Fritz Stern im Gespräch – Teil 3 Was wäre gewesen, wenn?

Der Historiker Fritz Stern über seine ersten Besuche in der Bundesrepublik, die Hoffnung auf ein wiedervereintes Deutschland und den Volksaufstand in der DDR vom 17. Juni 1953

Herr Stern, wann sind Sie nach Ihrer Emigration 1938 zum ersten Mal wieder nach Deutschland gekommen?

Das war 1950. Ich verbrachte damals einige Zeit in München. Bekannte von mir und Freunde meiner Eltern lebten dort, in Dachau. Ich arbeitete an meiner Promotion, die in Deutschland später unter dem Titel Kulturpessimismus als politische Gefahr erschienen ist, ein Buch über die antiwestlichen Denkströmungen in der deutschen Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Mit welchen Erwartungen und Gefühlen haben Sie Ihrem Deutschlandbesuch entgegengeblickt?

Mit sehr gemischten: Ich spürte einen starken Widerwillen in mir, ein Unbehagen, ja tiefstes Misstrauen. Auf der anderen Seite war ich sehr neugierig.

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Was waren Ihre ersten Eindrücke?

Dass die Stadt noch sehr zerstört war – und dann fielen mir die antiamerikanischen Gefühle auf, die viele Deutsche hegten. Die meisten, so schien es mir, machten die Alliierten für ihre schwierige Lebenslage nach dem Krieg verantwortlich. In Konrad Adenauer hatte ich allerdings schon damals ein gewisses Vertrauen. 1954 kam ich dann zum zweiten Mal nach Deutschland, und da begann ich mehr und mehr Hoffnung zu schöpfen – vor allem aufgrund der Gedenkfeier für die Männer des 20. Juli zum zehnten Jahrestag des Attentats auf Hitler. Die Feierlichkeiten im Bendlerblock haben mich sehr bewegt. Das war das erste öffentliche Bekenntnis zu den lange Zeit diffamierten Widerstandskämpfern.

Wie nahmen Sie die DDR wahr?

1954 habe ich einen Abstecher nach Ost-Berlin gemacht und mich regelrecht erschrocken: Das hast du doch alles schon mal gesehen, dachte ich. Nur die Uniformen sind anders und die Symbole. In vieler Hinsicht hatten es die Bürger der DDR schwerer als die Westdeutschen. Sie mussten die Hauptlast des vergangenen Krieges tragen, während die Bundesbürger durch westliche Hilfe, z.B. den Marshallplan, unterstützt wurden.

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