Hitlers Krieg im OstenEin organisiertes Verbrechen

Schon während des Vormarsches trieben Einsatzgruppen, Wehrmacht, Waffen-SS und Polizeibataillone die Ermordung der europäischen Juden immer weiter voran. von Dieter Pohl

Polen, 1941: Ein Spezialkommando der Waffen-SS richtet Juden hin.

Polen, 1941: Ein Spezialkommando der Waffen-SS richtet Juden hin.  |  © Hulton Archive/Getty Images

Es dauerte keine drei Monate, bis Truppen der Wehrmacht nach dem Angriff auf die Sowjetunion Kiew besetzten. Nach deutschen Angaben kamen bei der Kesselschlacht um die ukrainische Hauptstadt 665.000 sowjetische Soldaten in Kriegsgefangenschaft. Wenige Tage später sollte eine Schlucht außerhalb der Innenstadt zum Schauplatz eines der größten Massaker des Krieges werden. Dem Sieg über die gegnerischen Truppen folgte der Mord an den Zivilisten. So gingen die Deutschen von den ersten Kriegstagen an vor. Hinter der vorrückenden Front exekutierten sie Tausende angebliche »Reichsfeinde«, kommunistische Funktionäre und vor allem – Juden. Der Holocaust war integraler Bestandteil des Ostfeldzuges.

Ob der Massenmord an den Kiewer Juden von Anfang an geplant war, ist heute nicht mehr zu ermitteln. Mit Sicherheit aber haben die Offiziere der SS-Einsatzgruppen und die Abwehroffiziere der 6. Armee ihr Vorgehen schon vor ihrem Eintreffen in der Stadt abgestimmt und dabei auch über die Frage beraten, was mit der jüdischen Bevölkerung geschehen solle. 150.000 Juden lebten damals in Kiew – eine der größten Gemeinden Osteuropas. Rund 100.000 von ihnen gelingt es zu fliehen, ehe die Deutschen die Stadt erreichen. Von den Verbliebenen werden nur wenige die nächsten Wochen überleben.

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Dieter Pohl

Jahrgang 1964, ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Klagenfurt.

Am 19. September 1941 marschiert die Wehrmacht in Kiew ein und errichtet sofort erste Internierungslager. Währenddessen beginnen Angehörige des Einsatzgruppen-Sonderkommandos 4a mit Verhaftungen. Ursprünglich ist vorgesehen, alle männlichen Einwohner im wehrfähigen Alter zu internieren, um sie zu überprüfen und anschließend zu entlassen oder zu erschießen – so wie wenige Wochen zuvor in Minsk. In Kiew aber mangelt es an Personal. Also beschränken sich die Festnahmen auf jüdische Männer, die aus Sicht von SS und Wehrmacht besonders »verdächtig« sind.

ZEIT Geschichte 2/2011
Hitlers Krieg im Osten

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Dann, am 24. September, detonieren im Zentrum Kiews mehrere zurückgelassene sowjetische Minen. Spätestens von diesem Tag an haben die Deutschen vor, die gesamte jüdische Gemeinde in der ukrainischen Hauptstadt auszulöschen. Militärspitzen, SS- und Polizeiführung und die zukünftige Zivilverwaltung stimmen sich über ihr Vorgehen ab. Ein Zeuge, Offizier der Wehrmacht, berichtet: »Bei dieser Besprechung wurde von den SS-Führern erklärt, dass die Juden der Stadt evakuiert würden. Es fiel, das weiß ich noch, eine zweideutige Bemerkung, aus der man schließen konnte, dass irgendetwas mit den Juden geplant war. Mir war irgendwie klar geworden, dass diese Juden nicht evakuiert würden, sondern getötet.«

Zeitleiste
Hitlers Krieg im Osten
23. August 1939

© AFP/Getty Images

"Hitler-Stalin-Pakt": Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der Sowjetunion, Wjatscheslaw Molotow, unterschreiben im Beisein Josef Stalins in Moskau einen Nichtangriffsvertrag. In der Folge wird Polen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Es ist ein Vertrag, der nichts über die wahren Pläne Adolf Hitlers aussagt. Denn schon 1933 hatte Hitler  seine Absicht erklärt, "neuen Lebensraum im Osten" zu erobern.
 

