ZEIT Geschichte 01/09 Der Diktator und der Patriarch

Walter Ulbricht verkörperte den SED-Staat, Konrad Adenauer die frühe Bundesrepublik. In vieler Hinsicht waren die beiden Männer so gegensätzlich wie die politischen Systeme, denen sie dienten – doch sie hatten auch manches gemeinsam

Die Staatschefs der ersten Stunde: Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED und späterer Staatsratsvorsitzender der DDR (l.) und Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der BRD (r.)

Die Staatschefs der ersten Stunde: Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED und späterer Staatsratsvorsitzender der DDR (l.) und Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der BRD (r.)

Ihre Namen verbinden sich wie keine anderen mit den ersten Jahrzehnten der zwei deutschen Nachkriegsstaaten. Und zumindest innerhalb Deutschlands wurden sie zu Symbolen des Kalten Krieges: Konrad Adenauer und Walter Ulbricht sprachen voneinander, als sei mit dem jeweils anderen der Antichrist über die Welt gekommen. Sie schürten die ost-westlichen Feindbilder mit lodernder Zunge und prophetischen Flüchen. Wenn hüben oder drüben auch nur der Ansatz eines Kompromisses aufkam, beschworen sie den Untergang: Der eine sprach dann vom bedrohten christlichen Abendland, der andere sah den Arbeiter-und-Bauern-Staat in Gefahr. Persönlich getroffen haben sie sich nie. Was sie verband, war ihr unbedingter Wille zur Macht.

Als ihre Zeit vorüber war, atmeten die Bürger in beiden Staaten hörbar auf – sie hatten ihre politischen Zuchtmeister herzlich satt. Und wenig später nur wurde das Pflänzchen Entspannung sichtbar. Das hatte natürlich viel mit der Weltpolitik zu tun, aber ohne die beiden Hüter der Teilung gab es für die Entspannung immerhin eine Chance.

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Wer waren diese beiden Männer?

Beide – der 1876 geborene Jurist aus Köln und der 17 Jahre jüngere Tischler aus Leipzig – erleben ihre politischen Lehrjahre im Kaiserreich: Konrad Adenauer als korrekter, die Welt akzeptierender Kommunalbeamter, Walter Ulbricht als rebellierender, die politische Ordnung verdammender wandernder Geselle und sozialistischer Jungfunktionär. Adenauer ist tief verwurzelt im rheinischen Katholizismus, Ulbricht kommt aus dem kleinbürgerlichen sächsischen Arbeitermilieu.

Die Politik wird beiden schon in frühen Lebensjahren zum Schicksal: Den 33-jährigen Walter Ulbricht wählen die Sachsen 1926 in ihren Landtag, mit 36 ist er Chef der Berliner Kommunisten. Konrad Adenauer wird mit 30 Jahren Beigeordneter der Stadt Köln und ist mit 41 Oberbürgermeister seiner Heimatstadt. Zeitlebens bleibt er ein Vernunftdemokrat und weiß die Mechanismen der Demokratie machtpolitisch häufig sehr eigenwillig zu interpretieren. Ulbricht hingegen hat mit der Demokratie nie etwas im Sinn, und seine Predigten über die Herrschaft des Volkes oder seiner Elite, des Proletariats, gehen über Lippenbekenntnisse nie hinaus. Sein nach der Ankunft in Ost-Berlin 1945 formuliertes Credo lässt da nichts im Unklaren: »Es muß demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.« Der eine ist ein Kanzler, der die ihm gegebene Richtlinienkompetenz weidlich zu nutzen weiß, der andere ein kaltblütiger Diktator.

