ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan mit der Freiheit?

Heinrich August Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: "Nicht die deutsche Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen." Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution "von unten" Reformen "von oben" erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. Diese Idee hat das deutsche Bürgertum des 18.und 19. Jahrhunderts tatsächlich tief geprägt, und sie hat die Phase des aufgeklärten Absolutismus lange überdauert. Auch in der preußischen Politik taucht sie immer wieder auf, etwa in den Reformen von Stein und Hardenberg nach den Siegen Napoleons von 1806/07. Nicht zu Unrecht ist auch Otto von Bismarcks kriegerische Reichseinigungspolitik der Jahre 1864 bis 1871 von vielen Zeitgenossen als eine "Revolution von oben" bezeichnet worden.

ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufgeklärt waren, allen voran Preußen, das unter Friedrich dem Großen zu einer Großmacht aufgestiegen war?

Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten überfordert hat. Dieses Ziel, das darf man nicht vergessen, war ehrgeiziger als das der französischen Revolutionäre. Die fanden 1789 bereits einen, wenn auch vormodernen, Nationalstaat vor, und in der Revolution versuchten sie, ihn auf eine vollkommen neue gesellschaftliche und politische Grundlage zu stellen. Die Deutschen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, einen Nationalstaat und einen Verfassungsstaat gleichzeitig zu erschaffen.

1789-1871: Die Deutschen und die Nation © ZEIT Geschichte

ZEIT Geschichte: Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte...

Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die entscheidende Frage. Zu Beginn der Revolution kam für alle Beteiligten im Grunde nur die großdeutsche Lösung infrage: Niemand im liberalen und demokratischen Lager dachte damals an ein Deutschland ohne Österreich. Während der Revolution begann sich dann die Einsicht durchzusetzen, dass die Einheit mit Österreich nicht zu erreichen war. Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußischer Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. Zudem hätte auch Preußen die Kraftprobe mit Österreich nicht gewagt, die wahrscheinlich einen Konflikt mit Russland nach sich gezogen hätte. Nicht zuletzt hätte die kleindeutsche Lösung im Sinne der Frankfurter Nationalversammlung den Übergang von einem Königtum von Gottes Gnaden zu einem Kaisertum von Volkes Gnaden bedeutet – eine Vorstellung, die Friedrich Wilhelm IV. brüsk von sich wies.

ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat denkbar gewesen?

Winkler: Das konnten sich die Liberalen und Demokraten nicht vorstellen. Für sie ging es immer um beides. Das war spätestens seit der Rheinkrise von 1840 so, als in Frankreich der Ruf nach den Gebieten links des Rheins laut wurde, die zwischen 1801 und 1815 zu Frankreich gehört hatten – eine kompensatorische Handlung, nachdem die Franzosen in der Orientkrise 1839/40 eine schwere diplomatische Niederlage erlitten hatten. Dem deutschen Nationalismus verlieh der Streit um die linksrheinischen Gebiete einen gewaltigen Schub, es entstanden Lieder wie Die Wacht am Rhein und Hoffmann von Fallerslebens Lied der Deutschen. Von 1840 an war es Konsens unter den Liberalen und Demokraten, dass es nichts unterhalb des Doppelziels Einheit und Freiheit gab, für das es sich zu kämpfen lohnte.

ZEIT Geschichte: Der badische Liberale Karl von Rotteck hatte noch 1832 gesagt: "Lieber Freiheit ohne Einheit als Einheit ohne Freiheit."

Winkler: Aber dafür finden sich nach 1840 keine Anhänger mehr. Darum möchte ich die Zäsur von 1840 so stark betonen.