Die erste Republik Nie wieder Untertan

Die Mainzer Republik war die erste Demokratie auf deutschem Boden. Von ihrer so kurzen wie bewegten Geschichte geht bis heute ein faszinierendes Leuchten aus.

Versammlung des Mainzer Jakoninerklubs

Versammlung des Mainzer Jakoninerklubs

In jener Märznacht des Jahres 1793 haben die Mainzer Polizeidiener ausnahmsweise keinen Blick für die Zecher, die ihnen aus den illegalen Schankstuben fast in die Arme taumeln. Eigentlich müssten sie die Trunkenbolde in die Arrestzelle stecken, wegen Missachtung der Sperrstunde. Aber heute schauen sie gnädig weg. Sie haben Wichtigeres zu tun. Einen Auftrag von höchster Stelle gilt es zu erfüllen.

Jeder von ihnen trägt eine Tasche, voll mit Flugschriften, laut Beschluss der Stadtoberen durch »alle Polizeidiener, Zeitungs- und Blättchenträger in jedem Hause in der Stadt in eins oder zwei Exemplarien abzugeben«. Unter jede Haustür kommt ein Flugblatt, auf jedes Fenstersims, auf jeden Treppenabsatz. Alle Mainzer sollen wissen, dass es den Feinden der Republik nun an den Kragen geht. »Intrige, Fanatismus, Heuchelei und Privatinteresse bieten alle Kräfte auf, um Euch wieder in Eure alten Ketten zu schmieden«, verkündet die Proklamation der Wahlkommissare. »Der Tag ist gekommen, wo man zwischen Freundschaft der Frankenrepublik und dem Hasse wählen muß, den sie den Tyrannen und ihren Anhängern geschworen haben; wo man zwischen Freiheit und Sklaverei wählen muß.«

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Freiheit oder Sklaverei. Die Mainzer Republik, das erste bürgerlich-demokratische Gemeinwesen auf deutschem Boden, hat die Geduld mit den Zauderern, den Wankelmütigen und den Parteigängern des Ancien Régime verloren. Wer nicht die letzte Chance nutzt, endlich den Eid auf die Grundfesten des neuen Staatsgebäudes zu schwören, auf Freiheit und Gleichheit, stellt sich selbst zu den Feinden der Republik. Und was die erwartet, haben die französischen Besatzer unmissverständlich klargestellt: Sie sind »augenblicklich aus unseren Gränzen zu entfernen, und dem Feinde, dessen verrätherische Helfershelfer sie sind, zuzuschicken«. Nachdem man fast ihren gesamten Besitz beschlagnahmt hat, versteht sich.

ZEIT Geschichte 03/2010
1789-1871: Die Deutschen und die Nation

1789-1871: Die Deutschen und die Nation

Die junge Republik demonstriert Unerbittlichkeit und Wehrhaftigkeit, vorbei sind die Leichtigkeit und die Euphorie des vergangenen Herbstes, als die Franzosen ihre Revolution an den Rhein trugen. Der französische General Adam Philippe de Custine, mit seiner Revolutionsarmee von Landau aus vorstoßend, kann am 23. Oktober 1792 die Festungsstadt Mainz kampflos besetzen. Der bis dahin regierende Kurfürst ist mitsamt Adel und hoher Geistlichkeit, Mätressen, Hofschranzen und Weinfässern geflohen.

Wider Erwarten gebärden sich die Franzosen nicht als Unterdrücker, sondern als Befreier. Gleich nach dem Einmarsch macht Custine den Mainzern ein ungewöhnliches Angebot: »Euer eigener ungezwungener Wille soll Euer Schicksal entscheiden«, proklamiert er ein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht. »Selbst dann, wenn Ihr die Sklaverei den Wohltaten vorziehen werdet, mit denen die Freiheit Euch winkt, bleibt es Euch überlassen zu bestimmen, welcher Despot Euch Eure Fesseln zurückgeben soll.« Im kurfürstlichen Schloss liegen schon bald zwei Folianten aus, in die alle Mainzer Bürger sich eintragen können. Der eine, in roten Saffian gebunden, mit Freiheitsmütze und den französischen Nationalfarben geziert, heißt Buch des Lebens. Der andere ist in schwarzes Papier gebunden und mit Ketten umwunden. Er trägt den Titel Sklaverei.

