Hitlers VernichtungskriegVaters Wahrheit

Wie der Große Vaterländische Krieg das Leben der Russen bis heute prägt von Irina Scherbakowa und Franka Maubach

Krieg Sowjetunion Russlandfeldzug Ostkrieg

20. März 1943: Zwei bewaffnete Sowjet-Kämpferinnen in Tarnanzügen im Schnee   |  © Hulton Archive/Getty Images

Es war Anfang der neunziger Jahre: Meine sechs Jahre alte Tochter schaute beim Abendessen auf den verkrüppelten Arm meines Vaters und fragte: »Opa, hast du deinen Arm im Krieg gegen Napoleon verloren?« Alle lachten. Ich aber dachte: Kann es wirklich sein, dass das Wort Krieg schon 45 Jahre später für unsere Kinder nicht mehr automatisch jenen Krieg meint, der für die sowjetische Bevölkerung am 22. Juni 1941 begann?

Heute würde man den Eintritt der UdSSR in den Zweiten Weltkrieg anders datieren – nachdem Fakten bekannt geworden und Dokumente veröffentlicht worden sind, die zu sowjetischen Zeiten zurückgehalten wurden, darunter die Geheimprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt vom Sommer 1939. In den dreißiger Jahren aber berührten Kriegsereignisse wie die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten 1939/40 und sogar der aggressive »kleine Krieg« gegen Finnland das Leben von Millionen meiner Landsleute kaum.

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Irina Scherbakowa

Jahrgang 1949, lebt in Moskau. Sie ist Germanistin und Historikerin und hat vor der Perestrojka als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin gearbeitet. Seit 1980 zeichnet sie Erinnerungen von ehemaligen Gulag-Insassen auf.

Der wirkliche Krieg begann 1941 und betraf augenblicklich alle. Das Lied Geheiligter Krieg, das in den ersten Tagen nach dem Überfall komponiert worden war, begann denn auch mit dem Appell: »Steh auf, gewaltiges Land, steh auf zur tödlichen Schlacht!« Doch die dröhnende Versicherung der Propaganda, dass die Sowjetunion einen Krieg »mit wenig Blutvergießen und auf fremdem Territorium« führen würde, brach schnell zusammen. Schon im frühen Herbst 1941, als mehr als eine Million Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft geraten waren und der Feind vor Moskau stand, war der 22. Juni zu einem historischen Datum geworden.

ZEIT Geschichte 2/2011
Hitlers Krieg im Osten

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Ich wurde vier Jahre nach dem Sieg geboren, und mir kam es vor, als seien diese vier Jahre eine sehr lange Zeit. In meinem Moskauer Hof spielten die Jungen Krieg: wir gegen die Deutschen. Das Deutsche – bis 1941 traditionell die am häufigsten erlernte Fremdsprache – galt lange Zeit als die unpopulärste und »hässlichste« Sprache: bestehend aus gebellten Kommandos, wie sie in Kriegsfilmen zu hören waren. Auf den Wegen und Plätzen und in den Straßenbahnen sahen wir Versehrte mit nur einem Arm und einem Bein, auf Krücken – Prothesen gab es kaum–, und manchmal auch solche ganz ohne Beine. Doch die Invaliden verschwanden allmählich aus der Öffentlichkeit; weil sie oft obdachlos waren, wurden sie in entlegene Kriegsversehrtenheime gebracht.

Zeitleiste
Hitlers Krieg im Osten
23. August 1939

© AFP/Getty Images

"Hitler-Stalin-Pakt": Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Sowjetunion, Wjatscheslaw Molotow, unterschreiben im Beisein Josef Stalins in Moskau einen Nichtangriffsvertrag. In der Folge wird Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Es ist ein Vertrag, der nichts über die wahren Pläne Adolf Hitlers aussagt. Denn schon 1933 hatte Hitler  seine Absicht erklärt, "neuen Lebensraum im Osten" zu erobern.
 

