Bismarcks Aufstieg Macht geht vor Recht

In drei Kriegen schuf Otto von Bismarck den ersten deutschen Nationalstaat. Ein Porträt des »Blut und Eisen«-Kanzlers.

Der Junker Otto von Bismarck war empört. Nach einem Besuch des Friedhofs im Berliner Friedrichshain, wo die gefallenen Barrikadenkämpfer der Märzrevolution 1848 ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, schrieb er im September 1849 seiner Frau Johanna: »Nicht einmal den Toten konnte ich vergeben, mein Herz war voll Bitterkeit über den Götzendienst mit den Gräbern dieser Verbrecher, wo jede Inschrift auf den Kreuzen von ›Freiheit und Recht‹ prahlt, ein Hohn für Gott und Menschen.«

Bismarcks Hass auf die 48er saß tief, und er hatte neben politischen auch ganz handfeste persönliche Gründe. Denn gerade hatte sich der 32-jährige Neuling aus der Provinz im Vereinigten Landtag, einer 1847 in Berlin einberufenen ständischen Versammlung, als ultrakonservativer Heißsporn einen Namen gemacht, als die revolutionären Ereignisse vom 18. März 1848 die so erfolgreich begonnene Karriere auch schon wieder zu beenden schienen. Am 21. März ritt der preußische König Friedrich Wilhelm IV. mit einer schwarz-rot-goldenen Armbinde durch Berlin und verkündete, dass Preußen künftig in Deutschland aufgehen solle. »Mit verwundetem Herzen kehrte ich nach Schönhausen zurück«, erinnerte sich Bismarck Jahrzehnte später.

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ZEIT Geschichte 03/2010
1789-1871: Die Deutschen und die Nation

1789-1871: Die Deutschen und die Nation

Hier, in Schönhausen bei Magdeburg an der Elbe, war er am 1. April 1815 geboren worden, als viertes von sechs Kindern, von denen nur drei – außer ihm der ältere Bruder Bernhard und die jüngere Schwester Malwine – die ersten Jahre überlebten. Der Vater, Ferdinand von Bismarck, entstammte einem alteingesessenen Adelsgeschlecht in der Altmark. Von ihm hatte Otto die große, kräftige Statur, dazu eine lebenslange Affinität zur Welt des ostelbischen Landadels. In einem Brief an seine Braut Johanna von Puttkamer vom März 1847 äußerte er sich voller Stolz über das »langjährige Walten des konservativen Prinzips hier im Hause, in welchem meine Väter seit Jahrhunderten in denselben Zimmern gewohnt haben, geboren und gestorben sind«.

Doch über die Mutter Wilhelmine, eine geborene Mencken, Tochter einer Familie von preußischen Gelehrten und hohen Beamten, kam ein neues Element in die scheinbar so ungebrochene Tradition. Sie war zartbesaitet, besaß ausgeprägte geistige Interessen, die ihr etwas ungehobelter, um viele Jahre ältere Ehemann aber nicht mit ihr teilen konnte. Von ihr hatte Otto das Naturell, eine nervöse Intellektualität, gepaart mit kühler Rationalität und dem brennenden Ehrgeiz, einst dem engen Lebenskreis eines preußischen Landedelmanns zu entfliehen. Es waren also recht gegensätzliche Anlagen und Neigungen, die dem Kind dieses ungleichen Paares in die Wiege gelegt wurden.

Bismarcks Weg in die Politik verlief denn auch alles andere als geradlinig. Nach dem Abitur am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin und einem Jurastudium in Göttingen und Berlin trat er 1836, nach dem ersten Staatsexamen, als Regierungsreferendar in die Aachener Provinzialverwaltung ein. Doch schon bald ödete ihn der bürokratische Betrieb an. Er suchte Zerstreuung, häufte Spielschulden an, verlor sich in amourösen Abenteuern und vernachlässigte darüber mehr und mehr seine beruflichen Pflichten. Schließlich, im Spätsommer 1838, entschloss er sich, den Staatsdienst zu quittieren. »Der preußische Beamte gleicht dem Einzelnen im Orchester; mag er die erste Violine oder den Triangel spielen: ohne Übersicht und Einfluß auf das Ganze, muß er sein Bruchstück abspielen, wie es ihm gesetzt ist, er mag es für gut oder schlecht halten«, begründete er seinen Schritt. »Ich will aber Musik machen, wie ich sie für gut erkenne, oder gar nicht.«

