Fritz Stern im Gespräch - Teil 4 Was wäre gewesen, wenn?
Der Historiker Fritz Stern über Margaret Thatchers Angst vor den Deutschen, Helmut Kohls Machtwillen und Michail Gorbatschows revolutionäre Reformpolitik
Herr Stern, 1990 haben Sie gemeinsam mit anderen Historikern Margaret Thatcher beraten, die damals strikt gegen die Wiedervereinigung war. Ist es Ihnen gelungen, ihr die Angst vor den Deutschen zu nehmen?
Nein, das ist uns nicht gelungen, auch wenn dies gelegentlich behauptet wird. Zu unserer Beratergruppe zählten lauter bekannte Deutschlandexperten aus den USA und Großbritannien, unter anderem Timothy Garton Ash und Gordon Craig. Aber Margaret Thatchers Angst saß so tief, da kamen wir nicht heran. Ihr Ja zur Einheit hat sie in ihren Memoiren als ihre größte außenpolitische Niederlage bezeichnet.
Hatte sie überhaupt die Wahl?
Im Grunde nicht. Der Druck – unter anderem aus Washington – war zu stark. Nur Michail Gorbatschow hätte den Prozess noch verzögern können, der Mann, der dieses glücklichste Jahr des Jahrhunderts erst ermöglicht hat. Und damit meine ich nicht nur den Fall der Mauer, sondern vor allem die erfolgreiche Selbstbefreiung Osteuropas.
Bereitete Ihnen – vor dem Hintergrund Ihrer Lebensgeschichte – die Aussicht auf ein ungeteiltes Deutschland nicht auch Sorgen?
Ich war damals selbst erstaunt darüber, dass ich das alles rein positiv sah, frei von Ängsten. Das hing wohl vor allem damit zusammen, dass ich so überwältigt und begeistert war von dem – mit Ausnahme Rumäniens – friedlichen revolutionären Aufbruch des Jahres 1989. Das war etwas Einmaliges in der modernen Geschichte. In Deutschland, so scheint es mir wenigstens, stehen diese revolutionären Ereignisse allerdings manchmal zu sehr im Schatten des Mauerfalls und der Wiedervereinigung.
Zumindest aus westdeutscher Sicht...
Ja, es hat mich nach 1990 regelrecht enttäuscht, dass die Bürger der alten Bundesrepublik die Leistung der Ostdeutschen so wenig anerkannt haben: Was sich zum Beispiel am 9. Oktober in Leipzig abgespielt hat, dieser Mut der Menschen – so etwas, und noch dazu erfolgreich, hat sich in der deutschen Geschichte kaum jemals zuvor ereignet! Man hätte mehr Freude und Anerkennung zeigen können, das war zumindest mein Eindruck damals. Dazu kamen 1990 die Versprechungen Kohls: blühende Landschaften – und das versprach er, ohne Opfer zu verlangen. Helmut Schmidt hat damals gesagt: Jetzt muss es eine Churchill-Rede geben, blood, sweat and tears. Doch das hat Kohl aus machttaktischen Gründen nicht getan. Für die Ostdeutschen hätte eine solche Rede gewiss einen Unterschied gemacht. Sie hätte signalisiert: Wir nehmen euch ernst. Nicht zuletzt hätte man die ehemaligen Bürger der DDR stärker in die Gestaltung des Einigungsprozesses einbeziehen sollen. Wer weiß – vielleicht hätte die PDS dann weniger Zulauf gehabt.
- Datum 04.09.2009 - 21:20 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte Nr. 02/2009
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