Französische Revolution: Reform oder Revolution
In Frankreich geriet die Bewegung der Aufklärung nach dem Versailler Ballhausschwur im Juni 1789 zur offenen Erhebung. Derweil hoffte man in Deutschlands Groß- und Kleinstaaten weiter auf gute, aufgeklärte Fürsten wie Friedrich II. und Joseph II. und ihr »verständiges« Regiment.
Drei Tage nachdem er den Thron bestiegen hatte, traf der junge König seine erste bemerkenswerte Entscheidung: Am 3. Juni 1740 erging seine Verfügung, wonach keine Folter mehr angewandt werden dürfe – mit Ausnahme einiger weniger schwerer Vergehen wie zum Beispiel Landesverrat oder Massenmord. Der 28-jährige Friedrich II., den seine Zeitgenossen zwei Jahrzehnte später »den Großen« nennen würden, begann ohne Zögern seine Herrschaft im Zeichen des Neuen.
Neu war für das Heilige Römische Reich und das übrige Europa ein halbes Jahr später auch eine andere schnelle Entscheidung des preußischen Königs. »Brechen Sie auf zum Rendezvous mit dem Ruhm!«, rief er seinen Offizieren zu, als sie im Dezember 1740 nach Schlesien marschierten und völlig überraschend in das den Habsburgern gehörende Territorium einfielen. »Er agierte mit atemberaubender Geschwindigkeit«, urteilt der in Cambridge lehrende Historiker Christopher Clark, »mit einer an Leichtsinn grenzenden Spontaneität.« Gegen alle Ratgeber hatte er sich vielleicht nur innerhalb eines Tages zu diesem (letztlich erfolgreichen) Angriffskrieg entschlossen – und damit die andere Seite seiner widersprüchlichen Regentschaft gezeigt. Noch ein Jahr zuvor hatte der Kronprinz seinen Anti-Machiavell geschrieben, in dem er einen aufgeklärten Herrscher avant la lettre als Ideal präsentierte.
Diese Janusköpfigkeit war es, die Friedrichs Rendezvous mit dem Ruhm andauern ließ. Seine amoralische »beständige Bereitschaft zu Allem«, wie es der Historiker Jacob Burckhardt im 19. Jahrhundert formulierte, faszinierte ebenso wie sein Wille, Preußen zu modernisieren. Die sich allmählich wandelnde deutsche Gesellschaft des 18. Jahrhunderts erblickte in ihm eine Leitgestalt, und das nicht nur in Preußen: »Und so war ich denn auch preußisch oder, um richtiger zu reden, fritzisch gesinnt: denn was ging uns Preußen an.« So erinnerte sich Goethe in Dichtung und Wahrheit an seine Begeisterung als Kind in der freien Reichsstadt Frankfurt zur Zeit des Siebenjährigen Krieges.
Friedrich der Große wurde zum Helden der deutschen Aufklärer – der Flötenspieler von Sanssouci, der mit Voltaire korrespondierte, gelehrte Bücher verschlang und schrieb, jeden nach seiner Fasson selig werden lassen wollte und daher als toleranter Religionsskeptiker bekannt wurde: »Alle Religionen seindt Gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren [ausüben], Ehrlige leute seindt, und wen Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollen wir [für] sie Mosqueen und Kirchen bauen.« So erschien er vielen Intellektuellen als geeigneter Partner beim Projekt der Aufklärung, das während seiner 46 Jahre währenden Zeit als König machtvoll im Reich sich ausbreitete.
