Reportage Erinnerung ist so ein heiliges Wort
Wie macht man historische Orte lesbar? Eine Reportage über den Gedenkalltag im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald
Das Wetter hält sich an keine Gedenkroutine, und der Thüringer Herbst ist von strahlender Gleichgültigkeit. Wie an einem beliebigen Wandertag scheint die Sonne auf die Schulklassen. Goldener Oktober, blaue Luft, buntes Laub sind ein deutsches Klischee von Wald und das Gegenteil von Buchenwald, seit Bruno Apitz darüber geschrieben hat. Wer den Roman des ehemaligen Häftlings im DDR-Schulunterricht lesen musste, der erinnert sich noch Jahrzehnte später an diese durchdringende Kälte als beständigste Marter des Lagerlebens. Bei Apitz herrscht von der ersten Seite an Totensonntagswetter: Bäume, die vor Nässe triefen; SS-Mäntel, an denen Nebelregen klebt; dünne Drillichanzüge, durch die der Wind pfeift, während die Zehntausende auf dem Appellplatz am Nordwesthang des Ettersbergs ausharren. Nackt unter Wölfen erzählt die Rettung eines jüdischen Kindes durch den kommunistischen Lagerwiderstand, der von dem Kommunisten Apitz zwar heroisiert wurde, doch das war nach acht Jahren demütigender Haft nur menschlich. Umso nüchterner schilderte der Autor den ewigen November im KZ. Dass andere Überlebende ihn genauso erinnern, bezeugt ein deutsches Wort, das die Israelis in ihre Alltagssprache aufgenommen haben: »Buchenwaldwetter«.
Nun steht ein junger Historiker zwischen den ehemaligen SS-Kasernen und entschuldigt sich bei den Schülern für seine Sonnenbrille. Eine blöde Lichtempfindlichkeit, sagt Roland Cerny-Werner zur Klasse 11 des evangelischen Gymnasiums Erfurt. Tatsächlich lässt die Brille ihn nach Reiseleiter aussehen, und dieses Touristische wirkt ein bisschen beschämend an einem Ort wie diesem. Das sagt Werner natürlich nicht. Denn Scham wäre Einfühlung, und Einfühlung wäre Überwältigung, also fast schon verordneter Antifaschismus, den aber wollen die Erben der größten »Nationalen Mahnund Gedenkstätte der DDR« unbedingt überwinden. Bloß keine hohle Pietät! Bloß keine Andachtsbefehle! Höflich bittet Werner zu beachten, dass die Gedenkstätte auch ein Friedhof sei und Angehörige von Toten hierherkämen. »Überlegt mal, ob ihr wirklich ein Handyfoto von den Krematoriumsöfen braucht. Wir haben kein Fotoverbot, nur ein Rauchverbot. Entscheidet selbst.« Ein paar langhaarige Jungen kramen ihre Telefone hervor und schalten sie aus.
Zwei Stunden dauert die Führung übers Lagergelände. Doch schon am Eingang ist klar, dass es die berühmte Ge denk rou ti ne, die seit Martin Walsers »Moralkeule Auschwitz«-Rede routinemäßig beklagt wird, im deutschen Gedenkalltag nicht gibt, jedenfalls nicht an einem normalen Mittwoch in Buchenwald. Eben entlädt ein Linienbus aus dem nahen Weimar schnatternde Rentner. Über den Parkplatz toben französische Kinder, am Lageplan sucht ein älteres Ehepaar aus Israel nach Urnengräbern, und auf dem Bordstein vorm Infozentrum sitzen die unvermeidlichen Halbstarken in Lonsdale-Pullovern, der Freizeituniform der rechten Szene.
