Glaube und Vernunft »Verdammt ihr dies?«

Häretiker, Zweifler, Revolutionär: Der streitbare Philosoph Peter Abaelard war ein großer Liebender und ein Vordenker der Aufklärung.

Minne
Mittelalterliche Erhörung eines Minnen, er wird im Korb nach oben gezogen

Mittelalterliche Erhörung eines Minnen, er wird im Korb nach oben gezogen

Reichlich und fett war das Essen, schwer ist der Wein. Der Mundschenk hat Order bekommen, die Becher der Bischöfe stets gut zu füllen. »Die Kirchenobersten hatten, Philosophen der Gurgel, ihre Rundung mit feurigem Wein angefüllt, dessen Wärme sich in ihrem Schädel so festsetzte, dass sich die Augen aller in der Trägheit eines Nickerchens entspannten«, heißt es in einer Beschreibung der Geschehnisse jenes Abends des 25. Mai 1141. Aus manchen Winkeln der Kirche ist Schnarchen zu hören, lautes Rülpsen und Furzen. Und über allem die heisere Stimme eines Mönches, der den versammelten Würdenträgern aus einem Schriftstück vorliest. »Er schreibt, Christus habe nicht Fleisch angenommen, um uns vom Joch des Teufels zu befreien!«, hallt es durch das Gotteshaus. »Verdammt ihr dies?« Die noch nicht eingedösten Prälaten lachen, johlen und trampeln mit den Füßen. »Damnamus!«, rufen sie, wir verurteilen! Andere, für einen Moment aus trunkenem Schlummer gerissen, bringen lediglich ein gelalltes »namus« heraus, »wir schwimmen«. Und von Neuem erhebt sich die Stimme des Anklägers: »Er schreibt, dass Gott das Böse nicht hindern darf und nicht hindern kann! Verdammt ihr dies?«

Es ist nicht gesichert, ob es an jenem Abend in der Kirche des französischen Bischofssitzes Sens tatsächlich genau so zugegangen ist. Der Student Berengar von Poitiers, der das weinselige Scherbengericht geschildert hat, war ein Getreuer des Beschuldigten, dessen inkriminierte Sentenzen vorgelesen und verdammt wurden. Nicht auszuschließen, dass er die Versammlung zur Groteske verzerrt hat. Unbestritten aber ist, dass die Anklage alles perfekt inszeniert hatte, um an diesem Abend kräftig Stimmung gegen einen mutmaßlichen Feind der Kirche zu machen. Sie ließ ausnahmslos verkürzte und sinnentstellte Aussagen des vermeintlichen Ketzers verlesen, und der Beschuldigte konnte sich nicht einmal wehren: Das abendliche Gelage fand ohne ihn statt. Auf keinen Fall sollte er sich zu den Vorwürfen äußern können, denn die Anklage wollte einen ungewissen Ausgang des Prozesses vermeiden. Schließlich war der Feind scharfsinnig und gefürchtet. »Er ist ein Mann, der alle normalen Maßstäbe sprengt und die Tugend des Kreuzes Christi mit der Klugheit seiner Worte zunichtemacht«, hatte die Anklage die Geistlichkeit gewarnt. Auch die Gemeinden waren in Lynchstimmung gebracht worden. An diesem Abend durfte es nur einen Spruch geben: Wir verdammen!

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Als der Beschuldigte am nächsten Morgen vor dem Konzil zur Disputation über seine Thesen erscheint, ist die Entscheidung längst gefallen. Die Bischöfe fragen ihn lediglich, ob er leugne, die verurteilten Schriften verfasst zu haben. Zur Überraschung aller antwortet er nicht, sondern erhebt sich von seinem Platz und verlässt wortlos die Versammlung.

Papst Innozenz II., durch einen Brandbrief längst im Sinne der Anklage instruiert, bestätigt die Verurteilung. »Sollte nicht der Mund, der solche Dinge spricht, eher mit Knüppeln zerschmettert als mit vernünftigen Argumenten widerlegt werden?«, hatten ihm die Hüter des rechten Glaubens nahegelegt; wie ein Wahnsinniger wüte der Beschuldigte in der Heiligen Schrift, wüte gegen Vernunft und Glauben. Papst Innozenz II. weist an, den Ketzer in Klosterhaft zu nehmen und seine Schriften, »wo immer sie gefunden werden, dem Scheiterhaufen zu übergeben«.