18. Dezember 1940

© Fox Photos/Getty Images

Hitler unterzeichnet seine Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa". Unter diesem Namen beginnt die Planung des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Wehrmachtspitze rechnet mit einer Kriegsdauer von maximal vier Monaten. Bis zum Sommer 1941 werden circa 3,3 Millionen Soldaten an der Ostgrenze  zusammengezogen. Am 30. März 1941 sagt Hitler vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht, sein Ziel sei die Auslöschung des sowjetischen Staates, die Vernichtung seiner Träger und die Errichtung einer deutschen Kolonie.

Mai/Juni 1941

© Archivdokument

Kurz vor Beginn des Ostfeldzuges erlassen die Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Heeres (OKH) völkerrechtswidrige Befehle. Es bestehe "kein Verfolgungszwang" für verbrecherische Handlungen deutscher Soldaten gegen feindliche Zivilpersonen. Jeder "aktive oder passive Widerstand" solle "restlos" beseitigt werden. Der sogenannte Kommissarbefehl sieht vor, politische Kommissare der Roten Armee "nach durchgeführter Absonderung zu erledigen".

22. Juni 1941

Deutsche Pioniereinheiten setzen über den Bug. Ohne Kriegserklärung greift Deutschland die Sowjetunion an. Die Heeresgruppe Mitte, die stärkste der drei Heeresgruppen zu Beginn des "Unternehmens Barbarossa", ist zu diesem Zeitpunkt gut 1.000 Kilometer von Moskau entfernt. Einen knappen Monat später ist diese Distanz auf 350 Kilometer zusammengeschrumpft. Bis zum Spätherbst besetzt die Wehrmacht Weißrussland, Teile Russlands und den größten Teil der Ukraine.

Sommer 1941

Mit dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion setzt eine massenhafte Flucht der sowjetischen Zivilbevölkerung ein. Im Verlauf des gesamten Krieges fliehen etwa 14 Millionen Menschen vor den deutschen Truppen oder müssen in Sicherheit gebracht werden.

Juli 1941

Etwa zwei Wochen nach Beginn des Ostfeldzuges befiehlt Stalin, jegliche kriegswichtige Infrastruktur in den unsicheren westlichen Regionen zu demontieren und nach Osten abzutransportieren. Im Ural und jenseits entstehen in der Folge Zentren der sowjetischen Rüstungsindustrie. Dort arbeiten zumeist Frauen und Kriegsinvaliden.

16. August 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Stalin erlässt den Befehl Nr. 270, der es Rotarmisten verbietet, sich dem Feind zu ergeben. Darin heißt es: "Wer in die Einkreisung geraten ist, hat auf Leben und Tod zu kämpfen und bis zuletzt zu versuchen, sich zu den Unseren durchzuschlagen." Wer die Gefangenschaft vorziehe, sei mit dem Tod zu bestrafen. Bis Ende des Jahres geraten 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

August/September 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Hitler verlegt den Schwerpunkt des Angriffs auf die Ukraine. In einer gemeinsamen Offensive der Heeresgruppen Süd und Mitte gelingt es der Wehrmacht am 19. September, Kiew einzunehmen. Eine Woche später ist auch die Kesselschlacht im Osten der Stadt endgültig ausgefochten. Rund 700.000 Rotarmisten geraten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Im September beginnt die fast 900-tägige Blockade von Leningrad. Die Stadt der Oktoberrevolution soll ausgehungert werden.

8. September 1941

Bis zur Befreiung am 27. Januar 1944 sterben rund eine Million Bürger Leningrads an Hunger und Kälte.

29./30. September 1941

Wenige Tage nach der Besetzung Kiews nehmen deutsche Verbände unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau sämtliche Juden fest, die noch in der ukrainischen Hauptstadt leben, und treiben sie zur Schlucht von Babi Jar. Binnen zwei Tagen ermordet dort ein Sonderkommando der Einsatzgruppen fast 34.000 Männer, Frauen und Kinder.