Autoritär sind beide Staatsführer – mit einem entscheidenden Unterschied: Wer dem rheinischen Patriarchen im Weg ist, den erwartet ein braves Abgeordnetendasein oder eine ordentliche Beamtenpension. Ulbrichts Machtkämpfe in der KPD der dreißiger Jahre, seine Intrigen im Moskauer Exil und seine Herrschaft in den DDR-Jahren dagegen fordern Menschenleben. Wer sich gegen ihn stellt, läuft Gefahr, vor einem Erschießungskommando zu enden, in einem sowjetischen Gulag oder, zu DDR-Zeiten, im Gefängnis von Bautzen. 1931 ist Ulbricht an der Ermordung der beiden Berliner Polizeibeamten Paul Anlauf und Franz Lenck indirekt beteiligt. Erich Mielke – später Minister für Staatssicherheit in der DDR – ist damals einer der Todesschützen. Ulbricht als Berliner KP-Chef weiß von der geplanten Aktion gegen die verhassten Polizeibeamten und billigt sie. Die Schauprozesse Stalins Ende der dreißiger Jahre, die zur Ermordung nahezu der gesamten bolschewistischen Führungselite führen, befürwortet Ulbricht in zahlreichen Aufsätzen und Reden aus dieser Zeit: »Der Prozeß lehrt alle anständigen Menschen: Man kann nicht den Faschismus besiegen ohne Zertrümmerung des Trotzkismus.«

Opportunismus ist auch Adenauer nicht fern. Aber im Gegensatz zu Ulbricht spricht man beim ihm vielleicht besser von geschmeidiger Anpassung. Besonders deutlich zeigt sich diese Eigenschaft Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre: Adenauer erkennt damals in aller Klarheit, dass es sinnlos ist, sich gegen die Amerikaner und Engländer zu stellen – dass sich mit ihnen aber die eigenen Visionen mittelfristig durchsetzen lassen. Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher wütet unterdessen mit harten verbalen Ausfällen gegen die westlichen Besatzungsmächte und nennt Adenauer in seinem ohnmächtigen Zorn den »Kanzler der Alliierten«.

Ulbricht dagegen ist ein lupenreiner Karrierist. Er tut alles, um sein Fortkommen zu sichern: Früher als die meisten seiner Genossen im Politbüro oder in der Führungsetage der Kommunistischen Internationale weiß er, welcher Schwenk in Moskau die bisherige Strategie ablöst, und er wird stets zum frühen Propagandisten der neuen Linie. So begrüßt er den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 mit den Worten: »Wer gegen die Freundschaft des deutschen und des Sowjetvolkes intrigiert, ist ein Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt.«

Adenauer ist ein konservativer Katholik mit rheinischer Abmilderung. Er lässt zwar zu, dass Rudolf Augstein 1962 während der Spiegel-A ffäre in Untersuchungshaft kommt, und billigt in seinen Wahlkampfreden, dass westdeutsche Kommunisten zu Gefängnisstrafen verurteilt werden. Aber er weiß letztlich doch die Grenzen des Rechtsstaates zu achten – auch wenn es dazu gelegentlich energischer Nachhilfe durch die höchsten Gerichte im Land bedarf. Ulbricht hingegen ist ein Stalinist, der zahlreiche Parteigenossen dem Henker ausliefert und als mächtigster Mann in der DDR Tausende durch Schnellurteile in das Zuchthaus von Waldheim transportieren lässt. Als Stalin, einer der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts, 1953 stirbt, sagt Walter Ulbricht: »Der größte Mensch in unserer Epoche ist dahingeschieden. Sein Werk jedoch lebt und wird der Menschheit noch in Jahrhunderten wegweisend sein.«

In den Weimarer Jahren zählen weder Adenauer noch Ulbricht zur ersten politischen Garnitur. Aber sie mischen beide schon damals in wichtigen Positionen energisch mit. Adenauer – bis 1933 Oberbürgermeister in Köln – wird 1921 zum Präsidenten des Preußischen Staatsrats gewählt und behält dieses Amt, bis Hitler an die Macht kommt. In den zwanziger Jahren wird er sogar als Reichskanzlerkandidat gehandelt. In den 14 Jahren der Weimarer Republik ist er ein durchaus einflussreicher Politiker; auch in Berlin besitzt seine Stimme Gewicht.