Aufgeklärten Absolutismus hat man die Regierungsform Friedrichs des Großen – ebenso wie die Josephs II. in Österreich – genannt, weil er mit seinem Selbstverständnis, erster Diener seines Staates zu sein, das jahrhundertealte Prinzip des Gottesgnadentums zu retten versuchte, das Kern des klassischen Absolutismus war. Jede Art von Herrschaftsteilung musste vermieden werden, von Verfassung durfte keine Rede sein, und doch wollte man sich der Zeit anpassen. In den Worten Jacob Burckhardts aus den 1870er Jahren: »Der Absolutismus, früher wesentlich dem Genuß seiner Macht und seinen Zwecken der Gier lebend, und sich auf sein göttliches Recht stützend als Sultanismus, beginnt sich auf den öffentlichen Nutzen zu wenden oder stellt sich wenigstens so.«
Letzteres darf man nicht aus dem Auge verlieren. So hofierte Friedrich Voltaire auch deshalb in Sanssouci, weil er sich einen Vorteil davon versprach: Er hoffte, dass Europa dadurch von ihm, dem bemerkenswerten Herrscher in Potsdam, erführe. Und die allmählich entstehende öffentliche Meinung machte er sich zunutze, weil es ihm half, Preußens Aufstieg zur Großmacht voranzutreiben, und seine Position gegenüber den konkurrierenden Fürsten im Reich zu stärken versprach. Ansonsten mokierte er sich über die absolutistischen Herrscherbräuche: »Auch noch der jüngste Sproß einer fürstlichen Linie stellt sich vor, eine Art Ludwig XIV. zu sein, will sein Versailles bauen und seine Mätressen haben.«
Es gibt eine Episode, die die Ambivalenz seines aufgeklärten Absolutismus trefflich vor Augen führt: 1754 hatte der König schließlich ein generelles Folterverbot ausgesprochen. In diesem Zuge veränderte er auch eine besonders grausame Hinrichtungspraxis, die des Räderns, bei dem der Todeskandidat auf ein Rad gespannt und in aller Öffentlichkeit zerquetscht wurde. Friedrich veranlasste, dass der Verurteilte vorab und ohne dass die Schaulustigen es bemerkten, erwürgt und erst dann gerädert wurde – Milde gegenüber dem Todgeweihten durch rascheren Tod bei fortbestehender Abschreckung der Menge. Den »Pöbel« aufklären: Darum ging es ihm nicht.
Während die französische Aufklärung vom zentralen Meinungsmarkt Paris zehrte, profitierte die deutsche Aufklärung von einem eigentlich als hoffnungslos rückständig erachteten Phänomen: der territorialen Zersplitterung des Heiligen Römischen Reiches. Natürlich gab es Verfolgung von Andersdenkenden, aber keine zentralisierte Zensur wie in Frankreich und daher bessere Möglichkeiten, auszuweichen: Nachdem der junge Schiller 1782 vom württembergischen Herzog Carl Eugen ins Gefängnis geworfen worden war, damit er nicht »dergleichen Zeugs« wie die rebellischen Räuber schriebe, konnte er später in andere deutsche Territorien fliehen und dort problemlos weiterarbeiten. So etwas war jenseits des Rheins schon sehr viel schwieriger.
Auch gestalteten sich die Verhältnisse längst nicht so statisch wie im französischen Absolutismus – schon deshalb, weil es permanent Herrscherwechsel und Neuanfänge nach Kriegen gab. Man könnte von Keimformen eines »Konkurrenzföderalismus« sprechen: Um im Mächtekonzert des Reiches nicht in den zahllosen Kriegen unterzugehen, existierte vielfach ein inhärenter Modernisierungsdruck.
Das galt erst recht für Friedrich, der sein armes Land mit Gewalt zur Großmacht werden lassen wollte, und so entstand in Preußen eine effektive Beamtenbürokratie, die nahe beim Herrscher arbeitete. Die Kameralistik, die späteren Staatswissenschaften, war bereits 1727 zum Lehrfach an den preußischen Universitäten Halle und Frankfurt an der Oder geworden; Göttingen, Leipzig, Jena und Wien folgten ihrem Beispiel. 1766 schrieb Voltaire an den Mitherausgeber der Encyclopédie Jean-Baptiste le Rond d’Alembert: »Sie würden es nicht glauben, welche Fortschritte die Vernunft in einem Teil Deutschlands gemacht hat.«
Das vielleicht wichtigste Resultat des aufgeklärten Absolutismus aber war das 1794 nach fünfzigjährigen Vorarbeiten verabschiedete preußische Allgemeine Landrecht, das in 19.000 einsätzigen Paragrafen das Recht kodifizierte – ein enormer Fortschritt, wenngleich die königliche Macht darin nicht beschränkt wurde. Das Gesamtbild jener Epoche bleibt daher paradox: Je aufgeklärter das Reich wird, desto unhaltbarer erscheint den Zeitgenossen seine politische Struktur. Patriotismus und Nationalismus wachsen. Doch durch die zahlreichen kleineren und größeren Reformen von oben kommt der Gedanke an eine Revolution erst gar nicht auf.
