Karl Marx und die Ökonomen seiner Zeit In bester Gesellschaft

Karl Marx war nicht der einzige Ökonom des 19. Jahrhunderts, der dem Kapitalismus eine düstere Zukunft vorausgesagt hat

Thomas Malthus (1766 -­ 1834): Der britische Philosoph wurde durch seinen »Versuch über das Bevölkerungsgesetz« (1798) bekannt. Die Kernthese dieser Streitschrift lautet, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear gesteigert werden könne. Überbevölkerung und Hunger seien daher unabwendbar das Schicksal sich entwickelnder Ökonomien, sofern der Staat nicht eingreife

Thomas Malthus (1766 -­ 1834): Der britische Philosoph wurde durch seinen »Versuch über das Bevölkerungsgesetz« (1798) bekannt. Die Kernthese dieser Streitschrift lautet, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear gesteigert werden könne. Überbevölkerung und Hunger seien daher unabwendbar das Schicksal sich entwickelnder Ökonomien, sofern der Staat nicht eingreife

Ich bin soweit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin«, schreibt Karl Marx im Frühling 1851 aus London an seinen Freund und Förderer Friedrich Engels. Tatsächlich sollte es noch 16 Jahre dauern, bis der erste Band des Kapitals endlich erscheint. Er umfasst beinahe 1000 Seiten. Band zwei und drei bleiben unvollendet. Die »ökonomische Scheiße« war komplizierter als gedacht und das Vorhaben vielleicht zu ambitioniert: Nichts Geringeres als die innere Logik des Kapitalismus wollte Marx entschlüsseln.

Die marxistische Wirtschaftstheorie ist dabei stark beeinflusst von drei intellektuellen Strömungen seiner Zeit: von der Geschichtsphilosophie Hegels, die Marx während seiner Studienjahre in Berlin aufnimmt, vom revolutionären französischen Sozialismus, mit dem er später in Paris in Berührung kommt, und von den ökonomischen Theorien der britischen Klassiker um David Ricardo, Thomas Malthus und Adam Smith, deren Schriften er im Londoner Exil studiert. Von Hegel und den Franzosen übernimmt Marx die Idee, dass das soziale, wirtschaftliche und politische Leben in einer ständigen Veränderung begriffen ist und auf ein Ziel zustrebt. Mithilfe der Instrumente der Klassiker will er die spezifischen Antriebskräfte, das »Naturgesetz« der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung offenlegen.

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Marx lebt in einer für die Wirtschaftswissenschaften höchst spannenden Zeit. Das 19. Jahrhundert ist die Geburtsstunde der Ökonomie als eigenständiger Disziplin, erstmals setzt man sich systematisch mit wirtschaftlichen Fragen auseinander.

Das geschieht zunächst vor allem in Großbritannien, wo die industrielle Revolution beginnt. Das geistige Klima dort ist ein zutiefst pessimistisches. Dabei hatte der schottische Philosoph Adam Smith noch geglaubt, dass die Industrialisierung Wohlstand für alle bringen würde, als er 1776 sein Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (The Wealth of Nations) veröffentlichte und damit die moderne Nationalökonomie begründete. In der Hochphase der Klassik ein halbes Jahrhundert später geht diese Zuversicht verloren.

Der wichtigste Autor jener Jahre ist David Ricardo, ein Londoner Börsenmakler, der es zu einem der reichsten Männer Englands gebracht und sich dann der Wissenschaft zugewandt hat. Er kann die ersten negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung beobachten. In den 1817 erscheinenden Grundsätzen der politischen Ökonomie und der Besteuerung (Principles of Political Economy and Taxation) zeigt Ricardo, warum die Wirtschaft aus seiner Sicht langfristig stagnieren wird: Eine wachsende Ökonomie ist demnach auf immer mehr Arbeitskräfte angewiesen. Damit aber werden auch immer mehr Lebensmittel benötigt. Die natürlichen Ressourcen sind jedoch begrenzt, es müssen also immer schlechtere Ackerböden bebaut werden. Der technische Fortschritt kann das nicht ausgleichen, und so steigen die Lebensmittelpreise. Die Folge: Fabrikanten und Grundbesitzer müssen den Arbeitern höhere Löhne zahlen.