18. Dezember 1940

© Fox Photos/Getty Images

Hitler unterzeichnet seine Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa". Unter diesem Namen beginnt die Planung des Krieges gegen die Sowjetunion. Die Wehrmachtspitze rechnet mit einer Kriegsdauer von maximal vier Monaten. Bis zum Sommer 1941 werden circa 3,3 Millionen Soldaten an der Ostgrenze  zusammengezogen. Am 30. März 1941 sagt Hitler vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht, sein Ziel sei die Auslöschung des sowjetischen Staates, die Vernichtung seiner Träger und die Errichtung einer deutschen Kolonie.

Mai/Juni 1941

© Archivdokument

Kurz vor Beginn des Ostfeldzuges erlassen die Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Heeres (OKH) völkerrechtswidrige Befehle. Es bestehe "kein Verfolgungszwang" für verbrecherische Handlungen deutscher Soldaten gegen feindliche Zivilpersonen. Jeder "aktive oder passive Widerstand" solle "restlos" beseitigt werden. Der sogenannte Kommissarbefehl sieht vor, politische Kommissare der Roten Armee "nach durchgeführter Absonderung zu erledigen".

22. Juni 1941

Deutsche Pioniereinheiten setzen über den Bug. Ohne Kriegserklärung greift Deutschland die Sowjetunion an. Die Heeresgruppe Mitte, die stärkste der drei Heeresgruppen zu Beginn des "Unternehmens Barbarossa", ist zu diesem Zeitpunkt gut 1.000 Kilometer von Moskau entfernt. Einen knappen Monat später ist diese Distanz auf 350 Kilometer zusammengeschrumpft. Bis zum Spätherbst besetzt die Wehrmacht Weißrussland, Teile Russlands und den größten Teil der Ukraine.

Sommer 1941

Mit dem Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion setzt eine massenhafte Flucht der sowjetischen Zivilbevölkerung ein. Im Verlauf des gesamten Krieges fliehen etwa 14 Millionen Menschen vor den deutschen Truppen oder müssen in Sicherheit gebracht werden.

Juli 1941

Etwa zwei Wochen nach Beginn des Ostfeldzuges befiehlt Stalin, jegliche kriegswichtige Infrastruktur in den unsicheren westlichen Regionen zu demontieren und nach Osten abzutransportieren. Im Ural und jenseits entstehen in der Folge Zentren der sowjetischen Rüstungsindustrie. Dort arbeiten zumeist Frauen und Kriegsinvaliden.

16. August 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Stalin erlässt den Befehl Nr. 270, der es Rotarmisten verbietet, sich dem Feind zu ergeben. Darin heißt es: "Wer in die Einkreisung geraten ist, hat auf Leben und Tod zu kämpfen und bis zuletzt zu versuchen, sich zu den Unseren durchzuschlagen." Wer die Gefangenschaft vorziehe, sei mit dem Tod zu bestrafen. Bis Ende des Jahres geraten 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

August/September 1941

© Hulton Archive/Getty Images

Hitler verlegt den Schwerpunkt des Angriffs auf die Ukraine. In einer gemeinsamen Offensive der Heeresgruppen Süd und Mitte gelingt es der Wehrmacht am 19. September, Kiew einzunehmen. Eine Woche später ist auch die Kesselschlacht im Osten der Stadt endgültig ausgefochten. Rund 700.000 Rotarmisten geraten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Im September beginnt die fast 900-tägige Blockade von Leningrad. Die Stadt der Oktoberrevolution soll ausgehungert werden.

8. September 1941

Bis zur Befreiung am 27. Januar 1944 sterben rund eine Million Bürger Leningrads an Hunger und Kälte.

29./30. September 1941

Wenige Tage nach der Besetzung Kiews nehmen deutsche Verbände unter Generalfeldmarschall Walter von Reichenau sämtliche Juden fest, die noch in der ukrainischen Hauptstadt leben, und treiben sie zur Schlucht von Babi Jar. Binnen zwei Tagen ermordet dort ein Sonderkommando der Einsatzgruppen fast 34.000 Männer, Frauen und Kinder.

