Deutsche Kolonialverbrechen"Aufräumen, aufhängen, niederknallen"

Waren die Verbrechen des Kolonialzeitalters Vorläufer des Holocaust? Der Streit um diese Frage hat in den vergangenen Jahren ein lange vernachlässigtes Kapitel der deutschen Geschichte erhellt von Christian Staasss

Deutsch-Südwest-Afrika, 1904: Kriegsgefangene des Hererovolkes

Deutsch-Südwest-Afrika, 1904: Kriegsgefangene des Hererovolkes  |  © Deutsches Bundesarchiv

Am 11. Dezember 1904 taucht das Wort erstmals in einem Schreiben der deutschen Regierung auf. Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow telegrafiert an diesem Tag nach Deutsch-Südwestafrika und ordnet an, "Konzentrationslager" errichten zu lassen "für die Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Hererovolkes". Adressat ist der Oberbefehlshaber in Deutsch-Südwest, Lothar von Trotha.

In den Monaten zuvor hatte Trotha seine "Schutztruppe" in einen rücksichtslosen Kampf gegen die aufbegehrenden Herero und Nama geschickt, gegen bewaffnete Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder, gegen Alte und Kranke. Im August 1904 trieben die deutschen Soldaten mehrere Zehntausend Herero in die Omaheke, ein weites Sandfeld im Osten der Kolonie, sie riegelten die Wasserlöcher systematisch ab, sie töteten und hetzten in den Tod. Trotha sprach von "Rassekrieg", sein Ziel lautete "Vernichtung".

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Auch der Begriff Konzentrationslager ist ihm, 30 Jahre vor Dachau , längst geläufig. Concentration camps nannten die Briten um 1900 die Lager, in die sie während des Krieges gegen die Buren in Südafrika massenweise Zivilisten pferchten, um das Land zu "befrieden". Jetzt dienen sie als Vorbild für die elenden Barackensiedlungen in Windhoek, Swakopmund und anderen Städten mit Eisenbahnanschluss sowie – der berüchtigtste Ort – auf den Haifischinseln vor der Lüderitzbucht.

Es herrscht Arbeitszwang, die Gefangenen sind unterernährt, Krankheiten grassieren, und viele Herero, heimisch im trocken-warmen Landesinneren, leiden unter dem feuchtkalten Seeklima. "Ombepera i koza", sollen sie in Swakopmund gerufen haben: "Die Kälte tötet mich." Die Lager dienen nicht der "Unterbringung und Unterhaltung", sie sind eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Nur die Hälfte der Internierten überlebt Haft und Zwangsarbeit. War der Massenmord an den Herero ein Vorspiel zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik?

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich  |  © ZEIT Geschichte

Provoziert durch diese Frage, ist unter Historikern in den vergangenen zehn Jahren eine Debatte über die deutsche Kolonialzeit entbrannt. Der Streit um Parallelen und Kontinuitäten zu den NS-Verbrechen erhellte dabei ein lange vernachlässigtes historisches Kapitel. Gerade einmal vier Jahrzehnte umfassend, ist die deutsche Kolonialgeschichte zwar mehr Episode denn Epoche, doch verlief sie nicht weniger blutig als die anderer Nationen.

Auch konnte sich das deutsche Kolonialreich zu keiner Zeit mit dem Britischen Empire oder den französischen Besitzungen messen, im Moment seiner größten Ausdehnung aber, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, war es immerhin sechsmal so groß wie das "Mutterland". Es erstreckte sich von Ozeanien über China bis ins östliche und südliche Afrika, wo in den 1880er Jahren der deutsche Kampf um einen "Platz an der Sonne" begann.

"Das von mir ins Auge gefaßte Land liegt zwischen dem großen und dem kleinen Fischflusse, also zwischen dem 26. Grad und dem 29. Grad südl. Breite", schreibt der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz am 23. November 1882 an das "hohe Kaiserliche Auswärtige Amt". Das Gebiet sei "auf einige Meilen, von der Küste in das Innere, sandig und steril, und zwar bis zu den Hügelreihen, welche auf ungefähr zehn englische Meilen Abstand von der Küste, parallel mit dieser laufen." Hinter diesen Hügeln aber beginne fruchtbares Land.