Werner hat die Krematoriumsfotos nicht zufällig erwähnt. Auf rechten Websites kursieren immer wieder neue Schnappschüsse von den Öfen und Kommentare im Stil von »Schade, dass es vorbei ist«. Zwar fand hier nie ein Brandanschlag statt wie 1992 im ehemaligen KZ Sachsenhausen, als Neonazis die Baracke mit der Ausstellung über jüdische Häftlinge zerstörten. Dafür stellen Thüringer Jungrechte sich gern in SS-Pose hinter die Genickschussanlage. Sie haben Grundrisse des Lagers kopiert, um es am Modell »zu optimieren«. Sie pinkeln als Mutprobe auf Gedenksteine.
Das Problem in der Aufarbeitungsprovinz sind jedoch nicht nur die Rechtsextremen, sondern auch die Erwartungen gutwilliger Geschichtstouristen. Manche sind enttäuscht, dass es hier keine Gaskammern gibt. Andere staunen, dass es eine komplizierte Infrastruktur der Vernichtung gab, 24 Konzentrationslager und weit über 1000 Außenlager. Offenbar wissen die Deutschen nicht ganz so genau über das »Dritte Reich« Bescheid, wie die Schlussstrichfraktion behauptet. Viele kennen aus dem Kino Schindlers Liste, aber nur wenige Shoah. Bruno Apitz ist längst keine Pflichtlektüre mehr.
Klasse 11 aus Erfurt kann mit dem Autor aber noch etwas anfangen. Die Gymnasiasten waren schon mehrfach in Buchenwald und benutzen Formulierungen wie »Mythos von der kommunistischen Selbstbefreiung«, das soll heißen, dass der linke Lagerwiderstand am 11. April 1945 nur deshalb die Kontrolle übernehmen konnte, weil die Amerikaner anrückten und die SS flüchtete. Jetzt begibt die Klasse sich hinein in die Unübersichtlichkeit der Geschichtspolitik: ins weite Areal aus historischen Gebäuden und neuen Gedenktafeln, verschwundenen Baracken und erhaltenen Stacheldrahtzäunen, aus Bäumen, Wiesen, Schotterflächen. Während die Jugendlichen sich um Werner scharen, zieht eine Gruppe Erwachsener vorbei. Ein einheimischer Herr sagt, die Weimarer Bäcker hätten damals das KZ mit Brot beliefert, aber hinterher wollte keiner der feinen Klassikstadtbewohner etwas gewusst haben. Eine auswärtige Dame fragt, ob alle Häftlinge Juden gewesen seien. Ja und nein, antwortet der Herr, sie waren halt die größte Opfergruppe, ein Fünftel von 240.000 Häftlingen. Etwa 60.000 Menschen wurden hier ermordet Politische, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Juden. 60.000 klingt wenig im Vergleich zu sechs Millionen.
Deshalb fragt Werner die Klasse: »Wenn Auschwitz ein Vernichtungslager war, war Buchenwald dann keins?« Ein Augenblick Stille im Schatten der ehemaligen Kommandantur. Ein Junge schlägt vor: »Doch, aber anders.« Ein Mädchen: »Vernichtung durch Arbeit. Durch Hunger, Kälte, Prügel.« Sie stehen vor den Hundezwingern des Lagerkommandanten Koch und sprechen über Willkür als System. Zum Beispiel konnten SS-Männer sich »Zusatzurlaub erschießen«, indem sie Fluchttote für die Statistik produzierten, dazu musste man nur die Mütze eines Gefangenen hinter die Postenkette werfen und ihm mit vorgehaltener Waffe befehlen, sie aufzusetzen.
Werner scheint solche brutalen Details ungern zu erzählen. Er hätte sicher auch die Schrumpfköpfe und die Lampenschirme aus Menschenhaut missbilligt, die zu DDR-Zeiten schockdramatische Hauptattraktion des KZs waren. Die neue Historikergeneration will Unrechtsbewusstsein statt Gefühlsausnahmezustand.
Wenn die Schüler sich in den schmalen Arrestbunker drängen, wo damals die Opfer auf ihre nächste Folter warteten, sollen sie sich nicht wohlig gruseln, sondern begreifen: Faschismus war ein Gesellschaftsverbrechen. Ausführlich diskutiert Werner mit ihnen über »Volksschädlinge« und die völkische Umdefinition des Jüdischseins in ein »Rassemerkmal«.
