Das politische Erbe Im Namen des VatersSeite 4/4
Die von Deng Xiaoping eingeleitete Wendung zur marktwirtschaftlichen und realiter kapitalistischen Entwicklung Chinas unter politischer Führung könnte indes auch durch Berufung auf Marx gerechtfertigt werden: Die unabdingbare Voraussetzung der Verwirklichung einer sozialistischen Gesellschaft war für ihn eine weit fortgeschrittene industrielle Entwicklung, die nur durch die immense Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise zustande gebracht werden könne. Das Beispiel der Sowjetunion zeigt, dass eine staatliche Planökonomie das nicht im selben Maße zu leisten vermochte. Einstweilen zögern chinesische Kommunisten aber noch, sich solchermaßen auf den »realistischen« Marx zu berufen. Vielleicht weil dann der Umweg über die Errichtung eines staatssozialistischen Landes nach 1949 und das große Verdienst Mao Tse-tungs, der nach wie vor glorifiziert wird, nicht mehr gerechtfertigt werden könnten.
IV. Die Revolutionen und Karl Marx
Der Blick auf die Geschichte der kommunistischen Regime von Russland bis China und von Kuba bis Vietnam zeigt, dass in keinem einzigen dieser durchweg ökonomisch rückständigen Länder die beiden entscheidenden Punkte der Marxschen Revolutionsprognose erfüllt waren: dass sich die Revolution in entwickelten Industriegesellschaften und in einem internationalen Zusammenhang ereignen würde. Die Paradoxie der realen historischen Entwicklung bestand darin, dass fast überall eine sich proletarisch nennende Revolution und die Herrschaft einer Monopolpartei dazu genutzt wurden, durch eine technokratische und bürokratische Planökonomie eine Industriegesellschaft überhaupt erst zu entwickeln. Lenin hat dieses Vorgehen 1923 in seiner Schrift Über unsere Revolution explizit gefordert und den Einwand, eine sozialistische Revolution sei in einem kulturell rückständigen Land nicht möglich, mit den Worten zurückgewiesen: »Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist [...], warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzung für dieses bestimmte Niveau zu erringen, und dann erst [...] vorwärtsschreiten und die anderen Völker einholen?« Klarer kann der Unterschied zwischen der von Marx und der von Lenin konzipierten Revolution nicht formuliert werden.
Marx, und noch nachdrücklicher Engels, war überzeugt, eine wissenschaftliche Theorie der Entwicklung moderner Industriegesellschaften formuliert zu haben. Diese Überzeugung haben Lenin und seine Nachfolger übernommen, ohne indes die kritischen Aspekte der Marxschen Theorie erkannt zu haben. Vor allem übersahen sie so gut wie vollständig die von Marx erkannte und analysierte Progressivität der kapitalistischen Wirtschaftsweise und deren ausschlaggebende Bedeutung für den zu schaffenden Sozialismus.
Eine gewisse Mitverantwortung der Marxschen Theorie für die totalitären Systeme, die sich auf sie beriefen, liegt höchstens darin, dass Marx für die nachrevolutionäre Gesellschaft keinerlei verbindliche politische Form vorgesehen hat. Seine utopische Prognose besagte stattdessen, dass eine politische Ordnung, ein Staat nicht mehr notwendig sei, weil die befreiten Menschen im höheren Stadium der postrevolutionären Gesellschaft sich spontan sozial zueinander verhalten würden. Diese Annahme, dass soziale Konflikte in einer Gesellschaft nur dann entstehen, wenn es Privateigentum an Produktionsmitteln gibt, war sein vermutlich größter Irrtum.
Iring Fetscher, Jahrgang 1922, hat bis zu seiner Emeritierung 1987 Politikwissenschaft an der Universität Frankfurt gelehrt. Seit den fünfziger Jahren hat er zahlreiche Monografien zu Karl Marx und zur Geschichte des Marxismus veröffentlicht
- Datum 03.09.2009 - 15:43 Uhr
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- Quelle ZEIT Geschichte, 26.08.2009 Nr. 03
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Sehr interessante Gedanken ! Mir ist so etwas ähnliches auch schon in den Sinn gekommen:
Marx war in Grunde eher ein Prophet der Kapitalismus als der "Marxismus"
Er hat den Begriff Kapitalismus geprägt und erfunden in einer Zeit, in der die Zeitgenossen überhaupt keinen Schimmer davon hatten, was gerade entsteht, oder entstehen wird. Er entdeckte die Begriffe Kapital und Arbeit in einer Zeit in der die Welt von Fürsten regiert wurden, in denen die meisten Menschen immer noch in feudalen Strukturen oder städtischen Zünften lebten. In der Morgendämmerung erschienen im Zwielicht die neuen Strukturen, wo unternehmerische Aktivitäten Geld sammelten und mit den Dampfmaschinen und mechanischen Webstühlen einst die Welt auf den Kopf stellen sollten.
Ich habe mich oft gefragt, wie Marx trotz dieser brillanten Analyse seiner Gegenwart so unklar war mit der Beschreibung dessen, was nach der Diktatur des Proletariats kommen sollten. Ich glaube, er hat einfach nicht mit dem großen und schnellen Erfolg seiner Ideen gerechnet, und hat das vertagt, oder hatte keine Zeit mehr. Eigentlich unverantwortlich: einerseits gute Analyse der Fakten, dann aber erratische Prognosen und am Ende eine Utopie, es werde schon alles gut in der klassenlosen Gesellschaft. Sehr fatal... Vielleicht dachte er als Hegelianer, dass sich ein System von selbst optimiere ?
Keine Ahnung...
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