2. Oktober 1941

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Beginn der "Operation Taifun": Für den Vorstoß auf die sowjetische Hauptstadt Moskau hat die deutsche Führung 78 Divisionen zusammengezogen., knapp zwei Millionen Mann. Doch die Offensive gerät bald ins Stocken und wird im Dezember mit einer sowjetischen Gegenoffensive beantwortet. Die Rote Armee treibt die deutschen Verbände bei eisiger Kälte bis zu 200 Kilometer zurück in Richtung Westen.

Dezember 1941

Ende des Jahres 1941 sind bereits 3,3 Millionen Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Von den 5,7 Millionen Rotarmisten, die den Deutschen insgesamt während des Krieges in die Hände fallen, werden gut drei Millionen, also mehr als die Hälfte, durch Hunger, Krankheit und Erschießungen getötet – das Gros davon während der Abtransporte und in den Gefangenenlagern.

Januar 1942

Die ersten "Ostarbeiter" kommen mit Zügen ins Reich. Von 1942 bis 1944 werden insgesamt etwa drei Millionen Menschen aus der Sowjetunion nach Deutschland geschafft, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Andere müssen auf dem Boden der Sowjetunion Sklavendienste für die Besatzer verrichten. Betroffen sind vor allem Frauen und Jugendliche, die zu jung sind, um zur Armee eingezogen zu werden.

28. Juni 1942

© Julika Altmann für ZEIT Geschichte

Nachdem Hitlers Ostheer bis Frühjahr 1942 bereits Verluste von mehr als einer Million Soldaten hinnehmen musste – gezählt werden Gefallene, Verwundete, Vermisste –, beginnt im Sommer 1942 der Vorstoß auf die Erdölfelder des Kaukasus sowie auf Stalingrad an der Wolga. Doch die "Operation Blau" läuft bald ins Leere. Sowjetische Truppen gewinnen zunehmend die Initiative.

2. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Bereits im November des Vorjahres sind mehr als 200.000 Wehrmachtsoldaten eingekesselt worden. Die deutsche Niederlage bei Stalingrad wird weltweit als die entscheidende Kriegswende wahrgenommen.

18. Februar 1943

Die Schlacht um Stalingrad endet mit der Kapitulation der 6. Armee. Zwei Wochen später hält Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast seine berüchtigte Rede. Vor ausgewählten Zuhörern verkündet er den "totalen Krieg". Das Publikum jubelt ihm zu. Die über 100-minütige Rede gilt als Musterbeispiel der nationalsozialistischen Propaganda.

 

20. Mai 1943

© Keystone/Getty Images

In einem der größten Einsätze gegen prosowjetische Partisanen ermordet eine nach SS-Brigadeführer Curt von Gottberg benannte Kampfgruppe in Weißrussland innerhalb von zehn Tagen rund 13.000 Menschen ("Aktion Cottbus"). Die Zahl der Getöteten ist, wie bei derartigen Aktionen üblich, etwa zehnmal so hoch wie die Zahl der erbeuteten Waffen. Insgesamt fallen der Partisanenbekämpfung durch Wehrmacht-, SS- und Polizeitruppen mehr als ein halbe Million Menschen zum Opfer.

5. Juli 1943

© Hulton Archive/Getty Images

In einer letzten Großoffensive versucht die Wehrmachtsführung, die sowjetische Front aufzubrechen, die westrussische Stadt Kursk einzunehmen und damit die Initiative zurückzugewinnen. Dabei kommt es zur größten Konzentration von Kriegstechnik, die die Geschichte bislang kennt. Nach einer guten Woche sieht sich Hitler gezwungen, den Angriff auf Kursk einzustellen. Die Rote Armee dringt unter großen Verlusten weiter nach Westen vor.