Der Holocaust selbst spielt bei den einfachen Gedenkstättenführungen keine Hauptrolle, aber kommt im Vorbeigehen immer wieder vor. Während die Schüler das Lagertor passieren, bemerkt einer, dass hier als Motto »Jedem das Seine« stehe, in Auschwitz hingegen »Arbeit macht frei«. Werner hat auch dazu eine Frage parat. Seine Führungen sind keine Monologe, sondern geführte Diskussionen, und die Erfurter flüstern, er sei »der beste Führer überhaupt«. Als ihr betreuender Lehrer gegen ein Uhr mahnt, sie müssten sich nun beeilen, um den Bus nach Hause zu erwischen, erhebt sich lautstarker Protest.
Wozu jetzt noch Physikunterricht? Es ist nicht die Schuld der Schüler, wenn die Geschichte abgespult werden muss wie beliebiger Schulstoff. Über den Appellplatz eilen sie ins Krematorium. Die weißen Fliesen der Pathologie, die sauberen Klinker der Öfen, die welken Blumen im Gedenkraum. Draußen die abschließende Bitte, möglichst nicht zu rennen zur Bushaltestelle. Fotografiert hat heute keiner. Wären sie länger geblieben, hätte Werner ihnen von der Erfurter Firma Topf & Söhne erzählen können, die von 1939 an Verbrennungsanlagen für Buchenwald, Dachau, Auschwitz lieferte. Die Ingenieure wendeten Verfahren aus der Müllverbrennung an, nebenbei montierten sie auch mal Lüftungsanlagen für Gaskammern. Man kann nicht behaupten, dass der Traditionsfirma unbekannt war, womit sie ihr Geld verdiente. Techniker der Endlösung heißt eine Buchenwalder Ausstellung, die gegen das entlastende Bild von Auschwitz als dämonische Anderswelt konzipiert wurde, aber auch gegen die Marginalisierung des Holocaust in der sozialistischen Erinnerungskultur.
Eine Ausnahme war jener Gedenkstein für die Juden, den man 1958 mitten ins Nichts des Barackenabrissgebiets setzte. Seine Inschrift lautet: »Von November 1938 bis Februar 1939 wurden hier etwa 10.000 Juden - Knaben, Männer, Greise - gefangengehalten. 600 von ihnen wurden in dieser Zeit bestialisch ermordet. Sie starben als Opfer nationalsozialistischen Rassenwahns.« Bestialisch ermordet. Die DDR-Formel klingt etwas abgenutzt, doch der amtierende westdeutsche Gedenkstättendirektor Volkhard Knigge kann bestätigen, dass sie zutrifft. 1938 seien erstmals Juden als Juden und nicht als politische Häftlinge hierhergekommen, nach der Pogromnacht habe es einen Gewaltfuror gegeben, der selbst den Kommunisten mit langer Lagererfahrung den Atem verschlug. »Da nahm sich die Schoah vorweg.« Knigge steht in der Nachmittagsstille und erzählt von der Katastrophe vor der Katastrophe, sein Blick geht weit ins hügelige Land. An dieser Stelle also mussten Tausende Juden antreten, noch in ihren eigenen Mänteln, aber schon kahl geschoren. Es gibt ein Foto aus jenen Novembertagen, da sieht man die Unglücklichen auf dem Appellplatz dicht an dicht. Sie wurden in notdürftig zusammengezimmerte Baracken gedrängt, misshandelt, ausgehungert. Wasser war chronisch knapp, und man versank im Dreck. 1938 hatte Buchenwald die höchste Häftlingssterblichkeit aller Lager.
