Karl Marx und die Ökonomen seiner Zeit In bester Gesellschaft
Karl Marx war nicht der einzige Ökonom des 19. Jahrhunderts, der dem Kapitalismus eine düstere Zukunft vorausgesagt hat
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Thomas Malthus (1766 - 1834): Der britische Philosoph wurde durch seinen »Versuch über das Bevölkerungsgesetz« (1798) bekannt. Die Kernthese dieser Streitschrift lautet, dass die Bevölkerung exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear gesteigert werden könne. Überbevölkerung und Hunger seien daher unabwendbar das Schicksal sich entwickelnder Ökonomien, sofern der Staat nicht eingreife
Ich bin soweit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin«, schreibt Karl Marx im Frühling 1851 aus London an seinen Freund und Förderer Friedrich Engels. Tatsächlich sollte es noch 16 Jahre dauern, bis der erste Band des Kapitals endlich erscheint. Er umfasst beinahe 1000 Seiten. Band zwei und drei bleiben unvollendet. Die »ökonomische Scheiße« war komplizierter als gedacht und das Vorhaben vielleicht zu ambitioniert: Nichts Geringeres als die innere Logik des Kapitalismus wollte Marx entschlüsseln.
Die marxistische Wirtschaftstheorie ist dabei stark beeinflusst von drei intellektuellen Strömungen seiner Zeit: von der Geschichtsphilosophie Hegels, die Marx während seiner Studienjahre in Berlin aufnimmt, vom revolutionären französischen Sozialismus, mit dem er später in Paris in Berührung kommt, und von den ökonomischen Theorien der britischen Klassiker um David Ricardo, Thomas Malthus und Adam Smith, deren Schriften er im Londoner Exil studiert. Von Hegel und den Franzosen übernimmt Marx die Idee, dass das soziale, wirtschaftliche und politische Leben in einer ständigen Veränderung begriffen ist und auf ein Ziel zustrebt. Mithilfe der Instrumente der Klassiker will er die spezifischen Antriebskräfte, das »Naturgesetz« der kapitalistischen Wirtschaftsentwicklung offenlegen.
Marx lebt in einer für die Wirtschaftswissenschaften höchst spannenden Zeit. Das 19. Jahrhundert ist die Geburtsstunde der Ökonomie als eigenständiger Disziplin, erstmals setzt man sich systematisch mit wirtschaftlichen Fragen auseinander.
Das geschieht zunächst vor allem in Großbritannien, wo die industrielle Revolution beginnt. Das geistige Klima dort ist ein zutiefst pessimistisches. Dabei hatte der schottische Philosoph Adam Smith noch geglaubt, dass die Industrialisierung Wohlstand für alle bringen würde, als er 1776 sein Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen (The Wealth of Nations) veröffentlichte und damit die moderne Nationalökonomie begründete. In der Hochphase der Klassik ein halbes Jahrhundert später geht diese Zuversicht verloren.
Der wichtigste Autor jener Jahre ist David Ricardo, ein Londoner Börsenmakler, der es zu einem der reichsten Männer Englands gebracht und sich dann der Wissenschaft zugewandt hat. Er kann die ersten negativen Begleiterscheinungen der Industrialisierung beobachten. In den 1817 erscheinenden Grundsätzen der politischen Ökonomie und der Besteuerung (Principles of Political Economy and Taxation) zeigt Ricardo, warum die Wirtschaft aus seiner Sicht langfristig stagnieren wird: Eine wachsende Ökonomie ist demnach auf immer mehr Arbeitskräfte angewiesen. Damit aber werden auch immer mehr Lebensmittel benötigt. Die natürlichen Ressourcen sind jedoch begrenzt, es müssen also immer schlechtere Ackerböden bebaut werden. Der technische Fortschritt kann das nicht ausgleichen, und so steigen die Lebensmittelpreise. Die Folge: Fabrikanten und Grundbesitzer müssen den Arbeitern höhere Löhne zahlen.
In der Theorie Ricardos sinken die Profite automatisch, wenn die Löhne steigen, und weniger Profit bedeutet weniger Investitionen. Damit aber kann sich die materielle Lage nicht weiter verbessern. Einen Ausweg aus der Massenarmut gibt es für Ricardo nicht, denn die Arbeiter, so meint er, erhalten stets nur so viel Lohn, wie sie für die Sicherung ihrer Existenz benötigen. Der »natürliche Preis der Arbeit« sei derjenige, der die Nahrungsmittelversorgung der Arbeiter so regelt, dass es weder zu Überbevölkerung kommt (weil die Arbeiter größere Familien unterhalten können) noch zu Hungersnöten.