Sommer 1943 – Herbst 1944

"Verbrannte Erde": Auf ihrem Rückzug vor der Roten Armee zerstört und entvölkert die Wehrmacht systematisch das Land. Die Deutschen vertreiben die Bevölkerung, hinterlassen kilometerweite Feuersbrünste, zerstören die Infrastruktur, vernichten Vorräte und vergiften Brunnen.

22. Juni 1944

© Deutsch-Russisches Museum Berlin-Karlshorst

Operation "Bagration": Am dritten Jahrestag des Überfalls eröffnet die Rote Armee ihre große Sommeroffensive im Mittelabschnitt der Ostfront. Mit Unterstützung russischer Partisanen zerschlagen die Sowjets innerhalb von wenigen Wochen 28 deutsche Divisionen; die Heeresgruppe Mitte verliert rund 400.000 Soldaten und damit fast drei Viertel ihres vormaligen Gesamtumfangs.

23. Juli 1944

Im Sommer 1944 befreit die Rote Armee als erstes der nationalsozialistischen Vernichtungslager Majdanek. Die SS hat es kurz zuvor überhastet geräumt, Gefangene abtransportiert, Unterlagen vernichtet und Gebäude niedergebrannt. Die Rote Armee findet noch rund 1.000 ausgezehrte und kranke sowjetische Kriegsgefangene vor. In den Vernichtungslagern wurden zusammengenommen mehr als drei Millionen Menschen umgebracht. Insgesamt ermordeten die Deutschen etwa sechs Millionen Juden und mehrere Hunderttausend Sinti und Roma.

Immer schneller verschiebt sich die Front nach Westen. Am 10. Oktober erreicht die Rote Armee die ostpreußische Grenze.

16. April 1945

© Ivan Shagin/Getty Images

Die Rote Armee beginnt ihre Offensive auf Berlin. Obwohl der Krieg schon entschieden ist, muss sie weiterhin hohe Verluste hinnehmen, da viele Deutsche bis zur letzten Sekunde kämpfen. Im Osten wie im Westen Deutschlands inszeniert die Wehrmacht einen apokalyptischen Endkampf. Am 30. April begeht Hitler Selbstmord.

Mai 1945

© Fred Ramage/Getty Images

Millionen deutsche Bewohner aus Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien, dem östlichen Brandenburg und anderen Siedlungsgebieten im Osten fliehen bis Mai 1945 vor der Roten Armee. Millionen weitere werden in den nachfolgenden Monaten vertrieben. Etwa 600.000 Deutsche kommen auf der Flucht und während der Vertreibung ums Leben.

8./9. Mai 1945

Die Wehrmacht kapituliert. Generalstabschef Alfred Jodl unterzeichnet die Gesamtkapitulation im US-Hauptquartier in Reims. Die Oberbefehlshaber Wilhelm Keitel, Hans-Georg von Friedeburg und Generaloberst Hans-Jürgen Stumpff ratifizieren die Kapitulation am 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier in Berlin. Rund 27 Millionen Sowjetbürger haben im Krieg gegen Deutschland ihr Leben verloren.

7. Oktober 1955

Die letzten knapp 10.000 Wehrmachtsoldaten kehren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Insgesamt waren 17 Millionen Deutsche Teil der Wehrmacht. Der überwiegende Teil wurde im Ostfeldzug eingesetzt. Erst in den neunziger Jahren beginnt in der breiten Öffentlichkeit eine kritische Aufarbeitung des Vernichtungskrieges.

Texte: Thomas Dierkes, Beratung: Peter Jahn

Leserkommentare
  1. daß die SS nach und nach aus den Geschichtsbüchern verschwinden soll.

    Wenn Wehrmacht und Polizei die Hauptarbeit beim Vernichtungskrieg geleistet haben und die SS lediglich eine Nebenrolle spielte, womit hat sich die SS dann überhaupt generell befaßt?

    Und wer statt der Wehrmacht, wenn diese denn in oberster Priorität mit Judenvernichtung und Ermordung von Gefangenen beschäftigt war, hat den eigentlichen "Zweiten Weltkrieg" militärisch geführt?

