Knapp zwei Jahre nach dem Tod Friedrichs des Großen wurde in Berlin ein Edikt veröffentlicht, in dessen Mitte, in einer eigenen Zeile und durch Sperrdruck hervorgehoben, das Wort "Aufklärung" prangte. Doch nicht als Zeichen des Triumphes war es ausgestellt, sondern zur Anklage: Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm II. erklärte mit dem von Johann Christoph von Wöllner verfassten Erlass 1788 den »Krieg gegen die Aufklärung« – und damit nicht nur gegen die preußischen Reformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern gegen einen europäischen Entwicklungsprozess, der das ganze Jahrhundert angedauert hatte.

1792, vier Jahre nach dem »Wöllnerschen Religionsedikt«, wurde der Krieg gegen die Aufklärung als Krieg gegen Frankreich fortgesetzt. Preußen schloss mit Österreich, Friedrichs altem Feind im Kampf um Schlesien, eine Koalition. Ausgerechnet die beiden Staaten, die von bedeutenden Monarchen des Reformabsolutismus regiert worden waren – Preußen bis 1786 von Friedrich II., Österreich bis 1790 von Joseph II. –, mobilisierten nun gegen das »Mutterland« der Aufklärung. An späteren Koalitionen nahm auch Russland teil, bis 1796 regiert von Katharina II., der dritten großen Gestalt unter den aufgeklärten Fürsten Europas.

Die militärische Intervention zur Wiedereinsetzung des französischen Königs Ludwig XVI. in seine »angestammten Rechte« scheiterte. Am 21. September 1792 erklärte sich Frankreich zur Republik, vier Monate später zeigte in Paris der Henker dem Volk den abgeschlagenen Kopf des Königs. In den Residenzen wurde für diesen unerhörten Schnitt durch den Körper des Monarchen, der zugleich die neue Zeit unheilbar von der alten trennte, das Gedankengut der Aufklärung verantwortlich gemacht.

Doch von diesen Gedanken hatten sich nicht nur die Revolutionäre in Frankreich inspirieren lassen, sondern auch die Reformer im übrigen Europa – in der Hoffnung, dies würde zur Erneuerung des alten Systems führen, nicht zu dessen Sturz. Reformen in Justiz und Verwaltung waren die wichtigsten Instrumente zur Selbsterhaltung des Absolutismus und zu seiner Verteidigung gegen die alten Feudalherren. Insbesondere im jungen Königtum Preußen war die neue königliche Zentralgewalt dem Adel erst kurz zuvor mühsam abgetrotzt worden.

Nirgends in Europa ging es dabei darum, ob der Untertan beherrscht werden sollte, sondern darum, von wem: vom König und vom Recht, das er setzte, oder vom Gutsherrn, vom Landrat, vom Dorfpfarrer. Es ging nicht darum, ob der Untertan für den Staat zu funktionieren hatte, sondern wie: den neuen Verwaltungsvorschriften oder den alten Feudalregeln gehorchend. Mochte die preußische Reformpolitik also noch so aufgeklärt sein: Immer hatte der Untertan für den Staat da zu sein und nie der Staat für den Bürger. Die Macht des Königs sollte geregelt und der Willkür entkleidet, aber auch gefestigt werden, nicht etwa beschränkt (wie in der konstitutionellen Monarchie Englands) oder gar gebrochen (wie im revolutionären Frankreich). Modernisierung und Aufklärung sollten dem Machterhalt dienen.

Alle reformbereiten absolutistischen Fürsten suchten zu diesem Zweck Verbündete unter den Aufklärern: Friedrich ließ sich von d’Alembert brieflich und von Voltaire persönlich beraten; Joseph traf sich auf einer Inkognito-Reise nach Frankreich mit Rousseau und Voltaire; Katharina lud Diderot nach St. Petersburg ein und korrespondierte wiederum mit – Voltaire. Dieser europäisch »vernetzte« Dichterphilosoph salbte Friedrich zum »Philosophenkönig« (auch der Beiname »der Große« geht auf ihn zurück), ernannte Katharina zur »Philosophin auf dem Thron« und nobilitierte Wenzel Anton Graf Kaunitz, den Staatskanzler Maria Theresias und ihres Nachfolgers Joseph, zum »Beförderer der Aufklärung«.

