ZEIT Geschichte 01/2010 – Das MittelalterZwischen Himmel und Hölle

Das Mittelalter war eine Zeit voller Widersprüche: Der Historiker Johannes Fried über die Zumutungen des Alltags, den Aufstieg der Städte und die Geburt der Wissenschaft aus dem Geist der Apokalypse. von Christian Staasss

Ca. 800 n. Chr.: Die Soldaten Karls der Großen (742 - 814) in einer Schlacht gegen die "Barbaren". Miniaturdetail in der Bibliotheque Nationale, Paris, France

Ca. 800 n. Chr.: Die Soldaten Karls der Großen (742 - 814) in einer Schlacht gegen die "Barbaren". Miniaturdetail in der Bibliotheque Nationale, Paris, France  |  © Archive Photos/Getty Images

ZEIT Geschichte: Herr Fried, Sie kennen das Mittelalter wie kaum ein anderer. Hätten Sie gerne damals gelebt?

Johannes Fried: Um Himmels willen! Der entsetzliche Schmutz, der Gestank, man müsste sein gesamtes Sinnessystem zurückentwickeln, um das auszuhalten. Wir leben ja heute in einer beinah gestankfreien Welt. Die Menschen damals haben sich hingegen nicht wie wir täglich gewaschen; das Alltagsgewand war vielfältig geflickt, darin schlief man, arbeitete man, schwitzte man, fror man. Das stank! Die Abfallgrube? Na, gleich hinterm Haus. Das stank! Abtritte? Klatsch, klatsch, klatsch machte das, in Schlössern einfach runter an der Außenmauer. Das stank! Und dann das Reisen. Sie wollen von hier nach da? – Also los: auf Schusters Rappen. Vielleicht werden Sie mal ein Stückchen mit dem Pferdefuhrwerk mitgenommen. Und falls Sie selbst ein Pferd haben, Vorsicht: Nicht dass es von der Wiese der Bauern frisst, da kommt die Bauernschaft und schlägt Sie halb tot. Dazu die Kleinheit der Welt, die vielen Abhängigkeiten. Und wenn Sie in die Kirche gehen, da stehen Sie, da gibt’s keine Stühle. Dann das Essen, pfui Teufel, das schmeckt doch gar nicht – völlig versalzen! Also, wenn ich da gefragt werde, wollen Sie im Mittelalter leben? Nein. Ich könnte es nicht.

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ZEIT Geschichte: Das Mittelalter, das Sie in Ihren Büchern als so fortschrittlich preisen, war also doch ganz schön finster?

Fried: Es war buchstäblich finster! Die Menschen lebten in Holzhäusern mit winzigen Fensterluken. Im Innern der Häuser war es stockdunkel; es brannte ein Feuer, das war im Winter oft das einzige Licht. Die Leute hatten dadurch ständig vom Rauch gerötete und verklebte Augen. Wenn dann ein Heiliger kam und Blinde wieder sehen machte, war das meist nichts anderes als die Wirkung einer lindernden Salbe. Kerzen? Gab es, aber die waren unbezahlbar, aus reinem Bienenwachs. Wir wissen von Karl IV., dass er rund um die Uhr Kerzen brennen ließ, weil er sich sonst fürchtete, das kostete ein Vermögen. Ärmere Leute hatten höchstens Kienspäne, mit Harz getränktes Holz.

ZEIT Geschichte: Das Licht der Vernunft strahlte dafür umso heller, wenn man der These Ihrer jüngst erschienenen Gesamtdarstellung folgt. Oder ist das "vernünftige Mittelalter", wie Sie es beschreiben, am Ende eine ähnliche Projektion wie das finstere?

Fried: Die Vorstellung vom dunklen Mittelalter ist vor rund 300 Jahren entstanden, im Zeitalter der Aufklärung. Ich hoffe, dass meine Arbeit ein wenig besser mit kritischer Quellenlektüre abgesichert ist. Ich möchte mit der Aussage, dass insbesondere das 10. Jahrhundert, wie ich es formuliert habe, "der Vernunft verfallen war", auch keineswegs gesagt haben, dass es das klügste Jahrhundert der Geschichte gewesen sei, sondern dass in dieser Zeit erstmals und mit großem Interesse bestimmte Texte des Aristoteles wieder rezipiert wurden, nämlich die beiden ersten Texte über die Logik: die Kategorienlehre und die Lehre vom Satz, in denen Aristoteles das Fundament unserer abendländischen Vorstellung von rationaler Argumentation und Weltbeschreibung gelegt hat. An diesen Texten arbeiten sich die Gelehrten des hohen und späten Mittelalters ab. Die uns überlieferten Handschriften sind durchgängig glossiert. Zwischen den Zeilen und am Rand, alles ist voller Notizen: Was bedeutet das? Wie ist das weiterzudenken? Deshalb sage ich: der Vernunft verfallen. Hier beginnt der Weg zur Rationalisierung der europäischen Zivilisation.

Leserkommentare
  1. Es macht Spaß, erweitert den Horizont, diesen Artikel, respektive dieses Interview zu lesen. Hier lerne ich viel, sprachlich, geschichtlich und narrativ ein hochinteressanter Mann. Dabei um Neutralität und Plastizität bemüht, was nun wirklich kein einfacher Spagat ist. Danke an die Zeit Redaktion, auch und gerade abseits der Weltpolitik, der Westerwellen, der Olympioniken in dieser Zeit uns abtauchen zu lassen, uns anzuregen.

    Grüße

  2. für die Mittagspause. Leider kann ich dem Interview nicht entnehmen, wie die "jüngst erschienene Gesamtdarstellung" heißt. Auch wenn es erfrischend ist, mal nicht mit Eigenwerbung bombadiert zu werden, wäre eine Erwähnung des Titels für Kaufinteressierte schon nett gewesen...

    • kleios
    • 24. Februar 2010 13:31 Uhr

    großartige reflexionen eines meisters der mediävistik, auch wenn er sich (unbewußt?) in den konstruierten zeitgrenzen seines faches bewegt... die ausführungen über schmutz, gestank oder vom rauch gerötete augen sind nun sicher kein spezifisches merkmal für das mittelalter, sondern in weiten teilen europas und auch deutschlands - besonders in den ländlichen räumen - noch eine normalität bis weit in das 19. jahrhundert hinein. Auch in diesen ausführungen wird sichtbar, daß das klischee vom finsteren mittelalter selbst bei nahezu unumstrittenen fachleuten nicht auszurotten ist

  3. gibts es bis heute. In vielen Teilen Asiens hängt so ein Geruch, an dem sich aber vor allem Europäer stören, uns fällt er gar nicht mehr auf. In Tibet erblinden viele, weil dort mit Dung ohne vernünftigen Abzug geheizt wird an dem Rauch. Ich dachte übrigens, es heißt finsteres MA, weil es so wenige Quellen darüber gibt. Man ist reichlich blöd dran, wenn man heutige Maßstäbe anlegen möchte. Übrigens geht es doch bei Süßkinds Parfüm auch um den Gestank von Paris? Und das spielt ja während bzw. nach der Aufklärung.

  4. Nicht in Europa aber in Teilen Indiens oder in Laendern Afrikas ist dieses Zeitalter noch hoch lebendig. Damit ist nicht die geistige Entwicklung gemeint, sondern der physische Zustand in dem die Menschen leben.

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