Eine Zeit lang bewirtschaftete er die väterlichen Güter, doch das füllte ihn auf die Dauer nicht aus. Durch wüste Zechgelage und allerhand Streiche, die ihm den Ruf eines »tollen Junkers« eintrugen, suchte er sich zu betäuben. Schließlich öffnete ihm der Kontakt zu einem Kreis pommerscher Pietisten um den Gutsherrn Adolf von Thadden-Trieglaff einen Ausweg aus dem Zustand frustrierender Perspektivlosigkeit. Über die Tochter des Hauses, Marie von Thadden, lernte Bismarck Johanna von Puttkamer kennen, die er im Juli 1847 heiratete. In ihr fand er eine Frau, die bereit war, sich ihm schmiegsam anzupassen und ihre eigenen Bedürfnisse hinter den seinen zurückzustellen. Nachdem er sicheren Halt im Privatleben gefunden hatte, konnte er sich nun seiner eigentlichen Leidenschaft, der Politik, zuwenden.

Über den Trieglaffer Kreis trat Bismarck in nähere Verbindung mit zwei einflussreichen konservativen Politikern, den Brüdern Leopold und Ludwig von Gerlach. Sie erkannten das politische Talent des Landjunkers und förderten ihn nach Kräften. Nachdem der erste Schreck über die Märzrevolution überwunden war, bekam die gegenrevolutionäre Partei in Preußen bald wieder Oberwasser. Bismarck beteiligte sich eifrig an den Vorbereitungen für einen Staatsstreich, der schließlich im November 1848, mit dem Einmarsch des Generals von Wrangel und seiner Truppen in Berlin, ins Werk gesetzt wurde.

Allerdings konnte sich Friedrich Wilhelm IV. noch nicht entschließen, Bismarck mit einem Ministerposten zu belohnen. »Nur zu brauchen, wo das Bajonett schrankenlos waltet«, notierte er an den Rand einer Vorschlagsliste. Doch Anfang Dezember 1850 bekam Bismarck Gelegenheit, sich beim Monarchen nachdrücklich in Erinnerung zu rufen. In einer großen Rede vor der Zweiten Kammer des Preußischen Landtags verteidigte er die »Olmützer Punktation« – jenen Vertrag, in dem Preußen darauf verzichtet hatte, eine bundesstaatliche Regelung der »deutschen Frage« gewissermaßen von oben, ohne und gegen Österreich, durch Vereinbarung der Fürsten untereinander zustande zu bringen. In dieser Rede bekannte er sich zum »staatlichen Egoismus« als Triebfeder der Außenpolitik, zugleich aber auch zur unbedingten Gegnerschaft gegen alle demokratischen Tendenzen: »Ich suche die preußische Ehre darin, daß Preußen vor allem sich von jeder schmachvollen Verbindung mit der Demokratie entfernt halte.«

Mit diesem geschickten Balanceakt zwischen »Realpolitik« und konservativer Prinzipienpolitik empfahl sich der 35-Jährige für einen Posten im diplomatischen Dienst. Ende April 1851 wurde er zum preußischen Gesandten am Bundestag in Frankfurt am Main berufen. Einer seiner ersten Gänge führte ihn hier zur Paulskirche. Er fand sie »so grabesstill über den leeren Bänken, daß man sich das Parlamentsgeschrei schwer vergegenwärtigen« könnte. Rasch lernte der Seiteneinsteiger das diplomatische Handwerk.