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    Den von Ihnen beschriebenen Eindruck kann man mMn nicht gewinnen:
    - Niemand möchte, dass die SS aus den Geschichtsbüchern verschwinden soll. Wie sollte das auch gehen?
    - Es geht vielmehr um die wichtige Frage, welche Rolle die Wehrmacht bei den unzähligen Verbrechen des NS-Staates gespielt hat. Da in nicht wenigen Köpfen immer noch der Mythos der "weissen Wehrmacht" herumspukt, ist es besonders relevant, sich mit diesen Tatsachen auseinander zu setzen. Im Grunde geht es um das Gleiche wie bei der Frage, welche Rolle ein "normaler" Jedermann im zivilen Leben in der Judenvernichtung und den anderen Verbrechen dieser Zeit hatte.

    • Chilly
    • 04. Juli 2011 15:18 Uhr

    So wie ich ihn verstehe, steht er in der Reihe der Beiträge, die das in D (West) lange gepflegten Bild: SS = böse, Wehrmacht = gut, Waffen-SS = maximal etwas böse, ein wenig bereinigen und berichtigen wollen. Es wird schon klar, dass die großen Erschießungen etwa in Minsk oder in Babi Yar durch SS-Kräfte erfolgten. Es wird nur - was in meinen Augen völlig korrekt ist - mit dem Bild aufgeräumt, dass die Wehrmacht mit diesen Verbrechen eigentlich nichts zu tun hatte. Dieses Bild vom anständigen Landser ist extrem verkürzt und was einen weiten Teil der Offiziere (v.a. der höheren) angeht, schlicht falsch. Sicher gab es durchaus die anständigen Frontsoldaten, die keinen "schmutzigen" Krieg gegen die Zivilbevölkerung wollten. Richtig und wissenschaftlich belegt ist aber auch, dass die Wehrmacht und auch die im Rahmen des Besatzungsregimes eingesetzten Polizeikräfte die Mordaktionen der SS wissentlich unterstützt und oft organisatorisch erst ermöglicht haben. Dieser erweiterte Blick auf den Täterkreis entlastet keinesfalls die SS, er soll aber dem Versuch einer "Reinwaschung" einer großen und wichtigen Organisation (Wehrmacht/Polizei) entgegenwirken und das m.E. vollkommen zu recht.

    CHILLY

  2. Den von Ihnen beschriebenen Eindruck kann man mMn nicht gewinnen:
    - Niemand möchte, dass die SS aus den Geschichtsbüchern verschwinden soll. Wie sollte das auch gehen?
    - Es geht vielmehr um die wichtige Frage, welche Rolle die Wehrmacht bei den unzähligen Verbrechen des NS-Staates gespielt hat. Da in nicht wenigen Köpfen immer noch der Mythos der "weissen Wehrmacht" herumspukt, ist es besonders relevant, sich mit diesen Tatsachen auseinander zu setzen. Im Grunde geht es um das Gleiche wie bei der Frage, welche Rolle ein "normaler" Jedermann im zivilen Leben in der Judenvernichtung und den anderen Verbrechen dieser Zeit hatte.

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    daß dieser normale Jedermann allerspätestens ab 1939 ein ziemlich anderes, nur bedingt ziviles Leben führte mit ziemlich anderen Sorgen, als wir es uns heute vorzustellen vermögen. Und dazu noch ohne Fernsehen, Holocaust-Dokumentationen, Internet, Mobiltelefone, Zentralheizung, PKW, Cappucino, freie Presse, das Geschichtswissen von heute, weniger Wohlstand und Bildung, aber dafür mit um so zahlreicheren eigenen Kindern und Enkeln, Volksempfänger, Nahrungsmittelknappheit, Unfreiheit, Todesängsten und Bombenangriffen.