Spürbar ist hier der Einfluss seines Freundes Thomas Malthus. Der hatte versucht nachzuweisen, dass steigende Löhne zu einer Bevölkerungsexplosion führen, wodurch der Lebensstandard wieder sinkt. Eine solche Theorie mag in heutigen Zeiten abnehmender Geburtenraten ungewöhnlich klingen, damals lag sie nahe. Von der Antike bis in das 19. Jahrhundert hinein stagnierte der Lebensstandard der breiten Bevölkerung, erst in der Hochphase der Industrialisierung steigt er an. So wie Malthus oder Ricardo sehen fast alle Klassiker die Welt.
Eine Frage treibt die Denker damals besonders um: die nach dem Wert einer Ware. Wie viel ist ein Haus, ein Auto, ein Schuh wert? Und warum eigentlich? Von der Antwort hängt viel ab: wann Preise und Löhne in einer Wirtschaft als angemessen gelten können, was überhaupt unter Wohlstand zu verstehen ist.
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Adam Smith(17231790): Der schottische Moralphilosoph gilt als Begründer der klassischen Nationalökonomie. Das Gewinnstreben des Einzelnen, so Smiths Grundgedanke, diene im freien Wettbewerb letztlich dem Wohle aller. Sein Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen« erschien 1776
Adam Smith vermeidet eine eindeutige Festlegung. Als sein Wealth of Nations Ricardo in die Hände fällt, ist der davon fasziniert und stürzt sich in die Arbeit. Er will eine klare Antwort auf die Wertfrage – und gibt sie. Die menschliche Arbeit, so meint Ricardo, sei der »letzte Wertstandard«. Die Güter tauschen sich im Verhältnis der für sie aufgewendeten Arbeit. Diese Arbeitswerttheorie wird zum Markenzeichen der Klassiker.
Auch Marx übernimmt sie. Dabei radikalisiert er die Lehre Ricardos sogar noch (wobei er ihm eine »große historische Bedeutung für die Wissenschaft« zugesteht). Arbeit ist für Marx nicht nur eine Verrechnungseinheit. Sie ist die Substanz eines Wertes, die »in letzter Instanz« die Marktpreise reguliert. »Ein Gebrauchswert oder Gut hat also nur einen Wert, weil abstrakte menschliche Arbeit in ihm vergegenständlicht oder materialisiert ist.« Sogar die Arbeit selbst ist in Marx’ Augen eine Ware wie jede andere. Ihr Wert könne also auch mit den Mitteln der Arbeitswertlehre bestimmt werden. Arbeit ist demnach so viel wert wie die »Unterhaltsmittel, die notwendig sind, um dem Arbeiter den Lebensunterhalt zu garantieren«. Damit reiche der Lohn im Kapitalismus gerade zum Überleben, alle Versuche der Gewerkschaftsbewegung, eine gerechtere Einkommensverteilung durchzusetzen, seien zum Scheitern verurteilt.
Die marxistische Lohntheorie ähnelt also im Ergebnis derjenigen der Klassiker. Sie wird jedoch nicht mehr durch das Wachstum der Bevölkerung begründet, sondern durch das Wertgesetz. Das ermöglicht es Marx, zu zeigen, dass das Verhältnis von Arbeiter und Kapitaleigentümer das einer systematischen Ausbeutung sein muss. Denn der Arbeiter kann mehr Wert schaffen, als zum Erhalt seiner Arbeitskraft nötig ist. Wenn er zehn Stunden arbeitet und in zwei Stunden seinen Lebensunterhalt verdient, dann arbeitet er die restlichen acht Stunden für den Kapitaleigentümer. Er generiert »Mehrwert, der den Kapitalisten mit allem Reiz einer Schöpfung aus Nichts anlacht«.
Die Arbeit unterscheidet sich damit von anderen Produktionsfaktoren wie zum Beispiel Rohstoffen, die ebenfalls in die Herstellung einfließen. Diese übertragen Marx zufolge nur ihren eigenen Wert in die Ware. Vereinfacht gesagt: Sie werden zum gleichen Preis verkauft wie eingekauft. Der Kapitalist könne aus ihnen keinen Mehrwert ziehen.