Gleichwohl waren die Beziehungen zwischen aufklärerischem Geist und absolutistischer Macht an den großen Höfen wie in den kleinen Residenzen zwiespältig. Nicht selten stand intellektuelle Anmaßung auf der einen und herrscherliche Arroganz auf der anderen Seite. Und es war kein gleichberechtigtes Ringen: Wenn ein Kopf mit einer Krone zusammenstieß, siegte immer die Krone. Vor allem über die Französische Revolution entzweite sich mancher philosophische Berater mit seinem Fürsten.

Die Bauernbefreiung und die Erneuerung des Rechts kamen nur langsam voran

In den Jahrzehnten zuvor hingegen fühlten sich Herrscher und Aufklärer aufeinander angewiesen. Die reformwilligen Fürsten brauchten die Aufklärer als Ideengeber, obwohl sie nicht beabsichtigten, jede vorgegebene Idee auch umzusetzen. Umgekehrt machten sich die Aufklärer viel Hoffnung und die schönsten Illusionen: Wenn man den Herrscher beeinflussen kann, glaubten sie, beeinflusst man den ganzen Staat. Die Idee einer Gewaltenteilung im Sinne Montesquieus oder Rousseaus Gedanken der Volkssouveränität waren dabei den meisten eher fremd. Voltaire etwa war der Überzeugung, die beste Regierung sei von einem philosophisch geschulten und von Philosophen angeleiteten König zu erwarten.

Was aber erreichten Aufklärer wie Voltaire an den europäischen Fürstenhöfen? Was bewirkten die von ihnen geförderten Reformen auf dem Lande, im Strafrecht, in Religionsfragen, im Militär, im Bildungswesen und in der Verwaltung für die Beherrschten? Und wie stand dabei das friderizianische Preußen im europäischen Vergleich da?

I. Auf dem Lande: Die Bauernbefreiung kam in Preußen nur langsam voran. Nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 hatte Friedrich angeordnet, es sollten »absolut und ohne das geringste Räsonieren die Leibeigenschaften gänzlich abgeschafft werden«. Doch blieb der königliche Befehl ein aufklärungsfrommer Wunsch. Friedrich konnte es nicht wagen, die Privilegien der adeligen Gutsherren anzutasten. Er brauchte deren Söhne, um nach dem langen Krieg die Offiziersränge aufzufüllen. Lessing hat einmal gespottet, die »Berlinische Freiheit« folge dem Grundsatz: Räsoniert, soviel ihr wollt, aber gehorcht. In der Frage der Leibeigenschaft war es umgekehrt: Der König mochte den Grund- und Gutsherren das Räsonieren verbieten, in der Sache gehorchten sie trotzdem nicht. So blieb die »bäuerliche Verbesserung« lange auf die königlichen Domänen beschränkt. Bis 1807 zog sich die rechtliche Sicherstellung des Bauernstandes in Preußen hin.

Schneller war man in Österreich: Dort wurde die Leibeigenschaft auf den mährischen Gütern (wenigstens formal) schon 1773 abgeschafft und in den übrigen Ländern der Monarchie mit dem »Untertanenpatent« von 1781.

In Frankreich erließ Minister Necker 1779 – ein gutes Jahr nach Voltaires Tod – ein Edikt gegen die Leibeigenschaft, an dem der Philosoph großen Anteil hatte. Doch galt dieses Edikt, ähnlich wie in Preußen, nur für die königlichen Domänen und verbesserte die Lage der Bauern auf den Gütern des Adels und des Klerus nicht.

In Russland schließlich gelang die Bauernbefreiung erst 1861. In den 1760er Jahren hatte Katharina die von Peter dem Großen im Jahrhundert zuvor eingeführte Leibeigenschaft nicht etwa gemildert, sondern noch ausgedehnt. Die große Bauernrevolte unter der Führung des selbst ernannten »wahren Zaren« Pugatschow wurde 1775 niedergeschlagen.