2. Oktober 1941

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Beginn der "Operation Taifun": Für den Vorstoß auf die sowjetische Hauptstadt Moskau hat die deutsche Führung 78 Divisionen zusammengezogen., knapp zwei Millionen Mann. Doch die Offensive gerät bald ins Stocken und wird im Dezember mit einer sowjetischen Gegenoffensive beantwortet. Die Rote Armee treibt die deutschen Verbände bei eisiger Kälte bis zu 200 Kilometer zurück in Richtung Westen.

Dezember 1941

Ende des Jahres 1941 sind bereits 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Von den 5,7 Millionen Rotarmisten, die den Deutschen insgesamt während des Krieges in die Hände fallen, werden gut drei Millionen, also mehr als die Hälfte, durch Hunger, Krankheit und Erschießungen getötet – das Gros davon während der Abtransporte und in den Gefangenenlagern.

Januar 1942

Die ersten "Ostarbeiter" kommen mit Zügen ins Reich. Von 1942 bis 1944 werden insgesamt etwa drei Millionen Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland geschafft, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Andere müssen auf dem Boden der Sowjetunion Sklavendienste für die Besatzer verrichten. Betroffen sind vor allem Frauen und Jugendliche, die zu jung sind, um zur Armee eingezogen zu werden.

28. Juni 1942

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Nachdem Hitlers Ostheer bis Frühjahr 1942 bereits Verluste von mehr als einer Million Soldaten hinnehmen musste – gezählt werden Gefallene, Verwundete, Vermisste –, beginnt im Sommer 1942 der Vorstoß auf die Erdölfelder des Kaukasus sowie auf Stalingrad an der Wolga. Doch die "Operation Blau" läuft bald ins Leere. Sowjetische Truppen gewinnen zunehmend die Initiative.

2. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Bereits im November des Vorjahres sind mehr als 200.000 Wehrmachtsoldaten eingekesselt worden. Die deutsche Niederlage bei Stalingrad wird weltweit als die entscheidende Kriegswende wahrgenommen.

18. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Zwei Wochen später hält Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast seine berüchtigte Rede. Vor ausgewählten Zuhörern verkündet er den "totalen Krieg". Das Publikum jubelt ihm zu. Die über 100-minütige Rede gilt als Musterbeispiel der nationalsozialistischen Propaganda.

 

20. Mai 1943

© Keystone/Getty Images

In einem der größten Einsätze gegen prosowjetische Partisanen ermordet eine nach SS-Brigadeführer Curt von Gottberg benannte Kampfgruppe in Weißrussland innerhalb von zehn Tagen rund 13.000 Menschen ("Aktion Cottbus"). Die Zahl der Getöteten ist, wie bei derartigen Aktionen üblich, etwa zehnmal so hoch wie die Zahl der erbeuteten Waffen. Insgesamt fallen der Partisanenbekämpfung durch Wehrmacht-, SS- und Polizeitruppen mehr als ein halbe Million Menschen zum Opfer.

5. Juli 1943

© Hulton Archive/Getty Images

In einer letzten Großoffensive versucht die Wehrmachtsführung, die sowjetische Front aufzubrechen, die westrussische Stadt Kursk einzunehmen und damit die Initiative zurückzugewinnen. Dabei kommt es zur größten Konzentration von Kriegstechnik, die die Geschichte bislang kennt. Nach einer guten Woche sieht sich Hitler gezwungen, den Angriff auf Kursk einzustellen. Die Rote Armee dringt unter großen Verlusten weiter nach Westen vor.

Sommer 1943 – Herbst 1944

"Verbrannte Erde": Auf ihrem Rückzug vor der Roten Armee zerstört und entvölkert die Wehrmacht systematisch das Land. Die Deutschen vertreiben die Bevölkerung, hinterlassen kilometerweite Feuersbrünste, zerstören die Infrastruktur, vernichten Vorräte und vergiften Brunnen.

22. Juni 1944

© Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Operation "Bagration": Am dritten Jahrestag des Überfalls eröffnet die Rote Armee ihre große Sommeroffensive im Mittelabschnitt der Ostfront. Mit Unterstützung russischer Partisanen zerschlagen die Sowjets innerhalb von wenigen Wochen 28 deutsche Divisionen; die Heeresgruppe Mitte verliert rund 400.000 Soldaten und damit fast drei Viertel ihres vormaligen Gesamtumfangs.