Während Marx die Arbeitswerttheorie verfeinert, ist die Suche nach Alternativen in vollem Gang. Schon Thomas Malthus, obwohl mit Ricardo befreundet, kann mit dessen Wertlehre nicht viel anfangen. Man beobachtet, dass die tatsächlichen Preise vieler Güter nicht den Arbeitsmengen entsprechen, und ringt mit dem Problem, verschiedene Arten der Arbeit zu vergleichen. Immer häufiger wird jetzt eine subjektive Sicht auf die Dinge eingenommen.
Der Wert eines Gutes hängt demnach nicht mehr von den Eigenschaften ab, die diesem Gut innewohnen. Er bestimmt sich vielmehr aus dem Nutzen, den es beim Konsumenten stiftet. Dieser Nutzen kann von Person zu Person, aber auch von Tag zu Tag variieren. Der Gedanke ist revolutionär: Aus ihm folgt, dass eine Ware, an der ein Arbeiter ein Jahr lang gearbeitet hat, nichts wert ist, wenn niemand sie kauft. Eine Ware, die in wenigen Minuten entstanden ist, kann hingegen ein Vermögen wert sein. »Nicht weil Männer nach einer Perle tauchen mussten, erzielt sie einen hohen Preis«, formuliert Richard Whatley, Professor in Oxford, im Jahr 1831, »im Gegenteil: Die Männer tauchen nach ihr, weil sie einen hohen Preis erzielt.«
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernimmt der europäische Kontinent von Großbritannien die Führung bei der Fortentwicklung der Ökonomie. Die Kontinentaleuropäer sind beeinflusst von der Subjektphilosophie René Descartes’ und Immanuel Kants, der zufolge eine objektive Erkenntnis der Wirklichkeit nur begrenzt möglich ist. Die Ökonomen jener Jahre geben die Kategorie Wert nach und nach auf und konzentrieren sich ganz auf den Preis, den sie als Resultat von Angebot und Nachfrage begreifen. In einem solchen Gedankengebäude muss der Preis der Arbeit, also der Lohn, nicht mehr zwingend auf dem Subsistenzniveau verharren. Und es schafft die Voraussetzungen, um neben der Arbeit auch Kapital und Technologie als Wert schaffende Produktivkräfte zu begreifen. Gegen Ende des Jahrhunderts wird die neue Sicht von den sogenannten Neoklassikern, eine Gruppe von Denkern um den Österreicher Carl Menger und den Franzosen Léon Walras, ausgebaut und in mathematische Modelle gegossen. Diese prägen auch heute noch die Lehrbücher der Volkswirtschaft.
Marx hat für diese Gedanken nichts als Verachtung übrig. Er hält sie für »Vulgärökonomie, die sich nur innerhalb des scheinbaren Zusammenhangs herumtreibt«. Die politische Ökonomie der Klassiker hingegen erforsche »den innern Zusammenhang der bürgerlichen Produktionsverhältnisse«. Die Arbeitswertlehre nach Ricardo ist für ihn ein Instrument, zum objektiven Kern des Kapitalismus durchzudringen und dabei zu durchbrechen, was er als gesellschaftlichen Schein und Ideologie enttarnt zu haben glaubt. Die klassische Lehre von der Stagnation der Wirtschaft habe Ricardo allerdings nicht ausreichend begründet.
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David Ricardo (1772 - 1823): Der britische Ökonom wurde mit seiner Schrift »Grundsätze der politischen Ökonomie und der Besteuerung« (1817) berühmt. Darin entwickelt er eine Theorie des Außenhandels, der zufolge ein Land dann den größten wirtschaftlichen Vorteil erziele, wenn es nur die Güter produziere, die es am kostengünstigsten herstellen kann
Das Kapital erscheint fünfzig Jahre nach Ricardos Grundsätzen. Die Industrialisierung ist in diesen Jahren weiter fortgeschritten. Marx sieht, welche Produktivitätssteigerungen auch in der Landwirtschaft möglich sind. Im dritten Band formuliert er eine allgemeine Lehre vom Untergang des Kapitalismus, die diese Entwicklung berücksichtigt.
