Der Weg zur Einheit Eilig Vaterland

An eine rasche Vereinigung glaubte zunächst niemand. Doch dann ging es fast zu schnell

Heute ist unsere Revolution kaputt gemacht worden!« Mit diesem tiefen Seufzer kommentierte Bärbel Bohley den Mauerbruch am Tag danach. Nicht nur bei ihr, der engagierten Bürgerrechtlerin aus der DDR, mischte sich Enttäuschung in dieses Gefühl des Überwältigtseins vom 9. November. Viele aus der demokratischen Oppositionsbewegung hatten erwartet, dass sie selbst sich nach einem heißen Herbst die Freiheit erkämpfen könnten. So mutig sie waren, sie kamen zu spät. Polen leuchtete der Opposition als Beispiel. Dort war der Runde Tisch bereits am 6. Februar 1989 eingerichtet worden – und tatsächlich kam es schon im Juni zu den »halbfreien« Wahlen.

Besonders in den Niederlanden, in Großbritannien, Frankreich und Italien erwachte Misstrauen gegenüber der Entwicklung in Deutschland. In den polnischen Medien drückte sich eine tief sitzende Angst aus, die keineswegs von oben geschürt werden musste – mit Ausnahme der führenden Köpfe in der Gewerkschaftsbewegung Solidarność, die weiter dachten. Israelische Zeitungen warnten scharf vor einem »Vierten Reich«.

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Hätte sich dieses Misstrauen ein wenig abmildern lassen, wenn der Prozess langsamer verlaufen wäre und die demokratische Opposition für einen allmählichen Übergang hätte sorgen können? Vielleicht. Aber auch die Bürgerrechtler der DDR haben die Einheit ja keineswegs vorausgedacht, die meisten von ihnen träumten von einer anderen, demokratischen DDR. Das wiederum korrespondierte mit der Haltung führender westdeutscher Intellektueller. Oskar Lafontaine, damals der Jungstar der SPD, brachte das auf die Formel, zusammenkommen könnten die deutschen Staaten selbstverständlich – aber in einem vereinigten Europa. Rainer Eppelmann, Pfarrer der Ostberliner Samariterkirche und couragierter Oppositioneller, dachte ebenso: Selbst jetzt, zwanzig Jahre danach, gesteht er freimütig, geträumt habe er schon davon, mit seinen Verwandten im Westen gemeinsam in einem Staat leben zu können, »aber doch nicht um den Preis eines Dritten Weltkrieges«. Diese Angst beherrschte die Köpfe. Dass es Zögerlichkeiten gab, jedenfalls mentale, hat die skeptischen Nachbarn vermutlich eher beruhigt.

An eine rasche Vereinigung dachten in Bonn die wenigsten. Selbst Helmut Kohl und Willy Brandt, Kanzler und CDU-Vorsitzender der eine, SPD-Ehrenvorsitzender mit unvergleichlicher Autorität der andere, tasteten naturgemäß in den ersten Wochen nach dem 9. November mit der Stange im Nebel: Weiterhin vermochten sie sich für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre zunächst nur zwei Staaten vorzustellen – wenn auch näher beieinander. Brandt träumte sich sogar an die Spitze eines »Deutschen Bundes«, von seinem Freund Egon Bahr assistiert, dessen Denken nun wirklich zeitlebens um die deutsche Einheit gekreist war. Das Unmögliche schien weiterhin unmöglich, zumindest unwahrscheinlich zu bleiben. Zögernde in ihren Parteien wurden allerdings sehr bald niederkartätscht – als unpatriotisch wurden diejenigen gegeißelt, die vor einem Einheitsrausch warnten.

