Am 11. Dezember 1904 taucht das Wort erstmals in einem Schreiben der deutschen Regierung auf. Reichskanzler Bernhard Fürst von Bülow telegrafiert an diesem Tag nach Deutsch-Südwestafrika und ordnet an, "Konzentrationslager" errichten zu lassen "für die Unterbringung und Unterhaltung der Reste des Hererovolkes". Adressat ist der Oberbefehlshaber in Deutsch-Südwest, Lothar von Trotha.

In den Monaten zuvor hatte Trotha seine "Schutztruppe" in einen rücksichtslosen Kampf gegen die aufbegehrenden Herero und Nama geschickt, gegen bewaffnete Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder, gegen Alte und Kranke. Im August 1904 trieben die deutschen Soldaten mehrere Zehntausend Herero in die Omaheke, ein weites Sandfeld im Osten der Kolonie, sie riegelten die Wasserlöcher systematisch ab, sie töteten und hetzten in den Tod. Trotha sprach von "Rassekrieg", sein Ziel lautete "Vernichtung".

Auch der Begriff Konzentrationslager ist ihm, 30 Jahre vor Dachau , längst geläufig. Concentration camps nannten die Briten um 1900 die Lager, in die sie während des Krieges gegen die Buren in Südafrika massenweise Zivilisten pferchten, um das Land zu "befrieden". Jetzt dienen sie als Vorbild für die elenden Barackensiedlungen in Windhoek, Swakopmund und anderen Städten mit Eisenbahnanschluss sowie – der berüchtigtste Ort – auf den Haifischinseln vor der Lüderitzbucht.

Es herrscht Arbeitszwang, die Gefangenen sind unterernährt, Krankheiten grassieren, und viele Herero, heimisch im trocken-warmen Landesinneren, leiden unter dem feuchtkalten Seeklima. "Ombepera i koza", sollen sie in Swakopmund gerufen haben: "Die Kälte tötet mich." Die Lager dienen nicht der "Unterbringung und Unterhaltung", sie sind eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Nur die Hälfte der Internierten überlebt Haft und Zwangsarbeit. War der Massenmord an den Herero ein Vorspiel zur nationalsozialistischen Vernichtungspolitik?

1871 - 1918: Das deutsche Kaiserreich © ZEIT Geschichte

Provoziert durch diese Frage, ist unter Historikern in den vergangenen zehn Jahren eine Debatte über die deutsche Kolonialzeit entbrannt. Der Streit um Parallelen und Kontinuitäten zu den NS-Verbrechen erhellte dabei ein lange vernachlässigtes historisches Kapitel. Gerade einmal vier Jahrzehnte umfassend, ist die deutsche Kolonialgeschichte zwar mehr Episode denn Epoche, doch verlief sie nicht weniger blutig als die anderer Nationen.

Auch konnte sich das deutsche Kolonialreich zu keiner Zeit mit dem Britischen Empire oder den französischen Besitzungen messen, im Moment seiner größten Ausdehnung aber, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, war es immerhin sechsmal so groß wie das "Mutterland". Es erstreckte sich von Ozeanien über China bis ins östliche und südliche Afrika, wo in den 1880er Jahren der deutsche Kampf um einen "Platz an der Sonne" begann.

"Das von mir ins Auge gefaßte Land liegt zwischen dem großen und dem kleinen Fischflusse, also zwischen dem 26. Grad und dem 29. Grad südl. Breite", schreibt der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz am 23. November 1882 an das "hohe Kaiserliche Auswärtige Amt". Das Gebiet sei "auf einige Meilen, von der Küste in das Innere, sandig und steril, und zwar bis zu den Hügelreihen, welche auf ungefähr zehn englische Meilen Abstand von der Küste, parallel mit dieser laufen." Hinter diesen Hügeln aber beginne fruchtbares Land.

"Die Eigentümer desselben sind Namaquas, von deren Häuptlingen ich das Besitzrecht erwerben werde", fährt Lüderitz fort. Sein Plan: "deutsche Waren unter deutschem Etikett" einzuführen und gegen Landesprodukte zu tauschen. Um die hohen Importzölle umgehen zu können, die er in einem von den Briten kontrollierten Hafen zahlen müsste, brauche er den Schutz des Reiches. Ferner, so habe er gehört, sollen die "im Namaqua-Lande liegenden Berge teilweise reich an Kupfer und Silber sein".