Auf einem ganz anderen Blatt steht die Frage, welche Folgen die Befreiung für die Befreiten hatte: Das Ende der Leibeigenschaft bedeutete nämlich weder in Preußen noch irgendwo sonst in Europa den Beginn der bürgerlichen Freiheit für die Bauern, schon gar nicht für die landlosen. Viele von ihnen erlebten die formale Befreiung von »der Scholle« vielmehr sehr schmerzhaft als soziale Entwurzelung. Schon bald füllten sie das Reservoir der Tagelöhner, die von einer sich industrialisierenden Landwirtschaft gebraucht wurden.

II. Im Strafrecht: Die Erneuerung des Rechts erwies sich ebenfalls als ein zäher Prozess, auch wenn viele, die den dramatischen Konflikt zwischen dem musischen Kronprinzen und seinem tyrannischen Vater verfolgt hatten, darauf hofften, Preußen würde im Licht der Aufklärung erstrahlen, als Friedrich 1740 nach dem Ableben des ungeliebten Soldatenkönigs endlich zum Zuge kam.

Rücksichtslose Entschlossenheit zeigte Friedrich bei seinen Feldzügen

Sein erster Zug war einer mit der Feder: Durch eine Kabinettsverordnung schaffte er die Folter ab. Das schien die schönsten Erwartungen der Gebildeten zu erfüllen, aber in den Gefängnissen merkte davon niemand etwas, denn die Verordnung war geheim. Sie wurde den höheren Justizbeamten mitgeteilt, aber nicht publiziert. Die Angeklagten sollten weiter Angst vor der Folter haben, auch wenn der König ihre tatsächliche Anwendung zu beschränken wünschte. Friedrichs einsamer Federzug konnte daher die Androhung und Anwendung von Gewalt in der städtischen Justiz nicht verhindern. Durch vorgeschützte Unkenntnis und absichtliches Missverstehen vereitelten und verschlissen die lokalen und behördlichen Autoritäten die Reformideen. Friedrich musste die Folter während seiner Regierungszeit immer wieder abschaffen. Verordnung folgte auf Verordnung. Das Resultat dieses 1740 begonnenen Bemühens bestand darin, dass vier Jahrzehnte später widerspenstigen Angeklagten die Geständnisse nicht mehr mit Daumenschrauben abgepresst, sondern mit dem Stock aus dem Leib geprügelt wurden. Zur sogenannten »Lügenstrafe« umgetauft, überstand diese Prügelfolter alle Reformen und ging sogar noch in die Kriminalordnung von 1805 ein.

Diese Entwicklung ist Friedrich persönlich kaum anzulasten. Fest steht jedoch: Seine strafrechtsreformerischen Anstrengungen waren denen in anderen europäischen Ländern nicht ganz so weit voraus, wie nachgeborene Bewunderer es gerne darstellten. Alles in allem befanden sie sich auf dem juristischen Niveau der Zeit – das naturrechtsgemäß vordemokratisch niedrig war.

So wurde in Bayern die Folter erst 1806 abgeschafft (aber da war das alte Kurfürstentum schon Königreich von Napoleons Gnaden), der Codex juris Bavarici criminalis von 1751 hatte hingegen sogar noch die Zauberei unter Strafe gestellt. In Österreich führte der Weg von der traditionellen Theresiana (1769) über die aufgeklärte Josephina (1787) bis zum probehalber eingeführten Gesetzbuch für Westgalizien (1797), das als eines der modernsten Gesetzeswerke des 18. Jahrhunderts gelten kann. Wie unterschiedlich die Entwicklung in Europa verlief, zeigt beispielhaft die uneinheitliche Situation im zersplitterten Italien: Aus der Mailänder Aufklärung ging 1763 Cesare Beccarias Über Verbrechen und Strafen hervor, die europaweit einflussreichste Publikumsschrift zur Rechtsreform. Auch in der habsburgisch beherrschten Toskana kam die Rechts- und Verfassungsentwicklung gut voran. Das bourbonische Sizilien hingegen blieb in Zuständen stecken, die noch Johann Gottfried Seume im Spaziergang nach Syrakus aus dem Jahr 1802 als mittelalterlich beschrieb.