In Mainz, mit etwa 28.000 Einwohnern eine der größeren Städte des Reiches, fallen die Ideale der Revolution vor allem bei der Intelligenz auf fruchtbaren Boden. Unter den Professoren der Akademie – zumeist Freimaurer und Mitglieder der Lesegesellschaft – ist in den vergangenen Jahren die Enttäuschung über die halbherzigen Reformen des absolutistischen Kurfürsten und Erzbischofs Friedrich Karl Joseph von Erthal gewachsen. Aus Angst vor dem Freiheitsfunken, der nach 1789 bereits Frankreichs Grenzen übersprungen und in der damals zum Reich gehörenden mächtigen Bischofsstadt Lüttich die Revolution entzündet hatte, schränkte Erthal etliche einst zögerlich gewährte Freiheiten vor allem an der Universität wieder ein und suchte Zuflucht in einer zunehmend restaurativen Innenpolitik. Er verschärfte Zensur und Überwachung, ließ Professoren bespitzeln und ermahnte die Bevölkerung, »alle Reden und Gespräche gegen Religion, Sitten, Staat und landesherrschaftliche Verordnungen« zu unterlassen.

Doch nun ist der Kurfürst geflohen, die Franzosen sind da. Sie verschaffen den Aufklärern Luft zum Atmen. Zwei Tage nach dem Einmarsch Custines gründen 20 Freiheitsfreunde im großen Konzertsaal des Mainzer Schlosses die »Gesellschaft deutscher Freunde der Freiheit und Gleichheit«. Für einige Monate wird der Klub zur Seele dessen, was als Mainzer Republik in die Geschichte eingehen soll. Die Macht liegt für einen Moment auf der Straße, und die Freiheitsfreunde ergreifen sie. Ihre Vision ist eine Republik nach französischem Vorbild, geprägt von Freiheit und Gleichheit.

Binnen weniger Wochen werden aus 20 fast 500 Klubisten. Lebkuchenbäcker sind darunter, Hirsenmüller, Perückenmacher, Kaplane, Buchdrucker, Fleckenausmacher, Schuhflicker, Forsträte, Wirtsleute, Tabakskrämer, Kaminfeger, Küferknechte und auch der Kassierer des Armenhauses. Das Kommando in den Debatten übernimmt die bürgerliche Intelligenz aus Hochschullehrern und Studenten, Juristen und Ärzten, auch wenn sie nur ein Fünftel der Mitglieder ausmachen. Frauen sind zwar von der Mitgliedschaft ausgeschlossen, doch erstmals in der deutschen Geschichte dürfen sie – als eigenständige Personen – beim politischen Prozess dabei sein.

Die Klubisten der ersten Stunde sind keine Berufsrevolutionäre, es sind begeisterte Aufklärer, deren Stunde endlich gekommen ist. Der Theologe Felix Anton Blau etwa, ein Mann, der die Unfehlbarkeit der Kirche angezweifelt hat. Oder Anton Joseph Dorsch, Philosoph, ein erklärter Anhänger Kants. Oder Andreas Joseph Hofmann, gleichfalls Philosoph, der zum Unwillen des Kurfürsten gefordert hat, die Vorlesungen nicht mehr in Latein abzuhalten, weil dies die unteren Schichten von vornherein ausschließt.

Manche sind zuerst skeptisch, wie der Universalgelehrte Georg Forster, der als junger Mann an James Cooks zweiter Weltumsegelung teilgenommen hat und Mitglied vieler Akademien Europas ist. Angesichts der geistigen Rückständigkeit weiter Bevölkerungskreise sieht er keinen Nährboden für die neuen Ideen. Aber schon bald schreibt er an seinen Verleger in Berlin: »Ich habe mit mehreren gutgesinnten Männern bisher von allem mich zurückgehalten, allein diese Neutralität ist misslich, die Krisis naht heran, und man wird Partei ergreifen müssen.«