Ulbricht wird 1919 Mitglied der KPD. Mehrfach wird er wegen aufrührerischer Reden strafrechtlich verfolgt, 1923 wegen der Unterstützung des sächsischen Kommunistenaufstandes. Nur die Immunität als Abgeordneter des Sächsischen Landtags und später des Reichstags rettet ihn vor einem längeren Gefängnisaufenthalt. In den letzten Jahren der Republik wird er als Berliner KP-Vorsitzender zum Organisator der Straßen- und Saalschlachten, die sich die Kommunisten mit den SA-Schlägertrupps liefern. Nach einer dieser blutigen Keilereien heißt es in der Roten Fahne: »Ulbricht schlägt sie zusammen – Goebbels türmt unter Polizeischutz«. Joseph Goebbels ist damals Anführer der Berliner Nationalsozialisten. Den Hauptfeind allerdings sieht Ulbricht in der SPD. »Mit Volldampf gegen den Sozialfaschismus« heißt noch im Dezember 1932 die Losung der Berliner KP-Bezirksleitung.

Als Hitler 1933 Reichskanzler wird, muss Adenauer seine Ämter abgeben. Er baut sich im rechtsrheinischen Rhöndorf am Rand des Siebengebirges ein Haus und züchtet Rosen. Widerstand lehnt er ab. Ulbricht lebt bis Herbst 1933 im Berliner Untergrund, wechselt täglich die Wohnung, verbreitet Flugblätter – und kämpft nach der Verhaftung von Ernst Thälmann um den Parteivorsitz. Es folgen die Jahre des Exils: Paris, Prag und Moskau. »Er war ein Mann«, schreibt sein damaliger Genosse Herbert Wehner später, »der keine Angst hatte – auch persönlich –, der nicht nur andere in gefährliche Situationen schickte, sondern auch selbst riskante Aufgaben übernahm.« Dunkle Jahre werden es in Moskau. Stalin säubert erbarmungslos, lässt zahllose Emigranten in Lager schicken oder erschießen. Wer überleben will, muss verraten. Ulbricht überlebt.

Am 15. September 1949 wählen die Abgeordneten des ersten Deutschen Bundestages Konrad Adenauer zum Bundeskanzler. Er ist damals 73 Jahre alt. Ein Übergangskanzler, denken die meisten. Und er selbst hat nichts dagegen, unterschätzt zu werden.

Das hat ihm schon in den Besatzungsjahren geholfen. Mit seinem so harmlos klingenden rheinischen Zungenschlag hat er es verstanden, die innerparteilichen Konkurrenten einzuschläfern – und zu handeln: Er wurde Vorsitzender der Zonen-CDU und Präsident des Parlamentarischen Rates. Und er holte sich den parteilosen Ludwig Erhard an die Seite.

In den folgenden Jahren hält er zäh und instinktsicher an der Macht fest – bis er den Überblick verliert und am Ende mehr gegangen wird, als dass er geht. Bis dahin: Währungsreform und Wirtschaftswunder, Wiederbewaffnung und Nato-Mitgliedschaft, Westbindung und europäische Einigung. Und große Wahlsiege. So wird er zur Legende.

Walter Ulbricht gehört zu der kleinen Gruppe von KPD-Funktionären, die Stalin im Frühjahr 1945 nach Berlin schickt. Sie soll die Deutschen für den Bolschewismus gewinnen. Doch mit ihrer Politik erreicht sie das genaue Gegenteil – mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD, mit der Bildung einer Einheitsgewerkschaft (FDGB), der Auflösung der Länder, der Bodenreform, den Enteignungskampagnen, dem sowjetischen Reparationsraub. Noch bevor sich die DDR am 7. Oktober 1949 gründet, laufen die Menschen schon weg. Ulbricht ist der mächtigste Mann in der Sowjetischen Besatzungszone und dann in der DDR. Er wird zum getreuen Erfüllungsgehilfen der Moskauer Politik. Frei in ihren Beschlüssen ist die DDR in den 40 Jahren ihres Bestehens nie gewesen. Die Grundsatzentscheidungen fallen stets im Kreml.

