Heinrich August WinklerDeutschlands sonderbarer Weg

Der Historiker Heinrich August Winkler über die Deutschen und ihr Verhältnis zur Nation, über die autoritäre Deformation des Bürgertums im 19. Jahrhundert und die Spätfolgen des aufgeklärten Absolutismus von 

Geknebelte Opposition: Die Karikatur "Der Denkerclub" von 1819 prangert Zensur und Verfolgung im Deutschen Bund an

Geknebelte Opposition: Die Karikatur "Der Denkerclub" von 1819 prangert Zensur und Verfolgung im Deutschen Bund an  |  © Wikimedia Commons

ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan mit der Freiheit?

Heinrich August Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: "Nicht die deutsche Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen." Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution "von unten" Reformen "von oben" erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. Diese Idee hat das deutsche Bürgertum des 18.und 19. Jahrhunderts tatsächlich tief geprägt, und sie hat die Phase des aufgeklärten Absolutismus lange überdauert. Auch in der preußischen Politik taucht sie immer wieder auf, etwa in den Reformen von Stein und Hardenberg nach den Siegen Napoleons von 1806/07. Nicht zu Unrecht ist auch Otto von Bismarcks kriegerische Reichseinigungspolitik der Jahre 1864 bis 1871 von vielen Zeitgenossen als eine "Revolution von oben" bezeichnet worden.

ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufgeklärt waren, allen voran Preußen, das unter Friedrich dem Großen zu einer Großmacht aufgestiegen war?

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Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten überfordert hat. Dieses Ziel, das darf man nicht vergessen, war ehrgeiziger als das der französischen Revolutionäre. Die fanden 1789 bereits einen, wenn auch vormodernen, Nationalstaat vor, und in der Revolution versuchten sie, ihn auf eine vollkommen neue gesellschaftliche und politische Grundlage zu stellen. Die Deutschen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, einen Nationalstaat und einen Verfassungsstaat gleichzeitig zu erschaffen.

ZEIT Geschichte 03/2010
1789-1871: Die Deutschen und die Nation

1789-1871: Die Deutschen und die Nation  |  © ZEIT Geschichte

ZEIT Geschichte: Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte...

Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die entscheidende Frage. Zu Beginn der Revolution kam für alle Beteiligten im Grunde nur die großdeutsche Lösung infrage: Niemand im liberalen und demokratischen Lager dachte damals an ein Deutschland ohne Österreich. Während der Revolution begann sich dann die Einsicht durchzusetzen, dass die Einheit mit Österreich nicht zu erreichen war. Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußischer Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. Zudem hätte auch Preußen die Kraftprobe mit Österreich nicht gewagt, die wahrscheinlich einen Konflikt mit Russland nach sich gezogen hätte. Nicht zuletzt hätte die kleindeutsche Lösung im Sinne der Frankfurter Nationalversammlung den Übergang von einem Königtum von Gottes Gnaden zu einem Kaisertum von Volkes Gnaden bedeutet – eine Vorstellung, die Friedrich Wilhelm IV. brüsk von sich wies.

ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat denkbar gewesen?

Winkler: Das konnten sich die Liberalen und Demokraten nicht vorstellen. Für sie ging es immer um beides. Das war spätestens seit der Rheinkrise von 1840 so, als in Frankreich der Ruf nach den Gebieten links des Rheins laut wurde, die zwischen 1801 und 1815 zu Frankreich gehört hatten – eine kompensatorische Handlung, nachdem die Franzosen in der Orientkrise 1839/40 eine schwere diplomatische Niederlage erlitten hatten. Dem deutschen Nationalismus verlieh der Streit um die linksrheinischen Gebiete einen gewaltigen Schub, es entstanden Lieder wie Die Wacht am Rhein und Hoffmann von Fallerslebens Lied der Deutschen. Von 1840 an war es Konsens unter den Liberalen und Demokraten, dass es nichts unterhalb des Doppelziels Einheit und Freiheit gab, für das es sich zu kämpfen lohnte.