Und das tut er, mit beherztem Furor. Forster übernimmt im Klub die Führung und sorgt für die Verbreitung der Idee. »Täglich erscheinen hier neue Beiträge zur Bekehrung eines guten Volkes, dem aber die Binde erst so kürzlich von den Augen fiel, dass es noch blinzelnd in die Sonne der Wahrheit sieht und sich allmählich an ihr wohltätiges Licht gewöhnen muss.« Dies schreibt die Neue Mainzer Zeitung, sozusagen das Agitprop-Organ des Klubs. Das »wohltätige Licht« offenbart sich vorerst noch in eher symbolischen Akten. So verfügt die neue Administration die »Abstellung« aller »sklavischen Ausdrücke in Bittschriften und Briefen, die einem freien Menschen und Bürger unanständig sind«, beispielsweise »unterthänigst« oder »in Submission«.

Wer sich die Zeit nimmt, in den fast vollständig erhaltenen Protokollen des Klubs zu blättern, die Heinrich Scheel 1975 herausgegeben hat, begegnet einem fast grenzenlosen Belehrungs- und Erziehungsoptimismus: Die Mainzer »Jakobiner« glauben fest an die sittliche Vervollkommnung der Bevölkerung, den Durchbruch der Vernunft, den Erfolg der Aufklärung durch Reden, Zeitungen und Gedichte.

Der Klub, das ist eine Stätte fiebrigen Debattierens über Herrschaft und Knechtschaft, Menschenrecht und Sklaverei. Dass es um die völlige Umgestaltung gehen muss, um das Ende jeglicher Fürstenherrschaft und nicht nur um eine Abmilderung der absolutistischen Ordnung, ist Konsens. »Lange wird solch ein Flickwerk nicht halten«, hält Georg von Wedekind, ehemaliger Leibarzt des Kurfürsten und nun einer der maßgeblichen Agitatoren im Klub, jenen entgegen, die glauben, die alte Ordnung mit Reformen noch einmal retten zu können. »Eure Kindeskinder werden Euch fluchen und sagen: Unsere Großväter konnten uns frei machen, und sie taten’s nicht.«

Schnell und nicht ohne Hang zur Hybris avancieren die revolutionären Prinzipien zum »neuen Evangelium«, die Revolutionäre zu »Aposteln der Freiheit«. Propagandisten eilen zur Aufklärung und Aufmunterung aufs Land und verteilen die Verheißungen der neuen Zeit in Form gedruckter Klubreden an die Bauern. Freiheitsbäume, meist lange Stecken mit bunten Bändern, Eichenlaub und einer Jakobinermütze als Zeichen für Demokratie und Menschenrechte, recken sich von vielen Dorfplätzen aus in den pfälzischen Himmel. Zum Tanz um den Freiheitsbaum, oftmals begleitet vom Revolutionslied Ça ira, gibt es sauren Wein und süßes Weißbrot für alle.

»Der Patriotismus glühte auf jeder Wange«, begeistert sich der Beobachter eines Freiheitsfestes. In Weisenau, einem Dorf vor den Toren von Mainz, ist der Tag der kleinen Abrechnung gekommen. Bäcker Göth sagt dem Amtsvogt, der ihn mehrfach wegen Untergewichts seiner Brote öffentlich gerügt hat, geradewegs ins Gesicht, »dass es nicht mehr wie ehemals seye, und er über ihn nicht mehr zu schalten habe«. Und dann wird der Freiheitsbaum genau vor dem Haus des Vogtes aufgestellt. Eine Provokation!

»Ah, wir werden es schaffen / Die Adeligen an die Laterne!«, droht das Ça ira unverhohlen. Die Mehrheit der Mainzer »Jakobiner« indes, die im politischen Spektrum der Pariser Revolutionäre wohl eher zur radikalliberalen Fraktion der Girondisten gezählt hätte, wünscht sich – noch – eine gesellschaftliche Veränderung ohne Blutvergießen. Dabei räsoniert man im Klub durchaus darüber, was zu tun sei, falls der Absolutismus die Macht nicht freiwillig aus den Händen gibt. »Jedes nötige Zwangsmittel, zum Behuf der Freiheit und der Gleichheit angewandt, ist hier erlaubt, sobald es ohnmöglich ist, auf dem Wege der Güte zurechtzukommen«, formuliert Georg Wedekind den Standpunkt der Radikalen. »Mißlingt dieser Weg, so bin ich den der Gewalt einzuschlagen befugt, da mir für die Erhaltung meiner unveräußerlichen Menschenrechte jedes nötige Mittel wider meinen Feind zu Gebote steht.«