Ein wesentliches Element dieser Lehre ist das »innere Gesetz« vom »tendenziellen Fall der Profitrate«. Demnach zwingen Konkurrenzdruck und technischer Fortschritt die Kapitalisten dazu, mehr Rohstoffe und Maschinen einzusetzen. Am Ende werden die Waren von immer weniger Arbeitern hergestellt – und weil Marx zufolge nur die menschliche Arbeit Wert schöpfen kann, nimmt der Profit immer weiter ab. Zugleich verschlechtere sich die Lage der Arbeiter, denn es würden immer weniger von ihnen gebraucht. Oder, wie es Marx in einer Rede bei der Sitzung des Generalrats der Ersten Internationale 1865 in London formuliert: »Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken.« Schaufeln sich die Kapitalisten also letztlich ihr eigenes Grab, indem sie nach immer höheren Gewinnen streben?
Generationen von Ökonomen haben sich mit dem Gesetz vom Fall der Profitrate auseinandergesetzt – selbst Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts und vielleicht Deutschlands prominentester Volkswirt, hat einen wissenschaftlichen Aufsatz über das Thema verfasst. Die Experten bemängeln Widersprüche in der Argumentation (warum etwa sollten die Kapitalisten Arbeit durch Maschinen ersetzen, wenn sie wissen, dass dadurch ihr Profit sinkt?), und auch die Empirie ist nicht auf Marx’ Seite. Ein dauerhafter Fall der Profitrate ist bislang nicht zu beobachten.
Es könnte sein, dass sich Marx des Problems bewusst war, in jedem Fall hat er im Kapital ein zweites Erklärungsmuster für Krisen im Kapitalismus angelegt. An verschiedenen Stellen führt er diese darauf zurück, dass die hergestellten Waren nicht abgesetzt werden können. Der Grund: Die Arbeiter verfügen über zu wenig Kaufkraft, und die Kapitalisten häufen lieber Reichtum an, statt das Geld auszugeben, das sie den Arbeitern vorenthalten. Irgendwann muss die Produktion zurückgefahren werden, der Crash ist da. Der »letzte Grund aller realen Krisen«, schreibt Marx, sind »Armut und die eingeschränkten Konsummöglichkeiten der Massen«. In modernen Begriffen: Die Wirtschaft leidet an einem Mangel an Nachfrage. Ein halbes Jahrhundert später wird der britische Ökonom John Maynard Keynes diesen Gedanken aufnehmen.
Für die Klassiker um Ricardo, aber auch die Neoklassiker um Walras, war eine derartige Situation hingegen nicht vorstellbar. Sie glaubten fest an ein Gesetz, das der französische Ökonom Jean-Baptiste Say im Jahr 1803 aufgestellt hat. Danach entsteht bei jeder Produktion automatisch Einkommen, das ausgegeben wird. Das Angebot schafft sich seine Nachfrage selbst, die Wirtschaft ist immer im Gleichgewicht. Marx erklärt, lange vor Keynes, das Saysche Theorem für nicht haltbar. Wie nur konnte der kluge Ricardo auf »dies kindische Geschwätz« hereinfallen, wundert er sich. So führt Marx also zumindest ansatzweise die Kategorie der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage als Bestimmungsgröße für die Entwicklung einer Volkswirtschaft ein. Hätte er den Gedanken zu Ende geführt, dann hätte er sich die Wirtschaft als einen Kreislauf vorstellen müssen. In einem solchen Kreislauf wären die Löhne nicht mehr fixiert. In letzter Konsequenz würde auch der Profit der Kapitalisten von der Nachfrage, also vom Umsatz abhängen – und damit von einer angemessenen Entlohnung der Arbeitnehmer. Statt vom Anteil der menschlichen Arbeit in einer Ware, wie Marx glaubte, oder allein von den Kosten, wie Ricardo dachte.
Ob Marx so weit gegangen wäre, wenn er die Zeit gehabt hätte, ist allerdings fraglich. Der Preis dafür wäre immens gewesen. Gelten das Wertgesetz und das Gesetz von der fallenden Profitrate nicht mehr, so ist es erheblich schwieriger, den Zusammenbruch der Marktwirtschaft als eine logisch zwingende Entwicklung darzustellen. Denn wenn das Problem in der zu geringen Kaufkraft liegt, ist Abhilfe möglich – auch ohne Revolution. Es genügen Umverteilung und Lohnzuwächse. Die höheren Löhne kurbeln die Nachfrage an, und so entstehen, modern gesprochen, immer wieder neue Markt- und Gewinnchancen für die Unternehmen.
