Familiengeschichte (3) Eine deutsche Familie - Teil 3

Im Nachkriegs-Berlin genoss Hanns-Peter Herz die neue Freiheit im amerikanischen Sektor – und machte Radio für die ostdeutsche Jugend

Teil 3: 1949

Nach dem Krieg lebten wir in Britz, also im amerikanischen Sektor von Berlin. Darüber waren meine Familie und ich sehr froh, weil wir die Amerikaner in gewisser Weise als Lebensretter empfunden haben. Noch im Sommer 1948, also kurz vor Beginn der Luftbrücke, befürchteten wir, dass die Amis vor den russischen Wünschen kapitulieren würden und sich zurückziehen könnten aus der Stadt. Diese Angst aber haben sie durch die Luftbrücke handfest widerlegt. Da haben wir tief durchgeatmet. Uns war die Furcht genommen und der Glaube an die Zukunft Deutschlands zurückgegeben worden. Auch den Pom-Kartoffelbrei haben wir immer wieder gern gegessen, eine damals legendäre Pulvermischung. Die fiel vom Himmel und machte satt.

Ursprünglich hatte ich jedoch eine gewisse Abneigung gegen die Amerikaner. Mein Vater, Hans Herz, war Jude, und darum hatten meine Eltern versucht, während der Nazi-Zeit in die USA auszuwandern. Sie haben sich beworben und mussten erfahren, dass die Vereinigten Staaten vor allen Dingen Leute aufnahmen, die viel Geld hatten. Also musste unsere Familie in Deutschland bleiben. Nach meinem Empfinden haben die Amerikaner nicht genug getan, um den Holocaust zu verhindern. Und sie haben keine massenhafte Einwanderung zugelassen.

Anzeige

Nach der Luftbrücke wurde das Leben in Berlin wieder normaler. Wir erlebten die Amerikaner als sehr aufgeschlossen und haben das Leben in der Freiheit genossen: endlich frei reden! Endlich wieder politisch aktiv sein. Ein US-Soldat hat uns eine Zeit lang regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt, nachdem er erfahren hatte, dass mein Vater unterernährt und dadurch sehr geschwächt war. So konnte er wieder zu Kräften kommen und in seinem Beruf als Journalist arbeiten. Wie er wurde auch ich beim Rias (Rundfunk im amerikanischen Sektor) angestellt und habe 400 Mark verdient; darauf war ich sehr stolz. Ich kam zum Rias-Jugendfunk und habe die Ostsendungen aufgebaut, also Radio für die Jugend im Osten Deutschlands gemacht. Die FDJ hat mich interessiert, und so habe ich dann das lange Zeit einzige Buch über die Jugendorganisation der DDR geschrieben. Als Rias-Mann war ich allerdings im sowjetischen Sektor und später auch in der DDR als Kriegshetzer verfemt.

Ende Mai 1949 durfte ich auf Einladung des USAußenministeriums für drei Monate in die USA reisen, damit ich die Staaten kennenlernen und die Freiheit studieren konnte. Auf einem Jugendforum der Vereinten Nationen berichtete ich über sich entwickelnde demokratische Jugendverbände in Deutschland. Auf die Frage, wie viele Demokraten es in Deutschland gebe, antwortete ich: 96Prozent Demokraten, vier Prozent Kommunisten. Ich hatte schnell gelernt, zu sagen, was die Amerikaner gern hören wollten.

Mein Vater war der erste Chefredakteur des Rias, er war mein strengster Kritiker. Ich habe ihm sämtliche Manuskripte vorlegen müssen; er hat mir einiges abverlangt, und ich habe bei ihm sehr viel gelernt. Im September 1949 berichtete mein Vater für den Rias aus dem ersten Bundestag in Bonn. Schon vor der doppelten Staatsgründung hatten wir das Gefühl, dass zwei deutsche Staaten entstehen würden. Aber es war mit der Hoffnung verknüpft, dass sie sich bald vereinigen würden und es zu einer deutschen Republik kommen könnte. Die Enttäuschung unserer Hoffnung war groß, als wir sahen, wie die SED immer stärker in das persönliche Leben des Einzelnen eingriff.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service