23. Juli 1944

Im Sommer 1944 befreit die Rote Armee als erstes der nationalsozialistischen Vernichtungslager Majdanek. Die SS hat es kurz zuvor überhastet geräumt, Gefangene abtransportiert, Unterlagen vernichtet und Gebäude niedergebrannt. Die Rote Armee findet noch rund 1.000 ausgezehrte und kranke sowjetische Kriegsgefangene vor. In den Vernichtungslagern wurden zusammengenommen mehr als drei Millionen Menschen umgebracht. Insgesamt ermordeten die Deutschen etwa sechs Millionen Juden und mehrere Hunderttausend Sinti und Roma.

Immer schneller verschiebt sich die Front nach Westen. Am 10. Oktober erreicht die Rote Armee die ostpreußische Grenze.

16. April 1945

© Ivan Shagin/Getty Images

Die Rote Armee beginnt ihre Offensive auf Berlin. Obwohl der Krieg schon entschieden ist, muss sie weiterhin hohe Verluste hinnehmen, da viele Deutsche bis zur letzten Sekunde kämpfen. Im Osten wie im Westen Deutschlands inszeniert die Wehrmacht einen apokalyptischen Endkampf. Am 30. April begeht Hitler Selbstmord.

Mai 1945

© Fred Ramage/Getty Images

Millionen deutsche Bewohner aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, dem östlichen Brandenburg und anderen Siedlungsgebieten im Osten fliehen bis Mai 1945 vor der Roten Armee. Millionen weitere werden in den nachfolgenden Monaten vertrieben. Etwa 600.000 Deutsche kommen auf der Flucht und während der Vertreibung ums Leben.

8./9. Mai 1945

Die Wehrmacht kapituliert. Generalstabschef Alfred Jodl unterzeichnet die Gesamtkapitulation im US-Hauptquartier in Reims. Die Oberbefehlshaber Wilhelm Keitel, Hans-Georg von Friedeburg und Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff ratifizieren die Kapitulation am 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin. Rund 27 Millionen Sowjetbürger haben im Krieg gegen Deutschland ihr Leben verloren.

7. Oktober 1955

Die letzten knapp 10.000 Wehrmachtsoldaten kehren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Insgesamt waren 17 Millionen Deutsche Teil der Wehrmacht. Der überwiegende Teil wurde im Ostfeldzug eingesetzt. Erst in den neunziger Jahren beginnt in der breiten Öffentlichkeit eine kritische Aufarbeitung des Vernichtungskrieges.

Texte: Thomas Dierkes, Beratung: Peter Jahn

Wenn ich Männer mit den charakteristischen verbrannten Gesichtern sah, wusste ich, dass sie ehemalige Panzerfahrer waren, die es gerade noch aus den brennenden Fahrzeugen heraus geschafft hatten. Auf dem Boulevard neben unserem Haus traf ich oft eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging und die für mich zum Symbol für das weibliche Kriegsschicksal wurde (während des Kriegs gab es in der Roten Armee knapp eine Million Frauen). Von hinten wirkte sie attraktiv, sie war schlank und gut gebaut, und sie hatte wunderschönes Haar – aber wenn sie sich umdrehte, sah ich, dass sie fast kein Gesicht mehr hatte.

Einige Jahre später wurden wir miteinander bekannt – sie hieß Nelli, und es stellte sich heraus, dass sie eine enge Freundin meiner Schwiegermutter gewesen war. Vor dem Krieg hatten sie zusammen an der Schauspielschule studiert, Nelli war dort eine der schönsten Frauen. Im Herbst 1941, als die Deutschen vor Moskau standen, meldete sie sich freiwillig als Krankenschwester an die Front und wurde von einer explodierenden Mine getroffen. Nelli war ein starker Mensch: Sie ertrug an die hundert Operationen und lag eine endlose Zeit im Krankenhaus. Dort lernte sie ihren Mann kennen – einen Kriegsversehrten. Bis zu ihrem Tod Mitte der achtziger Jahre hat sie am Theater gearbeitet.