Sein Bestreben war, die preußischen Interessen mit Nachdruck zur Geltung zu bringen, und das hieß, Österreich den Führungsanspruch im Deutschen Bund streitig zu machen. Sollten die Habsburger sich einer gleichberechtigten Stellung Preußens in den Weg stellen, dann, so forderte er früh, müsse der Dualismus der beiden deutschen Vormächte eben mit Gewalt gelöst werden. Erfolgreich hintertrieb er den Versuch Wiens, während des Krimkrieges 1854 bis 1856 die Bundestruppen gegen Russland zu mobilisieren.

Und er hatte auch keine Bedenken, mehrmals mit dem französischen Kaiser Napoleon III. zusammenzutreffen, der in den Augen seiner hochkonservativen Freunde ein »natürlicher Feind« Preußens war. Den Brüdern Gerlach, die ihm deswegen Vorhaltungen machten, entgegnete er: »Sympathien und Antipathien in Betreff auswärtiger Mächte und Personen vermag ich vor meinem Pflichtgefühl im auswärtigen Dienste meines Landes nicht zu rechtfertigen.« Das blieb sein Credo: Die Außenpolitik sollte von ideologischen Einflüssen frei gehalten werden, weil, wie er sagte, man »nicht Schach spielen kann, wenn einem 16 Felder von 64 von Hause aus verboten sind«.

Das Bild vom Schachbrett war charakteristisch für die Art, wie Bismarck das diplomatische Spiel verstand: Immer ging es ihm darum, sich nicht frühzeitig festzulegen, sondern, Zug und Gegenzug sorgfältig bedenkend, sich mehrere Optionen offenzuhalten. Konservative Prinzipienpolitik, wie sie die Gerlachs vertraten, konnte da nur hinderlich sein.

Im Oktober 1857 übernahm Prinz Wilhelm von Preußen (der spätere Wilhelm I.) die Regentschaft für seinen Bruder Friedrich Wilhelm IV., der nach einem Schlaganfall gelähmt war. Damit schien eine neue, liberale Ära in Preußen anzubrechen. Bismarck, der immer noch als Mann der reaktionären Hofkamarilla galt, wurde von seinem Frankfurter Posten abgelöst und als Botschafter nach St. Petersburg versetzt – »an der Newa kaltgestellt«, wie er meinte. Doch war die Zeit in der russischen Hauptstadt für seinen weiteren Aufstieg von großer Bedeutung. Denn hier, auf einem Schlüsselposten der Diplomatie, gewann er grundlegende Einsichten in die Funktionsmechanismen des europäischen Mächtesystems, die ihm später als Dirigent der preußischen und deutschen Außenpolitik zustattenkamen. Dass sich sein Ehrgeiz mittlerweile auf das höchste politische Amt in Preußen richtete, war ein offenes Geheimnis. Allerdings musste er noch ein kurzes Zwischenspiel auf dem Botschafterposten in Paris einlegen, bevor ihn Wilhelm I. endlich am 23. September 1862, auf dem Höhepunkt des Konflikts um die preußische Heeresreform, zum preußischen Ministerpräsidenten bestellte.

»Bismarck-Schönhausen bedeutet: regieren ohne Etat, Säbelregiment im Innern, Krieg nach außen«, prophezeite ein liberaler Beobachter. Tatsächlich unternahm Bismarck zunächst alles, um seinem Image als skrupelloser Gewaltpolitiker zu entsprechen. Schon bald nach seinem Amtsantritt provozierte er die liberale Mehrheit des Abgeordnetenhauses mit der Feststellung: »Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen –, sondern durch Eisen und Blut.« Nach dem Motto »Macht geht vor Recht« regierte er verfassungswidrig, das heißt ohne den gesetzlich vorgeschriebenen Haushalt. »Das gegenwärtige Ministerium ist in einer Art mißliebig, wie selten eines in Preußen war«, schrieb Gerson Bleichröder, Bismarcks Bankier, im Januar 1863 an Baron James Rothschild. Bismarcks Tage als Ministerpräsident schienen gezählt. Dass er sich am Ende doch behaupten konnte, verdankte er freilich nicht dem rigorosen Konfrontationskurs im Innern, sondern seinen Erfolgen in der Außenpolitik.

