Der Weg zur Einheit Eilig VaterlandSeite 3/3
Doch aus einigem Abstand sieht man genauer: Es waren die Amerikaner, die den Durchbruch erzielten – exakt mit jenen vier Prinzipien, die sie schon im November 1989 definiert hatten. Bereits einen Tag nach dem Zehn-Punkte-Plan hielt US-Außenminister Baker als Washingtoner Position fest: Das Prinzip der Selbstbestimmung soll für die deutschen Staaten gelten und ergebnisoffen verwirklicht werden; der Prozess darf nicht überstürzt werden (um Gorbatschow nicht zu gefährden); die Grenzen in Europa sind anzuerkennen (Polens Westgrenze also vor allem); und – zentral – auch das vereinte Deutschland muss der Nato und der EG angehören. Unter vier Augen hatte Bush Kohl bereits auf diese Washingtoner Linie verpflichtet. Michail Gorbatschow akzeptierte schon am 31. Mai 1990 in Washington während eines Gesprächs mit dem US-Präsidenten, dass das vereinte Deutschland über seine Bündniszugehörigkeit frei entscheiden könne. »Einverstanden«, erwiderte er lapidar auf eine entsprechende Frage Bushs, in Gorbatschows Entourage löste die spontane Erwiderung, mit der keiner gerechnet hatte, heftige Kontroversen aus, fortan musste er um sein politisches Überleben kämpfen, und die amerikanischen Partner wollten es kaum glauben, was sie da gehört hatten. Aber Gorbatschow bekräftigte sein Votum noch einmal. Damit waren die Würfel gefallen – eine Kehrtwende in Minuten, die wie wenige andere Überraschungen im Vereinigungsprozess den Zeithistorikern heute noch Rätsel aufgibt.
Geradezu revolutionär nahmen sich die Regelungen zur »äußeren Einheit« aus. Sie verliefen praktisch restlos nach Nato-Bedingungen. Da eine wirkliche Erneuerung im Inneren nicht stattfand, hatte also manches an der Vereinigung Züge einer glatten Kapitulation. Die Chance, dass die beiden Staaten von unten zusammenwachsen und sich dabei erneuern könnten, sei praktisch unterdrückt worden, urteilt selbst ein so besonnener Intellektueller wie Jens Reich zwanzig Jahre danach, »und zwar, um es platt zu sagen, durch ein Bündnis zwischen Kohl und der Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung«. Die Regie führte längst Bonn, besonders der Chefmanager dieser Vereinigung, Wolfgang Schäuble.
Verstummt ist 1990 sehr rasch die Kritik an der Vereinigung, weil sie abgestempelt wurde als Nörgelei der Zukurzgekommenen im Osten und der patriotisch Unzuverlässigen im Westen. Tatsächlich bleibt der ehemalige DDR-Außenminister Markus Meckel heute noch vorsichtig mit Kritik, weil man gegen eine demokratische Mehrheitsentscheidung nichts einwenden könne. Sein Parteifreund Stephan Hilsberg sagt zwar auch, man dürfe sich über das Votum der DDR-Bevölkerung nicht beklagen, fügt aber hinzu, es stimme dennoch, dass die ostdeutsche Mehrheit geradezu unter einen neuen »autoritären Schirm« flüchtete. Richtig, die Bürgerrechtler wollten ja gar nicht die »Macht«. Dass aber ausgerechnet die demokratische Opposition unterging, während sie in Polen an die Spitze gelangte – das bleibt ein gewaltiger Schönheitsfleck. Ja, die Demokratie hat ein Defizit. Darüber jedoch reden die Betroffenen erst in zwanzigjährigem Abstand offener, heute ohne trauerumflorten Blick, häufig sogar voller Selbstironie. Wie war sie schön, unsere Revolution, die am 9. November »scheiterte«!
Gunter Hofmann war viele Jahre Chefkorrespondent der ZEIT, seit Anfang 2009 berichtet er als politischer Autor aus Berlin
- Datum 04.09.2009 - 21:20 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte Nr. 02/2009
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Heute wissen wir: die Vereinigung beider deutscher Staaten ging definitiv zu schnell. Erst viel zu spät bemerkte man, dass sich in den Jahren der Teilung zwei völlig unterschiedliche Nationen mit völlig unterschiedlichen Mentalitäten entwickelt hatten. Die Folgen waren gegenseitige Unterstellungen, Vorwürfe und Streitereien, die quasi-Vértreibung weiter Bevölkerungsteile nach Westen (sprich: Flexibilität am Arbeitsmarkt) und die damit verbundene Ausblutung ganzer Regionen.
Von der Forderung nach Vereinigung mit der BRD war vor genau 10 Jahren bei den Demonstranten nicht die Rede. Man forderte eine demokratische DDR, einen sogenannten 'Dritten Weg' - etwa im Geiste Friedrich Schorlemmers oder des Tschechosslowakischen Parlamentspräsidenten Dubcek. Beide galten allerdings auch im Westen als hochgradig gefährlich.
Heute können wir sagen, der Weg zur Deutschen Einheit über die Europäische Einigung - sprich einer Vollmitgliedschaft der BRD und der DDR als souveräne Staaten in der EU - wäre der bessere gewesen.
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