Leserkommentare
  1. Lesenwert ist Solschenyzins "Schwenkitten '45".
    Außerdem empfiehlt sich der Besuch der russischen Mahnmäler in/um Berlin. Kenne nur das im Treptower Park, aber das vermag schon Respekt und Dankbarkeit für das russische Volk vermitteln. Da sollten Schulklassen genauso hinfahren wie nach Bergen-Belsen oder Buchenwald. In der Schule sollte das mörderische und pornographische Vorgehen der Deutschen in Osteuropa, auch in einen Land wie Weißrußland, behandelt werden. Sehenswert ist auch der Film 'Come and See' von Klimov, obwohl nichts für schwache Nerven.

    Eine Leserempfehlung
  2. Bald jährt sich wieder die Geschichte des deutschen Widerstandes am 20. Juli 1944. Parallelen zur russischen Geschichtsschreibung drängen sich auf. Die Aggression des 3. Reiches begann nicht am 1.9.1939 mit dem Angriff auf Polen. Die ersten Angriffshandlungen begannen schon am 30.01.1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der Aggression des Machtapparates nach innen. Mancherorts begannen sie sogar schon früher, je nachdem wie die Machtverhältnisse in den Ländern waren.

    Bei den Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli werden die ersten 12 Jahre fürsorglich ausgeblendet. Unliebsame Fragensteller werden mit der Gnade der späten Geburt abgespeist. Aber müssen sich nicht wenigstens die militärischen Würdenträger, die Millionen von Soldaten in den Tod führten, Millionen ihrer Landsleute schutzlos den Bombenangriffen auslieferten nach den Jahren vor 1944 fragen lassen?

    Die Geschichtsschreibung des Krieges darf nicht dem Militär überlassen werden. Sie ist eine Geschichte der Opfer.

  3. Der einmal mehr die Sinnlosigkeit des Krieges vor Augen führt und dass es nicht nur Opfer und Täter gibt, sondern Millionen verflochtener Einzelschicksale. War is old men talking and young men dying.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ein bewegender und wichtiger Beitrag.

    Vieles davon kommt mir von der Generation unserer Væter und Grossvaeter nur allzu bekannt vor, vor allem dieses Schweigen ueber das was wirklich geschah und statt dessen irgendwelche pseudolustigen Anekdoten aus dem Soldatenleben erzaehlen - das scheint eine haeufige und nationenunabhaengige Form der Verdraengung der traumatischen Kriegserlebnisse zu sein.

    Es ist wichtig, ueber das wahre Gesicht des Krieges zu reden, und nicht nur Heldenepen zu erzaehlen.

    Nie wieder Krieg!

  5. "der aggressive »kleine Krieg« gegen Finnland"

    Nennen Sie es gefälligst den "Finnischen Winterkrieg".
    Alles andere ist ein ekelhafter Euphenismus und eine fortsetsung der Sowjet Propaganda.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • go_east
    • 09. August 2011 16:40 Uhr

    Eine treffendere Bezeichnung ist natürlich Finnischer Winterkrieg. Allerdings verstehe ich Ihren Tonfall nicht. Die Autorin hat doch lang und breit die Verbrechen des Kommunismus aufgezählt ohne diese zu realativieren. Bei all den aufgeführten Verbrechen wundert es mich das Ihnen ein solches Detail überhaupt auffällt.