Seit Herbst 1863 trat der Konflikt mit Dänemark über die Herzogtümer Schleswig und Holstein wieder in den Mittelpunkt der Politik, und in ihm erkannte Bismarck eine Chance, um aus der verfahrenen innenpolitischen Situation herauszukommen. Von Anfang an strebte er die Eingliederung der Herzogtümer in den preußischen Machtbereich an, und dass er dieses Ziel allen Widerständen zum Trotz am Ende erreichte, hat er selbst zu seinen größten diplomatischen Leistungen gezählt. Zunächst gab er sich betont friedfertig, indem er vorspiegelte, nur für die Erhaltung der internationalen Verträge über Schleswig-Holstein eintreten zu wollen. Dadurch gelang es ihm nicht nur, die Großmächte über seine wahren Absichten zu täuschen, sondern auch Österreich für den Krieg gegen Dänemark zu gewinnen, der mit der Erstürmung der Düppeler Schanzen durch die preußischen Truppen im April 1864 entschieden wurde.

Ein ähnliches Doppelspiel trieb Bismarck, als er nach dem Sieg über Dänemark den Streit um die gemeinsame Kriegsbeute, die beiden Herzogtümer, als Hebel benutzte, um das Problem des preußisch-österreichischen Dualismus mit gewaltsamen Mitteln zu lösen. Um Wien zum Krieg zu reizen, scheute er nicht davor zurück, die nationaldemokratische Karte zu ziehen, indem er im April 1866 beim Frankfurter Bundestag den Antrag auf Einberufung eines Nationalparlaments stellte. Damit verprellte er endgültig seine hochkonservativen Freunde. Doch nicht nur unter Preußens Konservativen, sondern auch in den süddeutschen Staaten war der bevorstehende »Bruderkrieg« äußerst unpopulär. So verwundert es nicht, dass hier der junge württembergische Student Ferdinand Cohen-Blind, Sohn des 48ers Karl Blind, wie ein Märtyrer gefeiert wurde: Am 7. Mai 1866 verübte Cohen-Bind ein missglücktes Revolverattentat auf Bismarck und nahm sich anschließend das Leben.

Mit dem Krieg gegen Österreich spielte Bismarck wie schon Friedrich der Große mit dem Überfall auf Schlesien 1740 va banque – und er gewann. In der Schlacht bei Königgrätz am 3. Juli 1866 errangen die preußischen Truppen einen entscheidenden Sieg. Danach war die Welt eine andere. Selbst die prinzipienfestesten Liberalen korrigierten nun ihr Urteil über den verhassten Konfliktminister. Bismarck seinerseits baute den Liberalen eine Brücke, indem er das Abgeordnetenhaus um »Indemnität«, also um eine nachträgliche Billigung des budgetlosen Regiments, bat. Zugleich setzte er gegen den Willen des preußischen Königs durch, dass das besiegte Österreich milde behandelt wurde. Es musste keine Gebiete abtreten, allerdings in die Auflösung des Deutschen Bundes und die Reorganisation Deutschlands nördlich der Mainlinie unter Preußens Führung einwilligen.

»Soll Revolution sein, so wollen wir sie lieber machen als erleiden« – diese Worte Bismarcks vom August 1866 waren keine leere Drohung. Vielmehr ließ er sie wahr werden, indem er ohne Rücksicht auf dynastische Traditionen neben Schleswig-Holstein auch noch Hannover, Kurhessen, Nassau und die freie Stadt Frankfurt am Main annektierte und das demokratische Wahlrecht in der von ihm ausgearbeiteten Verfassung des Norddeutschen Bundes festschrieb. Man hat ihn zu Recht einen »weißen Revolutionär« genannt – »weiß« deshalb, weil die grundstürzenden Veränderungen, die er als preußischer Ministerpräsident und späterer Reichskanzler durchsetzte, keinem anderen Zweck dienten, als Preußens Stellung als europäische Großmacht zu stärken und damit zugleich auch die konservative monarchische Ordnung langfristig zu sichern. Bismarcks Denken kreiste nicht um die Nation, sondern um den Staat, und zwar in seiner konkreten Ausprägung als preußischer Machtstaat.