Noch 1784 hat Immanuel Kant in seiner berühmten Antwort auf die Frage »Was ist Aufklärung?« seinem König einen Kranz geflochten: »In diesem Betracht ist dieses Zeitalter das Zeitalter der Aufklärung oder das Jahrhundert FRIEDERICHS«, heißt es am Ende seiner Überlegungen, den Herrschernamen in Großbuchstaben geschrieben. Und Friedrich war auch mit diesem Satz gemeint: »Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: Räsonniert, soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!« Ob Kant die ironische Ambivalenz hier extra hat mitschwingen lassen, darüber können wir nur mutmaßen. Schonungslos bilanziert der Historiker Hans-Ulrich Wehler: »Tatsächlich ist jedoch der deutsche Reformabsolutismus mit seinem Aufholen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nur mühsam vorangekommen, vielerorts sogar stecken geblieben.« Verwaltungsmaßnahmen allein hätten »das bleierne Gewicht der gesellschaftlichen Traditionen« nicht beseitigen können. Dazu bedurfte es erst des Zermalmers Napoleon.
Doch das sind die Einsichten heutiger Historiker. Die Zeitgenossen damals fühlten sich nach dem Tode Friedrichs 1786 auf dem richtigen Weg. »Der gegenwärtige Zustand Europas nähert sich einer wohltätigen Revolution, einer Revolution, die nicht durch wilde Empörungen und Bürgerkriege, [...] nicht durch das verderbliche Ringen der Gewalt mit Gewalt bewirkt werden wird.« So lautete im Jahr 1788 die optimistische Prognose des Dichters Christoph Martin Wieland, eines der klügsten politischen Köpfe der deutschen Aufklärung. Er beschrieb damit recht genau den Erwartungshorizont der deutschen Aufklärer, die eine »wohltätige Revolution« herbeiwünschten, verstanden als allmähliche, grundlegende Veränderung der politischen Ordnung, die zur immer stärkeren Selbstbindung königlicher Herrschaft und Beteiligung breiterer Kreise daran führen würde. Den »gegenwärtigen Zustand Europas« sah Wieland nach den Erfahrungen und Entwicklungen der vorherigen Jahrzehnte auf gutem Weg dorthin – so wie Kant sich zwar noch nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, aber doch immerhin im Zeitalter der Aufklärung gewähnt hatte. Die Revolution, die ein Jahr später in Frankreich begann, entsprach so gar nicht Wielands Prognose. Doch das Unerwartete gehört zum Charakter einer solchen Umwälzung.
Auch für die Franzosen selbst kam die Revolution überraschend. Zwar waren die französischen Aufklärer – Voltaire, Montesquieu, Diderot oder auch Rousseau – weitaus radikaler als beispielsweise die deutschen gewesen. Doch da der französische Absolutismus über viele Jahrzehnte hinweg trotz dieses Radikalismus unerschütterlich geblieben war, rechnete niemand mit einer solch grundstürzenden Entwicklung – nicht einmal die Aufklärer selbst. Jacob Burckhardt hat in den 1860er Jahren die Lage am Vorabend der Revolution so beschrieben: »Die Macht kannte ihre künftigen Gegner noch nicht, schon weil diese sich selbst und vollends sich unter einander noch nicht kannten. Man trieb einem Niagarafall zu.« Einen Grund für diese Ahnungslosigkeit schob der große Schweizer Historiker hinterher: »Niemand aber konnte es wissen: die Nation hatte die Könige an Widerstandslosigkeit gewöhnt.« Die absolutistische Herrschaft wähnte sich sicher, weil alles aufklärerische Rumoren scheinbar folgenlos geblieben war; politische Veränderungen am System schienen daher unnötig.
