ZEIT Geschichte 02/09 Welche Wandlung!

Marianne Birthler und Friedrich Schorlemmer im Gespräch über den 4. November 1989, die DDR-Bürgerrechtsbewegung und die Chancen des Aufbruchs

Schorlemmer, Birthler, Dieckmann
Am Ort des Geschehens: Friedrich Schorlemmer, Marianne Birthler und Christoph Dieckmann (v. l.) im April 2009 auf dem Alexanderplatz in Berlin

Am Ort des Geschehens: Friedrich Schorlemmer, Marianne Birthler und Christoph Dieckmann (v. l.) im April 2009 auf dem Alexanderplatz in Berlin

Der 4. November 1989 war das Volksfest der friedlichen Revolution. Hunderttausende demonstrierten auf dem Ostberliner Alexanderplatz gegen das SED-Regime und für demokratische Erneuerung. Wer dabei war, hat eine Freude fürs Leben. »Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen«, rief Stefan Heym der Menge zu. »Nach all den Jahren der Stagnation, von Dumpfheit und Mief und Phrasengewäsch – welche Wandlung!« Unvergessen sind Christa Wolfs Predigt wider die Wendehälse und Steffie Spiras Marschbefehl an das Politbüro: »Abtreten!« Das DDR-Fernsehen übertrug live. Doch im gesamtdeutschen, im sozusagen offiziellen Wende-Gedenken spielt der 4. November kaum eine Rolle. Fast scheint es, der Aufbruch des Herbstes 89 habe schnurstracks und logischerweise zur deutschen Einheit geführt. Dabei steht der 4. November geradezu in einem Spannungsverhältnis zum 9. November, dem Mauerfall.

Christoph Dieckmann (DIE ZEITGeschichte):Marianne Birthler und Friedrich Schorlemmer, Sie beide gehörten zu den 26 Rednern dieser einmaligen Kundgebung. Mit welchen Gefühlen kamen Sie damals zum Alexanderplatz?

Marianne Birthler: Ich war in Hochspannung. Ich hatte kaum geschlafen, hatte Angst, vor so vielen Menschen zu sprechen, und bin schon anderthalb Stunden vorher hingegangen. Immer mehr Leute strömten auf den Alex. Mir kamen die Tränen vor Rührung – so viel Fantasie und Energie. Ich dachte: Das hätte ich euch DDR-Leuten nicht mehr zugetraut. Ich war glücklich.

Anzeige

Friedrich Schorlemmer: Ich kam mit Angst. Ich hörte Leute reden, sie hätten große Sorge, dass Provokateure von der Staatssicherheit Gewalt anzetteln werden, damit sie einen Grund haben zum Eingreifen. Und dann war alles so friedlich. Ich war auch euphorisiert. Diese offenen, erwartungsvollen Gesichter, ganz genau zuhörend. So was hatte ich noch nie gesehen in dieser DDR. Ich stand vorher im Strom der Demonstranten und notierte mir, was da auf den Transparenten stand. Erst im Nachhinein fiel mir auf, dass sich nicht ein einziges Plakat auf die deutsche Einheit richtete. Es war für mich damals selbstverständlich, dass dies jetzt nicht das Thema ist, sondern dass wir unser Land in die eigenen Hände nehmen. Dass wir eine Demokratie aufbauen.

Fünf Jahre später erinnerte sich Jens Reich in der ZEIT an den 4. November. Er nannte seine Rede vorpolitisch. Hochherzige Absichten: künftig die Wahrheit zu sagen, Offenheit, im Lande bleiben, Dialog...

Birthler: Dialog? Wenn die SED von Dialog sprach, konnte ich nur lachen. Für die meisten von uns war die plötzliche Gesprächsbereitschaft der Funktionäre nur eine Farce.

Schorlemmer: Ich habe gewarnt, dass der Dialog nicht benutzt werden darf, um Ruhe zu schaffen, bis die Kralle wiederkommt. Dass die beiden hohen Herren am 4. November mitredeten, Günter Schabowski und Markus Wolf, bedeutete allerdings einen gewissen Schutz: dass nicht eingegriffen werden konnte. Ich habe immer noch Respekt, dass die sich dem Pfeifkonzert ausgesetzt haben.

Birthler: Nee, ich finde es immer noch daneben, dass die überhaupt eingeladen wurden.

Was war damals Konsens?

Birthler: Es gab ja keine geschlossene Idee, kein So-wollen-wir-es-haben. Dem angestauten Ärger wurde Luft gemacht. Konsens bestand nur darüber, was wir nicht mehr wollten.

Schorlemmer: Der Hauptkonsens war, wir wollen Demokratie. Das war das Gemeinsame, was Stefan Heym, Christa Wolf, was du und ich wollten.

Birthler: Wir waren noch gar nicht in der Lage, die Unterschiede zwischen uns wirklich wahrzunehmen. Die sind erst später, etwa am Runden Tisch, sichtbar geworden. Vor dem Herbst 1989 mussten wir auf Gedeih und Verderb zusammenhalten. Wir hatten ja einen starken und gefährlichen Gegner. Wir konnten es uns gar nicht leisten, uns so auszudifferenzieren.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service