III. Glaube und Religion: »Mittelalterlich« mutet auch die Vierteilung des Königsattentäters Damiens 1757 in Paris an oder der 1762 in Calais geführte Prozess gegen Jean Calas. Der Protestant wurde nach einem unter der Folter abgelegten Geständnis öffentlich gerädert, weil er angeblich seinen Sohn erwürgt hatte, um dessen Übertritt zum Katholizismus zu verhindern. Voltaire nutzte diesen Fall für einen philosophischen und juristischen Musterprozess der Aufklärung gegen die Rechtsprechung des Ancien Régime.

Ein ähnlicher religiös motivierter Justizmord hätte – bei aller Unvollkommenheit des Rechts – unter Friedrich wohl kaum geschehen können. In seiner religiösen Toleranz, geprägt von politischer Zweckmäßigkeit und persönlicher Indifferenz, kann Friedrich zweifellos als der modernste unter den aufgeklärten Fürsten gelten. Ihm waren »alle Religionen gleich gut, sofern sie nur den Menschen zum Gehorsam erziehen«.

Die Gleichstellung der Juden jedoch wurde unter Friedrich nicht erreicht. 1781 veröffentlichte deshalb Christian Wilhelm Dohm auf Moses Mendelssohns Anregung seine Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden. Der rechtsphilosophische Zusammenhang zwischen den bürgerlichen Freiheitsrechten im Allgemeinen und der Gleichstellung der jüdischen Bürger im Besonderen ist während der 1780er Jahre von größter Bedeutung gewesen, denn sobald rechtliche Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz als allgemeine Prinzipien anerkannt sind, wird eine nach Bürgerklassen portionierte Gewährung dieser Rechte zum offensichtlichen Unrecht. Eines solchen Unrechts machte sich auch Friedrich selbst schuldig – als er Mendelssohns Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften verhinderte. Der König umwarb französische Aufklärer, für einen Juden der deutschen Aufklärung gab es keinen Platz. Die bürgerliche Gleichstellung der Juden wurde erst 1812 durch Hardenberg verkündet.

Auch in anderen europäischen Ländern litten die Juden unter Demütigungen, Sondersteuern und rechtlicher Diskriminierung. Nicht grundlos publizierte Graf Mirabeau zwei Jahre vor der Französischen Revolution eine ebenfalls von Mendelssohn inspirierte Schrift (Über die politische Reform der Juden). 1791 folgten entsprechende Beschlüsse der Nationalversammlung. In Österreich war 1782 ein Toleranzpatent erlassen worden, das zwar nicht zur Gleichstellung, doch immerhin zu Verbesserungen führte. In Russland indes gab es nicht einmal halbherzige Versuche in diese Richtung. Der zaristische Staat und die orthodoxe Kirche heizten vielmehr den Antisemitismus noch an.


Bauernkinder sollten an Preußens Schulen nur das Nötigste lernen

IV. Das Militär: Anders als beim geheimen Federzug zur Abschaffung der Folter zeigte sich Friedrich bei seinen Feldzügen von rücksichtsloser Entschlossenheit. Als in Wien der Kaiser starb, legte der Verfasser des Antimachiavel die Flöte beiseite und marschierte mit Pauken und Trompeten nach Schlesien. Der preußische Staat war von Friedrichs Vater, dem »Soldatenkönig«, zu einer brauchbaren Waffe hochgerüstet worden. Aber während der martialische Monarch das Kriegführen stets vermieden hatte, nahm sein feinsinniger Sohn die ererbte Waffe ohne Zögern in die Hand.

