Das Ende der Aufklärung?Rein ins Handgemenge!

Sind die Ideen der Aufklärung Geschichte? Nicht, solange wir uns über sie streiten. Ein Disput zwischen dem Schriftsteller Rüdiger Safranski und dem Publizisten Mathias Greffrath von  und Christian Staasss

Ein Teleskop aus dem 18. Jahrhundert

Ein Teleskop aus dem 18. Jahrhundert  |  © Hulton Archive/Getty Images

ZEIT Geschichte: Herr Greffrath, Herr Safranski, leben wir tatsächlich in einer so durch und durch aufgeklärten Zeit, wie oft behauptet wird?

Mathias Greffrath: Würde der Gott der Aufklärung ins Internet schauen, so würde er sehen, dass die Partie noch immer unentschieden ist. Einerseits zeigt sich dort sehr viel Vernunft – viele Pläne und Projekte, viel Welterklärung und Wissenschaft. Auf der anderen Seite blüht das Irrationale – Dogmen und Idole, dass es nur so kracht. Da ist unsere Epoche nicht viel anders als die Welt vor 200 oder 300 Jahren.

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Rüdiger Safranski

Jahrgang 1945, ist Schriftsteller und Philosoph. Seit 2002 moderiert er mit Peter Sloterdijk das »Philosophische Quartett« im ZDF.

Rüdiger Safranski: Mir scheint ein anderer Gegensatz wichtiger als der von Rationalität und Irrationalität. Gegenwärtig ist etwas aufgebrochen, was schon in der historischen Aufklärung angelegt war. Einerseits sollte sich der Mensch seines Verstandes bedienen, um mündig zu werden. Andererseits wurde die Rakete der exakten Wissenschaft gezündet, und die spezialisierten Disziplinen entstanden. Jetzt haben wir das Problem, dass die institutionalisierten, instrumentellen Wissenschaften den Allgemeinverstand überfordern. Außer auf dem kleinen Gebiet, auf dem wir uns spezialisiert haben, sind wir ja durchweg Laien und dadurch gläubige Mitwisser von Dingen, die wir nicht wirklich verstehen. Das erzeugt ein großes Spannungsverhältnis: Einerseits sind wir eine aufgeklärte Gesellschaft, andererseits eine Gesellschaft von Mitgläubigen, die an einem Wissen, das sie selbst nicht erarbeitet haben, partizipieren – und die von diesem Wissen auch beherrscht werden.

ZEIT Geschichte: Wir haben also, als Mitgläubige, ein mythisches Verhältnis zu Wissen und Technik, weil wir den wissenschaftlichen Fortschritt mit unserem Allgemeinverstand nicht mehr einholen können?

Mathias Greffrath

1945 geboren, ist freier Autor. Seit 2002 sitzt er im wissenschaftlichen Beirat des globalisierungskritischen Netzwerks Attac

Greffrath: Die Formulierung "mythisches Verhältnis" lässt natürlich sofort an die Dialektik der Aufklärung von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno denken, an deren düstere These, dass die aufklärerische Vernunft Gefahr läuft, sich selbst zum Mythos zu machen und in neue Barbarei zu führen. Ich sehe da nicht so schwarz, denn Horkheimer und Adorno haben die Aufklärung in unzulässiger Weise mit dem Gesamtprozess der Moderne identifiziert und dabei Wissenschaft und Kapitalismus, Waffentechnik, Warenfetischismus und Medien in einem dunklen Topf verrührt. In einem aber haben sie zweifellos recht: dass dieser Prozess immense Gefahren mit sich bringt. Heute reichen sie vom Klimawandel bis hin zu einer rasant wachsenden sozialen Ungleichheit. Wir leben in einer Zeit voller Krisen. Genau an diesem Punkt aber kommen auch Irrationalitäten ins Spiel: Alte irrationale Erklärungsmuster haben in Krisenzeiten grundsätzlich Konjunktur. Da blüht die Astrologie, da blühen die Bachblüten, da kehren die alten Götter zurück.

ZEIT Geschichte: Religion ist aber mehr als nur ein Krisenphänomen. Sie ist auch ein weltpolitischer Faktor, den man lange Zeit nicht auf der Rechnung hatte. Religion ist offenbar etwas, das auch in säkularisierten Gesellschaften nicht einfach verschwindet, wie manche Aufklärer sich das vorgestellt haben.