Handstreichartig wirkte es daher im ersten Moment, dass Kohl am 28. November ans Rednerpult des Bundestages trat, um seinen legendären »Zehn-Punkte-Plan« zu verkünden. Dabei stellte er sich selbst darin nur einen sehr langsamen Prozess vor, die Rede war vage von »konföderativen Strukturen zwischen beiden deutschen Staaten«, wenn auch bei ihm erstmals am Horizont die Einheit als Möglichkeit aufleuchtete. Allerdings: Immer noch galt die Maxime, dass sie sich aus der europäischen Einheit ableiten lassen müsse. Dass die Geschichte in ihrem Tempo diese gedachte Chronologie auf den Kopf stellte, hat die Deutschen in Ost und West, von den Bürgerrechtlern über Egon Bahr bis zu Helmut Kohl, wohl am meisten überrascht.

Es war mehr sein Vorpreschen als der Inhalt, mit dem Kohl so viel Ärger auslöste. Ein »Punkt elf« freilich fehlte, wie Tadeusz Mazowiecki Anfang 2009 noch einmal in Erinnerung rief: nämlich eine verbindliche Anerkennung von Polens Westgrenze. Bitter stieß das sofort in Warschau auf. In den Folgemonaten sollte sich zeigen, dass der deutsche Kanzler sich ausgerechnet in dieser Frage auf eine irritierende Weise unnachgiebig zeigte, taub sogar gegenüber US-Präsident George Bush, der so eng mit Kohl kooperierte, taub gegenüber seinem Pariser »Freund« François Mitterrand und ohnehin gegenüber Genscher. Genau besehen, fehlte aber auch ein »Punkt zwölf«: die Frage der Bündniszugehörigkeit der »konföderierten« Deutschen.

Einzig Felipe González, der sozialistische Regierungschef in Madrid, und die Iren ließen spüren, dass sie den Deutschen eine Wiedervereinigung von Herzen gönnten – Kohl wurde seitdem nicht müde, González als seinen Herzens-Enkel in Europa zu preisen. Hans-Dietrich Genscher war es allerdings geglückt, seinen Pariser Freund und Kollegen Roland Dumas auf seine Seite zu ziehen. Das Duo Genscher/Dumas erreichte immerhin, dass die Europaratsmitglieder Anfang Dezember in Straßburg die Einheit letztlich doch »durchwinkten«. Später hat Kohl in seinen Erinnerungen stets betont, er habe die Einheit nahezu allen Nachbarn abtrotzen müssen, nicht nur der britischen »Lady«, auch dem Franzosen Mitterrand, eigentlich allen außer »Felipe« und Bush. Genscher hingegen hat sie fast alle – mit der Ausnahme Margaret Thatcher – als Freunde gerühmt, in der Stunde, als es darauf ankam, habe sich bewährt, dass die Deutschen so lange europäischen Kurs gehalten und um Vertrauen geworben hätten.

Leser-Kommentare
  1. Heute wissen wir: die Vereinigung beider deutscher Staaten ging definitiv zu schnell. Erst viel zu spät bemerkte man, dass sich in den Jahren der Teilung zwei völlig unterschiedliche Nationen mit völlig unterschiedlichen Mentalitäten entwickelt hatten. Die Folgen waren gegenseitige Unterstellungen, Vorwürfe und Streitereien, die quasi-Vértreibung weiter Bevölkerungsteile nach Westen (sprich: Flexibilität am Arbeitsmarkt) und die damit verbundene Ausblutung ganzer Regionen.

    Von der Forderung nach Vereinigung mit der BRD war vor genau 10 Jahren bei den Demonstranten nicht die Rede. Man forderte eine demokratische DDR, einen sogenannten 'Dritten Weg' - etwa im Geiste Friedrich Schorlemmers oder des Tschechosslowakischen Parlamentspräsidenten Dubcek. Beide galten allerdings auch im Westen als hochgradig gefährlich.

    Heute können wir sagen, der Weg zur Deutschen Einheit über die Europäische Einigung - sprich einer Vollmitgliedschaft der BRD und der DDR als souveräne Staaten in der EU - wäre der bessere gewesen.

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