Glaube und Vernunft »Verdammt ihr dies?«Seite 3/3

Ausgerechnet die antiken, also heidnischen Philosophen führt Abaelard dazu ins Feld. Seine Theologia christiana schließt mit dem Credo: »Ich glaube, dass keiner diese Dinge wirklich umfassend verstehen kann, wenn er sich nicht nächtelang mit Philosophie und vor allem mit Dialektik intensiv beschäftigt hat.« Abaelard ist fest davon überzeugt, dass das Christentum die vernünftigste aller Religionen ist und dass es zwar nicht gelingen kann, die Wahrheit über Gott auszusagen, »von der wir bekennen, dass wir sie nicht wissen können«, aber doch zumindest die Einwände der Ungläubigen durch Vernunft und Logik zu entkräften. Deshalb »haben wir uns entschieden, den Törichten ihrer Torheit entsprechend zu antworten und ihre Attacken mit denjenigen Kunstgriffen zu zerschlagen, mit denen sie uns bedrängen«.

Bernhard sieht in dieser Suche nach Erkenntnis eine große Gefahr, weil sie in seinen Augen von Eitelkeit befeuert wird und vom Glauben ablenkt. Nach seiner Überzeugung verfügten hinter Klostermauern eingeschlossene Mönche über weit größere und tiefere Erkenntnis als die in den Schulen disputierenden Magister vom Schlage Abaelards, »die alles bezweifeln, nichts wirklich wissen und die Geheimnisse Gottes bei ihren Eingeweiden herausreißen«.

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Nach der Verurteilung von 1141 wird Abaelard von einem befreundeten Abt in Klosterobhut genommen. Der Abt schildert ihn als einfachen, stillen Mönch, der fastete, betete, las, schrieb und gern schwieg. Am 21.April 1142, nicht einmal ein Jahr nach dem Konzil von Sens, stirbt Abaelard. Seine Gebeine ruhen heute auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise – Seite an Seite mit den sterblichen Überresten seiner großen Liebe Heloise.

Abaelards zweimalige Verurteilung als Häretiker verhinderte die Verbreitung seiner Schriften; sein Name geriet vorübergehend in Vergessenheit. Aber schon bald lösten seine Lehren eine intensive Diskussion über die Quellen der Moralität menschlichen Handelns aus. In seiner »Goldenen Regel« hatte Abaelard postuliert, ein jeder solle »einen so guten Willen dem anderen gegenüber haben, dass dieser sich nicht beklagen kann, so wie man auch selbst nicht will, dass einem von jenem etwas geschieht, worüber man sich zu Recht beklagen kann«. Ein solcher Imperativ des Handelns kündigt nach Ansicht des Würzburger Moraltheologen Stephan Ernst schon im 12. Jahrhundert ein »Gewissensverständnis wie bei Martin Luther und Gedanken echter Moralität wie bei Kant« an.

Heute gilt Abaelard als Wegbereiter einer Entwicklung, in der die Menschen sich erstmals als eigenständige, rational planende Subjekte verstanden. Im Abaelardschen Weltbild war der einzelne Mensch nicht mehr winzig, sondern wichtig. »Gott war nicht mehr oberster Feudalherr«, schreibt Kurt Flasch, »er war wesentlich Machtverzicht, wesentlich Liebe.« Ein Ansatz, auf Politik und Feudalordnung übertragen, der auch den weltlichen Machthabern durchaus gefährlich werden konnte. Vor allem diese politische Dimension erschließt Kurt Flaschs Urteil über das Enfant terrible des 12. Jahrhunderts: »Als Abaelard auftrat, machte die Weltgeschichte einen Ruck.«

Andreas Molitor, Jahrgang 1963, ist freier Journalist und lebt in Berlin

 
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