    • Chilly
    • 04. Juli 2011 15:18 Uhr

    So wie ich ihn verstehe, steht er in der Reihe der Beiträge, die das in D (West) lange gepflegten Bild: SS = böse, Wehrmacht = gut, Waffen-SS = maximal etwas böse, ein wenig bereinigen und berichtigen wollen. Es wird schon klar, dass die großen Erschießungen etwa in Minsk oder in Babi Yar durch SS-Kräfte erfolgten. Es wird nur - was in meinen Augen völlig korrekt ist - mit dem Bild aufgeräumt, dass die Wehrmacht mit diesen Verbrechen eigentlich nichts zu tun hatte. Dieses Bild vom anständigen Landser ist extrem verkürzt und was einen weiten Teil der Offiziere (v.a. der höheren) angeht, schlicht falsch. Sicher gab es durchaus die anständigen Frontsoldaten, die keinen "schmutzigen" Krieg gegen die Zivilbevölkerung wollten. Richtig und wissenschaftlich belegt ist aber auch, dass die Wehrmacht und auch die im Rahmen des Besatzungsregimes eingesetzten Polizeikräfte die Mordaktionen der SS wissentlich unterstützt und oft organisatorisch erst ermöglicht haben. Dieser erweiterte Blick auf den Täterkreis entlastet keinesfalls die SS, er soll aber dem Versuch einer "Reinwaschung" einer großen und wichtigen Organisation (Wehrmacht/Polizei) entgegenwirken und das m.E. vollkommen zu recht.

    CHILLY

    2 Leserempfehlungen
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    Das Bild vom “anständigen Landser” hatte ich nie gehabt, auch vor der “Wehrmachtsausstellung” nicht. Eine “saubere Trennung” von Krieg und Mord hat noch in keinem Krieg in keinem Land funktioniert und funktioniert bis heute nicht.

    Krieg ist kein Cricket-Spiel, sagt der Engländer. Die Judenvernichtung war natürlich speziell nationalsozialistisch, beim Partisanenkrieg ist es dagegen schon äußerst schwierig, zwischen Untergrundkämpfern und “unschuldigen Zivilisten” zu unterscheiden.

    Ich bin jedenfalls froh, damals nicht dabeigewesen zu sein, und eher vorsichtig mit moralischen Pauschalverurteilungen der Urgroßeltern-Generation vom Wohnzimmersessel aus.

  3. Sorgfältig zusammengestellter Bericht von Dieter Pohl.

    Ausgesprochen wichtig für das heutige Verständnis des Antisemitismus und des Widerstands eines Teils der 68-er Bewegung, ist die Einbeziehung der Nachkriegszeit und deren 'Integration' vieler Nazi-Täter in Schlüsselpositionen von Universitäten, Verwaltung und Politik.

    Gerade für die jüngeren Deutschen ist es von wesentlicher Bedeutung, stets aufs neue, die Zusammenhänge, Äußerungsformen und Auswirkungen des Antisemitismus zu erfahren.

    Desgleichen über die Legende "Wir haben von nichts gewusst". Stellvertretend sei hier nur Lion Feuchtwanger genannt, der bereits 1928 in "Erfolg" und 1933 in "Die Geschwister Oppermann" den mordgierigen Antisemitismus und seine furchtbaren Nazi-Vollstrecker beschreibt.

    * Ralph Giordano

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    Hallo Herr Giordano,

    Am 12.09.2007 habe ich in diesem Forum einen Leserartikel über Ihre Haltung zu den deutschen Vertriebenen und Flüchtlingen veröffentlicht, welcher mit einem Beispiel die tragischen Folgen einer solchen Haltung für zahllose, heute vergessene schuldlose deutsche Zivilisten darstellt. Darf ich Sie fragen, ob sie sich inzwischen an die Seite der Erleuchteten begeben und von der deutschen Kollektivschuld losgelassen haben?

    Grüsse Sie, G.B.

    http://community.zeit.de/user/g-i-behm/beitrag/2007/12/09/ralph-giordano...

  4. daß dieser normale Jedermann allerspätestens ab 1939 ein ziemlich anderes, nur bedingt ziviles Leben führte mit ziemlich anderen Sorgen, als wir es uns heute vorzustellen vermögen. Und dazu noch ohne Fernsehen, Holocaust-Dokumentationen, Internet, Mobiltelefone, Zentralheizung, PKW, Cappucino, freie Presse, das Geschichtswissen von heute, weniger Wohlstand und Bildung, aber dafür mit um so zahlreicheren eigenen Kindern und Enkeln, Volksempfänger, Nahrungsmittelknappheit, Unfreiheit, Todesängsten und Bombenangriffen.