Knigge sagt, dass die Opfer des Holocaust in der DDR nicht direkt erinnerungswürdig waren, weil sie sich anders als die ermordeten Kommunisten schwerlich zur Legitimation des neuen Staates eigneten. »Die jüdischen Toten brauchte man allenfalls als Rohstoff für Schreckenserzählungen.« Buchenwalds abgelegenen Siechenbereich, das Kleine Lager, wo gegen Kriegsende Tausende Deportierte aus dem Osten starben, ließ die DDR überwuchern. Erst in den letzten Jahren wurde das Dickicht gerodet und der Eskalationsweg vom Lagertor bis zur »Endlösung« nachvollziehbar. Wir gehen die wenigen hundert Meter bergab. Knigge erzählt von der heiklen Arbeit, historische Orte lesbar zu machen. Von dem Aschegrab, das der sozialistischen Forstwirtschaft als Abfallgrube diente. Vom Lagerbahnhof, der wieder freigelegt werden musste. Vom sowjetischen Internierungslager 1945 bis 1950, das vor der Wende tabuisiert war. Die frühe DDR habe aus dem KZ eine säkulare Märtyrerkapelle für Ernst Thälmann gemacht, einen Waldesdom und kommunistischen Altar der Nation. »Aber Augenblicksbetroffenheit nützt gar nichts, wir müssen historische Vorstellungskraft entwickeln.«
Das Jüdische Mahnmal von 1993 ist so ein Versuch. Zu ebener Erde erstreckt sich eine Senke voller Gesteinsbrocken, wie die Juden sie unter Prügeln aus dem Kalksteinbruch schlugen. Hinter den Steinen taucht als zartes Muster Schönbergs Partitur A Survivor from Warsaw auf. »Erinnerung ist heute so ein heiliges Wort«, sagt Knigge, »als hätte sie nie der Verstetigung von Revanche und Rache gedient.« Die Neonazis kämen auch hierher, um sich zu erinnern, schon deshalb dürfe die Ge denkstätte kein Horror-Disneyland sein. Schaulust dürfe sich nicht entfalten, auch wenn manche Besucher den Verzicht auf Schreckensrequisiten verharm losend finden. Sorgfältige Forschung sei der einzige Schutz gegen die Oberflächlichkeit des Gedenkens.
Wer mit dem Direktor über das Lagergelände wandert, bekommt eine leise Ahnung von den Widersprüchen dieses Trauerortes. So bewirkte der umstrittene linke Lagerwiderstand tatsächlich das Wunder, dass hier zwischen 1939 und 1945 Juden überlebten. Auch gebe es eine Habenseite des DDR-Antifaschismus: dass man Relikte aus den Lagern bewahrte und nicht vernichtete wie im Westen und dass man eine Infrastruktur des Gedenkens schuf mit Forschungsabteilung, Archiv, Pädagogen. Bei Knigges Amtsantritt 1994 hatte Buchenwald 70 Mitarbeiter, Dachau nur dreieinhalb. Während wir über den dunklen Appellplatz zurückgehen, sagt er: Was einem das Herz breche, sei die hartnäckige Aufklärungsresistenz mancher Zeitgenossen, aber was einen stütze, seien die Überlebenden. Leider müsse er fast jede Woche zu einer Beerdigung.
Wir fahren hinunter nach Weimar zu Hitlers Lieblingshotel Elephant. Sandsteinsockel, Giebelchen, Führerbalkon überm Markt. Hitler liebte es, wenn das Volk brüllte: »Führer, komm heraus aus deinem Elefantenhaus!« Der Schriftsteller Jorge Semprun, einer der prominentesten Buchenwaldhäftlinge, hat nach der Wende einmal dort gegessen. Semprun fand: Hitler sei tot, er selber lebe. Seither quartiert die Gedenkstätte im Elephant Zeitzeugen ein. Wie wird Erinnern ohne sie sein?