Genauso ist es auch gekommen. Die Reallöhne in Deutschland und Großbritannien etwa stiegen zwischen 1857 und 1957 im annähernd gleichen Maße wie die Wirtschaftsleistung. Es bildeten sich starke Gewerkschaften heraus, die Schutzrechte für die Arbeitnehmer erkämpften. Die Industrialisierung bescherte den Menschen quer durch die Schichten materiellen Wohlstand. Überzeugt davon, das destruktive Naturgesetz des Kapitalismus entschlüsselt zu haben, konnte Marx nicht erkennen, wie sehr soziale Lernprozesse Gesellschaften stabilisieren können. Dabei hatte er, genau wie Malthus, einfach Pech, dass diese Entwicklung zu seinen Lebzeiten gerade einsetzte.
Gerade deshalb lohnt heute die Auseinandersetzung mit Marx, wo angesichts der globalen Wirtschaftskrise oft das Ende des Kapitalismus beschworen wird. Tatsächlich gibt es Parallelen zur Lage Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Löhne in den Industriestaaten sind in den vergangenen Jahren kaum noch gestiegen, die Grenzen des Wachstums scheinen erreicht. Doch es wäre falsch, aus solchen Trends – wie seinerzeit Marx – den Zusammenbruch des Systems abzuleiten. Die aktuelle Krise schärft das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und faire Einkommensverteilung. Vielleicht verhindert das auch diesmal den Untergang des Kapitalismus.
Mark Schieritz, Jahrgang 1974, ist Finanzmarktkorrespondent der ZEIT in Frankfurt
- Datum 03.09.2009 - 15:37 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte, 26.08.2009 Nr. 03
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"Generationen von Ökonomen haben sich mit dem Gesetz vom Fall der Profitrate auseinandergesetzt – selbst Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts und vielleicht Deutschlands prominentester Volkswirt, hat einen wissenschaftlichen Aufsatz über das Thema verfasst. Die Experten bemängeln Widersprüche in der Argumentation (warum etwa sollten die Kapitalisten Arbeit durch Maschinen ersetzen, wenn sie wissen, dass dadurch ihr Profit sinkt?), und auch die Empirie ist nicht auf Marx’ Seite. Ein dauerhafter Fall der Profitrate ist bislang nicht zu beobachten."
1.) Warum die Kapitalisten die Arbeit durch Maschinen ersetzen sollen: ganz einfach, weil es für jeden einzelnen Kapitalisten profitabel ist. Er macht dann Surplusprofite, weil er seine Produkte billiger produzieren kann als die anderen. Erst wenn die anderen nachgezogen haben, was sie ja - jeder für sich - müssen, ist der Wert der Ware gesunken; dann macht jeder geringere Profite als vorher (und der Unterbietungswettbewerb geht in die nächste Runde). Der Grund liegt also darin, dass die Produktion der gesellschaftlich notwendigen Dinge privat erfolgt.
2.) Ein dauerhafter Fall ist schon zu beobachten: Z.B. sinken die Wachstumsraten seit dem zweiten Weltkrieg ständig (überlagert durch die zyklischen Schwankungen). Wenn man die Welt erneut kaputtschießt, kann's wieder bei Null losgehen ...
3.) Marx selbst formuliert ja Gegentendenzen, die dem Fall der Profitrate entgegenwirken, ich zitiere mal einige (http://www.mlwerke.de/me/...):
I. Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit
Die Arbeit muss dazu nicht unbedingt länger werden, sondern kann auch intensiver werden. Also z.B. was man heute merkt: Man muss super ausgebildet sein, "lebenslang lernen" und die Arbeit drückt sich weit ins Privatleben hinein.
II. Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert
Das ist die Hitlermethode: Die Arbeiterlöhne bei 50% des Vorkrisenwertes (vor 1929) halten. Nur mit massiven Problemen durchzusetzen, führt aber erst recht zum Kollaps!
V. Der auswärtige Handel
Z.B. Handel mit Weltregionen, die noch nicht im Kapitalismus sind; klassischer Imperialismus z.B; wenn ein Land noch nicht kapitalistisch ist, entsteht durch die Umstellung die Möglichkeit eines einmaligen Extraprofits (weil man ebenfalls dort billiger produzieren kann, weil ja die Arbeitskräfte sich bis dahin nicht-kapitalistisch reproduziert hatten)
VI. Die Zunahme des Aktienkapitals
Kreditpyramiden, insbesondere die letzen Jahrzehnte. Die haben das Wachstum ja durchaus "befeuert". Klappt aber irgendwann zusammen -> Phynanzkrise.
