Ein warmer Wind fährt den Damen ins frisierte Haar und den Herren unter die eleganten Rockschöße, als das größte und luxuriöseste Passagierschiff der Welt in Hamburg vom Stapel läuft. Der 20. Juni 1914 ist ein milder Frühsommertag, 40.000 Menschen sind ans Ufer der Elbe gekommen, um dabei zu sein, wenn der Kaiser den Riesendampfer auf den Namen Bismarck tauft. Jubelchöre erschallen unter blauem Himmel, Blumengirlanden schmücken die Werft von Blohm & Voss, das Kaiserreich feiert seinen letzten friedlichen Triumph.

Dass diese Schiffstaufe eine Abschiedsgala von der nur noch kurz währenden Normalität sein wird, ahnt keiner der Schaulustigen. Die Menschen sind voller Begeisterung für die prunkvollen Ozeandampfer. Gerade sechs Tage ist es her, dass ein anderes Schiff der Bauserie, die Vaterland, zu ihrer Jungfernreise nach New York gestartet ist – wie die Bismarck und der Imperator (auf Wunsch des Kaisers mit männlichem Artikel) ein Vierschrauben-Turbinendampfer.

In den Giganten der Meere spiegelt sich nicht nur ein neuer Glaube an Technik und Fortschritt, sondern auch der Größenwahn des Kaiserreichs. Die maritimen Majestäten zeugen vom wirtschaftlichen Aufschwung, aber auch von hypertropher Selbstinszenierung. Immer Volldampf voraus: Die Schiffe sind Sinnbilder einer sich selbst zu gewissen Nation.

Der Mann, für den der Stapellauf der Bismarck eigentlich ein weiterer Höhepunkt in seiner ungewöhnlichen Karriere sein soll, steht stolz neben seinem Freund, Wilhelm II., doch die unmittelbare Zukunft macht ihm Angst; qualvoll zermürbende Vermittlungsversuche liegen hinter ihm. Albert Ballin, der erfolgreiche Generaldirektor der damals größten Reederei der Welt, der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag), sieht Deutschland und damit auch sein Lebenswerk vor dem Abgrund. Seine unentwegten Anstrengungen, zwischen England und Deutschland auszugleichen, seine diplomatischen Reisen, seine politische Mission – war alles umsonst?

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Die Jubelfeier an der Elbe kann ihm nicht zur Freude, nicht zur Genugtuung werden. Albert Ballin ahnt in diesen Sommertagen, dass schwere Zeiten kommen werden. Und seine Befürchtungen erweisen sich als erschreckend realistisch. Denn Schiffspolitik ist Weltpolitik: Nur eine Woche nach der sonnigen Schiffstaufe fallen die Schüsse von Sarajevo. Und die Bismarck wird niemals unter deutscher Flagge auf große Fahrt gehen. Erst acht Jahre später, 1922, nimmt sie ihren Dienst auf – infolge des Versailler Vertrages an die Alliierten ausgeliefert und in Majestic umbenannt.

Albert Ballin, das jüngste von 13 Kindern, geboren am 15. August 1857 als Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Dänemark, hat 1891 die Kreuzfahrt erfunden, die größten Passagierschiffe der Welt und die Auswandererhallen auf der Elbinsel Veddel bauen lassen: Er hat die maritimen Träume des Kaisers Wirklichkeit werden lassen und gehörte zu den Managern im Kaiserreich, die dazu beigetragen haben, aus dem agrarisch geprägten Deutschland eine für die Nachbarn furchterregende Wirtschaftsmacht zu machen.

1914 besitzt die Hapag 175 Dampfschiffe, unterhält 73 Liniendienste in der ganzen Welt, verfügt über ein Aktienkapital von 157 Millionen Mark und hat fast 25.000 Mitarbeiter. »Mein Feld ist die Welt«, lautet der großspurige Wahlspruch der Hapag, und schon darin liegt die tragische Ambivalenz dieser Erfolgsgeschichte.

Angefangen hat Ballin als ein Nobody im Hamburger Hafen. Mit erst 17 Jahren, nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, übernimmt er dessen Auswandereragentur. Sie liegt nahe den Hamburger Landungsbrücken, dort, wo Ballin aufgewachsen ist, zwischen Pollern und Dalben, Matrosen und Kränen: Der Hafen ist seine Welt. Bald schon ist Ballin alleiniger Chef der Agentur. Nach nur vier Jahren hat er 16.000 Auswanderer in die Neue Welt befördert. Dabei stehen Agenten wie er in keinem guten Ruf: Sie gelten als Menschenhändler, die ihre Passagiere unter unwürdigen Bedingungen über den Atlantik schiffen.