    Antwort auf "Sehe ich anders"
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    Also in diesem Artikel geht es ja um die aktive Mittäterschaft von Einheiten der Wehrmacht, der Waffen-SS etc... bei der Ermordung von Juden. Gibt es irgend etwas, das dies entschuldigt?

    Was nun den "Jedermann" angeht: Ihre Schilderung ist rührend - aber sie rührt mich nicht. Sehr, sehr vielen konnte klar sein, dass die jüdische Familie von nebenan, als sie abgeholt wurde, einem schlimmen Schicksal entgegen ging. Darin liegt eine moralische Niederlage der ersten Güte. Dem ist ins Gesicht zu sehen, ohne Ablenkung bitte.
    Kleiner Lektüretip: "Nicht ich" von J. Fest.

  5. Jahrzehntelang wurde die deutsche Wehrmacht als die solideste Armee der Welt dargestellt.
    Korrekt,ohne Fehl und Tadel, den angeblichen Feinden niemals Schaden zugefügt zu haben.
    Außer unschuldige Zivilisten erhängt,erschossen und verbrannt zu haben.
    Die brutale Gewalt gegen Kinder, Frauen und Männer,gegen
    Angehörige einer anderen Religion oder einer anderen Staatengemeinschaft ist durch nichts zu rechtfertigen.

    Die devoten Untertanen der Armee,hauptsächlich Offiziere,
    zumeist gebildet, tragen die Hauptlast der Verrohung.

  6. Also in diesem Artikel geht es ja um die aktive Mittäterschaft von Einheiten der Wehrmacht, der Waffen-SS etc... bei der Ermordung von Juden. Gibt es irgend etwas, das dies entschuldigt?

    Was nun den "Jedermann" angeht: Ihre Schilderung ist rührend - aber sie rührt mich nicht. Sehr, sehr vielen konnte klar sein, dass die jüdische Familie von nebenan, als sie abgeholt wurde, einem schlimmen Schicksal entgegen ging. Darin liegt eine moralische Niederlage der ersten Güte. Dem ist ins Gesicht zu sehen, ohne Ablenkung bitte.
    Kleiner Lektüretip: "Nicht ich" von J. Fest.

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    • Zuntz
    • 04. Juli 2011 16:51 Uhr

    Was nun den "Jedermann" angeht: Ihre Schilderung ist rührend - aber sie rührt mich nicht. Sehr, sehr vielen konnte klar sein, dass die jüdische Familie von nebenan, als sie abgeholt wurde, einem schlimmen Schicksal entgegen ging.
    ----------------------------
    Sehr viele der Juden,wurden aus Österreich.Polen,
    Rumänien,Tschechien etc.deportiert,meist nach Riga oder
    Minsk.
    Was sollte der deutsche Nachbar denn davon mitbekommen
    haben.Anfang '43 hat man nur noch Kleinwagen zur
    Abholung genommen.Viele dachten,es ginge zum Verhör.
    Ich selber,habe in all den Jahren,noch nie einer
    Illegalen Abholung oder Ausweisung beigewohnt,obwohl
    auch das tagtäglich geschieht.
    Und da wir hier in bei Zeit sind.Selbst eine Marion
    Döhnhoff die im Widerstand eine Mitwisserrolle einnahm,
    konnte sich nach dem Krieg diese hohe Opferzahl nicht
    erklären.Trotz ihrer Reisen nach Berlin und guten Kontakten.

    Ich will weder ablenken noch irgendwas entschuldigen, sondern versuchen, mir die damalige Zeit zu vergegenwärtigen so gut es irgend geht, anstatt sie durch die Brille der Jetzt-Zeit, dazu noch beeinflußt von Hollywood, zu betrachten.