In der Theorie Ricardos sinken die Profite automatisch, wenn die Löhne steigen, und weniger Profit bedeutet weniger Investitionen. Damit aber kann sich die materielle Lage nicht weiter verbessern. Einen Ausweg aus der Massenarmut gibt es für Ricardo nicht, denn die Arbeiter, so meint er, erhalten stets nur so viel Lohn, wie sie für die Sicherung ihrer Existenz benötigen. Der »natürliche Preis der Arbeit« sei derjenige, der die Nahrungsmittelversorgung der Arbeiter so regelt, dass es weder zu Überbevölkerung kommt (weil die Arbeiter größere Familien unterhalten können) noch zu Hungersnöten.

Spürbar ist hier der Einfluss seines Freundes Thomas Malthus. Der hatte versucht nachzuweisen, dass steigende Löhne zu einer Bevölkerungsexplosion führen, wodurch der Lebensstandard wieder sinkt. Eine solche Theorie mag in heutigen Zeiten abnehmender Geburtenraten ungewöhnlich klingen, damals lag sie nahe. Von der Antike bis in das 19. Jahrhundert hinein stagnierte der Lebensstandard der breiten Bevölkerung, erst in der Hochphase der Industrialisierung steigt er an. So wie Malthus oder Ricardo sehen fast alle Klassiker die Welt.

Leser-Kommentare
  1. "Generationen von Ökonomen haben sich mit dem Gesetz vom Fall der Profitrate auseinandergesetzt – selbst Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts und vielleicht Deutschlands prominentester Volkswirt, hat einen wissenschaftlichen Aufsatz über das Thema verfasst. Die Experten bemängeln Widersprüche in der Argumentation (warum etwa sollten die Kapitalisten Arbeit durch Maschinen ersetzen, wenn sie wissen, dass dadurch ihr Profit sinkt?), und auch die Empirie ist nicht auf Marx’ Seite. Ein dauerhafter Fall der Profitrate ist bislang nicht zu beobachten."

    1.) Warum die Kapitalisten die Arbeit durch Maschinen ersetzen sollen: ganz einfach, weil es für jeden einzelnen Kapitalisten profitabel ist. Er macht dann Surplusprofite, weil er seine Produkte billiger produzieren kann als die anderen. Erst wenn die anderen nachgezogen haben, was sie ja - jeder für sich - müssen, ist der Wert der Ware gesunken; dann macht jeder geringere Profite als vorher (und der Unterbietungswettbewerb geht in die nächste Runde). Der Grund liegt also darin, dass die Produktion der gesellschaftlich notwendigen Dinge privat erfolgt.

    2.) Ein dauerhafter Fall ist schon zu beobachten: Z.B. sinken die Wachstumsraten seit dem zweiten Weltkrieg ständig (überlagert durch die zyklischen Schwankungen). Wenn man die Welt erneut kaputtschießt, kann's wieder bei Null losgehen ...

    3.) Marx selbst formuliert ja Gegentendenzen, die dem Fall der Profitrate entgegenwirken, ich zitiere mal einige (http://www.mlwerke.de/me/...):
    I. Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit
    Die Arbeit muss dazu nicht unbedingt länger werden, sondern kann auch intensiver werden. Also z.B. was man heute merkt: Man muss super ausgebildet sein, "lebenslang lernen" und die Arbeit drückt sich weit ins Privatleben hinein.
    II. Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert
    Das ist die Hitlermethode: Die Arbeiterlöhne bei 50% des Vorkrisenwertes (vor 1929) halten. Nur mit massiven Problemen durchzusetzen, führt aber erst recht zum Kollaps!
    V. Der auswärtige Handel
    Z.B. Handel mit Weltregionen, die noch nicht im Kapitalismus sind; klassischer Imperialismus z.B; wenn ein Land noch nicht kapitalistisch ist, entsteht durch die Umstellung die Möglichkeit eines einmaligen Extraprofits (weil man ebenfalls dort billiger produzieren kann, weil ja die Arbeitskräfte sich bis dahin nicht-kapitalistisch reproduziert hatten)
    VI. Die Zunahme des Aktienkapitals
    Kreditpyramiden, insbesondere die letzen Jahrzehnte. Die haben das Wachstum ja durchaus "befeuert". Klappt aber irgendwann zusammen -> Phynanzkrise.

  2. Der liberale Kapitalismus ist schon zusammengebrochen, nämlich 1929. Seitdem geht es nur noch mit massiven Staatsinterventionen.