Die von Wedekind beschworene Situation tritt schon bald ein, nachdem das Ancien Régime zur Gegenoffensive ausgeholt hat. Ermutigt durch die herannahenden Reichstruppen, schüren die Anhänger des Fürsten, allen voran Pfarrer, Beamte und Vertreter der Zünfte, die Angst vor Vergeltung. Die Franzosen wiederum, enttäuscht über den mangelnden Revolutionseifer in den eroberten Gebieten, schlagen einen autoritäreren Ton an. Die kosmopolitische Phase der Revolution neigt sich dem Ende zu; Paris kehrt zurück zu einem nationalistischeren Kurs.

Der 15. Dezember 1792 markiert die Kehrtwende. An diesem Tag beschließt der Pariser Nationalkonvent, dass in allen besetzten Gebieten die republikanische Staatsform eingeführt und ein Parlament nach französischem Vorbild gewählt werden muss. Jetzt droht Frankreich: »Die Fränkische Nation erklärt, daß sie dasjenige Volk als ihren Feind behandeln wird, welches die ihm angebotene Freiheit und Gleichheit nicht annehmen würde.« Kommissare aus Paris sollen mit den Freiheitsfreunden am Ort Wahlen zu Stadt- und Gemeindeverwaltungen sowie einer verfassunggebenden Versammlung vorbereiten. Vor der Stimmabgabe muss jeder Wähler den folgenden Eid leisten: »Ich schwöre, treu zu sein dem Volke und den Grundsätzen der Freiheit und Gleichheit.« Wer nicht schwört, muss mit Enteignung und Ausweisung rechnen.

Vielerorts schlägt die Demokratiebegeisterung angesichts dieser Drohkulisse in Ernüchterung um. »Gerechter Gott! Die freien Franzosen zwingen zur Freiheit!«, empört sich ein unbekannter Reisender. Ähnlich desillusioniert äußert er sich über Forster: »Er ziehet von Dorfe zu Dorf – und predigt und drohet und zwinget. Er, der erleuchtete, warme Freund und Verteidiger der Rechte des Menschen!!« Das Gerücht geht um, dass die Preußen die Städte und Dörfer, deren Bewohner mehrheitlich den Eid schwören, in Aschehaufen verwandeln wollen. Dorsch, nunmehr Wahlkommissar, hält dagegen: »Der Feind ist in Eurer Nähe, aber eben deswegen ist es für die Republik um so notwendiger zu wissen, ob sie an den Bewohnern dieser Stadt Freunde oder Feinde habe.«

Während in vielen Orten die Einwohner entschlossen zum Eid antreten, muss andernorts französisches Militär anrücken, damit sich genug Eideswillige zusammenfinden. In Mainz lassen die Wahlkommissare die führenden Fürstentreuen kurzerhand deportieren. Außerdem drohen sie, französische Kanonen auf die Stadt zu richten. Auch an den Ortsausgängen des Dorfes Göllheim, von 1200 französischen Soldaten umstellt, werden Kanonen in Stellung gebracht. Als die Einwohner immer noch zögern, lassen die Wahlkommissare die Lunten anzünden. In Finthen, wo das Rathaus von 200 Franzosen umstellt ist, bringt der Wortführer der Einwohner den Wahlkommissar in Verlegenheit: »Herr Commissair! Sie haben erst neulich erklärt, daß die fränkische Nation eine freye Republik errichten wolle; wenn nun dieses, warum wollen Sie uns dann zwingen, daß wir den anverlangten Eid der Freyheit und Gleichheit ablegen sollen?«

Das mancherorts erzwungene Bekenntnis zu Freiheit und Gleichheit hat unter Historikern einen heftigen Disput entfacht. Was zählt eine Freiheit, die auf die Drohung mit rostigen Bajonetten und Kartätschen gründet? Kann diese Republik guten Gewissens die erste Demokratie auf deutschem Boden genannt werden? Oder war sie nicht mehr als ein französischer Revolutionsimport?

