Karl Marx und die Ökonomen seiner Zeit In bester GesellschaftSeite 4/4
Ob Marx so weit gegangen wäre, wenn er die Zeit gehabt hätte, ist allerdings fraglich. Der Preis dafür wäre immens gewesen. Gelten das Wertgesetz und das Gesetz von der fallenden Profitrate nicht mehr, so ist es erheblich schwieriger, den Zusammenbruch der Marktwirtschaft als eine logisch zwingende Entwicklung darzustellen. Denn wenn das Problem in der zu geringen Kaufkraft liegt, ist Abhilfe möglich – auch ohne Revolution. Es genügen Umverteilung und Lohnzuwächse. Die höheren Löhne kurbeln die Nachfrage an, und so entstehen, modern gesprochen, immer wieder neue Markt- und Gewinnchancen für die Unternehmen.
Genauso ist es auch gekommen. Die Reallöhne in Deutschland und Großbritannien etwa stiegen zwischen 1857 und 1957 im annähernd gleichen Maße wie die Wirtschaftsleistung. Es bildeten sich starke Gewerkschaften heraus, die Schutzrechte für die Arbeitnehmer erkämpften. Die Industrialisierung bescherte den Menschen quer durch die Schichten materiellen Wohlstand. Überzeugt davon, das destruktive Naturgesetz des Kapitalismus entschlüsselt zu haben, konnte Marx nicht erkennen, wie sehr soziale Lernprozesse Gesellschaften stabilisieren können. Dabei hatte er, genau wie Malthus, einfach Pech, dass diese Entwicklung zu seinen Lebzeiten gerade einsetzte.
Gerade deshalb lohnt heute die Auseinandersetzung mit Marx, wo angesichts der globalen Wirtschaftskrise oft das Ende des Kapitalismus beschworen wird. Tatsächlich gibt es Parallelen zur Lage Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Löhne in den Industriestaaten sind in den vergangenen Jahren kaum noch gestiegen, die Grenzen des Wachstums scheinen erreicht. Doch es wäre falsch, aus solchen Trends – wie seinerzeit Marx – den Zusammenbruch des Systems abzuleiten. Die aktuelle Krise schärft das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit und faire Einkommensverteilung. Vielleicht verhindert das auch diesmal den Untergang des Kapitalismus.
Mark Schieritz, Jahrgang 1974, ist Finanzmarktkorrespondent der ZEIT in Frankfurt
- Datum 03.09.2009 - 15:37 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte, 26.08.2009 Nr. 03
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"Generationen von Ökonomen haben sich mit dem Gesetz vom Fall der Profitrate auseinandergesetzt – selbst Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner ifo Instituts und vielleicht Deutschlands prominentester Volkswirt, hat einen wissenschaftlichen Aufsatz über das Thema verfasst. Die Experten bemängeln Widersprüche in der Argumentation (warum etwa sollten die Kapitalisten Arbeit durch Maschinen ersetzen, wenn sie wissen, dass dadurch ihr Profit sinkt?), und auch die Empirie ist nicht auf Marx’ Seite. Ein dauerhafter Fall der Profitrate ist bislang nicht zu beobachten."
1.) Warum die Kapitalisten die Arbeit durch Maschinen ersetzen sollen: ganz einfach, weil es für jeden einzelnen Kapitalisten profitabel ist. Er macht dann Surplusprofite, weil er seine Produkte billiger produzieren kann als die anderen. Erst wenn die anderen nachgezogen haben, was sie ja - jeder für sich - müssen, ist der Wert der Ware gesunken; dann macht jeder geringere Profite als vorher (und der Unterbietungswettbewerb geht in die nächste Runde). Der Grund liegt also darin, dass die Produktion der gesellschaftlich notwendigen Dinge privat erfolgt.
2.) Ein dauerhafter Fall ist schon zu beobachten: Z.B. sinken die Wachstumsraten seit dem zweiten Weltkrieg ständig (überlagert durch die zyklischen Schwankungen). Wenn man die Welt erneut kaputtschießt, kann's wieder bei Null losgehen ...
3.) Marx selbst formuliert ja Gegentendenzen, die dem Fall der Profitrate entgegenwirken, ich zitiere mal einige (http://www.mlwerke.de/me/...):
I. Erhöhung des Exploitationsgrads der Arbeit
Die Arbeit muss dazu nicht unbedingt länger werden, sondern kann auch intensiver werden. Also z.B. was man heute merkt: Man muss super ausgebildet sein, "lebenslang lernen" und die Arbeit drückt sich weit ins Privatleben hinein.
II. Herunterdrücken des Arbeitslohns unter seinen Wert
Das ist die Hitlermethode: Die Arbeiterlöhne bei 50% des Vorkrisenwertes (vor 1929) halten. Nur mit massiven Problemen durchzusetzen, führt aber erst recht zum Kollaps!