Preußens Staatsräson war auch die leitende Idee, unter der er nach 1866 das Ziel der Gründung eines kleindeutsch-großpreußischen Nationalstaats betrieb. Dabei war, wie er wohl erkannte, das taktische Bündnis mit der liberalen Nationalbewegung unumgänglich, weil nur so die gesellschaftliche Schubkraft mobilisiert werden konnte, deren es bedurfte, um die angestrebte Vereinigung des Norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zu verwirklichen.

Allerdings rechnete er zunächst noch mit längeren Fristen. »Erreicht Deutschland sein nationales Ziel noch im neunzehnten Jahrhundert, so erscheint mir das als etwas Großes, und wäre es in zehn oder fünf Jahren, so wäre das etwas Außerordentliches, ein unverhofftes Gnadengeschenk von Gott«, hat er noch 1868 geäußert. Als sich dann aber mit der spanischen Thronkandidatur 1869/70 unverhofft eine Möglichkeit bot, Frankreich in einen Konflikt hineinzuziehen, der sich zu einem Nationalkrieg unter Mitwirkung der süddeutschen Staaten eskalieren ließ, da hat Bismarck diese Gelegenheit entschlossen beim Schopf ergriffen. Und wieder – wie 1864 und 1866 – gelang es ihm, den Gegner in die Rolle des vermeintlichen Aggressors zu manövrieren, obwohl die eigentliche Kriegsprovokation – im Falle Frankreich die Emser Depesche – von ihm selbst ausging.

Nicht auf friedlichem Wege, sondern durch »Blut und Eisen«, wie von Bismarck angekündigt, wurde also der erste deutsche Nationalstaat aus der Taufe gehoben, und das war für die weitere deutsche Geschichte höchst folgenreich. Durch die siegreichen drei Einigungskriege hatte das preußische Offizierskorps einen enormen Prestigezuwachs erfahren. Die exklusive Sonderstellung des Militärs im Kaiserreich und, damit korrespondierend, die Schwäche der Zivilgewalten – sie waren auch das Werk des »Reichsgründers«.

Allerdings blieb sich Bismarck der Zerbrechlichkeit seiner Schöpfung stets bewusst. »Wir balancieren auf der Spitze eines Blitzableiters; verlieren wir das Gleichgewicht [...], so liegen wir unten«, erklärte er im Dezember 1870, nachdem er die deutsche Einheit unter Dach und Fach gebracht hatte. Dieses Gefühl für die Gefährdung des neuen Nationalstaats in der Mitte Europas sollte seinen Nachfolgern verloren gehen, und darin lag eine wesentliche Ursache für den Untergang des Kaiserreichs im Jahre 1918.

Volker Ullrich , Jahrgang 1943, hat viele Jahre das Ressort Politisches Buch bei der ZEIT geleitet und ist Herausgeber von ZEIT Geschichte

 
Leser-Kommentare
  1. bismarck war ein herausragender politischer denker. die einigung deutschlands, sei sie auch mit dem zweifelhaften mittel des militaerischen konflikts zustande gekommen sein, war ein strategisches glanzstueck. unterstuetzt wurde er dabei von zwei grandiosen feldherren, deren ruhm den wandel des zeitgeistes nicht ueberlebt hat.

    bismarcks politischer weitblick wurde in folge des sieges ueber frankreich von nationalistisch-ueberschwaenglichem groessenwahn ueberrollt. bereits bei der reichsgruendung 1871 war deutschland dem untergang geweiht. mit dem unerlaubten griff nach elsass-lothringen erschuf sich das neue reich in frankreich einen wuetenden feind, vor dessen blinder rache schon zeitgenossen eindringlich warnten. die franzoesische revanche folgte 1914-1918, und man darf getrost behaupten, dass sie gnadenlos war.

