Der Krieg gegen die Sowjetunion hatte noch nicht begonnen, da arbeiteten die deutschen Behörden und Parteidienststellen schon an detaillierten »Nachkriegsplänen«. Alles schien in den siegestrunkenen Monaten der Jahre 1940 und 1941 möglich. Der »Erbfeind« Frankreich war in einem »Blitzkrieg« geschlagen worden. Hitler und die Generalität der Wehrmacht nahmen an, dass der geplante Russlandfeldzug ebenfalls nur wenige Wochen dauern würde.

Kurzfristig, so der Plan, sollten die eroberten Gebiete Lebensmittel und Rohstoffe für die deutsche Kriegswirtschaft liefern, um damit die Engpässe auszugleichen, die durch die britische Seeblockade entstanden. Langfristig galt es, Hitlers »Ostprogramm« umzusetzen und den »neuen Lebensraum« mit Deutschen zu besiedeln.

Beide Ziele wurden in monströse Konzepte gegossen: Das eine war der »Generalplan Ost«, der ein gigantisches Germanisierungsprogramm für die kommenden Jahrzehnte entwarf. Das andere war die kühl kalkulierte Hungerpolitik, die eine rücksichtslose Ausbeutung der besetzten Gebiete vorsah. Im Gegensatz zu den »Lebensraum«-Plänen, die Hitler bereits in den zwanziger Jahren entwickelt hatte, wurde sie erst unmittelbar vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion entworfen. Beide Vorhaben standen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Vernichtungskrieg der Wehrmacht.

Am 2. Mai 1941 treffen sich in Berlin die Staatssekretäre aller wirtschaftlichen Schlüsselministerien zu einer Besprechung über die ökonomischen Bedingungen des Russlandfeldzuges. Übereinstimmend stellt man fest, dass der Krieg gegen England nur weitergeführt werden könne, wenn die deutschen Soldaten künftig mit Lebensmitteln aus der Sowjetunion ernährt würden. Die Kosten dieser Ausbeutung habe die sowjetische Bevölkerung zu tragen, von der, wie es heißt, »zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird«.

Noch im selben Monat setzen die zuständigen Ministerien diese Grundsatzentscheidung in konkrete Maßnahmen um. Der Wirtschaftsführungsstab Ost, eine Hermann Göring unterstellte Behörde, formuliert entsprechende Befehle für die Wehrmacht, so etwa die nach ihrem Umschlag benannte »Grüne Mappe«, welche die »höchstmögliche Ausnutzung« der Landwirtschaft als allgemeine Richtlinie der Besatzungspolitik vorgibt. Im Reichsernährungsministerium verfassen unterdessen der Staatssekretär Herbert Backe und sein engster Mitarbeiter Hans-Joachim Riecke, Leiter der Gruppe Landwirtschaft im Wirtschaftsstab Ost, eine umfassende Studie, wie die »Hungerpolitik« auf dem Boden der Sowjetunion organisiert werden könne.