Frankreich war seit dem Dreißigjährigen Krieg die unbestrittene, mit Abstand bevölkerungsreichste Großmacht des europäischen Kontinents, mit Kolonien in Indien und Nordamerika, und kulturell ohnehin für die Eliten aller anderen Länder Vorbild. Selbst Voltaire glaubte an das »große Jahrhundert« Frankreichs, das mit der Ära Ludwigs XIV., des »Sonnenkönigs« (1638–1715), begonnen habe. Voltaires intellektueller Partner auf dem preußischen Thron verehrte die französische Literatur und machte mehrfach seine Verachtung der deutschen Sprache öffentlich; sehr zum Verdruss der deutschen Aufklärer, die dem Ideal der französischen höfischen Kultur eine deutsche bürgerliche Kultur entgegenzusetzen begannen. Georg Christoph Lichtenberg notierte denn auch boshaft über Friedrich den Großen, es reime sich nicht, »ein Volk im Feld schlagen und in Büchern Herr nennen«.
In dieser scheinbaren Dominanz und in seinem sich selbst blendenden Glanz erstarrte der französische Absolutismus. Während in vielen Territorien des deutschen Reiches die Reformbürokratie an Macht und Einfluss gewann, verteidigte in Frankreich der Adel seine althergebrachten Privilegien. Der dritte Stand, seiner selbst noch nicht bewusst, hatte keinerlei Einfluss auf die Entscheidungen, die außerhalb von Paris, am Hof von Versailles, gefällt wurden. Eine der ersten Hauptforderungen in der Französischen Revolution war folgerichtig, dass der König von Versailles nach Paris ziehen sollte.
Als Ludwig XVI. 1788 im Zuge einer fortschreitenden Wirtschafts- und Finanzkrise Jacques Necker zum Minister machte, um die Sanierung der Staatsfinanzen zu betreiben, und am 5. Mai 1789 zum ersten Mal seit 175 Jahren die Generalstände einberufen wurden, um neue Steuern zu legitimieren, begann der Weg in die Revolution. Alexis de Tocqueville hat in seiner klassischen Deutung Der alte Staat und die Revolution von 1856 an diesem Beispiel demonstriert, dass es der gefährlichste Moment für eine schwache Regierung sei, wenn sie beginne, sich zu reformieren.
Doch wie morsch das System damals tatsächlich war, hatte niemand geahnt. Eine Finanzkrise konnte es nicht mehr bewältigen. Es war nicht zuletzt der so mächtige, auf den Herrscher ausgerichtete Zentralismus, der dem Absolutismus in dieser Situation zum Verhängnis wurde: Eine vom System nicht vorgesehene schwache Spitze konnte jetzt alles zum Einsturz bringen. Schon bald sollte die Revolution das alte Regime mit sich fortreißen.
War die Französische Revolution ein Kind der Aufklärung? Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, am 26. August 1789 von der Nationalversammlung verabschiedet, gehört zu den großartigen Dokumenten dieser Revolution und der politischen Ideengeschichte: ein Gipfelpunkt der Aufklärung, wenn man so will. Sie hebt mit den feierlichen Worten an: »Von ihrer Geburt an sind und bleiben die Menschen frei und an Rechten einander gleich.« Das war das Programm, das die Aufklärer jahrzehntelang lautstark und vergeblich debattiert hatten. Tocqueville hat deren Rolle vor 1789, im Ancien Régime, treffend charakterisiert: »Sie beschäftigten sich unablässig mit den Gegenständen, die sich auf die Regierung beziehen; ja im Grunde war das ihre eigentliche Beschäftigung« – derweil sie vollkommen machtfern blieben.
Nun gelangten die Erben der Aufklärer plötzlich in Entscheidungspositionen. Die neu erarbeiteten Verfassungen der kommenden Jahre waren inspiriert von Montesquieus Idee der Gewaltenteilung und Rousseaus volonté générale; unter der Herrschaft der Jakobiner wurde der 1778 verstorbene Rousseau 1794 feierlich ins Panthéon umgebettet. Doch mit dem einsetzenden Terror zeigte die Revolution zugleich auch ihr anderes Gesicht. Wie sehr die Jakobinerdiktatur 1793/94 aus einer Dialektik der Aufklärung folgt, wird wohl immer Gegenstand der Diskussion bleiben; Robespierre jedenfalls dachte seinen verehrten Rousseau und die Praxis der Guillotine in seiner blutigen Tugendherrschaft zusammen; am Ende starb er selbst unter dem Fallbeil.