Vor allem in den sechziger und siebziger Jahren wurde darüber zwischen Ost und West heftig gestritten, als die DDR alle »fortschrittlichen« Tendenzen der deutschen Geschichte für sich und als historische Legitimierung des »ersten Arbeiter-und- Bauern-Staats auf deutschem Boden« reklamierte. Damals beschäftigten sich einige DDR-Historiker auch mit der Mainzer Republik, allen voran Heinrich Scheel, der bis 1989 neben einer umfangreichen Darstellung der Ereignisse die Protokolle des Klubs und des Nationalkonvents veröffentlichte.

Im Westen nahm man die Herausforderung an. 1970 rief Bundespräsident Gustav Heinemann dazu auf, die Geschichte »bis in die Schulbücher« anders zu schreiben. Man müsse »nach jenen Kräften spüren und ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, die dafür gelebt und gekämpft haben, damit das deutsche Volk politisch mündig und moralisch verantwortlich sein Leben und seine Ordnung selbst gestalten kann«. Eine Ausstellung des Koblenzer Bundesarchivs in Mainz mit dreibändigem Katalog rückte 1981 auch die Mainzer Republik wieder ins Licht. Im Jahr darauf veröffentlichte der Mainzer Historiker Franz Dumont seine Monografie zum Thema. Während der bekennende Kommunist Scheel echte Freiheitskämpfer am Werk sieht, bleibt der liberale Konservative Dumont skeptisch. Souveränes Handeln habe die Besatzungsmacht kaum zugelassen, von einer lupenreinen Demokratie jedenfalls könne keine Rede sein.

Scheel und Dumont versuchten nie ernsthaft, sich zu verständigen. »Wir hockten in unseren Schützengräben und haben nach Kräften geballert«, erinnert sich der Mainzer. Einmal saßen sie im Stadtarchiv, wo es sehr beengt ist, direkt nebeneinander, Schulter an Schulter, und lasen in Dokumenten der Mainzer Republik. Keiner traute sich, den anderen anzusprechen. Dumont sagt, er betone heute »das demokratische Element der Mainzer Republik stärker als vor 30 Jahren«. Worte, die sein Kontrahent vielleicht doch gern gehört hätte. Aber Heinrich Scheel starb 1996.

Jenseits allen Streits darüber, wie eine verordnete Freiheit in Zeiten der Fremdherrschaft zu bewerten ist – von der Mainzer Republik geht auch mehr als zwei Jahrhunderte nach ihrem jähen Blühen und Verblühen ein faszinierendes Leuchten aus. Sie ist unbestritten das Labor des ersten kühnen demokratischen Experiments in Deutschland, und es bleibt schlicht unbegreiflich, warum sich heute, da es Museen und Erinnerungsorte für alles und jedes gibt, in Mainz keine Gedenkstätte, kein Ort findet, der an sie erinnert! Hier scheint immer noch der Hass nachzuwirken, mit dem sie von den Feinden und Verächtern der Volkssouveränität zu allen Zeiten betrachtet wurde. So verhöhnt der einst viel gelesene preußische Historiker Heinrich von Treitschke 1879 das »Possenspiel einer rheinischen Republik«, vorgeführt »von einer Handvoll lärmender Feuerköpfe, die in ehrfürchtiger Scheu alle Kraftworte der Pariser Volksbeglücker nachsprechen«.

Eine moderne Freiheitswerkstätte wie der Klub, dessen Mitglieder sich aufmachten, die Gedanken der Aufklärung in politische Praxis umzusetzen, die vorsichtig tastend absolutes politisches Neuland betraten; ein (fast) allgemeines Männerwahlrecht, das seiner Zeit weit vorauseilte, einen Zensus nur für Bedienstete kannte und Juden erstmals in der deutschen Geschichte die volle Gleichberechtigung gewährte – all dies musste einem Bismarck-Apologeten und Antisemiten wie Treitschke (»Die Juden sind unser Unglück«) suspekt sein.

