Die Plünderung südamerikanischer Bodenschätze im 16. und 17. Jahrhundert ist eine Geschichte der Unmenschlichkeit und der Gier. Die weißen Männer zwangen die Indianer mit Schwertern und Gewehren in die Bergwerke. Die Indianer starben, die Weißen wurden reich. Aber nicht lange. Denn die Geschichte des Goldes und des Silbers aus der Neuen Welt ist nicht nur ein moralisches, sondern auch ein ökonomisches Lehrstück, ein historischer Beweis dafür, dass Geld allein nicht reich macht.

Am Anfang ist es der glänzende Goldschmuck der Inka, den die spanischen Konquistadoren nach Europa bringen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts stoßen sie auf riesige Silberadern. Bis zu 220 Tonnen Silber im Jahr bringen die Schiffe über den Atlantik. Mehr als die Hälfte davon stammt aus einem einzigen Berg, dem Cerro Rico, dem »reichen Berg«, wie die Spanier ihn nennen. Fast 5000 Meter hoch, liegt er am Rande der Stadt Potosí im heutigen Bolivien.

Abertausende Indios sterben dort, an Erschöpfung und Krankheiten oder am giftigen Quecksilber, das Lama-Karawanen über die Anden schaffen. Um das Edelmetall aus dem Gestein lösen zu können, benötigen die Spanier große Mengen des flüssigen Stoffs.

Heute, im 21. Jahrhundert, macht Silber allein nicht reich. Man muss es verkaufen und darauf hoffen, dass der Preis an den Rohstoffbörsen gerade günstig steht, um Profit zu machen. Im 16. Jahrhundert aber ist das Geld noch nicht aus Papier. Es ist aus Gold und aus Silber. Was die Spanier aus ihren Kolonien nach Europa schaffen, ist also im ökonomischen Sinn kein Rohstoff, es ist keine Ware. Es ist neues, zusätzliches Geld.

Die Geldknappheit ist einer der Gründe, weshalb die Europäer überhaupt die Neue Welt erobern wollen. Sie suchen nach Edelmetallen, nach El Dorado, was auf Spanisch »Das Goldene« bedeutet, jenem mythischen Land, in dem es so viele Reichtümer geben soll, dass sich sein Herrscher mit Goldstaub bestreuen lässt, bis er leuchtet wie die Sonne.

Dieses Reich des Überflusses finden die Konquistadoren nicht. Mit den Silberschätzen aus dem Cerro Rico aber ist ihnen auch geholfen. Bald errichten die Spanier in Potosí eine Münzpresse. So können die Schiffe gleich die fertigen Reales über das Meer schaffen. Der »reiche Berg« ist nichts anderes als eine frühe Form der Gelddruckmaschine.

Das Zeitalter der Entdecker © ZEIT Geschichte

Mit den neuen Münzen finanzieren die spanischen Könige die Kriegsschiffe und Kanonen ihrer Armada. Sie bezahlen Paläste und Gelage und kaufen Stoffe und Geschmeide für ihren Hofstaat. Manche Waren erstehen sie im eigenen Land, die meisten aber kommen aus Italien, Frankreich, England oder aus Deutschland. Das amerikanische Silber verteilt sich dadurch in ganz Europa. Es fließt zu mächtigen Handelshäusern wie den Augsburger Fuggern und großen Geldhäusern wie der Genueser Banco di San Giorgio – aber auch zu Kaufleuten und Handwerksbetrieben. Der Cerro Rico im fernen Südamerika treibt nicht nur die spanische Ökonomie an, sondern die gesamte europäische Geldwirtschaft.

So hat es zunächst den Anschein, als würde das Silber, das die Indios massenweise aus dem Gestein holen, die Weißen tatsächlich reich machen, und zwar nicht nur die Konquistadoren, sondern auch die einfachen Menschen in den Dörfern und Städten Europas, die nicht einmal ahnen, wo Potosí überhaupt liegt. Eben alle, zu denen das neue Geld vordringt.