"Die Eigentümer desselben sind Namaquas, von deren Häuptlingen ich das Besitzrecht erwerben werde", fährt Lüderitz fort. Sein Plan: "deutsche Waren unter deutschem Etikett" einzuführen und gegen Landesprodukte zu tauschen. Um die hohen Importzölle umgehen zu können, die er in einem von den Briten kontrollierten Hafen zahlen müsste, brauche er den Schutz des Reiches. Ferner, so habe er gehört, sollen die "im Namaqua-Lande liegenden Berge teilweise reich an Kupfer und Silber sein".

Leserkommentare
  1. Ein ausgewogener und informativer Artikel. Und es lassen sich auch Parallelen zur heutigen Zeit ziehen.

    "Nichts von Kultur, nichts von Paradies« könne er in den eroberten Gebieten entdecken – »ein Tiefstand, ein Dreck, eine Menschheit, die uns zeigen, daß hier unsere große Kolonisationsaufgabe liegen wird."

    Dieser Schluss könnte auch ein aktuelles Zitat aus Afghanistan sein, der erste Weltkrieg als Vorläufer des "Kampf gegen den Terror" (Thronfolger erschossen) gesehen werden und der zweite Weltkrieg geht historisch bedenkenlos als "preemptive strike" durch.

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    Der Zweite Weltkrieg ginge "problemlos" als "preemptive strike" durch? Ein Präventivkrieg Deutschlands gegen Polen also? Wurde demnach tatsächlich nur "zurückgeschossen"? War das Manöver von Gleiwitz am Ende doch eine Provokation der Polen, die ihrerseits so taten, als seien sie Deutsche, die sich wiederum als Polen tarnen? Vertrackt, vertrackt.

  2. Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/km

    8 Leserempfehlungen
  3. ..."lange vernachlässigte Kapital der deutschen Geschichte" gibt es innerhalb der letzten 150 Jahre sicher nicht. Wie wärs mal damit, liebe "Historiker", sich mal wieder auf die positiven Aspekte deutscher Geschichte zu konzentrieren? Macht das Suhlen in der eigenen (angenommenen) Schlechtigkeit denn so viel Spaß? Die Deutschen haben dies getan, die Deutschen haben jenes getan, diesen getötet, jenen getötet...geht's noch? Wie wärs mal zB mit einer Serie über unseren heldenhaften Abwehrkampf gegen die Römer, der es uns erst ermöglichte bis heute, 2000 Jahre später, unsere EIGENE Sprache zu sprechen, im Unterschied zu Engländern und Franzosen?

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    • Pangea
    • 13. Januar 2011 19:19 Uhr

    Es gibt in der Tat und sehr wohl vernachlässigte Kapitel der deutschen Geschichte! Wenn sie schon so herablassend uns Historiker meinen mit falscher, dümmlicher Meinung belehren zu müssen, dann informieren sie sich bitte zumindest vorher.
    In der Tat verrät ihr Benutzername, Leopold von Ranke, schon einiges über sie. Leider muss ich sie darauf hinweisen, dass von Rankes Historismus ("Große Männer schreiben große Geschichte") bereits Mitte letzten Jahrhunderts gescheitert ist.
    Der Wunsch, die "schattigen" Seiten deutscher Geschichte "endlich ruhen zu lassen" und sich den erfolgreichen Teilen zuzuwenden, ist BEDENKLICH nationalistisch und von seriöser Wissenschaft weit entfernt.
    Dafür spricht, dass sie zum Schluss die Varusschlacht hervorkramen und in althergebrachter, nationalistischer Weise die Germanen mythisieren. Und auch hier noch einmal ein kleiner Hinweis: "Germanen" war eine durch Gaius Iulius Caesar vor politischem Hintergrund eingeführte Sammelbezeichnung der zahlreichen Völker östlich des Rheins. Demnach auch nur eine Erfindung.

    Bitte bitte für das nächste Mal: informieren, nachdenken, dann schreiben.

    ... reichen Sie nicht ganz heran mit Ihren Thesen; der hatte schon ein bisschen mehr drauf. Da ist es doch ein bisschen dreist, seinen Namen für sich zu okkupieren.

    Ansonsten: Man kann sich seine Geschichte nicht aussuchen. Wenn Sie was Positives wollen, dann lesen Sie halt die Geschichte der Bundesrepublik. Aber an der deutschen Kolonialgeschichte ist nun mal nicht viel zu beschönigen. Das beste, was man da noch sagen kann, ist, dass unsere Nachbarn nicht besser waren.