Das Konzil von Sens markiert den Höhepunkt und das Ende einer Auseinandersetzung zwischen zwei der gelehrtesten, sprachgewandtesten und taktisch versiertesten Männer, die das Mittelalter hervorgebracht hat: Bernhard von Clairvaux und Peter Abaelard. Beide sind gottesfürchtige Mönche, beide haben sich die Suche nach dem rechten Glauben zum Lebensinhalt gemacht. Gerade das vereint sie in erbitterter intellektueller Gegnerschaft. Der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux ist der Ankläger von Sens, unerbittlicher Ketzerjäger und schneidiger Kreuzzugsprediger; ein wortgewaltiger Mystiker, für den die Erkenntnis Gottes eine Sache meditativer Versenkung in das Heilsgeheimnis ist, ein Resultat ergebener Frömmigkeit und keine Angelegenheit intellektueller Durchdringung. Genau dagegen wendet sich Peter Abaelard, der Angeklagte von Sens. Der rastlose Denker und Intellektuelle avant la lettre will die von Bernhard streng gehüteten Siegel aufbrechen, den Glauben entmystifizieren und ihn der Vernunft zugänglich machen. Die von ihm betriebene Verwissenschaftlichung der Theologie macht ihn mehr als 600 Jahre vor Kant zur Galionsfigur der »ersten Aufklärung«. Für den Philosophiehistoriker Kurt Flasch ist Abaelard schlicht »einer der erfolgreichsten Neuerer in der Geschichte der Philosophie«.

Schon früh erwacht in dem 1079 als Sohn eines Ritters im bretonischen Le Pallet geborenen Peter Abaelard die Liebe zum Wissen. Mit 16 Jahren beginnt er ein Studium der Dialektik; sein wissenschaftliches Interesse gilt den logischen Schriften des Aristoteles. Mit 23 Jahren gründet der begabte Hitzkopf dann selbst eine Schule für Logik. Auf die Studenten an den Kathedralschulen wirken die Disputationen des rhetorisch geschliffenen Abaelard mit den angesehensten Kirchenlehrern seiner Zeit, aus denen der junge Magister stets als Sieger hervorgeht, wie ein Magnet. Sie strömen in Scharen herbei und hängen an seinen Lippen.

In dieser Zeit lernt Abaelard auch die 17-jährige Heloise kennen; sie ist seine Privatschülerin, die beiden verlieben sich ineinander – der Beginn einer Tragödie, durch die Abaelard mindestens so viel Berühmtheit erlangen wird wie durch seine umstrittenen Schriften. Als Heloises Onkel und Beschützer, der Kanoniker Fulbert, von dem Verhältnis erfährt, versucht er zunächst, die Liebenden zu trennen. Doch Heloise ist bereits schwanger. Bei Abaelards Schwester in der Bretagne bringt sie ihren Sohn zur Welt. Abaelard sucht die Versöhnung mit Fulbert und bietet ihm an, Heloise zu heiraten – im Geheimen, damit sein Ansehen als Professor gewahrt bleibt. Heloise ist einverstanden, und so heiratet das Liebespaar – Fulbert aber hält sich nicht an die verabredete Geheimhaltung; außerdem setzt man Heloise im Haus ihres Onkels übel zu. Abaelard drängt Heloise deshalb, sich als Laienschwester in die Sicherheit eines Klosters zu begeben. Fulbert sieht sich betrogen: Er glaubt, Abaelard wolle sich aus der Ehe wegstehlen. »Sie bestraften mich«, klagt Abaelard in seiner Leidensgeschichte Historia Calamitatum, »mit der schrecklichsten und beschämendsten Vergeltung.« Bei Nacht lässt Heloises Onkel ihn von zwei Schergen überfallen und kastrieren.

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