Polen, 1941: Ein Spezialkommando der Waffen-SS richtet Juden hin. © Hulton Archive/Getty Images

Es dauerte keine drei Monate, bis Truppen der Wehrmacht nach dem Angriff auf die Sowjetunion Kiew besetzten. Nach deutschen Angaben kamen bei der Kesselschlacht um die ukrainische Hauptstadt 665.000 sowjetische Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Wenige Tage später sollte eine Schlucht außerhalb der Innenstadt zum Schauplatz eines der größten Massaker des Krieges werden. Dem Sieg über die gegnerischen Truppen folgte der Mord an den Zivilisten. So gingen die Deutschen von den ersten Kriegstagen an vor. Hinter der vorrückenden Front exekutierten sie Tausende angebliche »Reichsfeinde«, kommunistische Funktionäre und vor allem – Juden. Der Holocaust war integraler Bestandteil des Ostfeldzuges.

Ob der Massenmord an den Kiewer Juden von Anfang an geplant war, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Mit Sicherheit aber haben die Offiziere der SS-Einsatzgruppen und die Abwehroffiziere der 6. Armee ihr Vorgehen schon vor ihrem Eintreffen in der Stadt abgestimmt und dabei auch über die Frage beraten, was mit der jüdischen Bevölkerung geschehen solle. 150.000 Juden lebten damals in Kiew – eine der größten Gemeinden Osteuropas. Rund 100.000 von ihnen gelingt es zu fliehen, ehe die Deutschen die Stadt erreichen. Von den Verbliebenen werden nur wenige die nächsten Wochen überleben.

Am 19. September 1941 marschiert die Wehrmacht in Kiew ein und errichtet sofort erste Internierungslager. Währenddessen beginnen Angehörige des Einsatzgruppen-Sonderkommandos 4a mit Verhaftungen. Ursprünglich ist vorgesehen, alle männlichen Einwohner im wehrfähigen Alter zu internieren, um sie zu überprüfen und anschließend zu entlassen oder zu erschießen – so wie wenige Wochen zuvor in Minsk. In Kiew aber mangelt es an Personal. Also beschränken sich die Festnahmen auf jüdische Männer, die aus Sicht von SS und Wehrmacht besonders »verdächtig« sind.

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Dann, am 24. September, detonieren im Zentrum Kiews mehrere zurückgelassene sowjetische Minen. Spätestens von diesem Tag an haben die Deutschen vor, die gesamte jüdische Gemeinde in der ukrainischen Hauptstadt auszulöschen. Militärspitzen, SS- und Polizeiführung und die zukünftige Zivilverwaltung stimmen sich über ihr Vorgehen ab. Ein Zeuge, Offizier der Wehrmacht, berichtet: »Bei dieser Besprechung wurde von den SS-Führern erklärt, dass die Juden der Stadt evakuiert würden. Es fiel, das weiß ich noch, eine zweideutige Bemerkung, aus der man schließen konnte, dass irgendetwas mit den Juden geplant war. Mir war irgendwie klar geworden, dass diese Juden nicht evakuiert würden, sondern getötet.«