Es war Anfang der neunziger Jahre: Meine sechs Jahre alte Tochter schaute beim Abendessen auf den verkrüppelten Arm meines Vaters und fragte: »Opa, hast du deinen Arm im Krieg gegen Napoleon verloren?« Alle lachten. Ich aber dachte: Kann es wirklich sein, dass das Wort Krieg schon 45 Jahre später für unsere Kinder nicht mehr automatisch jenen Krieg meint, der für die sowjetische Bevölkerung am 22. Juni 1941 begann?

Heute würde man den Eintritt der UdSSR in den Zweiten Weltkrieg anders datieren – nachdem Fakten bekannt geworden und Dokumente veröffentlicht worden sind, die zu sowjetischen Zeiten zurückgehalten wurden, darunter die Geheimprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt vom Sommer 1939. In den dreißiger Jahren aber berührten Kriegsereignisse wie die sowjetische Besetzung der baltischen Staaten 1939/40 und sogar der aggressive »kleine Krieg« gegen Finnland das Leben von Millionen meiner Landsleute kaum.

Der wirkliche Krieg begann 1941 und betraf augenblicklich alle. Das Lied Geheiligter Krieg, das in den ersten Tagen nach dem Überfall komponiert worden war, begann denn auch mit dem Appell: »Steh auf, gewaltiges Land, steh auf zur tödlichen Schlacht!« Doch die dröhnende Versicherung der Propaganda, dass die Sowjetunion einen Krieg »mit wenig Blutvergießen und auf fremdem Territorium« führen würde, brach schnell zusammen. Schon im frühen Herbst 1941, als mehr als eine Million Rotarmisten in deutsche Gefangenschaft geraten waren und der Feind vor Moskau stand, war der 22. Juni zu einem historischen Datum geworden.

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Ich wurde vier Jahre nach dem Sieg geboren, und mir kam es vor, als seien diese vier Jahre eine sehr lange Zeit. In meinem Moskauer Hof spielten die Jungen Krieg: wir gegen die Deutschen. Das Deutsche – bis 1941 traditionell die am häufigsten erlernte Fremdsprache – galt lange Zeit als die unpopulärste und »hässlichste« Sprache: bestehend aus gebellten Kommandos, wie sie in Kriegsfilmen zu hören waren. Auf den Wegen und Plätzen und in den Straßenbahnen sahen wir Versehrte mit nur einem Arm und einem Bein, auf Krücken – Prothesen gab es kaum–, und manchmal auch solche ganz ohne Beine. Doch die Invaliden verschwanden allmählich aus der Öffentlichkeit; weil sie oft obdachlos waren, wurden sie in entlegene Kriegsversehrtenheime gebracht.

Wenn ich Männer mit den charakteristischen verbrannten Gesichtern sah, wusste ich, dass sie ehemalige Panzerfahrer waren, die es gerade noch aus den brennenden Fahrzeugen heraus geschafft hatten. Auf dem Boulevard neben unserem Haus traf ich oft eine Frau, die mit ihrem Hund spazieren ging und die für mich zum Symbol für das weibliche Kriegsschicksal wurde (während des Kriegs gab es in der Roten Armee knapp eine Million Frauen). Von hinten wirkte sie attraktiv, sie war schlank und gut gebaut, und sie hatte wunderschönes Haar – aber wenn sie sich umdrehte, sah ich, dass sie fast kein Gesicht mehr hatte.

Einige Jahre später wurden wir miteinander bekannt – sie hieß Nelli, und es stellte sich heraus, dass sie eine enge Freundin meiner Schwiegermutter gewesen war. Vor dem Krieg hatten sie zusammen an der Schauspielschule studiert, Nelli war dort eine der schönsten Frauen. Im Herbst 1941, als die Deutschen vor Moskau standen, meldete sie sich freiwillig als Krankenschwester an die Front und wurde von einer explodierenden Mine getroffen. Nelli war ein starker Mensch: Sie ertrug an die hundert Operationen und lag eine endlose Zeit im Krankenhaus. Dort lernte sie ihren Mann kennen – einen Kriegsversehrten. Bis zu ihrem Tod Mitte der achtziger Jahre hat sie am Theater gearbeitet.