V. Der auswärtige Handel
Z.B. Handel mit Weltregionen, die noch nicht im Kapitalismus sind; klassischer Imperialismus z.B; wenn ein Land noch nicht kapitalistisch ist, entsteht durch die Umstellung die Möglichkeit eines einmaligen Extraprofits (weil man ebenfalls dort billiger produzieren kann, weil ja die Arbeitskräfte sich bis dahin nicht-kapitalistisch reproduziert hatten)
VI. Die Zunahme des Aktienkapitals
Kreditpyramiden, insbesondere die letzen Jahrzehnte. Die haben das Wachstum ja durchaus "befeuert". Klappt aber irgendwann zusammen -> Phynanzkrise.
Der liberale Kapitalismus ist schon zusammengebrochen, nämlich 1929. Seitdem geht es nur noch mit massiven Staatsinterventionen.
Eine allgemeine Form der Gegentendenz ist die Ausweitung der Wertmasse, also das Hineinziehen von Lebensbereichen und Weltgegenden in den kapitalistischen Wertkreislauf.
Z.B. war bis in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die Reproduktion der Gesellschaft in großen Teilen nicht-kapitalistisch: Meine Großeltern haben bis kürzlich viel Gemüse selbst angebaut und auch Tiere zum Eigenbedarf gehalten. In anderen Weltgegenden umso stärker.
Der Zusammenbruch des Sozialismus war auch so eine Sache. Man hatte für die "Produktion" der dortigen Arbeiter nichts gezahlt und konnte sie nach der Wende gut ausbeuten, aber ihre Reproduktion wird man zahlen müssen - Profite fallen - oder die entsprechenden Gesellschaften fallen in die Krise (siehe z.B. Osteuropa).
Man kann sich die ökonomischen Graphen der letzten Jahrzehnte anschauen und die politischen Entscheidungen danebenlegen; dann sieht man, dass das politische Handeln heutzutage im Wesentlichen darauf aus ist, die verschiedenen Gegentendenzen zu stärken;
Der Kampf der Parteien ist häufig einer darum, welche man wählt: z.B. Exportorientierung (Deutschland), Senkung der Löhne (D, USA), Ausweitung des Kredits (überall) usw.
Z.B. als Anfang der 80er die Profite sanken, kamen die Reagonomics und Thatcher; seit den 70ern sind die Reallöhne in den USA gesunken! In D ging das (noch) nicht; u.a. wegen der Existenz der DDR. Dann kam die Wende und der Boom durch neue Gebiete, die in den Kreislauf kommen. Nachdem das auch nicht mehr reichte, wurden durch Rot-Grün dann auch hier niedrige Löhne durchgesetzt. Das hat die Profitraten erhöht, für den Preis einer wieder einsetzenden Verelendung in manchen Gesellschaftsteilen. Das senkt die Nachfrage (siehe Artikel), aber der Export machte es wett. Gleichzeitig die USA haben stärker auf fiktives Kapital gesetzt (Finanzmärkte etc.)
Man sieht, wie eine Gegentendenz nach der anderen drankommt. Heute ist die ganze Welt schon kapitalistisch, die Löhne fallen schon, der Imperialismus scheitert in Irak, Afghanistan etc. - es gibt nicht mehr viele Auswege.
"Denn wenn das Problem in der zu geringen Kaufkraft liegt, ist Abhilfe möglich – auch ohne Revolution. Es genügen Umverteilung und Lohnzuwächse."
Ja wenn dass so einfach wäre, dann erklären Sie uns doch bitte wie die "Umverteilung" aussehen soll und ob die Superreichen in Ihrer Theorie auch ohne Revolution mitspielen und Ihre Previlegien friedlich aufgeben... "Umverteilung" gibt es doch nur von unten nach oben aber nicht umgekehrt. Zwar wird schon seit Jahrzehnten versucht sinkende Preise durch Billigproduktion in Entwicklungsländern zu senken, womit man das Armutsproblem auszulagern möchte. Aber auch dass wird den Kapitalismus auf Dauer nicht retten.
"Die höheren Löhne kurbeln die Nachfrage an, und so entstehen, modern gesprochen, immer wieder neue Markt- und Gewinnchancen für die Unternehmen."
Ja welche Nachfrage denn? Leider stimmt das nicht, und ist etwas kurz gedacht wie Sie es beschreiben. Steigende Löhne für wen? Für Manager und Politiker (die Handlanger der Besitzenden)? Bitte seien Sie realistisch. Selbst im reichen Deutschland gibt es laut UNESCO Kinderarmut.
Alles was Marx über die Entwicklung und den Untergang des Kapitalismus dargelegt hat scheint sich schneller zu bewahrheiten als man sich das vorgestellt hat.. Auch wenn Sie dass scheinbar nicht erkennen können oder wollen.
Der Kapitalismus hatte seine Berechtigung und Notwendigkeit. Die ist aber wirklich nun schon endlos überschritten ( seit Jahrzehnten ausgelaufen).
Bitte seien Sie versichert, dass der Kapitalismus dort landen wird wo er letztendlich hingehört: Auf den Müllhaufen der Geschichte.
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