ZEIT Geschichte: Der badische Liberale Karl von Rotteck hatte noch 1832 gesagt: "Lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit."

Winkler: Aber dafür finden sich nach 1840 keine Anhänger mehr. Darum möchte ich die Zäsur von 1840 so stark betonen.

Leserkommentare
  1. Als wenn GB und Frankreich mit ihrer sehr gegensätzlichen Entwicklung "der Westen" auf der einen Seite gewesen seien und Deutschland auf der anderen Seite. Da war doch eher Frankreich mit seiner Revolution die Ausnahme. Während in GB und Deutschland die Erweiterung der politischen Partizipation nach unten schrittweise verlief.

    Völlig abwegig ist, wie eine protestantische antikatholische Sicht als Beweis für einen Gegensatz zu "dem Westen" benutzt wird. Jeder weiß doch, wie sich gerade auch das ebenfalls protestantische GB in einem Gegensatz zur romanisch-katholischen Welt und Frankreich gesehen hat. Selbst auf die USA heute färbt das noch ab.

    Und zu dem was dem 1. WK passiert ist muss man sagen, wer weiß, wie z. B. die Leute in GB reagiert hätten, wenn plötzlich nicht nur das Empire und Teile des Mutterlandes futsch gewesen wären, sondern man simultan dazu mit einer Republik beglückt worden wäre.

    Überhaupt finde ich es irreführend, wie hier ständig von "dem Westen" gesprochen wird. Wie Winkler selber nicht absteitet kann, ist Deutschland abendländisches Kerngebiet. Und ich halte es für sehr verdächtig, wenn so getan wird, als wenn ausgerechnet die drei westlichen Hauptsiegermächte mit ihrer Geschichte die abendländische Normalität verkörpern und Deutschland nur dadurch wieder zu "dem Westen" gehören kann, wenn es sich ihnen anpasst und folgsam ist.

    Das kommt mir vor, wie eine bestellte Geschichtsschreibung, die unsere Gegenwart rechtfertigen und uns demütig halten soll.

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    ...um Deutschland auf dem Weg gen "Westen" zu halten, den es selbst so auch nie gab, und bis heute auch nicht gibt.

    Spielte Dankbarkeit gegenüber den westlichen Alliierten eine Rolle? Und wenn, wäre das nicht auch gut und richtig?

    Eric M. Warburg … (* ... 1900 in Hamburg; † ...1990 ebenda) war ein deutsch-amerikanischer Bankier … Er half kurz vor Kriegsende deutschen Wissenschaftlern und deren Familien, in den Westen zu gelangen. … Warburg war für das „Asyl, das man ihm in Amerika gewährt hatte“ dankbar ... Warburg war ein enger Freund des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. … Seine Tochter Marie ist mit dem ehemaligen Verleger der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit ... Michael Naumann verheiratet …
    http://de.wikipedia.org/w...

    Die These vom deutschen Sonderweg, wonach der spezifisch preußisch-deutsche Militarismus die ausschlaggebende Ursache für den Weg in den Abgrund gewesen sei, und Militarismus fundamental verschieden sei von dem positiven „military way“ des Westens, verbreitete sich nicht zuletzt dank des Einflusses deutscher Geisteswissenschaftler, die in den USA Zuflucht gefunden hatten, wie Hajo Holborn und Alfred Vagts. War Dankbarkeit gegenüber dem Gastland ein Faktor in der Theoriebildung? Wenn es so wäre, dann wäre dies nur allzu verständlich, und es würde den Wert ihrer Arbeit nicht mindern. Aber es muss auch ergänzende Sichtweisen geben dürfen, mit denen verheerende Normen und Ideen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts grenzübergreifend ins Auge gefasst werden. Auch die ZEIT sollte sich diesem erweiterten Blick nicht verschließen.

  2. Jetzt nehmen wir mal nur dies heraus.

    "Zweitens ist das Doppelziel von 1848, Einheit und Freiheit, verwirklicht. ...

