Weltwirtschaftskrisen Chronik der Krisen

Vom ersten globalen Börsencrash 1857 bis zur Implosion des Kasinokapitalismus 2008: Die vier großen Weltwirtschaftskrisen im Vergleich

New York: Menschenauflauf in der Wall Street während des Börsencrash 1857

New York: Menschenauflauf in der Wall Street während des Börsencrash 1857

1857

Karl Marx findet die Krise beautiful: Pleiten, Armut und Arbeitslosigkeit haben im Herbst 1857 die kapitalistische Welt erfasst, die erste Weltwirtschaftskrise der Geschichte breitet sich aus. In den USA müssen Banken schließen, in Großbritannien große Handelshäuser Konkurs anmelden. Bis nach Chile, Indien und Indonesien sind die Auswirkungen zu spüren. Erstmals merken die Menschen, wie eng die Kontinente nach einem halben Jahrhundert Industrialisierung bereits aneinandergerückt sind.

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Hamburgs Kaufleute trifft es besonders hart: In den Speichern des Hafens stapeln sich unverkäuflich gewordene Handelswaren mit einem Gesamtwert von 500 Millionen Mark – Kaffee und Zucker, Stoffe und Getreide. Für zahlreiche Handelshäuser kommt noch ein weiteres Problem hinzu, denn viele von ihnen können die Wechsel, die sie vor dem Zusammenbruch akzeptiert haben, nun nicht mehr bezahlen.

Ihren Anfang hatte die Krise in Russland genommen. Nach dem Ende des Krimkrieges 1856 waren die russischen Bauern auf den europäischen Markt zurückgekehrt. Die amerikanischen Farmer, die Europa zwischen 1853 und 1856 mit Weizen versorgt hatten, blieben auf ihrer Ernte sitzen. Der Preis brach ein, die Finanzströme über den Atlantik versiegten, und das Geld für die expandierende amerikanische Wirtschaft wurde knapp.

Der eigentliche Auslöser der Krise ist dann am 24. August 1857 der Konkurs der Ohio Life and Trust Company, die sich beim Handel mit Anleihen für zweifelhafte Eisenbahnprojekte verspekuliert hat. In kürzester Zeit entfacht diese Bankpleite einen Flächenbrand. Die Börsenkurse stürzen ab, vor allem Eisenbahnaktien verlieren einen Großteil ihres Wertes. In den USA müssen innerhalb weniger Tage 1415 Banken schließen, in New York stellen 32 von 33 Kreditinstituten ihre Zahlungen ein. Am 13.Oktober 1857 stürmen daraufhin rund 20000 Bürger die Banken der Stadt und fordern vergeblich ihr Geld. Aus der Börsenkrise ist eine Kreditkrise geworden. Und aus dieser wird eine Handelskrise, die schon bald den Alten Kontinent erreicht. Eine völlig neue Kommunikationstechnik trägt dazu bei, dass sich die schlechten Nachrichten in Windeseile verbreiten: die Telegrafie.

Doch so schnell sich die Krise ausbreitet, so schnell kann sie auch wieder eingedämmt werden. Die »kolossalen Folgen«, die Friedrich Engels vorausgesagt hatte, bleiben aus. Bereits Ende 1857 geben amerikanische Banken wieder Kredite aus, Ende des Jahrzehnts werden die alten Wachstumsraten wieder erreicht. Auch Hamburgs Kaufleuten gelingt es, das Vertrauen ihrer Kunden zurückzugewinnen – mit einer Silberanleihe, die ihnen der österreichische Staat gewährt. Am 12. Dezember 1857 trifft in der Hansestadt ein Zug voller Silberbarren aus Wien ein und kann bei der Hamburger Bank als Sicherheit hinterlegt werden. Die Hansestadt hat damit mehr Glück als New York: Dort ist bei einem Schiffsunglück im September 1857 eine erwartete Lieferung von drei Tonnen Gold aus Kalifornien während eines Hurrikans im Atlantik versunken.

1873

Dreißig Aktiengesellschaften hat Heinrich Quistorp seit 1871 bereits an die Börse gebracht. Nun will der Bankier auch mit dem Bau von Villen im Berliner Westend Geld machen. Doch dann rauschen die Aktienkurse an der Berliner Börse in den Keller; der Bankier ist am Ende. Als erste deutsche Bank der Gründerkrise muss seine Vereinsbank Quistorp & Co am 15. Oktober 1873 Konkurs anmelden.

Leser-Kommentare
  1. Ich sehe mich nicht als Pessimist, wenn ich darauf hoffe, dass der Kapitalismus sich selbst ad absurdum führt, eher als Optimist. Der Kapitalismus ist ein Paradoxon wie es im Buche steht und wird sich zwangsläufig über kurz oder lang in Wohlgefallen auflösen. Wie diese grobe Übersicht zeigt ist es jedes Mal, auch wenn jedesmal andere Auslöser vorhanden waren, der Aktienmarkt, sprich fiktive Werte die zerbröseln, der die Wirtschaft in die Krise stürzt. Der in meinen Augen schon kriminelle Handel mit Krediten auf gefälschten Immobilienwerten, der die letzte Krise verursachte setzt dem ganzen nur die Krone auf.
    Ein weiterer Punkt der das ganze System ad absurdum führt sind die Regierungen, die immer neue Kredite in Milliardenhöhe aufnehmen ohne die Möglichkeit, diese jemals begleichen zu können, jo sogar die Zinsen und Zinseszinsen die Staatshaushalte mittlerweile auffressen.
    Auf Grundlage dieses Geschäftsmodells muss das ganze irgendwann in sich selbst zusammenbrechen.
    Wir können dann nur hoffen endlich ein Wirtschaftssystem einführen zu können, welches wirklich stabil, fair und dauerhafter sein wird als die aktuelle Marktwirtschaft mit welchem Präfix auch immer man sie nennt, sozial ist sie jedenfalls schon lange nicht mehr, dem allein schon widerspricht die Definition des Kapitalismus.

    In der Hoffnung auf bessere Zeiten.
    Shit Happens

  2. Den Kapitalismus dort werken lassen, wo er gut funktioniert und dafür verschiedene Sektoren dem Markt entziehen, wo er nur regelmässig volkswirtschaftlich schwersten Schaden anrichtet?

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