Das Heer war trotz einiger Neuerungen in der Truppenverwaltung und der Militärökonomie aufklärungsfreies Gebiet. In Berlin mochten die Zeitungsschreiber und Gelehrten über alle möglichen »bürgerlichen Verbesserungen« diskutieren, für die Rücken der Deserteure, die in der Stadt Spießruten liefen, änderte das nichts. Wie in den Garnisonen der anderen deutschen Fürstentümer und wie in Paris, Moskau und Wien wusste man den Kanonensklaven auf den Leib zu rücken, bis blutig die Fetzen flogen.

Bei der Rekrutierung der Offiziere indessen gab es Unterschiede. In Frankreich etwa hatten schon vor der Revolution auch Bürgersöhne Aufstiegschancen. In Preußen blieben die höheren Ränge in Militär und Verwaltung dem Adel vorbehalten. Friedrich wollte die alte Standeselite mit ihren Eigeninteressen umformen in eine neue Funktionselite für den Dienst am Staat. Auf eher kuriose Weise sollten diesen Dienst auch die invaliden Feldwebel leisten: Friedrich schickte sie in die Dorfschulen, damit sie Abc-Schützen drillten.

V. Bildung und Erziehung: Das Schulwesen in Preußen wurde trotz des Landschulreglements von 1763 mehr unter argwöhnischer Duldung als mit aktiver Hilfe Friedrichs reformiert. Die Bauernkinder sollten nur das Nötigste lernen, damit sie nicht, wie Friedrich befürchtete, in die Städte laufen und »Sekretairs werden wollen«. Erst 1787 wurde das Oberschulkollegium eingerichtet. Bis dahin verwaltete die Abteilung für Geistliche Angelegenheiten die Schulen.

In den Dorf- wie den Lateinschulen setzten protestantische Pfarrer durch, was Historiker später als »Sozialdisziplinierung« beschrieben. In den Stadtschulen trainierten philanthropische Pädagogen, ebenfalls inspiriert von der protestantischen Ethik, den Geist der Leistungsbereitschaft. Allzu weit konnten es die leistungsbereiten Bürgerkinder in der friderizianischen Gesellschaft indes nicht bringen: Eine höhere Karriere in Militär, Justiz und Verwaltung blieb weitgehend dem Adel vorbehalten.

In anderen europäischen Staaten sah es nicht unbedingt besser aus: Während sich im protestantischen Preußen immerhin eine Art Modernisierung hinter dem Rücken des Königs vollzog, blockierte in Frankreich und in Österreich die katholische Kirche jedwede pädagogische Reform. Joseph verstrickte sich glücklos in Kämpfe mit der Kirche. In Russland wiederum schickte Katharina zwar Pagen auf deutsche Hochschulen und baute mit deutschem Personal Universitäten auf, scheiterte aber bei der Einführung der Elementarschulen. Nirgends in Europa war die Bildungskluft zwischen Adel und Bürgertum auf der einen und der Masse der Dorfbevölkerung auf der anderen Seite so groß wie in Russland.

VI. Verwaltung und Bürokratie: Ein wichtiges Herrschaftselement des aufgeklärten Absolutismus war die ordentliche Verwaltung des Staates und seiner Finanzen. Die Bürokratie sollte dabei als ein Instrument zur Eindämmung aristokratischer Willkür dienen. Da jedoch in Preußen – im Unterschied zu anderen europäischen Staaten – die höheren Verwaltungs- und Regierungsstellen dem Adel vorbehalten blieben, trat die eingedämmte aristokratische nun als behördliche Willkür in Erscheinung.

Erfolgreich war der aufgeklärte Absoulutismus nur bedingt

Ebendieser Effekt veranlasste Friedrich, in den berühmten Fall des Müllers Arnold einzugreifen: Ein adliger Landrat hatte oberhalb von dessen Mühle einen Karpfenteich angelegt und dadurch dem Mühlbach das Wasser abgegraben. Nun konnte der Müller den Erbzins nicht mehr zahlen, den er einem Grafen Schmettau schuldig war. Der Graf zog vor das Patrimonialgericht, an dem er selbst Richter war, und erstritt ein Urteil gegen den Müller. Der Müller ging vors Landgericht, verlor jedoch auch diesen Prozess. Es kam zur Zwangsversteigerung, und Schmettau erwarb die Mühle. Nun wandte sich Arnold an den König. Der folgte seinem persönlichen Gerechtigkeitsgefühl und verlangte von den Gerichten Urteile zugunsten des Müllers. Dies verweigerten die Richter mit dem Hinweis auf die geltende Gesetzeslage und auf ihre Unabhängigkeit in Zivilsachen. Obwohl Friedrich selbst diese Unabhängigkeit stets bekräftigt hatte, ließ er in seinem Autokratenzorn die Richter vorübergehend auf der Festung Spandau internieren.