    -- "Die deutsche Frage ist damit beantwortet." --

    Also bis zu diesem Ansatz (dem ganzen) sind die Ausführungen ja noch diskutabel. Dann wird der grundlegende Fehler aber sehr gut sichtbar.

    Ich denke, man kann mit etwas sehr gutem Willen diese Aussage bezüglich der Sichtweise des "liberalen Bürgertums" treffen. Mit Sicherheit aber nicht für Deutschland insgesamt. Übrigens, vielleicht gelang ja die "Wandlung" Deutschlands" auch aus dem Grund der Ausschließung zumindest weiter Teile der Gesamtheit so "schwierig".

    Man kann Herrn Winkler hier nur insofern nachvollziehen, da ja bis heute diese Sichtweise für ganz Deutschland durch diese eine Gruppe geprägt wird. Aber auch, wenn eine Sichtweise für ein ganzes Land nur durch eine Gruppe geprägt wird, ist dies noch lange kein Grund für einen Historiker diese als Grundlage für solch weitgehende Antworten zu nehmen. Für Antworten, welche von ihrer Natur her generell gewagt, die sich ergebenden Schlüsse auf die Gesamtheit übertragen.

    Natürlich kann auch aus Kompromissen Unfreiheit und Trennung entstehen. Nehme ich aber die Sichtweise weniger als Grundlage für ein Verständniss, sind Unfreiheit und Trennung gerade in diesen Fragen schon vorgegeben.

    Die Schlußfolgerungen von Herrn Winkler sind in ihrer Verallgemeinerung daher nicht nur wissenschaftlich unzulässig, sie versuchen der Geschichte Fesseln anzulegen.

  3. Je nun, derartige Wunschträume hegt man schon seit der EU-Gründung vor 50 Jahren, doch von "Zusammenwachsen" keine Spur. Gewiss, die Schweiz ist eine solche Föderation dreier Kulturen, und auch dort funktioniert der deutsche Teil als industrialisierte Zugmaschine. Doch damit hören die Vergleiche bereits auf.

    Frankreich versteht sich politisch besser mit den USA als mit Deutschland. Großbritannien unterhält stärkere Handelsbeziehungen zu Indien als zu Deutschland. Spaniens und Portugals Finanzbindungen an Südamerika sind enger als an Deutschland, das sich eher ostpolitisch engagiert. Absolut nichts lässt sich mit Schweizer Verhältnissen vergleichen, denn wie die Euroschuldenkrise soeben erneut demonstrierte, sind Europas schärfste Differenzen mehr politischer und wirtschaftlicher als kultureller Natur.

    • tartan
    • 03. Oktober 2010 0:20 Uhr

    ...und diese Tatsache bestimmt sowohl die Geschichte, als auch die Zukunft Deutschlands ganz wesentlich. Leider geht dieser Punkt in den letzten Jahren zunehmend in Vergessenheit.

  4. bis zur föderalistischen europäischen Union.Freistaaten wie Bayern und Sachsen gehören dazu:Frei bleibend trotz Föderation.Mein Bedenken geht zuweilen in diese Richtung:Wird unter der Oberhoheit der EU auch das Eigeninteresse der Mitgliedsstaaten berücksichtigt?Ich nehme in gutem Sinne an:Ja,wohl schon.--Jetzt wurde gerade erst Deutschland reif für die sogenannte Demokratie-da erliegt es nun schon wieder einer übergeordneten Macht-der EU.Die Selbständigkeit des deutschen Landes lieget damit in Gefahr-was ebenso heisset,dass Wahrheit unter Abstimmung mit Anderen erst gefunden wird.Die geschichtliche Herkunft aus dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation unter dem Mitspiel Österreich-Ungarns(K und K Donaumonarchie) sei mit bedacht.Der Artikel ist schwer auskunftsträchtig aus der Geschichte und nicht parteiisch.Damit ist jeder geladen,zum Bedenken zu kommen.

