ZEIT Geschichte 01/2010 – Das Mittelalter Zwischen Himmel und HölleSeite 4/4

ZEIT Geschichte: Wie gingen die Menschen des Mittelalters mit der Frage nach der Echtheit um?

Fried: Einem schriftlichen Beweis wurde nicht einfach geglaubt. Denn die mittelalterliche Gesellschaft ist von Mündlichkeit geprägt. Noch am Ende des Mittelalters können die meisten Menschen weder lesen noch schreiben. Ein Beweis musste deshalb durch Zeugen erbracht und beschworen werden. Erst seit dem 11. Jahrhundert wird der Schriftbeweis allmählich anerkannt. Gab es nun keine Zeugen mehr, musste im Streit ein anderer Weg gefunden werden. Man griff zum Gottesurteil, etwa dem gerichtlichen Zweikampf, in der Regel durch professionelle Kämpfer. Der Kampf entschied dabei nicht über die Echtheit einer Urkunde, sondern über die »Wahrheit«. Dahinter steht die Vorstellung, dass Gott eben der Wahrheit zum Sieg verhelfe. Der Zweikampf ist somit vor allem ein Pazifikationsmittel: Wer siegt, bekommt recht. Entscheidend war also weniger die Echtheit eines Dokuments als die Beendigung des Streits.

ZEIT Geschichte: Wie erkennen Sie heute als Historiker, was echt und »wahr« ist?

Fried: Bei Urkunden helfen grafische Elemente, Siegel, Gold- oder Bleibullen. Das eigentliche Problem für die historische Forschung aber liegt nicht primär in den vielen Urkundenfälschungen, sondern in einem viel weiter reichenden Phänomen: Zahlreiche Texte, auf die wir uns berufen, die erzählenden, berichtenden Quellen, sind durchs Gedächtnis gegangen. Und Menschen erinnern sich fehlerhaft. Neueren psychologischen Untersuchungen zufolge sind bis zu 40 Prozent dessen, was wir und wie wir es zu erinnern glauben, falsch. Sei es, indem man die Abfolge des Geschehens durcheinanderbringt oder sich an Leute erinnert, die gar nicht dabei waren, ja die es gar nicht gab! So dürfte der heilige Benedikt von Nursia eine erfundene Idealgestalt sein, die aufgrund der Autorität ihres Schöpfers, des heiligen Papstes Gregor des Großen, dessen eigene Züge sie trägt, Jahrzehnte später für real gehalten und fortan als historische Persönlichkeit erinnert wurde. Solche Fehlleistungen aufzuspüren ist natürlich äußerst schwierig. Das ist ein großes Problem für die Geschichtswissenschaft insgesamt – aber auch eine Chance, denn es lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass aus historischen Texten sehr viel mehr herauszuholen ist als nur sachliche Information über ein bestimmtes Geschehen. Die Texte etwa verraten etwas darüber, wie Menschen gedacht und gefühlt haben, welches Sprachvermögen sie hatten. Selbst Erfundenes gibt noch Auskunft darüber, was einstmals denkbar war und wichtig erschien. Der Philosoph und Wissenschaftler Roger Bacon etwa sagte schon im 13. Jahrhundert für die Zukunft Flugmaschinen und U-Boote voraus. Das war natürlich keine gängige Erwartung, aber Bacons Schriften zeigen: Es lag im Rahmen des Denkbaren. Bacon hat, wenn man so sagen darf, schon ins 20. Jahrhundert geblickt!

ZEIT Geschichte: Angenommen, er hätte nicht nur in Gedanken in die Zukunft reisen können: Wie würde ein mittelalterlicher Mensch wie Bacon unsere heutige Welt wahrnehmen?