Anruf bei Rolf Kralovitz in Köln. Der 83-jährige Rundfunkautor gehört zu den letzten »Buchenwaldern«, die sich noch an die Novemberpogrome erinnern. »Eigentlich begannen die Schikanen vorher, dass einen andere Kinder verprügelten, weil man Jude war. Aber ich habe es der Mutter nicht erzählt.« Familie Kralovitz lebte damals in Leipzig, und merkwürdig war am Abend der Kristallnacht für den 13-jährigen Rolf nur, dass sein Vereinssportlehrer das Training ausfallen ließ. Am nächsten Morgen radelte der Junge arglos zur Schule, wo er hörte, dass die Große Synagoge angezündet worden sei. »Da fuhr ich in die Gottschedstraße, es brannte lichterloh, und die Ephraim-Synagoge auch. Alle jüdischen Schaufenster waren zerschlagen.« Als er zur Schule zurückkehrte, war der Eingang demoliert, und bei der Orthodoxen Gemeinde flog die Thora aus dem Fenster. »Ich empfand eine Mischung aus Angst und Abenteuer, es war wie im Film.« Kralovitz weiß noch, dass seine besorgte Mutter, als er heimkam, verkündete: Wir wandern aus! Doch es misslang. 1943/44 wurden Vater, Mutter, Schwester und er selbst in verschiedene KZs deportiert. Die anderen drei sollten nicht zurückkehren.
Wie Rolf Kralovitz Buchenwald überlebte, steht in dem Büchlein ZehnNullNeunzig, betitelt nach seiner Häftlingsnummer und so lakonisch erzählt, wie es nur die Davongekommenen wagen. Die Holzpantinen, die Blechschüsseln, die Unkrautsuppe, die Blaskapelle nach dem Morgenappell. Heute ist er Präsident der Leipziger Ephraim-Carlebach-Stiftung zur Vermittlung jüdischer Geschichte. Und Buchenwald? Nach der Wende war der mittlerweile erblindete Kralovitz vier Mal dort. »Am Lagertor ist noch dieselbe Akustik. Und weil ich nicht sehen kann, dass die Blocks abgerissen wurden, habe ich sie vor Augen. Auch jetzt am Telefon.« Wöchentlich telefoniert er mit dem Gedenkstättenhistoriker Harry Stein, zum Beispiel über das Totenbuch, das bald herauskommt. Auskunft geben ist Pflicht, aber bemitleidet wird er ungern. Seine Stimme bleibt fest, wenn er von den Ermordeten spricht. »Ich bin nicht verbittert, nur von Jahr zu Jahr, Tag zu Tag trauriger, weil mir der Verlust meiner Familie jetzt zu Bewusstsein kommt. Ich begreife es immer noch nicht, aber immer mehr.«
Wenn man mit dem Regionalzug von Weimar nach Nordhausen fährt, von der Ilm in den lieblichen Südharz, wo die Bahnhöfe Glückauf heißen, begreift man es auch schwer. Die Rotbuchen leuchten hier noch roter, und die volksliedhafte Szenerie drängt einem den Gedanken von der Unvorstellbarkeit des Holocaust auf. Doch in Mittelbau-Dora, wo das letzte KZ des »Dritten Reichs« errichtet wurde, kann man das Unvorstellbare betreten. Durch eine Stahltür in die »Hölle von Dora«: eine 30 Meter hohe Röhre aus Beton. Seit Mitte 1995 ist ein Stück jenes Stollens wieder geöffnet, wo Wernher von Brauns V2, später die nutzlose Wunderwaffe V1 montiert wurde. Während draußen der Krieg verloren wurde, mussten Häftlinge ein 22 Kilometer langes Tunnelsystem in den Berg treiben und unter Tage auch hausen. Zwölf Stunden schuften, zwölf Stunden zittern. Inmitten von Kot und Ungeziefer, durch den Lärm der Sprengungen zermartert, lagen die Lebenden zwischen Toten. Atmeten giftige Dämpfe und Verwesungsgestank. Tausende wurden hier im Winter 1943/44 zerschunden, ihre durchschnittliche Überlebensdauer betrug sechs Wochen. Heute braucht man nur eine halbe Stunde Stollenaufenthalt, einen flüchtigen Blick auf zerbrochene Kreiselkompasse, rostige Raketenteile und gespenstisch unter Wasser dämmernde Fabriktrümmer, um zu erahnen, wie grausam es wäre, hier eingeschlossen zu sein.