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    Immerhin war die Region erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts an Frankreich gefallen. Für mich und auch objektiv betrachtet, war das der unerlaubte Griff.
    Neben vielen anderen französischen Übergriffen aus der Zeit als Frankreich stark und Deutschland uneins war. Wenn die Franzosen nicht verkraften konnten, dass es einmal andersherum lief, war das ihr Problem.
    Dass es taktisch klüger gewesen wäre, darauf zu verzichten, mag sein und steht auf einem anderen Blatt.

    Aber bemerkenswert, wie man in dieser Frage immer so viel Verständnis für den verletzten Stolz der anderen hat. Wo mit Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ganz andere Dinge passiert sind.

    war ja ursprünglich deutsches Land und wurde von Louis XIV, dem Sonnenkönig, dem nach dem 30-jährigen Krieg schwächlichen Hl. Römischen Reich Deutscher Nation, geraubt.

    Ein Konstruktionsfehler war allerdings, dass Elsaß-Lothringen nicht als gleichberechtigter Landesteil im Bundesrat (so hiess der damals wirklich) vertreten war, sonder als "Reichsland" eine undefinierte Position hatte, was dazu führte, dass sich die Elsäßer und Lothringer als Deutsche zweiter Klasse fühlen mussten - weshalb sie nach dem 1.Weltkrieg dann auch lieber wieder zu Frankreich gehören wollten.

    Weiterhin erwies sich der Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Reich als verhängnisvoll; schliesslich war es ein Österreicher, der 72 Jahre später unter dem Jubel der Bevölkerung Österreich wieder "heim ins Reich" holen sollte.

    Immerhin war die Region erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts an Frankreich gefallen. Für mich und auch objektiv betrachtet, war das der unerlaubte Griff.
    Neben vielen anderen französischen Übergriffen aus der Zeit als Frankreich stark und Deutschland uneins war. Wenn die Franzosen nicht verkraften konnten, dass es einmal andersherum lief, war das ihr Problem.
    Dass es taktisch klüger gewesen wäre, darauf zu verzichten, mag sein und steht auf einem anderen Blatt.

    Aber bemerkenswert, wie man in dieser Frage immer so viel Verständnis für den verletzten Stolz der anderen hat. Wo mit Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ganz andere Dinge passiert sind.

    war ja ursprünglich deutsches Land und wurde von Louis XIV, dem Sonnenkönig, dem nach dem 30-jährigen Krieg schwächlichen Hl. Römischen Reich Deutscher Nation, geraubt.

    Ein Konstruktionsfehler war allerdings, dass Elsaß-Lothringen nicht als gleichberechtigter Landesteil im Bundesrat (so hiess der damals wirklich) vertreten war, sonder als "Reichsland" eine undefinierte Position hatte, was dazu führte, dass sich die Elsäßer und Lothringer als Deutsche zweiter Klasse fühlen mussten - weshalb sie nach dem 1.Weltkrieg dann auch lieber wieder zu Frankreich gehören wollten.

    Weiterhin erwies sich der Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Reich als verhängnisvoll; schliesslich war es ein Österreicher, der 72 Jahre später unter dem Jubel der Bevölkerung Österreich wieder "heim ins Reich" holen sollte.

    • WIHE
    • 24.08.2010 um 17:27 Uhr

    Erfolgreich hintertrieb er den Versuch Wiens, während des Krimkrieges 1854 bis 1856 die Bundestruppen gegen Russland zu mobilisieren.<

    Deutschland aus dem Krimkrieg herauszuhalten, war eine der größten Leistungen Bismarcks.
    Die Gründung des Kleindeutschen Reiches und der Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Bund war eine der dümmsten Ideen Bismarcks.
    Resultat, heute wissen die Österreicher gar nicht mehr, dass sie mal Deutsche waren.

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    • cvnde
    • 24.08.2010 um 17:48 Uhr

    Erstens sind sie Deutsche, mit einer miserablen Sprache.
    Zweitens, war gerade das herrausdrängen der kuk-Monarchie das Fundament, dass Deutschland als "Nationalstaat" existieren konnte.

    wilhelm II. hat den größten Fehler begangen als er dieses zerfallene Kaiserreich zum Verbündeten machte, denn wer hätte dieses massive Vielvölkergemisch zum Ausgleich bringen können?
    An dem andere Groß- und Mittelmächte ständig gezerrt haben.

