Familiengeschichte (4) Eine deutsche Familie - Teil 4: 1961-1989

Der Rias-Journalist Hanns-Peter Herz erzählt, welche Rolle er nach dem Mauerbau im Lautsprecherkrieg spielte und wie er nach dem ersten Passierscheinabkommen zur Stimme der Berliner wurde

Als 1961 die Mauer gebaut wurde, war ich Reporter beim Rias. In der Nacht vom 12. auf den 13. August weckte mich mein Chefredakteur. Er sagte, dass die Grenzen zugemacht worden seien. Ich sollte mich bereithalten und am nächsten Morgen um neun Uhr zu einer Redaktionskonferenz erscheinen. Der Bau der Mauer war ein Schock. Aber er war auch typisch deutsch. Die SED-Oberen waren sowjetischer als die Sowjets; sie lieferten brav das, was die Sowjetherrschaften wünschten.

Ich habe für den Rias über den Ausbau der Grenzsicherungsanlagen berichtet. Außerdem war ich beim »Studio am Stacheldraht«; das war ein vom Senat gegründeter Radiosender für die Berliner im Ostteil der Stadt, der aus einem umgebauten VW-Bus über die Mauer sendete. Wir hatten riesige Lautsprecher, mit denen wir an der Grenze den Osten beschallten; und umgekehrt setzte die DDR ebenfalls Lautsprecheranlagen ein. Meine Aufgabe war es, die Nachrichten zu schreiben. Ich habe auch die Texte für die Leuchtschriftanlagen formuliert, die am Potsdamer Platz vom Senat errichtet worden waren, damit die Menschen sie von Ost-Berlin aus lesen konnten.

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Der Lautsprecherkrieg endete 1965, am 7. Oktober, dem Gründungstag der DDR. In einer Kaserne westlich des Berliner Stadtteils Gatow gab es eine Veranstaltung der Volksarmee. Unser Studio am Stacheldraht rückte mit einer 5000-Watt-Anlage an, deren Übertragungsweite fünf Kilometer betrug. Als die offizielle Veranstaltung auf der anderen Seite losging, störte der Lautsprecherwagen mit Musik und Durchsagen. Die DDR musste einsehen, dass sie den Lautsprecherkrieg nicht gewinnen konnte, sie war technisch unterlegen und hörte auf, den Westen zu beschallen. Daraufhin haben auch wir unsere Arbeit beendet. Das ist wirklich eine merkwürdige Geschichte gewesen.

Im Dezember 1963, nach dem ersten Passierscheinabkommen, habe ich ein Sonderprogramm gesendet; die Zuhörer konnten uns anrufen und Fragen zu der Vereinbarung stellen, die den Besuch von Westberlinern im Ostteil der Stadt erleichtern sollte. Die Westberliner hatten zunächst kein Vertrauen in das Abkommen. Unsere Sendung war der Versuch, dessen Verlässlichkeit zu vermitteln. Dadurch wurde ich an diesem Tag zur Stimme der Berliner. Das war eines meiner größten Erlebnisse während meiner Zeit beim Rias: Ich konnte den Menschen helfen.

Das erste Passierscheinabkommen war zugleich die erste Öffnung der Mauer. Menschen kamen wieder zusammen: Westberliner Bürger konnten Verwandte besuchen. Auch unsere Familie hatte Angehörige im Osten, zu denen ich seit dem Bau der Mauer keinen Kontakt mehr gehabt hatte.

Mit meiner Arbeit beim Rias und im »Studio am Stacheldraht« habe ich sowohl zur Verhärtung als auch zur Auflösung der Fronten zwischen den beiden deutschen Staaten beigetragen; zur Verhärtung, weil wir im Westen konsequent die Position vertreten haben, dass Deutschland nur in Freiheit ein einig Land werden kann. Zur Auflösung, weil ich als Journalist immer wieder informieren und auch vermitteln konnte – so wie beim Passierscheinabkommen.

Der Fall der Mauer 1989 war für mich ein großes Erlebnis. Die inzwischen legendäre Pressekonferenz mit Günter Schabowski haben meine Frau und ich zu Hause live im Radio gehört. Wir konnten kaum glauben, was er da sagte. Aber uns war klar, dass damit die Mauer gefallen war. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

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    • Quelle ZEIT Geschichte Nr. 02/2009
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    • Schlagworte Familie | DDR | Günter Schabowski | Ostberlin
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