Im Volk führte die »gerechte« Einmischung Friedrichs zur Legende vom König als Beschützer der Untertanen gegen Aristokratenwillkür. Bei den Richtern galt die Intervention als »Justizkatastrophe«. Und die Rechtsgelehrten drängten darauf, die Gesetze von vornherein gerecht zu machen, damit ein korrigierendes Eingreifen hinterher nicht nötig sei. Dieser Position schloss sich Friedrich an und ließ die liegen gebliebene Kodifizierungsarbeit wieder aufnehmen. Sie führte zum Allgemeinen Gesetzbuch (AGB) für die preußischen Staaten von 1791. In dessen Einleitung wurde in Paragraf 6 der Machtspruch des Königs in Zivilsachen ausdrücklich untersagt. Das AGB trat jedoch nicht in Kraft, sondern wurde unter dem Eindruck der revolutionären Entwicklung in Frankreich einer reformfeindlichen Revision unterzogen. Im 1794 veröffentlichten Allgemeinen Landrecht war das Verbot des Machtspruchs nicht mehr enthalten.

Preußen bildete damit keine Ausnahme: Alle europäischen Monarchen haben ihre Stellung über dem Gesetz mit äußerster Zähigkeit verteidigt, auch wenn die aufgeklärten unter ihnen versicherten, ihre Macht nur im gesetzlichen Rahmen gebrauchen zu wollen. Justiz und Verwaltung fungierten in allen absolutistischen Staaten Europas als Instrumente der Autokratie.

Erfolgreich war dieser aufgeklärte Absolutismus nur bedingt. Egal ob in Friedrichs Preußen, Josephs Österreich oder Katharinas Russland: Überall zeigte sich, dass sich die Ideen der Aufklärung nicht ohne Weiteres für Herrschaftszwecke instrumentalisieren ließen. Zwar verhinderten oder verzögerten die Reformen eine demokratische Umwälzung. Dennoch schwächten sie auf lange Sicht die absolutistische Herrschaft, zu deren Stabilisierung sie kurzfristig beitrugen. Auf Dauer hat den europäischen Frühling der Aufklärung keine einzige absolutistische Monarchie überlebt – es sei denn als konstitutioneller Zierat moderner demokratischer Staaten.

Bestandteil dieses überpersönlichen Entwicklungsprozesses war auch die Gestalt Friedrichs, Philosoph und Kriegsfürst, Rechtsreformer und Willkürherrscher, Befürworter religiöser Toleranz und Erzwinger politischen Gehorsams, erster Diener des Staates und dessen oberster Herr. Seine Politik war der anderer Staaten in mancher Hinsicht voraus, in mancher hinkte sie hinterher. Aufs Ganze gesehen aber stellte sie keinen über die Maßen lobenswerten Sonderfall dar, sondern fügte sich in den Kontext der europäischen Entwicklung – mit all ihren Errungenschaften, aber auch mit all ihren Widersprüchen.

Friedrich der Große wollte nachlesbare Gesetzestexte und verbot juristische Kommentare; er wollte eine unabhängige Justiz und griff in die Rechtsprechung ein; er wollte ein Strafsystem ohne Rache und schärfte Urteile, die ihm zu mild erschienen; er wollte rasche Reformen und zögerte bei ihrer Umsetzung. Er wollte die Macht des absolutistischen Staates sichern und ihn zugleich modernisieren. Das war, wie die Geschichte zeigte, ein Widerspruch in sich.