    • germi
    • 24.08.2010 um 18:27 Uhr

    Sie schreiben: "Die Gründung des Kleindeutschen Reiches und der Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Bund war eine der dümmsten Ideen Bismarcks.
    Resultat, heute wissen die Österreicher gar nicht mehr, dass sie mal Deutsche waren." Immer schön sachlich und bei den Fakten bleiben! Deutschland war das letzte Land in Europa, das noch kein Nationalstaat war. Unser Land war damit weit hinter dem Zustand anderer Länder zurück. Auch der Verfasser V. Ullrich unterliegt der Versuchung, Bismark klein zu machen, weil er zu denen gehört, die aus ideologischen es nicht zulassen wollen, dass diejenigen zu ihrem Recht kommen, die für die Sache der eigenen Nation eintreten. So wird in diesen Kreisen es nicht gern gesehen, dass es in Deutschland auch große Staatsmänner gegeben hat, eben wie Bismarck. Der Nationalstaat war damals überfällig. Wer außer Bismarck hätte dies schaffen können? Es war schwer genug, wie die drei Kriege zeigen, auch wenn wir einiges dafür spricht, dass Deutschland mit Österreich den bekannten verhängnisvollen Weg wohl nicht gegangen wäre. Aber anders als Hitler, dem es überwiegend um seinen "Ruhm" in der Geschichte ging, den er sich natürlich anders ausmalte, ging es Bismarck v.a. um Preußen - was kein Widerspruch sein muss - und Deutschland. Wenn die Österreichen nicht mehr wissen sollten, dass sie mal Deutsche waren, hat das weniger mit Bismarck als mit Hitler zu tun. Aber man kann sich in der Geschichte nicht immer nur die Rosinen herauspicken.

    • cvnde
    • 24.08.2010 um 17:48 Uhr

    Erstens sind sie Deutsche, mit einer miserablen Sprache.
    Zweitens, war gerade das herrausdrängen der kuk-Monarchie das Fundament, dass Deutschland als "Nationalstaat" existieren konnte.

    wilhelm II. hat den größten Fehler begangen als er dieses zerfallene Kaiserreich zum Verbündeten machte, denn wer hätte dieses massive Vielvölkergemisch zum Ausgleich bringen können?
    An dem andere Groß- und Mittelmächte ständig gezerrt haben.

    • germi
    • 24.08.2010 um 18:27 Uhr

    Sie schreiben: "Die Gründung des Kleindeutschen Reiches und der Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Bund war eine der dümmsten Ideen Bismarcks.
    Resultat, heute wissen die Österreicher gar nicht mehr, dass sie mal Deutsche waren." Immer schön sachlich und bei den Fakten bleiben! Deutschland war das letzte Land in Europa, das noch kein Nationalstaat war. Unser Land war damit weit hinter dem Zustand anderer Länder zurück. Auch der Verfasser V. Ullrich unterliegt der Versuchung, Bismark klein zu machen, weil er zu denen gehört, die aus ideologischen es nicht zulassen wollen, dass diejenigen zu ihrem Recht kommen, die für die Sache der eigenen Nation eintreten. So wird in diesen Kreisen es nicht gern gesehen, dass es in Deutschland auch große Staatsmänner gegeben hat, eben wie Bismarck. Der Nationalstaat war damals überfällig. Wer außer Bismarck hätte dies schaffen können? Es war schwer genug, wie die drei Kriege zeigen, auch wenn wir einiges dafür spricht, dass Deutschland mit Österreich den bekannten verhängnisvollen Weg wohl nicht gegangen wäre. Aber anders als Hitler, dem es überwiegend um seinen "Ruhm" in der Geschichte ging, den er sich natürlich anders ausmalte, ging es Bismarck v.a. um Preußen - was kein Widerspruch sein muss - und Deutschland. Wenn die Österreichen nicht mehr wissen sollten, dass sie mal Deutsche waren, hat das weniger mit Bismarck als mit Hitler zu tun. Aber man kann sich in der Geschichte nicht immer nur die Rosinen herauspicken.