Neonazis sind natürlich auch schon durchmarschiert. »Aber die krassen Typen sind nicht das Schlimmste«, sagt der Zivildienstleistende Johannes Leib, der in Mittelbau-Dora Führungen macht. »Das Schlimmste sind auch nicht die Schüler, die im Krematorium versuchen, in die Öfen zu klettern, sondern die rechten Meinungen der Normalos. Die kommen mit antisemitischer Kapitalismuskritik, loben Hitlers Autobahnen, halten einem die Bombardierung Dresdens vor. Kinder machen Judenwitze, und wenn ich beim Erklären des Farbwinkelsystems den Davidstern erwähne, fangen sie an zu kichern.« Leib ist 22, er trägt eine schwarze Wollmütze zu schwarzer Kapuzenjacke und Baggy-Jeans. Er steht ein paar Hundert Meter oberhalb des Stollenzugangs, auf einer sanften Anhöhe vor dem hellen Museumsbau, einem Quader mit viel Fensterfläche. Souverän spricht er vor Besuchern, die dreimal so alt sind wie er. Er erklärt ihnen am Modell, dass Dora 40 Außenlager hatte und der Südharz im Grunde ein riesiges KZ war, durchsetzt von Inseln der Zivilgesellschaft. Dass hier im letzten Kriegswinter zahllose Sterbetransporte aus Auschwitz ankamen. Dass am Ende noch einmal Todesmärsche abgingen. Leib kommt aus Nordhausen, wo es einen NPD-Kreisverband und vielleicht 20 Autonome Nationalisten gibt, natürlich auch eine rechte Kneipe und NS-Blackmetal-Konzerte. Nahe dem Gedenkstätteneingang trafen sich eine Zeit lang Kameraden zum Biertrinken. Einmal wurde die Gedenkplatte für die Todesmärsche rausgerissen. »Als Jugendlicher gerät man hier entweder ins rechte oder linke Lager.« Er grinst entschuldigend bei dem Wort Lager. Leib war bei der Antifa, aber irgendwann fand er, dass Steineschmeißen nichts bringt.
Man könnte endlos durchs Land fahren und Argumente gegen die Selbstglorifizierung der Deutschen als Erinnerungsweltmeister sammeln. Schweigen ist unmöglich heißt ein Band mit einem Zwiegespräch zwischen den Buchenwaldern Elie Wiesel und Jorge Semprun, die sich vorstellen, wie es wäre, der letzte Überlebende zu sein. Wenn das unvermeidliche Kamerateam käme, beginge man Selbstmord oder versänke in Schweigen. Wiesel möchte nicht der letzte Überlebende sein, Semprun auch nicht. Beide übersehen: Zu den vorletzten Überlebenden zu gehören ist schon schwer genug.
Das Haus der Jüdischen Landesgemeinde Erfurt ist von einem hohen Zaun umgeben, hat ein leeres Klingelschild, eine Überwachungskamera, Infrarot und Panzerglasfenster. Normalität wäre, wenn der Gemeindevorsitzende Wolfgang Nossen in die Synagoge gehen könnte wie die Christen in die Kirche. Bis vor Kurzem war Nossen auch Vorsitzender von Mobit, Thüringens Mobiler Beratung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Normalität sind Hakenkreuzschmierereien und dass Kinder russlanddeutscher Gemeindemitglieder ihr Jüdischsein verschweigen.
