Hitlers Vernichtungskrieg : Vaters Wahrheit

Wie der Große Vaterländische Krieg das Leben der Russen bis heute prägt
20. März 1943: Zwei bewaffnete Sowjet-Kämpferinnen in Tarnanzügen im Schnee © Hulton Archive/Getty Images

Es war Anfang der neunziger Jahre: Meine sechs Jahre alte Tochter schaute beim Abendessen auf den verkrüppelten Arm meines Vaters und fragte: »Opa, hast du deinen Arm im Krieg gegen Napoleon verloren?« Alle lachten. Ich aber dachte: Kann es wirklich sein, dass das Wort Krieg schon 45 Jahre später für unsere Kinder nicht mehr automatisch jenen Krieg meint, der für die sowjetische Bevölkerung am 22. Juni 1941 begann?

Heute würde man den Eintritt der UdSSR in den Zweiten Weltkrieg anders datieren – nachdem Fakten bekannt geworden und Dokumente veröffentlicht worden sind, die zu sowjetischen Zeiten zurückgehalten wurden, darunter die Geheimprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt vom Sommer 1939. In den dreißiger Jahren aber berührten Kriegsereignisse wie die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten 1939/40 und sogar der aggressive »kleine Krieg« gegen Finnland das Leben von Millionen meiner Landsleute kaum.

Irina Scherbakowa

Jahrgang 1949, lebt in Moskau. Sie ist Germanistin und Historikerin und hat vor der Perestrojka als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin gearbeitet. Seit 1980 zeichnet sie Erinnerungen von ehemaligen Gulag-Insassen auf.

Der wirkliche Krieg begann 1941 und betraf augenblicklich alle. Das Lied Geheiligter Krieg, das in den ersten Tagen nach dem Überfall komponiert worden war, begann denn auch mit dem Appell: »Steh auf, gewaltiges Land, steh auf zur tödlichen Schlacht!« Doch die dröhnende Versicherung der Propaganda, dass die Sowjetunion einen Krieg »mit wenig Blutvergießen und auf fremdem Territorium« führen würde, brach schnell zusammen. Schon im frühen Herbst 1941, als mehr als eine Million Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft geraten waren und der Feind vor Moskau stand, war der 22. Juni zu einem historischen Datum geworden.

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Ich wurde vier Jahre nach dem Sieg geboren, und mir kam es vor, als seien diese vier Jahre eine sehr lange Zeit. In meinem Moskauer Hof spielten die Jungen Krieg: wir gegen die Deutschen. Das Deutsche – bis 1941 traditionell die am häufigsten erlernte Fremdsprache – galt lange Zeit als die unpopulärste und »hässlichste« Sprache: bestehend aus gebellten Kommandos, wie sie in Kriegsfilmen zu hören waren. Auf den Wegen und Plätzen und in den Straßenbahnen sahen wir Versehrte mit nur einem Arm und einem Bein, auf Krücken – Prothesen gab es kaum–, und manchmal auch solche ganz ohne Beine. Doch die Invaliden verschwanden allmählich aus der Öffentlichkeit; weil sie oft obdachlos waren, wurden sie in entlegene Kriegsversehrtenheime gebracht.

Wenn ich Männer mit den charakteristischen verbrannten Gesichtern sah, wusste ich, dass sie ehemalige Panzerfahrer waren, die es gerade noch aus den brennenden Fahrzeugen heraus geschafft hatten. Auf dem Boulevard neben unserem Haus traf ich oft eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging und die für mich zum Symbol für das weibliche Kriegsschicksal wurde (während des Kriegs gab es in der Roten Armee knapp eine Million Frauen). Von hinten wirkte sie attraktiv, sie war schlank und gut gebaut, und sie hatte wunderschönes Haar – aber wenn sie sich umdrehte, sah ich, dass sie fast kein Gesicht mehr hatte.

Einige Jahre später wurden wir miteinander bekannt – sie hieß Nelli, und es stellte sich heraus, dass sie eine enge Freundin meiner Schwiegermutter gewesen war. Vor dem Krieg hatten sie zusammen an der Schauspielschule studiert, Nelli war dort eine der schönsten Frauen. Im Herbst 1941, als die Deutschen vor Moskau standen, meldete sie sich freiwillig als Krankenschwester an die Front und wurde von einer explodierenden Mine getroffen. Nelli war ein starker Mensch: Sie ertrug an die hundert Operationen und lag eine endlose Zeit im Krankenhaus. Dort lernte sie ihren Mann kennen – einen Kriegsversehrten. Bis zu ihrem Tod Mitte der achtziger Jahre hat sie am Theater gearbeitet.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Geschichte der Opfer ist noch nicht geschrieben

Bald jährt sich wieder die Geschichte des deutschen Widerstandes am 20. Juli 1944. Parallelen zur russischen Geschichtsschreibung drängen sich auf. Die Aggression des 3. Reiches begann nicht am 1.9.1939 mit dem Angriff auf Polen. Die ersten Angriffshandlungen begannen schon am 30.01.1933 mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der Aggression des Machtapparates nach innen. Mancherorts begannen sie sogar schon früher, je nachdem wie die Machtverhältnisse in den Ländern waren.

Bei den Gedenkveranstaltungen zum 20. Juli werden die ersten 12 Jahre fürsorglich ausgeblendet. Unliebsame Fragensteller werden mit der Gnade der späten Geburt abgespeist. Aber müssen sich nicht wenigstens die militärischen Würdenträger, die Millionen von Soldaten in den Tod führten, Millionen ihrer Landsleute schutzlos den Bombenangriffen auslieferten nach den Jahren vor 1944 fragen lassen?

Die Geschichtsschreibung des Krieges darf nicht dem Militär überlassen werden. Sie ist eine Geschichte der Opfer.

Nie wieder Krieg!

Ein bewegender und wichtiger Beitrag.

Vieles davon kommt mir von der Generation unserer Væter und Grossvaeter nur allzu bekannt vor, vor allem dieses Schweigen ueber das was wirklich geschah und statt dessen irgendwelche pseudolustigen Anekdoten aus dem Soldatenleben erzaehlen - das scheint eine haeufige und nationenunabhaengige Form der Verdraengung der traumatischen Kriegserlebnisse zu sein.

Es ist wichtig, ueber das wahre Gesicht des Krieges zu reden, und nicht nur Heldenepen zu erzaehlen.

Nie wieder Krieg!