    Eine allgemeine Form der Gegentendenz ist die Ausweitung der Wertmasse, also das Hineinziehen von Lebensbereichen und Weltgegenden in den kapitalistischen Wertkreislauf.
    Z.B. war bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die Reproduktion der Gesellschaft in großen Teilen nicht-kapitalistisch: Meine Großeltern haben bis kürzlich viel Gemüse selbst angebaut und auch Tiere zum Eigenbedarf gehalten. In anderen Weltgegenden umso stärker.
    Der Zusammenbruch des Sozialismus war auch so eine Sache. Man hatte für die "Produktion" der dortigen Arbeiter nichts gezahlt und konnte sie nach der Wende gut ausbeuten, aber ihre Reproduktion wird man zahlen müssen - Profite fallen - oder die entsprechenden Gesellschaften fallen in die Krise (siehe z.B. Osteuropa).

    Man kann sich die ökonomischen Graphen der letzten Jahrzehnte anschauen und die politischen Entscheidungen danebenlegen; dann sieht man, dass das politische Handeln heutzutage im Wesentlichen darauf aus ist, die verschiedenen Gegentendenzen zu stärken;
    Der Kampf der Parteien ist häufig einer darum, welche man wählt: z.B. Exportorientierung (Deutschland), Senkung der Löhne (D, USA), Ausweitung des Kredits (überall) usw.
    Z.B. als Anfang der 80er die Profite sanken, kamen die Reagonomics und Thatcher; seit den 70ern sind die Reallöhne in den USA gesunken! In D ging das (noch) nicht; u.a. wegen der Existenz der DDR. Dann kam die Wende und der Boom durch neue Gebiete, die in den Kreislauf kommen. Nachdem das auch nicht mehr reichte, wurden durch Rot-Grün dann auch hier niedrige Löhne durchgesetzt. Das hat die Profitraten erhöht, für den Preis einer wieder einsetzenden Verelendung in manchen Gesellschaftsteilen. Das senkt die Nachfrage (siehe Artikel), aber der Export machte es wett. Gleichzeitig die USA haben stärker auf fiktives Kapital gesetzt (Finanzmärkte etc.)
    Man sieht, wie eine Gegentendenz nach der anderen drankommt. Heute ist die ganze Welt schon kapitalistisch, die Löhne fallen schon, der Imperialismus scheitert in Irak, Afghanistan etc. - es gibt nicht mehr viele Auswege.

  3. "Denn wenn das Problem in der zu geringen Kaufkraft liegt, ist Abhilfe möglich – auch ohne Revolution. Es genügen Umverteilung und Lohnzuwächse."

    Ja wenn dass so einfach wäre, dann erklären Sie uns doch bitte wie die "Umverteilung" aussehen soll und ob die Superreichen in Ihrer Theorie auch ohne Revolution mitspielen und Ihre Previlegien friedlich aufgeben... "Umverteilung" gibt es doch nur von unten nach oben aber nicht umgekehrt. Zwar wird schon seit Jahrzehnten versucht sinkende Preise durch Billigproduktion in Entwicklungsländern zu senken, womit man das Armutsproblem auszulagern möchte. Aber auch dass wird den Kapitalismus auf Dauer nicht retten.

    "Die höheren Löhne kurbeln die Nachfrage an, und so entstehen, modern gesprochen, immer wieder neue Markt- und Gewinnchancen für die Unternehmen."

    Ja welche Nachfrage denn? Leider stimmt das nicht, und ist etwas kurz gedacht wie Sie es beschreiben. Steigende Löhne für wen? Für Manager und Politiker (die Handlanger der Besitzenden)? Bitte seien Sie realistisch. Selbst im reichen Deutschland gibt es laut UNESCO Kinderarmut.

    Alles was Marx über die Entwicklung und den Untergang des Kapitalismus dargelegt hat scheint sich schneller zu bewahrheiten als man sich das vorgestellt hat.. Auch wenn Sie dass scheinbar nicht erkennen können oder wollen.

    Der Kapitalismus hatte seine Berechtigung und Notwendigkeit. Die ist aber wirklich nun schon endlos überschritten ( seit Jahrzehnten ausgelaufen).

    Bitte seien Sie versichert, dass der Kapitalismus dort landen wird wo er letztendlich hingehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte.

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