Der liberale Kapitalismus ist schon zusammengebrochen, nämlich 1929. Seitdem geht es nur noch mit massiven Staatsinterventionen.
Eine allgemeine Form der Gegentendenz ist die Ausweitung der Wertmasse, also das Hineinziehen von Lebensbereichen und Weltgegenden in den kapitalistischen Wertkreislauf.
Z.B. war bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die Reproduktion der Gesellschaft in großen Teilen nicht-kapitalistisch: Meine Großeltern haben bis kürzlich viel Gemüse selbst angebaut und auch Tiere zum Eigenbedarf gehalten. In anderen Weltgegenden umso stärker.
Der Zusammenbruch des Sozialismus war auch so eine Sache. Man hatte für die "Produktion" der dortigen Arbeiter nichts gezahlt und konnte sie nach der Wende gut ausbeuten, aber ihre Reproduktion wird man zahlen müssen - Profite fallen - oder die entsprechenden Gesellschaften fallen in die Krise (siehe z.B. Osteuropa).
Man kann sich die ökonomischen Graphen der letzten Jahrzehnte anschauen und die politischen Entscheidungen danebenlegen; dann sieht man, dass das politische Handeln heutzutage im Wesentlichen darauf aus ist, die verschiedenen Gegentendenzen zu stärken;
Der Kampf der Parteien ist häufig einer darum, welche man wählt: z.B. Exportorientierung (Deutschland), Senkung der Löhne (D, USA), Ausweitung des Kredits (überall) usw.
Z.B. als Anfang der 80er die Profite sanken, kamen die Reagonomics und Thatcher; seit den 70ern sind die Reallöhne in den USA gesunken! In D ging das (noch) nicht; u.a. wegen der Existenz der DDR. Dann kam die Wende und der Boom durch neue Gebiete, die in den Kreislauf kommen. Nachdem das auch nicht mehr reichte, wurden durch Rot-Grün dann auch hier niedrige Löhne durchgesetzt. Das hat die Profitraten erhöht, für den Preis einer wieder einsetzenden Verelendung in manchen Gesellschaftsteilen. Das senkt die Nachfrage (siehe Artikel), aber der Export machte es wett. Gleichzeitig die USA haben stärker auf fiktives Kapital gesetzt (Finanzmärkte etc.)
Man sieht, wie eine Gegentendenz nach der anderen drankommt. Heute ist die ganze Welt schon kapitalistisch, die Löhne fallen schon, der Imperialismus scheitert in Irak, Afghanistan etc. - es gibt nicht mehr viele Auswege.
"Denn wenn das Problem in der zu geringen Kaufkraft liegt, ist Abhilfe möglich – auch ohne Revolution. Es genügen Umverteilung und Lohnzuwächse."
Ja wenn dass so einfach wäre, dann erklären Sie uns doch bitte wie die "Umverteilung" aussehen soll und ob die Superreichen in Ihrer Theorie auch ohne Revolution mitspielen und Ihre Previlegien friedlich aufgeben... "Umverteilung" gibt es doch nur von unten nach oben aber nicht umgekehrt. Zwar wird schon seit Jahrzehnten versucht sinkende Preise durch Billigproduktion in Entwicklungsländern zu senken, womit man das Armutsproblem auszulagern möchte. Aber auch dass wird den Kapitalismus auf Dauer nicht retten.
"Die höheren Löhne kurbeln die Nachfrage an, und so entstehen, modern gesprochen, immer wieder neue Markt- und Gewinnchancen für die Unternehmen."
Ja welche Nachfrage denn? Leider stimmt das nicht, und ist etwas kurz gedacht wie Sie es beschreiben. Steigende Löhne für wen? Für Manager und Politiker (die Handlanger der Besitzenden)? Bitte seien Sie realistisch. Selbst im reichen Deutschland gibt es laut UNESCO Kinderarmut.
Alles was Marx über die Entwicklung und den Untergang des Kapitalismus dargelegt hat scheint sich schneller zu bewahrheiten als man sich das vorgestellt hat.. Auch wenn Sie dass scheinbar nicht erkennen können oder wollen.
Der Kapitalismus hatte seine Berechtigung und Notwendigkeit. Die ist aber wirklich nun schon endlos überschritten ( seit Jahrzehnten ausgelaufen).
Bitte seien Sie versichert, dass der Kapitalismus dort landen wird wo er letztendlich hingehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte.
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