Fried: Er würde wahnsinnig! Allein der Lärm, die Masse an Menschen, das pausenlose Reden, die Maschinen, Autos, Straßenbahnen. Er würde erschrecken über die Technik: die Straßen, die großen Häuser, riesig, und alle aus Stein. Ja woher haben die denn das Geld?, würde er fragen. Auch unsere Art des Wirtschaftens wäre ihm fremd, erst recht die moderne Medizin: dass da einer zerschnippelt wird und am Ende doch wieder lebend und sogar gesund rauskommt. Wenn man einen damals geborenen Menschen aber an die Hand nehmen könnte, der zugleich noch jung und bildsam wäre, und ihm alles erklären könnte, dann würde er ohne Weiteres in unsere Welt hineinwachsen. Ein junger Roger Bacon, ein junger Abaelard – die würden das schaffen.

ZEIT Geschichte: Weil sie Ausnahmeerscheinungen waren?

Fried: Nicht nur deshalb. Die Bereitschaft, zu neuen Ufern vorzudringen, war durchaus typisch für die geistige Welt des hohen und späten Mittelalters. Denken Sie etwa an die unendlichen Schwierigkeiten, fremde Begriffe wie beispielsweise misericordia in die Volkssprachen, etwa das Deutsche, zu übertragen, in eine noch ganz »barbarische« Sprache ohne philosophische Begrifflichkeit und Werteordnung. Das erforderte ein jahrhundertelanges Ringen, bis sich die Übersetzung und mit ihr das Verständnis für eine der wunderbarsten Schöpfungen der Menschheit durchsetzt: »Barmherzigkeit«! Dieses unermüdliche Ringen um zunächst unverständliche Begriffe und neue Ideen, das macht für mich das Mittelalter und seine Faszination aus. Noch die spätere Aufklärung, noch wir heute zehren davon.

Die Fragen stellte Christian Staas

 
Leser-Kommentare
  1. Es macht Spaß, erweitert den Horizont, diesen Artikel, respektive dieses Interview zu lesen. Hier lerne ich viel, sprachlich, geschichtlich und narrativ ein hochinteressanter Mann. Dabei um Neutralität und Plastizität bemüht, was nun wirklich kein einfacher Spagat ist. Danke an die Zeit Redaktion, auch und gerade abseits der Weltpolitik, der Westerwellen, der Olympioniken in dieser Zeit uns abtauchen zu lassen, uns anzuregen.

    Grüße

  2. für die Mittagspause. Leider kann ich dem Interview nicht entnehmen, wie die "jüngst erschienene Gesamtdarstellung" heißt. Auch wenn es erfrischend ist, mal nicht mit Eigenwerbung bombadiert zu werden, wäre eine Erwähnung des Titels für Kaufinteressierte schon nett gewesen...

    • kleios
    • 24.02.2010 um 13:31 Uhr

    großartige reflexionen eines meisters der mediävistik, auch wenn er sich (unbewußt?) in den konstruierten zeitgrenzen seines faches bewegt... die ausführungen über schmutz, gestank oder vom rauch gerötete augen sind nun sicher kein spezifisches merkmal für das mittelalter, sondern in weiten teilen europas und auch deutschlands - besonders in den ländlichen räumen - noch eine normalität bis weit in das 19. jahrhundert hinein. Auch in diesen ausführungen wird sichtbar, daß das klischee vom finsteren mittelalter selbst bei nahezu unumstrittenen fachleuten nicht auszurotten ist

  3. gibts es bis heute. In vielen Teilen Asiens hängt so ein Geruch, an dem sich aber vor allem Europäer stören, uns fällt er gar nicht mehr auf. In Tibet erblinden viele, weil dort mit Dung ohne vernünftigen Abzug geheizt wird an dem Rauch. Ich dachte übrigens, es heißt finsteres MA, weil es so wenige Quellen darüber gibt. Man ist reichlich blöd dran, wenn man heutige Maßstäbe anlegen möchte. Übrigens geht es doch bei Süßkinds Parfüm auch um den Gestank von Paris? Und das spielt ja während bzw. nach der Aufklärung.

  4. Nicht in Europa aber in Teilen Indiens oder in Laendern Afrikas ist dieses Zeitalter noch hoch lebendig. Damit ist nicht die geistige Entwicklung gemeint, sondern der physische Zustand in dem die Menschen leben.

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