    • postit
    • 31. Januar 2011 17:58 Uhr

    wenn Sie über "unseren Abwehrkampf" sprechen? Aus Sicht der eben zivilisierten und befriedeten Bevölkerung der Provinzen Obergermanien und Rätien dürfte es sich um die eher weniger liebenswerten Horden aus dem Norden gehandelt haben. Verzeihen Sie, wenn mir immer noch kein herzlicher Willkommensgruß gelingt.

  4. Die Eroberung der Kontinente fand durch weiße Europäische Nationen statt und nicht nur Deutschland sondern alle Länder die auszogen um neue Gebiete in der Welt zu erobern haben durch brutales Vorgehen den Ureinwohnern nicht nur Land sondern oft auch das Leben geraubt.Doch wenn wir glauben das nur unsere Altvorderen zu solch grauenhafte und bestialische Taten fähig waren so ist das ein Irrtum.Kriegszüge und Landraub sind nicht Vergangenheit sondern Gegenwart.

    5 Leserempfehlungen
  5. Viel Stoff für Forschung und Aufarbeitung böten sicherlich auch die Auswirkungen des russischen Kolonialismus auf die kommunistischen Verbrechen der Sowjetunion und ihrer ostdeutschen Vasallen. Inwieweit führte ein Weg von der Eroberung Sibiriens zur Kollektivierung der Höfe Ostdeutschlands? Russland besaß 1914 das zweitgrößte Kolonialreich auf der Welt. Im Unterschied zu den englischen und deutschen besteht das russische Kolonialreich allerdings immer noch.
    Lesetip: Petra Hulová: Endstation Taiga

    4 Leserempfehlungen
  6. Daß sich keine westliche Nation in Afrika besonders zivilisiert gab, ist bekannt. Einen Vorläufer des Holocausts zu sehen, halte ich für absolut falsch.

    Natürlich gab's den Aufstand der Herero, welcher zurückgedrängt wurde und Zigtausende in der Wüste starben. Dies wird auch als Völkermord betrachtet. Aber dies gleichzusetzen mit der industriellen Massenvernichtung, nein, ehrlich nicht.

    Und- was sicherlich auch an den vglw. wenigen Ländereien lag - haben sich die deutschen Kolonialisten nicht wie Franzosen, Belgier und Briten aufgeführt, die meinten, man müsse da unten erstmal Millionen von Menschen abmetzeln, weil es doch etwas aufwendig wär, wenn man erstmal alle versklavt und verschifft. Gerade in Ostafrika gaben deutsche Offiziere, die die Eingeborenensprachen lernten statt mit dem Gewehr die deutsche Sprache aufzuzwingen, den Menschen eine Schrift, Schulen, Brunnen und technologischen Fortschritt. Das ist so hinreichend dokumentiert, daß nicht einmal Guido Knopp in "Das Weltreich der Deutschen" dies leugnen kann.

    Gerade die Eingeborenen sahen die Deutschen oft als radikal, aber äußerst progressiv an, die ihnen viel Fortschritt brachten, von dem sie gerne länger profitiert hätten. Aus heutiger Sicht überwiegt das natürlich nicht den Taten, wie dem Landraub, der dort unten vollzogen wurde, aber man sollte auch bedenken, wie skeptisch der Kaiser gegenüber Kolonien war und welch gewaltigen Debatten in Berlin geführt wurden, nachdem sich Offizier unzivilisiert verhielten.

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  7. Keine! Schon in der Schule habe ich in den 80ern gelernt, dass eine Grundlage des Nazionalsozialismus u.a. Imperialismus, also auch Kolonialismus war. Und natürlich gründen viele Bestandteile der Nazi-Ideologie auf Ideen, die auch schon andere zuvor hatten; nicht umsonst wurden auch viele Protagonisten des Kolonialismus von den Nazis als Helden dargestellt. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Taten der deutschen Kolonialherren sich kaum von denen der anderen unterschieden und so zur damaligen Zeit "normal" waren. Beim Holocaust sieht dies ganz anders aus! Wer den Kolonialismus zu sehr als Ursache des Holocaust darstellt, begibt sich auf den Irrweg, den Daniel Goldhagen beschritten hat, in ein Unterschied des deutschen Kolonialismus zu dem der anderen Nationen suggeriert wird.

    8 Leserempfehlungen
    • Pangea
    • 13. Januar 2011 19:12 Uhr

    Ein sehr schöner Artikel! Gerne mehr davon!

    Eine Leserempfehlung

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