Ein Kupferstich zeigt die Hinrichtung Ludwig des XVI

Drei Tage nachdem er den Thron bestiegen hatte, traf der junge König seine erste bemerkenswerte Entscheidung: Am 3. Juni 1740 erging seine Verfügung, wonach keine Folter mehr angewandt werden dürfe – mit Ausnahme einiger weniger schwerer Vergehen wie zum Beispiel Landesverrat oder Massenmord. Der 28-jährige Friedrich II., den seine Zeitgenossen zwei Jahrzehnte später »den Großen« nennen würden, begann ohne Zögern seine Herrschaft im Zeichen des Neuen.

Neu war für das Heilige Römische Reich und das übrige Europa ein halbes Jahr später auch eine andere schnelle Entscheidung des preußischen Königs. »Brechen Sie auf zum Rendezvous mit dem Ruhm!«, rief er seinen Offizieren zu, als sie im Dezember 1740 nach Schlesien marschierten und völlig überraschend in das den Habsburgern gehörende Territorium einfielen. »Er agierte mit atemberaubender Geschwindigkeit«, urteilt der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark, »mit einer an Leichtsinn grenzenden Spontaneität.« Gegen alle Ratgeber hatte er sich vielleicht nur innerhalb eines Tages zu diesem (letztlich erfolgreichen) Angriffskrieg entschlossen – und damit die andere Seite seiner widersprüchlichen Regentschaft gezeigt. Noch ein Jahr zuvor hatte der Kronprinz seinen Anti-Machiavell geschrieben, in dem er einen aufgeklärten Herrscher avant la lettre als Ideal präsentierte.

Diese Janusköpfigkeit war es, die Friedrichs Rendezvous mit dem Ruhm andauern ließ. Seine amoralische »beständige Bereitschaft zu Allem«, wie es der Historiker Jacob Burckhardt im 19. Jahrhundert formulierte, faszinierte ebenso wie sein Wille, Preußen zu modernisieren. Die sich allmählich wandelnde deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts erblickte in ihm eine Leitgestalt, und das nicht nur in Preußen: »Und so war ich denn auch preußisch oder, um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt: denn was ging uns Preußen an.« So erinnerte sich Goethe in Dichtung und Wahrheit an seine Begeisterung als Kind in der freien Reichsstadt Frankfurt zur Zeit des Siebenjährigen Krieges.

Friedrich der Große wurde zum Helden der deutschen Aufklärer – der Flötenspieler von Sanssouci, der mit Voltaire korrespondierte, gelehrte Bücher verschlang und schrieb, jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollte und daher als toleranter Religionsskeptiker bekannt wurde: »Alle Religionen seindt Gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren [ausüben], Ehrlige leute seindt, und wen Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollen wir [für] sie Mosqueen und Kirchen bauen.« So erschien er vielen Intellektuellen als geeigneter Partner beim Projekt der Aufklärung, das während seiner 46 Jahre währenden Zeit als König machtvoll im Reich sich ausbreitete.

Aufgeklärten Absolutismus hat man die Regierungsform Friedrichs des Großen – ebenso wie die Josephs II. in Österreich – genannt, weil er mit seinem Selbstverständnis, erster Diener seines Staates zu sein, das jahrhundertealte Prinzip des Gottesgnadentums zu retten versuchte, das Kern des klassischen Absolutismus war. Jede Art von Herrschaftsteilung musste vermieden werden, von Verfassung durfte keine Rede sein, und doch wollte man sich der Zeit anpassen. In den Worten Jacob Burckhardts aus den 1870er Jahren: »Der Absolutismus, früher wesentlich dem Genuß seiner Macht und seinen Zwecken der Gier lebend, und sich auf sein göttliches Recht stützend als Sultanismus, beginnt sich auf den öffentlichen Nutzen zu wenden oder stellt sich wenigstens so.«

Letzteres darf man nicht aus dem Auge verlieren. So hofierte Friedrich Voltaire auch deshalb in Sanssouci, weil er sich einen Vorteil davon versprach: Er hoffte, dass Europa dadurch von ihm, dem bemerkenswerten Herrscher in Potsdam, erführe. Und die allmählich entstehende öffentliche Meinung machte er sich zunutze, weil es ihm half, Preußens Aufstieg zur Großmacht voranzutreiben, und seine Position gegenüber den konkurrierenden Fürsten im Reich zu stärken versprach. Ansonsten mokierte er sich über die absolutistischen Herrscherbräuche: »Auch noch der jüngste Sproß einer fürstlichen Linie stellt sich vor, eine Art Ludwig XIV. zu sein, will sein Versailles bauen und seine Mätressen haben.«

Es gibt eine Episode, die die Ambivalenz seines aufgeklärten Absolutismus trefflich vor Augen führt: 1754 hatte der König schließlich ein generelles Folterverbot ausgesprochen. In diesem Zuge veränderte er auch eine besonders grausame Hinrichtungspraxis, die des Räderns, bei dem der Todeskandidat auf ein Rad gespannt und in aller Öffentlichkeit zerquetscht wurde. Friedrich veranlasste, dass der Verurteilte vorab und ohne dass die Schaulustigen es bemerkten, erwürgt und erst dann gerädert wurde – Milde gegenüber dem Todgeweihten durch rascheren Tod bei fortbestehender Abschreckung der Menge. Den »Pöbel« aufklären: Darum ging es ihm nicht.

Während die französische Aufklärung vom zentralen Meinungsmarkt Paris zehrte, profitierte die deutsche Aufklärung von einem eigentlich als hoffnungslos rückständig erachteten Phänomen: der territorialen Zersplitterung des Heiligen Römischen Reiches. Natürlich gab es Verfolgung von Andersdenkenden, aber keine zentralisierte Zensur wie in Frankreich und daher bessere Möglichkeiten, auszuweichen: Nachdem der junge Schiller 1782 vom württembergischen Herzog Carl Eugen ins Gefängnis geworfen worden war, damit er nicht »dergleichen Zeugs« wie die rebellischen Räuber schriebe, konnte er später in andere deutsche Territorien fliehen und dort problemlos weiterarbeiten. So etwas war jenseits des Rheins schon sehr viel schwieriger.