    • colca
    • 22. Juni 2011 14:00 Uhr
    6. Danke

    Dank an die ZEIT-Redaktion für diesen hervorragenden Artikel.
    Zum 70.Jahrestag des deutschen Jahrhundertverbrechens eine anrührende, subjektive Perspektive, weitab der abgehobenen Feldherrenhöhen.
    Die Völker der Sowjetunion waren 1941 zwischen zwei mörderische Mühlsteine geraten und mussten den höchsten Blutzoll von allen Kriegsnationen entrichten. Für Russland war das 20.Jahrhundert eine grauenhafte Zeit voller Tod, Gewalt, Krieg, Bürgerkrieg, Terror und nationalem Abstieg.
    Für Deutschland trifft das für die erste Hälfte des jahrhunderts ebenfalls zu.
    Für beide Völker kann es daraus nur eine Konsequenz geben:
    Nie wieder dürfen sich Deutschland und Russland feindlich gegenüber stehen. Uns verbinden eine lange gemeinsame Geschichte, reger kultureller Austausch, fruchtbare wirtschaftliche Zusammenarbeit und gemeinsame langfristige Interessen.
    Die deutsch-russischen Beziehungen müssen endlich den gleichen strategischen Wert in Berlin bekommen wie die Beziehungen zu den USA und Frankreich.

    Ergänzend zum Thema noch ein Buchtipp:
    http://www.amazon.de/gp/product/3596173868/ref=pd_lpo_k2_dp_sr_1?pf_rd_p...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hihi, Deutschland war trotz aller Widrigkeiten und innerere Gewalt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der höchsten Stellung seiner Geschichte - auf allen Ebenen des Lebens.
    Gut, aus der Sicht von 1910 waren die folgenden Jahre in vielen Punkten ein Abstieg, trotzdem war die Zeit insgesamt der Klimax deutscher Großartigkeit.

    Also ein Vergleich, der sehr hinkt. Russland war dagegen eben wirklich "tiefstes Russland". Deutschland war in der Beziehung wirklich "Westen".

  6. Entfernt. Wir würden uns über konstruktive Kritik freuen. Danke, die Redaktion/mk

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    Zuerst einmal ist es ein sehr schöner Artikel. Danke liebe Zeit für die Veröffentlichung.
    Ich für meinen Teil verstehe nicht, was an diesem Artikel verlogen sein soll. Ich bin selber in einer der sogenannten Heldenstädten geboren und meine Kindheitserinnerungen sind fast ausschließlich auf den WW II zurückzuführen. Ob Geschichten von meinem Großvater(damals zu jung für den Krieg, trotzdem die Belagerung von Stalingrad als Kind erlebt), Geschichten von Großonkel Mischa der bis nach Berlin marschiert ist oder Geschichten von Öpchen David der im Krieg Verwundeten versucht hat das Augenlicht zurückzugeben. Alles Geschichten die ich als Kind wahnsinnig gerne gehört habe. Verlogen sehe ich immer noch die Distanz von den Geschichten. Distanz zum Alltag und zur eigentlichen Realität des Krieges. Angst vor der Wahrheit, die immer noch viele Russen prägt. Und meinen Vater. Bis heute.

  7. Für meine beiden Großväter hat heute vor 60 Jahren ebenfalls dieser Feldzug begonnen. Der Großvater, den ich kennenlernen konnte (der andere ist nicht gefallen, sondern wenige Monate vor meiner Geburt verstorben), hat mir als Kind auch eineige Erlebnisse aus dem zweiten Weltkreig geschildert. Das ich ihn darauf angesprochen habe lies sich damals nicht vermeiden, da er seinen linken Unterarm im Russlandfeldzug verloren hat und man als drei- bis vierjähriges Kind nunmal danach fragt, was denn da passiert ist.

    Von den Episoden, die er mir erzählt hat, ist eigentlich nur noch eine in echter Erinnerung geblieben:
    Nachdem er und Kameraden ein Scharmützel überlebt hatten, nahm einer seiner Kameraden das Gewehr eines gefallenen sowjetischen Soldaten und schlug damit auf den Leichnahm ein, dabei löste sich ein Schuss aus dieser Waffe und verwundete ihn selber tödlich. Wieso diese Geschichte als einzige bei mir so deutlich hängengeblieben ist weis ich nicht, aber rückblickend bestätigt es wohl das, was Platon mit dem Spruch meinte, den ich als Überschrift für meinen Beitrag gewählt habe. Zum einen haben meine Großväter ihr ganzes Leben lang ihre Erlebnisse nie richtig verarbeiten können, zum Anderen wurde einer von ihnen damit berufsunfähig, er hätte nämlich den Bauernhof seines Vaters übernehmen sollen.

    Eine Leserempfehlung

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