  2. Immerhin war die Region erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts an Frankreich gefallen. Für mich und auch objektiv betrachtet, war das der unerlaubte Griff.
    Neben vielen anderen französischen Übergriffen aus der Zeit als Frankreich stark und Deutschland uneins war. Wenn die Franzosen nicht verkraften konnten, dass es einmal andersherum lief, war das ihr Problem.
    Dass es taktisch klüger gewesen wäre, darauf zu verzichten, mag sein und steht auf einem anderen Blatt.

    Aber bemerkenswert, wie man in dieser Frage immer so viel Verständnis für den verletzten Stolz der anderen hat. Wo mit Deutschland nach dem 1. Weltkrieg ganz andere Dinge passiert sind.

    Antwort auf "ein grosser politiker"
  3. Diese ach so schlimme Emser Depesche war doch gar nichts. Da hieß es doch nur, dass der preußische König den französischen Botschafter nicht mehr empfangen werde, oder so. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn Preußen schon auf die spanische Thronkandidatur verzichtet und Frankreich anschließend meint, mit Forderungen nachlegen zu müssen.

    Möchte nicht wissen, wem die Kriegsschuld gegeben werden würde, wenn es umgekehrt war. Irgendwie werde ich nämlich den Verdacht nicht los, die neuere Geschichte wird immer so dargestellt, dass Preußen/Deutschland selbst am Krieg schuld war. Egal wie operettenhaft das Verhalten der anderen war.

    Außerdem war Frankreich die eindeutig stärkere Macht und der deutsche Sieg eher eine Überraschung. Der Krieg wäre ein viel zu großes Risiko gewesen, nur um einen Hintergrund für die deutsche Einigung zu schaffen. Hinzu kommt, dass es Frankereich war, das Preußen immer wieder angeboten hatte, die dazwischen liegenden Gebiete aufzuteilen, was Bismarck aber abgelehnt hatte. Frankreich wollte mit dem Krieg klare Verhältnisse schaffen und hat sich verkalkuliert.

    • cvnde
    • 24.08.2010 um 17:48 Uhr

    Erstens sind sie Deutsche, mit einer miserablen Sprache.
    Zweitens, war gerade das herrausdrängen der kuk-Monarchie das Fundament, dass Deutschland als "Nationalstaat" existieren konnte.

    wilhelm II. hat den größten Fehler begangen als er dieses zerfallene Kaiserreich zum Verbündeten machte, denn wer hätte dieses massive Vielvölkergemisch zum Ausgleich bringen können?
    An dem andere Groß- und Mittelmächte ständig gezerrt haben.

    Antwort auf "Das war eine gute Idee"
    • WIHE
    • 24.08.2010 um 18:04 Uhr

    Wie oben schon erklärt, aus nichtigem Anlaß hat Frankreich Preußen den Krieg erklärt.
    Preußen war zu stark geworden, da suchte man einen Anlaß zum Krieg, um Preußen wieder zu schwächen.

    Dass der Schuss nach hinten losging, war Pech für die Franzosen und ihren Kaiser Napoleon den III, die die Intelligenz Bismarcks unterschätzte.

    Zum Elasß unmd Lothringen, immerhin mussten die Preußen den Elsässern 1871 nicht die deutsche Sprache beibringen, die konnten sie schon.
    Da hatten es die Franzosen 1918 und 1945 viel schwerer, als man den Elsässern das Deutsche austreiben und durch Französisch ersetzen musste.

  4. Das Verhältnis von Macht und Recht war bei Bismarck doch etwas anders als Herr Ullrich meint. In keinem der drei Kriege ist der Bruch des Friedens von Bismarck bzw. der preußischen Regierung ausgegangen, hat diese sich vielmehr strikt an die Normen des internationalen Rechts gehalten. Und was Bismarcks "Provokationen" betrifft, so gehören zum provozieren immer zwei: einer der provoziert und einer der sich provozieren läßt.

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