Auch das Volk tauchte in der Französischen Revolution – in dieser Form zum ersten Mal in der Geschichte – als Machtfaktor auf. »An die Masse dachte gar Niemand; ihre Erscheinung, als sie dann wirklich auftrat, verblüffte Alle«, schreibt Jacob Burckhardt. Dass in der Metropole Paris so viele Menschen auf so engem Raum zusammenlebten, beschleunigte die revolutionären Prozesse immens. Flugschriften, Zeitungen, Gerüchte, Demonstrationen, Zusammenkünfte in politischen Klubs: Die Bevölkerung konnte sich hier rasch und effektiv organisieren – und das alles in fast unmittelbarer Nähe des Regierungssitzes. Schon unter dem alten Regime war in Paris eine aktive Öffentlichkeit mit einer mächtigen Gerüchteküche entstanden – jetzt brodelte die großstädtische Kommunikation von einst unablässig. So viel ist gewiss: Ohne Paris hätte es keine Revolution gegeben.
Terror und Gewalt schadeten dem Ansehen der Revolution im Ausland. Nur wenige begeisterte Anhänger wie der deutsche Jakobiner Georg Forster verblieben; die meisten Intellektuellen distanzierten sich entsetzt. 1793 hatte Wieland die Ereignisse in Frankreich noch zu erklären versucht und »die Epoche der höchsten Aufklärung« als stets diejenige beschrieben, »worin alle Arten von Spekulation, Wahnsinn und praktischer Schwärmerei am stärksten im Schwange gingen«.
Dass die Deutschen keine rechte Lust mehr auf eine Revolution hatten, lag aber sicher auch daran, dass sie das, was nach der Revolution kam, im Ganzen als verheerend empfanden: Denn das »Revolutionszeitalter« umfasste eben in ihren Augen auch Napoleon und seine zahllosen Kriege bis 1815, die große Teile Deutschlands betrafen und das morbide gewordene alte Reich unter sich begruben. Nur wenige wie Wieland oder Goethe vermochten in dem Kaiser der Franzosen nicht nur den Despoten, sondern auch einen Modernisierer zu sehen.
Umso bemerkenswerter sind die Worte Immanuel Kants, mit denen er 1798 in seiner Schrift Streit der Fakultäten noch einmal trotz »Elend und Greuelthaten« der Französischen Revolution huldigt: »Denn ein solches Phänomen in der Menschengeschichte vergißt sich nicht mehr, weil es eine Anlage und ein Vermögen in der menschlichen Natur zum Besseren aufgedeckt hat, dergleichen kein Politiker aus dem bisherigen Verlauf der Dinge herausgeklügelt hätte«. Diese Revolution finde in den »Gemüthern aller Zuschauer (die nicht selbst in diesem Spiele mit verwickelt sind) eine Theilnehmung dem Wunsche nach, die nahe an Enthusiasm grenzt«; das könne »keine andere als eine moralische Anlage im Menschengeschlecht zur Ursache haben«.
Kühl könnte man einwenden, dass da offenbar jemand in Königsberg in sicherer Entfernung hatte zuschauen können. Doch der Aufklärer Kant bezog sich auf das epochale, die Menschheit verändernde Potenzial, das in der Französischen Revolution immer noch lag. Die Welt sah am Ende des 18. Jahrhunderts gänzlich anders aus als noch wenige Jahre zuvor. Das Ergebnis dieser einzigartigen Umwälzung, die am Beginn unseres modernen Zeitalters steht, hat wiederum Jacob Burckhardt scharf und – als Skeptiker, der er war – in all seiner Ambivalenz treffend beschrieben: »Das Entscheidende Neue, was durch die Französische Revolution in die Welt gekommen, ist das Aendern-Dürfen und das Aendern-Wollen.«
Alexander Cammann, Jahrgang 1973, hat Geschichte studiert und lebt als Kulturjournalist in Berlin










Und Rumänien 1989?
Und Nordkorea ....?