Safranski: Die Aufklärer des 18. Jahrhunderts, besonders die französischen, hatten tatsächlich einen starken polemischen Impuls gegen Religion und Kirche. Das waren die Gegenkräfte, die entlarvt werden mussten. Kant hat die Religionsdebatte dann auf den Punkt gebracht: Religion ist schon in Ordnung, aber sie muss durch das Filter der Vernunft. Was durchgelassen wird, darf bleiben – die Moral. Insofern gab es für Kant eine Art aufklärungsverträglicher Religiosität. Schon sehr schnell, vor allem in Deutschland, wird jedoch moniert: Moment mal, wir haben also den Menschen, und da gibt es die Vernunft, für die hat Kant die Blaupause angefertigt, der war im Maschinenraum und weiß, wie das Ding funktioniert. Aber es gibt doch noch anderes, Gefühle, Ahnungen, alles Mögliche gibt es in uns! Das war die Romantik, die so sprach. Und so kommt am Ende des 18. Jahrhunderts, 16 Jahre nach Kants Was ist Aufklärung?, Friedrich Schleiermacher und hält die Religion hoch – ist dabei aber ganz Aufklärer. Keine Offenbarung, keine Orthodoxie, keine Fremdbestimmung: Schleiermacher ruft zur Autonomie im Glauben auf. Geht in euch, da werdet ihr das Religiöse erfahren. Die Bibel, sagt er, kann ein jeder selbst schreiben. Er klärte damit die Aufklärung über sich selbst auf. Er warnte: Wir dürfen nicht auf ein reduziertes, rationalistisches Menschenbild zurückgreifen.

Greffrath: Aber jetzt sind wir mehr als 200 Jahre weiter, und die neue Religiosität, mit der wir es heute in der westlichen Welt zu tun haben, lässt uns weit hinter die Möglichkeiten von Aufklärung zurückfallen. Schleiermacher hat die massive Religion zur Religiosität verdünnt, bei Hegel kommt sie noch als i-Punkt vor – so wie der Monarch als i-Punkt auf dem rationalen Staat –, letztlich aber besagt das alles nicht mehr als: Hinter der Endlichkeit liegt immer noch eine Unendlichkeit, auf die wir hinstreben; da gibt es etwas, das wir mit Vernunft und bloßem Denken nicht fassen können. Mir behagt das nicht, diese Art des Grenzen-Einziehens. Schauen Sie sich doch einmal an, was heute in den modernen Naturwissenschaften alles möglich ist, in der Molekularbiologie, der Gehirnforschung, der Astrophysik! Da wird für mich sichtbar, wovon die Aufklärer immer geträumt haben: eine Theorie des Ganzen, auf empirischer Basis, vernünftig begründet. Ich sympathisiere sehr mit Naturforschern, die nicht mehr sagen: Wo wir nicht weiterkommen, kommt Gott ins Spiel, sondern: Wir können – mit den Worten Schleiermachers – eine Bibel schreiben, in der alles empirisch belegt ist und die uns trotzdem zu mystischen Gefühlen der Verbundenheit, der Ehrfurcht, der Demut Anlass gibt. Wenn man zu früh auf Spiritualitäten zurückgreift, kommt man wieder ins Reich der Geisterseher.

Safranski: Da würde ich jetzt aber ein großes Fragezeichen setzen. Zumal es mir ja auch gar nicht darum geht, eine Art Reservat auszugrenzen, das vom Strom der Wissenschaft unberührt bleibt und wo man sagt: Geht hier bitte nicht ran, hier generieren wir unsere Gespenster. Ich möchte vielmehr sagen, dass wir nicht so tun dürfen, als sei das alte Wahrheitsprivileg der Religion auf die Wissenschaft übergegangen. Die Aufklärung der Aufklärung im Sinne Schleiermachers versucht uns zu warnen vor solchem Absolutismus. Natürlich sollen wir die Wissenschaft nutzen – aber im Horizont des Unendlichen, das wir selbst sind. In diesem Horizont müssen wir die Dinge beweglich halten. Ich sehe die moderne Hirnforschung daher keineswegs so positiv, ich sehe da eine Wiederkehr primitivster Naturalismen – etwa in der Debatte um die Willensfreiheit. Es ist doch wieder dieses berühmte Spiel, Freiheit wegzuerklären mit Theorien, die nichts anderes sind als Inanspruchnahme der Freiheit.

Greffrath: Also da möchte ich mich hier aber ganz klar als Fortschrittler bekennen! Die Debatte über die Willensfreiheit ist doch nicht von ungefähr vor etwa zwei Jahren verschwunden. Wenn man das aus der Nähe verfolgt, kann man an den modernen Wissenschaften wunderbar sehen, was Aufklärung ist – ein dialektisches Fortschreiten, eine fortlaufende Selbstkorrektur und Hypothesenprüfung. Die Willensfreiheitsdebatte hat sich als Scheinproblem erwiesen. Inzwischen befasst man sich mit der biologisch ermöglichten und sozial hergestellten Fähigkeit des Menschen, kommunikativ zu handeln. Ich glaube durchaus, dass die Wissenschaft den Welträtseln immer näher kommt.

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