Nossen ist jetzt 78, mit acht wurde er in Breslau zum ersten Mal von der Gestapo verprügelt, sein Vater kam 1938 nach Buchenwald, überlebte den Steinbruch, im Stollen von Dora kamen zwei seiner Onkel um. »Angst habe ich keine. Ich habe die alten Nazis überlebt, und werde auch die neuen überleben. Aber immer mehr bedaure ich, dass ich in Deutschland bin.« Weil der 9. November in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, kollidiert die Kranzniederlegung für die Pogromopfer mit den christlichen Zehn-Uhr-Gottesdiensten. Im Arbeitskreis Kirchen hat man Nossen gebeten, seine Gedenkveranstaltung zu verschieben. Er sagt: »Früher wurden wir Zeitzeugen noch als Redner in die Gedenkstätten eingeladen. Jetzt machen das Politiker.« Er war mal bei der Vorführung eines Buchenwald-Dokufilms, da stand eine alte Weimarerin auf, die im April 1945 von den Amerikanern auf den Ettersberg geholt worden war, um die Leichenberge zu besichtigen. Nun schrie sie ins Publikum, der Film sei eine glatte Lüge.
So geht die Routine des Leugnens. Wie geht Weiterleben? Thüringens Jüdische Gemeinde hätte nur noch ein Dutzend Mitglieder, wären nach der Wende nicht 800 Spätaussiedler hinzugekommen. Von den Alten sind bloß Nossen und die Erfurterin Hanne-Lore Cars übrig. Nossen fährt die zarte 83-jährige Dame oft nach dem Gottesdienst heim. Sie lebt in einer kleinen Wohnung am Stadtrand, zum Glück ohne Geldsorgen, weil sie in der DDR als Verfolgte des Naziregimes anerkannt war und eine solide Opferrente bezog. Dass das Schicksal der Juden offiziell keine Rolle spielte, darüber klagt Frau Cars nicht, wie sie auch sonst nicht klagt. Theresienstadt? »Na ja, wir haben es überstanden. Es war nicht ganz angenehm.« Nachkriegszeit? »Mein Vater wollte beweisen, dass man uns nicht ausgerottet hat, deshalb gründete er die Thüringer Gemeinde.« Heute? »Neulich ist dem Steinmetz bei einer hebräischen Grabinschrift ein Fehler unterlaufen, aber Gott sei Dank merkt das keiner.« Zu solchen Sätzen kredenzt sie lächelnd Tee und Käsebrot. Nur nebenbei erwähnt sie, dass sie niemanden mehr hat, mit dem sie reden kann.
Dieses Schweigen trotz all der Bücher, trotz der Fernsehinterviews, trotz der Shoa Foundation kann man besichtigen. Noch einmal Ettersberg, jetzt Südhang. Eine breite Treppe führt bergab in die steinerne Stille, über der ein großer Himmel sich wölbt. Sehr weit weg summt die Autobahn. Kein Mensch außer einem selbst würdigt das Nationaldenkmal der DDR, das um drei tiefe Massengrabtrichter herum angelegt wurde. Wenn man es langsam abschreitet, braucht man eine Stunde. Sieben wuchtige Reliefstelen erzählen die Geschichte des KZs. Die Gräber sind von antikischen Rundmauern gerahmt. Entlang einer Straße der Nationen wachen 18 Pylonen mit Flammenschalen, die nicht mehr benutzt werden. Es muss hart sein für die alten Buchenwalder, am Befreiungstag so weit zu laufen. Jetzt überholt uns doch ein Mountainbiker. Dann steigen wir endlose Stufen hinauf bis zu Fritz Cremers bronzener Figurengruppe: die Erniedrigten in Auferstehungspose, die Geretteten zukunftszugewandt, vorwärts zum Sozialismus! Der Glockenturm gongt fünf Uhr nachmittags. In die Tür graviert die heroischen Worte: »Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.« Warum nicht, wenn das mit der Freiheit ernst gemeint gewesen wäre?
