Das Mittelalter und das Geld Wer Wucher trieb, war des TeufelsSeite 2/2

ZEIT Geschichte: Hatten die Geschäftsleute politische Strategien?

Le Goff: Gewiss. Aber sie hatten dort wenig Erfolg, wo starke Könige herrschten, also in Frankreich und England. Der einzige Kaufmann, der im mittelalterlichen Frankreich eine politische Rolle spielte, war Jacques Cœur (1395–1456), aber als man bei Hofe bemerkte, dass ihm sein Profit wichtiger als das Königreich war, setzte man ihn gefangen. Anders in Italien, dort spielten die Kaufleute eine politische Rolle, denken Sie nur an die Dogen. Die Hanse wiederum hatte komplexere Beziehungen zur Macht, genauer gesagt zur Politik in den Städten. Wurden die Kaufleute dort zu stark, dann kam es zu Konflikten, und ihr politischer Einfluss wurde wieder begrenzt.

ZEIT Geschichte: Begann im Mittelalter die Globalisierung, wie oft behauptet wird?

Le Goff: Viele sprechen von einem Beginn der Globalisierung im 15. Jahrhundert, aber mich überzeugt das nicht. Man musste da wohl eher das 16. Jahrhundert abwarten, mit der Umseglung Afrikas, um von einer Protoglobalisierung zu sprechen, und die liegt dann schon außerhalb der Periode, die üblicherweise das Mittelalter genannt wird...

ZEIT Geschichte: ... das für Sie aber länger dauert.

Le Goff: Ja, ich vertrete die Hypothese des »langen Mittelalters«, das bis zum 18.Jahrhundert reicht, denn erst dann entsteht, in England, echte Industrie und mit ihr das moderne Konzept der Ökonomie. Das Ende des Mittelalters wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts markiert, und zwar durch das Erscheinen des Buches The Wealth of Nations (1776) von Adam Smith.

ZEIT Geschichte: Er beschreibt ein Gesellschaftssystem, das wesentlich durch das Kapital strukturiert wird.

Le Goff: Und das war im Mittelalter eben nicht der Fall. Dessen ökonomisches Prinzip war die christliche Caritas. Im Mittelpunkt stand die Gabe. Auch die Händler und Bankiers sorgten sich in erster Linie um ihr Seelenheil. Sie müssen sich vergegenwärtigen, dass wirklich alle an das ewige Leben glaubten, und der Wucherzins, so viel war klar – der führte in die Hölle.

Die Fragen stellte Gero von Randow

 
Leser-Kommentare
  1. Sicher, als Smith den Wohlstand der Nationen schrieb, war der Mittelalter definitiv zu Ende, Aber der Anfang vom Ende ist älter, ich denke es sind verschiedene Daten, die das Neue einleiten und andere, die noch zum Alten gehören. Also die Entdeckung Amerikas ist Neuzeit, die Bekehrung der Indios Mittelalter, Gutenberg, Luther, Neuzeit. Bauernkrieg eine Mischung aus MA und Neuzeit. Das Heilige Römische Reich wurde immerhin erst 1806 gestrichen, 1820 noch befreiten die orthodoxen "Kreuzzügler" die Ungläubigen aus der drittheiligsten Stadt der Christenheit Istanbul, sehr altmodisch

    Aber es stimmt, die Menschen dachten anders fühlten anders, sie waren wirklich sehr gläubig, auch buchstäblich. Ich langweile mich immer sehr bei diesen Filmen über das Mittelalter, wenn unsere Wertewelt in diese alte Zeit übertragen wird. Neulich schaute meine Familie "Die Schwester des Königs" eine Märtessen Intrigengeschichte über den Vater Elisabeth I, Heinrich, der VII (?). Meine Güte, diese Leute sahen aus wie alle heute auf der Straße, nur mit lustigen Hüten, und es gab nur emanzipierte Frauen mit gekämmten Haaren usw.. Hallo? Diesen Leute hatten in Wirklichkeit Haare wie Hippies nur ohne Shampoo, haben sich wochenlang nicht gewaschen, die Könige, ritten von einer zugigen Burg zur nächsten und konnten kaum ihren Namen schreiben. Die jungen Frauen sind gestorben wie die Fliegen mit ihren ungeklärten Schwangerschaften. Wozu ist diese Verfälschung gut ? Geschichtskitsch,

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