Symbole entwickelt, über die die vom Universum kommende Energie weitergeleitet wird.
Wenn man im ersten Grad eingeweiht wird, sitzt man nur da und schließt die Augen. Der Meister legt die Hände über den Kopf, betet und verbindet mich mit den Symbolen. Man weiß im ersten Grad aber noch nicht, wie die Symbole genau aussehen. Man erhält nur die Einweihung und dadurch öffnen sich die Energiekanäle. Das hört sich alles sehr abstrus an, aber man spürt, dass irgend etwas passiert. Als der Meister seine Hände auf meinen Kopf legte, fühlte es sich an, als ob mit extrem heißen Händen wellenartig über den gesamten Körper gefahren würde. ZEIT.de: Wie hat man sich diese Symbole vorzustellen? Süllentrop: Die Symbole sind geheim. Ich darf nicht beschreiben wie sie aussehen, man muss einen Reiki-Kurs machen, um sie kennen zu lernen. In manchen Büchern sind sie zwar beschrieben, aber das ist nicht der Sinn von Reiki. ZEIT.de: Was spüren Sie, wenn Sie Reiki-Behandlungen geben? Süllentrop: Da ich keine Ausbildung zum Heilpraktiker habe, darf ich im wörtlichen Sinne keine Behandlungen anbieten. Ich nenne das daher eine "Wohltat für Körper, Seele und Geist". Während meine Hände auf den Körperstellen ruhen, werden sie an den Stellen heiß, an denen der Körper besonders viel Energie benötigt. Außerdem gibt es eine weibliche und eine männliche Körperhälfte. Ich hatte zum Beispiel eine Bekannte mit Rückenschmerzen auf der rechten, männlichen Seite. Es stellte sich heraus, dass sie in ihrer Familie "den Mann stehen musste". Alles lastete auf ihr, und das fühlte ich.
Eine befreundete Reiki-Meisterin, die schon jahrelang praktiziert, kann sogar einzelne Organe fühlen, oder weiß, wie sich Krebs anfühlt - das macht die lange Erfahrung. ZEIT.de: Es heißt immer, bei Reiki gäbe es keine Nebenwirkungen. Man erinnere lediglich an die vergessenen Selbstheilungskräfte. Süllentrop: Um die eigene Energie zu bewahren, muss man sich schützen, indem man seine Chakren verschließt. Das macht jeder auf eine andere Weise. Chakren sind Energiezentren im Körper, durch die Energie aufgenommen oder abgegeben wird. ZEIT.de: Reiki kann man auch auf Nahrungsmittel und Pflanzen anwenden, heißt es. Machen Sie das auch? Süllentrop: Ja, ich mache es, um Nahrungsmittel zu energetisieren, das heißt aufzuwerten. Für jemanden, der das nicht kennt, mag sich das sehr abenteuerlich anhören. Aber auch der Segen oder ein Gebet vor dem Essen, hatte den Zweck die Nahrung aufzuwerten. Sie möge zum Beispiel besser bekömmlich sein. Bei Pflanzen habe ich Reiki noch nicht ausprobiert. ZEIT.de: Also muss man gar nicht unbedingt einen Reiki-Kurs machen, um Nahrungsmittel aufzuwerten? Süllentrop: Jeder übt die Rituale aus, mit denen er sich am besten identifizieren kann. ZEIT.de: Was hat sich in Ihrem Leben verändert? Süllentrop: Ich habe ein Bewusstsein dafür bekommen, dass es mehr gibt, als das was man mit den Augen sieht. Und dass jeder, der sich öffnet, Reiki anwenden und annehmen kann. ZEIT.de: Was entgegnen Sie Skeptikern? Süllentrop: Ich würde keinem Skeptiker empfehlen, ihn zu behandeln, um ihn zu überzeugen. Das ist der falsche Weg. Er wird sich dagegen sperren. Man sagt zwar, dass Reiki trotzdem fließe, aber ich denke, die Leute müssen dazu auch bereit sein. Die Fragen stellte Nicole MüllerEllen Süllentrop