Das Mittelalter und das GeldWer Wucher trieb, war des Teufels

Warum das Mittelalter noch nicht dem kapitalistischen Denken verfallen war: Ein Gespräch mit dem großen französischen Mediävisten Jacques Le Goff von 

Der 86-jährige Historiker Jacques Le Goff begeisterte sich schon als Schulkind für das Mittelalter, nachdem er die Werke Walter Scotts, des Begründers des historischen Romans, gelesen hatte. Wir haben Le Goff in seinem Arbeitszimmer in Paris besucht, wo er inmitten unzähliger Bücher liest, schreibt, Rundfunksendungen moderiert und Gäste empfängt.

ZEIT Geschichte: Monsieur Le Goff, das Mittelalter kannte drei gesellschaftliche Rollen: Priester, Krieger und Arbeiter. Wie war in einer solch starren Ordnung Fortschritt möglich?

Jacques Le Goff: Die von Ihnen genannte Formel tauchte in der Karolingerzeit auf und nahm ihre definitive Form im 11. Jahrhundert an: Die oratores beten, die bellatores kämpfen, die laboratores arbeiten. Unter Mediävisten wird darüber debattiert, was unter laboratores zu verstehen sei. Manche glauben, es seien alle Handarbeiter gemeint, also Bauern und Handwerker, aber nach meiner Ansicht bezeichnet diese Formel nur die Eliten: die kirchlichen Amtsträger, die Ritter und jene Schicht landwirtschaftlicher Produzenten, die über ökonomische und intellektuelle Mittel verfügten, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen.

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ZEIT Geschichte: Wie taten sie das?

Le Goff:Europa war bis zum 9., 10. Jahrhundert mit Wald bedeckt. Dann setzte eine enorme Urbarmachung ein. Man erfand Werkzeuge, insbesondere den Pflug mit einem Streichbrett, das den aufgebrochenen Boden an die Seite warf, was das Ziehen der Furchen erleichterte. Ebenso machte die Mühlentechnik Fortschritte. Die Mühlen verbreiteten sich fast über ganz Europa und begründeten eine Präindustrie, namentlich für die Holzverarbeitung. Das Mittelalter war überwiegend eine Holzwelt. Deshalb waren Brände so gefährlich.

ZEIT Geschichte: Standen die laboratores im Konflikt mit den oratores und bellatores?

Le Goff: Es herrschte die Vorstellung, dass die Koexistenz der drei die Stabilität der Gesellschaft garantiere. Auch daher rührt die irrige, in der Aufklärung aufkommende Vorstellung, das Mittelalter sei eine düstere Zeit gewesen. Dabei gab es sehr wohl auch soziale Mobilität und Formen des Interessenausgleichs.

ZEIT Geschichte: Entdecken wir im Mittelalter nicht auch vieles, was unsere heutige Gesellschaft ausmacht?

Le Goff: Auch das ist ein Irrtum. Das Mittelalter war nicht der Beginn der Moderne, sondern eine eigenständige Zeit, weshalb ich dazu anregte, es zu betrachten wie ein Ethnologe, wenn er eine fremde Gesellschaft studiert. Das ist der Sinn der »historischen Anthropologie«, wie ich sie vertrete.

ZEIT Geschichte: Haben sich nicht wenigstens die Vorläufer des Kapitalismus herausgebildet?

Le Goff: Nein, das Mittelalter kannte keinen Präkapitalismus. Mehr und mehr Historiker verwerfen heute diese Idee von Fernand Braudel, Roland Barthes und Max Weber. Zwar vermehrten sich Münzprägung und Münzumlauf, aber es fehlte das Konzept des Geldes, so wie wir es heute verstehen. Das kam erst im 18. Jahrhundert auf. Es gab nicht unsere abstrakte Idee des Marktes, sondern es existierten vielerlei Märkte, jeder für sich, lokal, regional, und wer Waren von einem Markt zum nächsten bringen wollte, war auf Geldwechsler angewiesen. Deren Bedeutung nahm überhaupt erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts zu. Sie waren die ersten Bankiers und hießen deshalb so, weil sie in der Tat auf den Bänken der Straße und nicht etwa in Häusern ihrer Arbeit nachgingen, dem Geldwechseln. Mit den modernen Bankiers sind sie nicht zu vergleichen. Ein Fortschritt war dann, im 14. Jahrhundert, das Aufkommen der Wechsel, die es den Händlern ersparten, mit großen Mengen von Münzen auf Reisen gehen zu müssen – aber die Verbreitung der Wechsel war begrenzt. Selbst die Hanse gab sich nicht viel mit Geld im heutigen Sinne ab; eine Ausnahme waren die italienischen Handelsstädte.

Leserkommentare
  1. Sicher, als Smith den Wohlstand der Nationen schrieb, war der Mittelalter definitiv zu Ende, Aber der Anfang vom Ende ist älter, ich denke es sind verschiedene Daten, die das Neue einleiten und andere, die noch zum Alten gehören. Also die Entdeckung Amerikas ist Neuzeit, die Bekehrung der Indios Mittelalter, Gutenberg, Luther, Neuzeit. Bauernkrieg eine Mischung aus MA und Neuzeit. Das Heilige Römische Reich wurde immerhin erst 1806 gestrichen, 1820 noch befreiten die orthodoxen "Kreuzzügler" die Ungläubigen aus der drittheiligsten Stadt der Christenheit Istanbul, sehr altmodisch

    Aber es stimmt, die Menschen dachten anders fühlten anders, sie waren wirklich sehr gläubig, auch buchstäblich. Ich langweile mich immer sehr bei diesen Filmen über das Mittelalter, wenn unsere Wertewelt in diese alte Zeit übertragen wird. Neulich schaute meine Familie "Die Schwester des Königs" eine Märtessen Intrigengeschichte über den Vater Elisabeth I, Heinrich, der VII (?). Meine Güte, diese Leute sahen aus wie alle heute auf der Straße, nur mit lustigen Hüten, und es gab nur emanzipierte Frauen mit gekämmten Haaren usw.. Hallo? Diesen Leute hatten in Wirklichkeit Haare wie Hippies nur ohne Shampoo, haben sich wochenlang nicht gewaschen, die Könige, ritten von einer zugigen Burg zur nächsten und konnten kaum ihren Namen schreiben. Die jungen Frauen sind gestorben wie die Fliegen mit ihren ungeklärten Schwangerschaften. Wozu ist diese Verfälschung gut ? Geschichtskitsch,

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