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    • cvnde
    • 03. Oktober 2010 2:01 Uhr

    Lagsam, die kuk gab es im Alten Reich nicht.
    Österreich war "Erzherzogtum", durch die größte Fälschung des Mittelalters, Ungarn gehörte nicht zum HRR.

    Aber mal zum Artikel, Herr Winkler spricht viel zu sehr vom 18. und 19 Jahrhundert, er vergisst das Datum 1648.
    Schon der Friedenschluss nach dem 30 jährigen Krieg, war ein Ereignis, dass kein europäischer Territoralstaat in der Form hat verkraften müssen.

    Wenn man bedenkt, dass Frankreich und Spanien de facto ihre Grenzen geregelt hatten, und im Norden der Puffer Österreich zwischen Frankreich und den Niederlanden lag.

    Wurder das Reich in 314 Einzelstaaten aufgesplitet, wenn man mal die großen wie Brandenburg, Bayern, Österreich Böhmen, Schwedisch Pommern, Sachsen die herzogtümer Schleswig und Holstein abzieht, dann kann man mal versuchen, sich den Flickenteppisch aus 305 Gebieten vozustellen.
    Während im Rest Europas eher eine Zentralisation stattfand wurde das Reich praktisch Atomisiert und es wurden immer neue Pfründe geschaffen.
    Was Winkler auch nicht erwähnt ist, dass die ganzen Könige, nach 1815 in Deutschland, die durch Napoleon geschaffen wurden, nicht wieder kassiert wurden.

    Anders als zum Bespiel im UK, dort wurde die schottische Krone von Queen Anne in Besitz genommen.

    höre ich auf die Erwähnung von KuK die Rede vom UK United Kingdom,Großbritannien:Letzteres subsisitiert bis heute,ersteres ging unter.Denken aber subsisitiert aus der Erzielung des Unaussprechlichen ebenso.Auch so die Habsburger verjagt worden sein sollten aus Österreich,wie der Zar aus Russland und der Oberherrscher aus Persien(Iran):Wird im Weitergehen das Bleibende nicht doch Kommendes sein?Wer weiß,was ist und kommt:Wenn wir nicht einmal wissen,was ist,woher sollten wir wissen,was kommt?

    • cvnde
    • 03. Oktober 2010 2:01 Uhr

    Lagsam, die kuk gab es im Alten Reich nicht.
    Österreich war "Erzherzogtum", durch die größte Fälschung des Mittelalters, Ungarn gehörte nicht zum HRR.

    Aber mal zum Artikel, Herr Winkler spricht viel zu sehr vom 18. und 19 Jahrhundert, er vergisst das Datum 1648.
    Schon der Friedenschluss nach dem 30 jährigen Krieg, war ein Ereignis, dass kein europäischer Territoralstaat in der Form hat verkraften müssen.

    Wenn man bedenkt, dass Frankreich und Spanien de facto ihre Grenzen geregelt hatten, und im Norden der Puffer Österreich zwischen Frankreich und den Niederlanden lag.

    Wurder das Reich in 314 Einzelstaaten aufgesplitet, wenn man mal die großen wie Brandenburg, Bayern, Österreich Böhmen, Schwedisch Pommern, Sachsen die herzogtümer Schleswig und Holstein abzieht, dann kann man mal versuchen, sich den Flickenteppisch aus 305 Gebieten vozustellen.
    Während im Rest Europas eher eine Zentralisation stattfand wurde das Reich praktisch Atomisiert und es wurden immer neue Pfründe geschaffen.
    Was Winkler auch nicht erwähnt ist, dass die ganzen Könige, nach 1815 in Deutschland, die durch Napoleon geschaffen wurden, nicht wieder kassiert wurden.

    Anders als zum Bespiel im UK, dort wurde die schottische Krone von Queen Anne in Besitz genommen.

  5. ein Wort von /über Platon in der Rede vom Sein jenseits des Seins.Rätsel bleiben da wohl.

  6. ...um Deutschland auf dem Weg gen "Westen" zu halten, den es selbst so auch nie gab, und bis heute auch nicht gibt.

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