Weil, so würde der heutige Gedenkstättendirektor sagen, wir es hier mit antifaschistischer Katharsis zu tun haben, bei der der Neue Mensch rauskommen soll. Weil Katastrophe in Triumph umgedeutet wird. Doch liegt das nicht auch in der Psychologie der Überlebenden? Wer sieht sich schon gern als Opfer? Diese Völkerschlachtdenkmalästhetik drückt letztlich auch Hilflosigkeit aus. Wie groß muss man bauen, um der Wahrheit des KZs ein sichtbares Zeichen entgegenzusetzen? Ungeheuer groß. Wenn man sich am Glockenturm noch einmal umdreht und auf das verlassene Mahnmal hinabblickt, wirkt es durchaus traurig. Heroisch unheroisch. Unter Bäumen, auf flachen Urnengräbern wurden neue Metalltafeln mit den Namen von Opfern angebracht. Zwischen A wie Jozsef Abelesz (9. 9. 1897 bis 4. 1. 1944, Ungar) und Z wie Benjamin Zylberberg (10. 11. 1903 bis 28. 2. 1942, Pole) sind wohl die Hälfte der Namen mit einem Davidstern versehen.
Und jetzt? Gedenkauftrag erfüllt? Was könnte noch kommen? Der letzte Bus natürlich, darin sitzen ein paar junge Gedenkstättenhistoriker und fahren in den Feierabend. Weil in Weimar Zwiebelmarkt ist, das Oktoberfest Ostdeutschlands, wollen sie noch eine Bratwurst essen. Werner ist auch dabei. Sein Kollege Roland Hirte erzählt, dass ihm vorm Goethe-Schiller-Denkmal während einer Führung zwei ausländische Schüler zusammengeschlagen wurden. Heute tummeln sich auf dem Theaterplatz massenhaft Feindflug-Tattoos und Reichsarbeitsfront-Kappen. Was tun gegen Neonazis? Darüber entbrennt in einer Kneipe heftiger Historikerstreit. Werner: Ich ignoriere Lonsdale-Pullover bei meinen Führungen. Bloß keine Extraaufmerksamkeit, deswegen laufen die ja so rum. Hirte: Ich spreche die an. Werner: Dann platzt meine ganze Veranstaltung. Hirte: Du kannst doch nicht einfach wegschauen. Ich will wissen, wen ich vor mir habe und ob die Klasse zustimmt. Werner (gereizt): Es geht doch nicht um unsere Bedürfnisse. Die Mehrheit der Klasse soll was lernen. Hirte (zornig): Du hast aber die Pflicht, das anzusprechen. Die müssen den Pullover rumdrehen oder werden rausgeschmissen. Werner (laut): Was bringt das? Soll ich demnächst NPD-Wähler rausschmeißen, obwohl die Partei legal ist? Dann müsst ihr mich auch rausschmeißen!
Von wegen Gedenkroutine. Gedenken mit Routine wäre Geschichte ohne Gegenwart. Dazu müsste man sich schon blind und taub stellen. Die Buchenwaldhistoriker vereinbaren noch in der Kneipe eine Weiterbildung. Streit ist ihre Waffe gegen die Weinerlichkeit. Schade, dass die letzten Überlebenden nicht dabei sind. Die zornige Anteilnahme der Jungen wäre ihnen vielleicht ein Trost.
Der Historiker Volkhard Knigge, 1954 in Bielefeld geboren, leitet seit 1994 die Gedenkstätte Buchenwald. Zuletzt veröffentlichte er den Aufsatzband »Mitten im deutschen Volke« über Buchenwald, Weimar und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft (Wallstein-Verlag, 2008)
Evelyn Finger Jahrgang 1971, ist Redakteurin im Feuilleton der ZEIT
Zum Weiterlesen
Jorge Semprun und Elie Wiesel: »Schweigen ist unmöglich«
(Edition Suhrkamp 1997)
Rolf Kralovitz: »ZehnNullNeunzig in Buchenwald. Ein jüdischer Häftling erzählt«
(Walter Meckauer Kreis 1996)
Volkhard Knigge (Hrsg.): »Versteinertes Gedenken. Das Buchenwalder Mahnmal von 1958«
(Edition Schwarz Weiß 1997)
- Datum 05.06.2009 - 16:46 Uhr
- Quelle ZEIT Geschichte 04/2008
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