Ulbricht – von 1950 an Generalsekretär der SED und von 1960 an Staatsratsvorsitzender – übersteht alle Kurswechsel. Als Stalin stirbt, propagiert dessen langjähriger Geheimdienstchef Berija einen neuen Kurs in der Deutschlandpolitik.

Am 17. Juni 1953 proben dann die Berliner Bauarbeiter den Aufstand; im ganzen Land kommt es zu Protesten. Ulbricht hat die Zeichen der Zeit verkannt, sein Sturz scheint unabwendbar; doch dann rücken sowjetische Panzer gegen die protestierenden DDR-Bürger vor, in Moskau verliert Berija den Machtkampf und wird erschossen. Ulbricht überlebt.

In den nächsten Jahren setzt sich die Massenflucht von DDR-Bürgern in den Westen fort. Ulbricht mauert das Land ein. Machtbesessen, misstrauisch und mit sturer Unbelehrbarkeit herrscht der Statthalter Moskaus in Ost-Berlin. Wer opponiert, wird verhaftet und ins Zuchthaus gesteckt. Innerparteiliche Machtkämpfe entscheidet Ulbricht für sich. Seine Gegner verlieren Amt und Würden, nicht selten auch ihre Freiheit. Der Tischler aus Leipzig, der einst aufbrach, die Welt zu verbessern, wird zum unbeliebtesten Politiker seines wankenden Staates.

Am Ende sindsie beide nicht souverän. Adenauer greift wieder einmal in die politische Trickkiste, um den Abgang hinauszuschieben. 1959 spekuliert er auf peinliche Weise auf das Amt des Bundespräsidenten. Doch es hilft nichts, am 15. Oktober 1963 ist seine Zeit abgelaufen. Verbittert, düster in die Zukunft blickend und seinen Nachfolger Ludwig Erhard verhöhnend, lebt er im Rhöndorfer Haus. Er reist, hält Reden und nennt Spaniens faschistischen General Francisco Franco einen ehrenwerten Mann. Seine Erinnerungen schreibt er in missmutiger Laune. Ein Schriftsteller ist er nicht.

Am 19. April 1967 stirbt Konrad Adenauer. Die Großen der Welt sitzen im Kölner Dom und ehren einen Staatsmann, der den Westdeutschen Glück gebracht hat.

Ulbricht muss gestürzt werden, damit er loslässt: Als er angesichts des wirtschaftlichen Desasters der DDR für einen neuen, kompromissbereiteren Kurs gegenüber der Bundesrepublik eintritt, sehen seine innerparteilichen Gegner – an der Spitze sein Zögling Erich Honecker – ihre Stunde gekommen. Sie intrigieren in Moskau, und Breschnew stimmt dem Sturz Ulbrichts zu. Der besserwisserische deutsche Genosse – »Ich habe Lenin noch persönlich gekannt« – ist ihm schon lange auf die Nerven gefallen.

Am 3. Mai 1971 erklärt Ulbricht »aus gesundheitlichen Gründen« seinen Rücktritt von allen Ämtern. Er stirbt am 1. August 1973. Er hat viel Unglück über die Ostdeutschen gebracht.

 
Leser-Kommentare
  1. Die Witze, Insonderheit politische, spielten in der DDR eine besondere Rolle - ganz anders als jetzt in der Bundesrepublik.
    Einer davon war, als wieder mal Wahlen anstanden: "und ist der Weg auch noch so hulpricht, wir wählen wieder Walter Ulbricht". Mit dieser bitteren Selbstironie half sich die Bevölkerung über manches Ungemach hinweg. Das konnte man frei aussprechen. Möglich, daß die Parteiinquisitoren dieses Ventil ganz bewußt offen ließen.

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