Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.« Mit dieser Bemerkung versuchte schon der gelehrte Spötter Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), den Stolz der Europäer auf ihre Entdeckungen ins Gegenteil zu verkehren. In der Tat, der »Amerikaner« – »Indianer« würden wir heute sagen – entdeckte rasch, was der fremde Mann in seinem Land von ihm wollte: sein Essen, denn es fehlte ihm an Proviant; sein Gold, denn er wollte unbedingt reich werden; seine Frau, denn er verfügte über keine Frauen zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse; seine Arbeitskraft, denn er wollte ohne eigene Anstrengung ein Herrenleben führen; seine Freiheit, denn nur durch Zwang konnte er sich diese Arbeitskraft sichern; und schließlich sogar seine Seele, denn die Bekehrung der Heiden zum Christentum war eines seiner wichtigsten Ziele.

Während der Vorbereitungen des 500-jährigen Jubiläums der »Entdeckung Amerikas« 1992 zeigte sich, dass der kritische Blick auf das »Zeitalter der Entdeckungen« selbst Jahrhunderte später noch provozieren kann. Das deutsche Nationalkomitee, mit der Organisation einschlägiger Gedächtnisveranstaltungen betraut, musste damals seine Tätigkeit wegen diplomatischer Spannungen mit Spanien einstellen. Viel gelesene deutsche Autoren hatten nämlich im Einklang mit kritischen Lateinamerikanern vom »Völkermord« der spanischen Eroberer an den Bewohnern der »Neuen Welt« geschrieben.

Tatsächlich wurde in »Amerika« hemmungslos geschändet, gefoltert und gemordet. Die Zahl der Vorbewohner ging um 90 Prozent zurück, mancherorts wie auf der zuerst »kolonisierten« Insel Haiti starben sie völlig aus. Verantwortlich waren aber weniger die unbestreitbaren Übeltaten der Eroberer. Die konnten gar kein Interesse daran haben, Menschen auszurotten, von deren Arbeit sie zu leben gedachten – verantwortlich waren in erster Linie von den Eroberern eingeschleppte Infektionskrankheiten, gegen die den »Indianern« der Immunschutz fehlte.

Das Zeitalter der Entdecker © ZEIT Geschichte

Bereits spanische Dominikaner, vor allem Bartolomé de Las Casas (1484–1566), hatten das Vorgehen ihrer Landsleute von Anfang an und nicht gänzlich erfolglos an den Pranger gestellt. In seiner Streitschrift Kurzer Bericht von der Zerstörung Indiens schrieb Las Casas die gewaltigen Bevölkerungsverluste den spanischen Schandtaten zu und nannte großzügig, wie man damals auch sonst mit Zahlen umging, 12 Millionen Opfer.

Obwohl keine andere Kolonialmacht so früh so heftige Selbstkritik hervorgebracht hat, galt Las Casas bis vor Kurzem in Spanien nicht als Stolz der Nation, sondern als Nestbeschmutzer und wurde totgeschwiegen. Denn die politischen Gegner Spaniens hatten seine Schrift begeistert aufgegriffen und herangezogen, um die von den Spaniern so genannte »schwarze Legende« zu belegen. Zu dieser Legende gehörten neben der Eroberung Amerikas die Inquisition und die angeblichen Verbrechen König Philipps II. In einer niederländischen Ausgabe von Las Casas’ Schrift aus dem späten 16. Jahrhundert wurde die Schätzung von 12 Millionen Opfern gar auf 20 Millionen aufgerundet; zusätzlich unterstellten die Herausgeber darin den Spaniern, sie hätten einen Völkermord an den Niederländern verüben wollen.

In der Folge versäumte es kein politischer Gegner Spaniens, den Kontrahenten mit einer neuen Ausgabe von Las Casas’ Kurzem Bericht zu diffamieren. Selbst die USA griffen noch auf das Werk zurück, als sie 1898 Krieg gegen Spanien führten – dabei trug die Besiedlung Nordamerikas durch die britischen Siedler und ihre Nachfolger, die US-Amerikaner, sehr viel eher Züge eines Völkermordes als die spanische Conquista. Schließlich ging es Briten und Amerikanern nicht darum, Arbeitskräfte zu gewinnen, sondern um das Land, dessen Vorbesitzer zu verschwinden hatten. Notfalls wurde mit gezielter Pockeninfektion nachgeholfen.