Im Februar 1793 wird der Rheinisch-Deutsche Nationalkonvent gewählt. Die Reichstruppen rücken immer weiter an die Stadt heran, schließen bald einen Belagerungsring, die Rückeroberung scheint nur eine Frage der Zeit. Am 17. März konstituiert sich der Konvent, das erste moderne deutsche Parlament, mit 128 Deputierten, darunter vielen Bauern, im Mainzer Deutschhaus, wo heute der rheinland-pfälzische Landtag berät.

Tags darauf, am 18. März, erklärt er den »ganzen Strich Landes zwischen Landau und Bingen, welcher Deputirte zu diesem Konvent schickt«, zu einem »freyen und unabhängigen Staat«. Forsters Rede vor dem Konvent klingt angesichts des drohenden Bombenregens aus den kaiserlichen Geschützen fast schon wie ein trotziger Abgesang. »Der Sieg der Vernunft ist vollkommen«, versucht er die Deputierten noch einmal aufzuputschen, »die beleidigte Menschheit tritt in den Vollbesitz ihrer Rechte.«

In den nur zwei Wochen seiner Tätigkeit stemmt sich der Konvent verzweifelt gegen den Untergang. Jetzt sollen alle Republikfeinde die Stadt verlassen, vor allem die eidverweigernden Priester. »Die Geistlichen verkauften fast alles, was sie noch hatten«, berichtet ein Augustinerprior, »und das Hin- und Herführen ihrer Habseligkeiten auf Karren und Wägen war ein wahres Spektakel, so traurig in die Augen fiel.«

Längst wissen die Deputierten, dass ihre kleine Republik allein nicht lebensfähig ist. Drei Tage nach der Unabhängigkeitserklärung beschließen sie die Vereinigung mit der französischen Mutterrepublik. Dreizehn Wochen lang liegt die Stadt im Belagerungsgürtel der Reichstruppen. Nach nur neun Monaten geht die Mainzer Republik im Kartätschenhagel der kaiserlichen Geschütze unter, auch der Dom wird schwer beschädigt.

Johann Wolfgang von Goethe erlebt die Belagerung im Gefolge seines Herzogs; auch Weimar stellt Truppen für den Krieg gegen Frankreich. »Es war die sternenhellste Nacht«, schreibt er, »die Bomben schienen mit den Himmelslichtern zu wetteifern, und es waren wirklich Augenblicke, wo man beide nicht unterscheiden konnte. An diesem Schauspiel konnt’ ich mich nicht satt sehen, denn es folgte Schuß auf Schuß, immer wieder neue mächtige Fontänen, indessen die alten noch nicht ganz verrauscht hatten.«

Am 23. Juli 1793 kapituliert die französische Armee, ihre Soldaten verlassen die Stadt. Nun beginnt eine erbarmungslose Jagd der Republikgegner auf die verbliebenen »Jakobiner«. Die Freiheitsfreunde werden ausgeplündert, geschlagen, öffentlich gedemütigt, verschleppt und inhaftiert. Goethe ist Augenzeuge der Lynchjustiz kurfürstentreuer Mainzer an einem »Erzklubisten«, der sich »neben einer freundlichen jungen Dame« in einer Kutsche versteckt hat. »Schon ist er bei den Füßen herausgerissen«, beschreibt er fast 30 Jahre später das »traurigste und ekelhafteste aller Schauspiele«. »Man schließt den Schlag und wünscht der Schönheit glückliche Reise. Ihn aber schleppt man auf den nächsten Acker, zerstößt und zerprügelt ihn fürchterlich. Alle Glieder seines Leibes sind zerschlagen, sein Gesicht unkenntlich.«

Sechs Wochen später kehrt der Kurfürst und Erzbischof Friedrich Karl von Erthal nach Mainz zurück. Aus seinem Aschaffenburger Exil hat er bereits alle Gesetze und Verfügungen aus der Zeit der »Drangsalen und harten Bedrückungen« für »Null und Nichtig« erklären lassen. »Wir ermahnen demnach alle unsere getreuen Unterthanen väterlich«, proklamiert ein von »wahrer väterlicher Theilnahme« geleiteter Erthal, nun wieder »den gebührenden Gehorsam zu leisten, sich derselben bekannten Gerechtigkeitsliebe mit vollem Vertrauen zu überlassen, ohne sich auch nur die mindeste Eigenmacht zu erlauben.«

Andreas Molitor, Jahrgang 1963, ist freier Autor und schreibt regelmäßig für ZEIT Geschichte

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Köln?