Die Revolution führte in Frankreich zu einer exzessiven Terrorherrschaft, die erst durch den Bonapartismus zu etwas irgendwie Regierten geformt wurde. Viele Franzosen flohen ins Römische Reich, Tausende wurde hingerichtet und beraubt. Die Karlsbader Beschlüsse sind ohne die brutale als Vorbild guten Regierens gescheiterte Revolution nicht zu erklären. Die Alternative an der anderen Seite gab Struensee an, der frühe Radikalreformer wurde von einer Palastrevolution gestürzt und grausam hingerichtet.
Revolution muss seitdem von oben gemacht werden und in behutsamer Art und Weise. Das deutsche Modell hat sich bewährt. Deutschland bis 1918 war ein properierendes Land, in der technischer Fortschritt zu schnellem Wandel führte. Alle notwendidge Kritik an der staatlichen Autorität war als Opposition radikaler linker Minderheiten, oder soll man Eliten sagen, schon Teil der Zivilgesellschaft. Die deutschen Helden sind die Lützower Schwarzen Reiter mit den schwarz-rot-goldnen Farben wie Eichendorff und Anna Lühring, die Deutschland selbstlos gegen den Bonapartismus verteidigten. Und was den Preussenkönig betrifft, so ist sein Bruder Prinz Heinrich der bessere Aufklärer. Nicht ohne Grund wurde er als König der Vereinigten Staaten gehandelt.
Was zu bezweifeln gilt! Heute in Zeiten des wiedererstarkenden Konservatismus mag das eine These sein, die ganz en vogue liegt. Dem Makel nie eine Revolution ( mit Ausnahme Ostdeutschlands) auf deutschem Boden erfolgreich zuende gefuehrt zu haben, muss es u. a. zugerechnet werden, dass sich Deutschland von seinen konservativen Mächten nie wirklich emanzipiert hat und in zwei unsägliche Weltkriege verwickelt wurde. Leider hat es die Sozialdemokratie nie verstanden, dass hinter diesen Mächten nicht echte Patrioten standen, als viel mehr Besitzstandswahrer, welche in der Demokratie einen Angriff auf ihre Privilegien interpretierten. Zweimal musste Deutschland zur Demokratie gebombt werden. Ob es mit diesem Modell besser gefahren ist, wage ich zu bezweifeln.
Die kurze Karriere Preußens als Raubstaat war das Ergebnis von Zufällen und letztlich einer Überreaktion auf die Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges. Mit der Schaffung eines stehenden Heeres reagierte der Kurfürst von Brandenburg auf die Verwüstungen, die gerade seine Länder besonders getroffen hatten. Während nach 1648 alle anderen Höfe Deutschlands abrüsteten und stattdessen in Kultur und Prestigebauten investierten, rüstetet Preußen auf. 100 Jahr später standen sich in Deutschland eine hoch gerüstete Militärmaschinerie und ein für damalige Verhältnisse hoch etwickelter, aber weitgehend demilitarisierter Kulturraum gegenüber. Die Kriege Friedrichs waren die notwendige Konsequenz eines solchen Ungleichgewichts. Auch andere hätten diese Konsequenzen gezogen. Es war aber auch eine sehr junge Zeit. Und junge Menschen (junge Männer) nehmen sich Krieger zum Vorbild. So konnte ein psychisch wenig gefestigter junger Mann zum deutschen Helden werden (Jugendliche Expressivität und soziale Dynamik).
Es hat Deutschland sehr geholfen keine Revolutionen gehabt zu haben.
Wie der erste Kommentar schon richtig sagte Deutschland prosperierte bekam 1871 JAHRZEHNTE vor England sein allgemeines gleiches Reichswahlrecht etc.
Die französische Revolution ist bis heute völlig überschätzt und war ein Fehlschlag sie endete schlimmer als es niedergeschlagene Revolten in Deutschland taten, sie endete in einem Blutbad.
Wir können dankbar sein das Deutschland von so etwas verschont blieb und nicht erleben musste wie zig tausende im Namen der Vernunft hingeschlachtet wurden.
Die französische Revolution ist wahrlich nichts was man vermissen müsste in Deutschland.
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