    Dazu gehört zum Beispiel auch, daß die Zahl der in Deutschland lebenden Juden vor der Machtergreifung ca. 500.000, also weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung betrug. Der Großteil davon (auch wenn selbstverständlich viele von den Nazis und ihren in- und ausländischen Kollaborateuren ermordet wurden) konnte vor Beginn des Holocaust emigrieren. Daher ist es fraglich, wie viele nichtjüdische Deutsche denn tatsächlich die vielzitierte Erfahrung machten, daß eine jüdische Familie direkt nebenan plötzlich verschwand/abgeholt wurde.

    Auch wenn dies zahlenmäßig vielleicht überschätzt wird, hat es natürlich stattgefunden. Aber wem und wievielen haben diejenigen, die etwas mitbekommen haben, etwas von ihrem Verdacht oder ihren Beobachtungen erzählt? Und wieviele haben Stillschweigen bewahrt, wenn sie mitbekamen, daß der Bauer nebenan eine jüdische Familie bei sich versteckte? (Sagen Sie nicht, daß es so etwas nicht gegeben hätte!). Das sind für mich die interessanten Fragen der Geschichtsforschung.

    “Rührend” finde ich natürlich gleichermaßen auch die Schicksale der nicht-deutschen Opfer des NS, zumal der ermordeten Juden, Russen, Polen, Weißrussen und Ukrainer, obwohl ich dieses Wort nicht sehr glücklich gewählt finde...

    Deutsche Mietskasernen, in jeder davon je eine jüdische Familie, die eines Nachts von der Gestapo abgeholt wird. Die deutschen Nachbarn bekommen es mit, aber sehen und hören weg –klischeehafter geht es kaum. Aber es ist eben das, was in Film und Fernsehen 60 Jahre später kolportiert wird.

    Abgesehen davon, daß ein derartiges Szenario angesichts der nach den Nürnberger Gesetzen schon enorm geschrumpften Anzahl in Deutschland verbliebener Juden nicht gerade zum Alltag gehört haben kann, gibt es daneben aber auch solche wahren Begebenheiten:

    http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/fazit/1046869/

    Über den Kult um die “moralischen Niederlagen erster Güte” sollten wir diese moralischen Vorbilder nicht verdrängen und kleinreden.

  7. Eine sich anbahnende 'Dritte Schuld' Deutschlands des Antisemitismus, kann z.B. auch hier in der ZEIT und den Foren, auf das beängstigende besichtigt werden.

    Gemeint ist das unheilvolle Gebräu von linken und rechten Faschisten mit den islamischen Antisemiten in den Foren, wenn Israel, zu was auch immer, zur Debatte steht.

    Es ist dabei üblich geworden, Israel mit einem denunzierenden Hamas/Hisbollah Vokabular zu überziehen, daß in seiner Maßlosigkeit dem der Nazis, um nichts nachsteht.

    Die besondere Deutsche journalistische Verantwortung, "Ein organisiertes Verbrechen" an Juden nie wieder zuzulassen, wird nachgerade konterkariert, wenn verkürzte, einseitig stimmungsmachende Artikel z.B. zur sogenannten "Gaza-Hilfsflotte" erscheinen.

    Die drauf stets zuhauf folgenden, antisemitischen Kommentare werden somit m. E. geradezu wieder aufblühend provoziert.

    Die einzige Beruhigung dabei ist, daß Israel und die Jüdische Bevölkerung die einzigen sind, die aus der Geschichte des organisierten Verbrechens dauerhaft gelernt haben, sich diesen zunehmenden, antisemitischen Vernichtungsfantasien, zur Wehr zu setzen.

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    Ich persönlich kenne nur zwei Menschen, die antisemitisch reden: ein Deutschrusse und ein Araber. Aber ich kenne viele Leute, die die Politik von Israel nicht gutheißen - darunter einige (amerikanische) Juden. Ich verstehe nicht, warum man diese beiden Dinge ständig vermischt: Das eine ist eine Einstellung einer Landespolitik gegenüber, das andere eine Einstellung einer Gruppe von Menschen aus rassistischen Motiven. Sobald ein Politiker etwas gegen Israel sagt, heißt es, er sei ein Antisemit. Das ist, als ob man gegen Nordkoreas oder Chinas Politik Stellung bezieht und dann heißt es, man sei rassistisch gegenüber Koreanern und Chinesen.

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