    Mainz in allen Ehren... Meines Wissens hatte Köln seit 1396 ein echt demokratisches Wahlsystem. Kann das jemand (über Google/ Wikipedia hinaus) verifizieren? Danke.

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    Köln hatte im Mittelalter mit der Gaffelverfassung wie übrigens die meisten Reichsstädte eine Ratsverfassung, die einem Teil der Stadtbewohner ein gewisses politisches Mitspracherecht einräumte. Hauptvoraussetzung war dafür das Bürgerrecht, das jedoch längst nicht jeder erlangen konnte. Darüber hinaus war der oberste Stadtherr jeder (freien) Reichsstadt der deutsche König bzw. Kaiser, der Privilegien wie eine Verfassung oder ähnliches meist gegen Geldzahlungen an Städte verlieh. Wirklich demokratisch war das System also nicht...

    Köln hatte im Mittelalter mit der Gaffelverfassung wie übrigens die meisten Reichsstädte eine Ratsverfassung, die einem Teil der Stadtbewohner ein gewisses politisches Mitspracherecht einräumte. Hauptvoraussetzung war dafür das Bürgerrecht, das jedoch längst nicht jeder erlangen konnte. Darüber hinaus war der oberste Stadtherr jeder (freien) Reichsstadt der deutsche König bzw. Kaiser, der Privilegien wie eine Verfassung oder ähnliches meist gegen Geldzahlungen an Städte verlieh. Wirklich demokratisch war das System also nicht...

  2. 2. Köln!

    Köln hatte im Mittelalter mit der Gaffelverfassung wie übrigens die meisten Reichsstädte eine Ratsverfassung, die einem Teil der Stadtbewohner ein gewisses politisches Mitspracherecht einräumte. Hauptvoraussetzung war dafür das Bürgerrecht, das jedoch längst nicht jeder erlangen konnte. Darüber hinaus war der oberste Stadtherr jeder (freien) Reichsstadt der deutsche König bzw. Kaiser, der Privilegien wie eine Verfassung oder ähnliches meist gegen Geldzahlungen an Städte verlieh. Wirklich demokratisch war das System also nicht...

    Antwort auf "Köln?"
    • keox
    • 11.09.2010 um 12:14 Uhr

    »Intrige, Fanatismus, Heuchelei und Privatinteresse bieten alle Kräfte auf, um Euch wieder in Eure alten Ketten zu schmieden«

    oder?

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    Die Bewertung der "Mainzer Republik" krankt zum einen daran,
    daß gesinnungsorientiert gedacht wird, zum andern an der unvollständigen Berücksichtigung der Faktenlage. Die Leiden der Bevölkerung werden außer Acht gelesen. Franzosen und Klubisten haben ausschließlich eigene Ziele - Annexion zu Frankreich - verfolgt, Tausende ihrer Habe beraubt und deportiert.

    Zur weiteren Information: www.mainzer-republik.npag....

    Guten Erfolg

    franzzitz

    Die Bewertung der "Mainzer Republik" krankt zum einen daran,
    daß gesinnungsorientiert gedacht wird, zum andern an der unvollständigen Berücksichtigung der Faktenlage. Die Leiden der Bevölkerung werden außer Acht gelesen. Franzosen und Klubisten haben ausschließlich eigene Ziele - Annexion zu Frankreich - verfolgt, Tausende ihrer Habe beraubt und deportiert.

    Zur weiteren Information: www.mainzer-republik.npag....

    Guten Erfolg

    franzzitz

  3. Die Bewertung der "Mainzer Republik" krankt zum einen daran,
    daß gesinnungsorientiert gedacht wird, zum andern an der unvollständigen Berücksichtigung der Faktenlage. Die Leiden der Bevölkerung werden außer Acht gelesen. Franzosen und Klubisten haben ausschließlich eigene Ziele - Annexion zu Frankreich - verfolgt, Tausende ihrer Habe beraubt und deportiert.

    Zur weiteren Information: www.mainzer-republik.npag....

    Guten Erfolg

    franzzitz

  4. ....republik.npage.de

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