Friedrich der Große Der erste Diener und seine Untertanen
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Erfolgreich war der aufgeklärte Absoulutismus nur bedingt

Ebendieser Effekt veranlasste Friedrich, in den berühmten Fall des Müllers Arnold einzugreifen: Ein adliger Landrat hatte oberhalb von dessen Mühle einen Karpfenteich angelegt und dadurch dem Mühlbach das Wasser abgegraben. Nun konnte der Müller den Erbzins nicht mehr zahlen, den er einem Grafen Schmettau schuldig war. Der Graf zog vor das Patrimonialgericht, an dem er selbst Richter war, und erstritt ein Urteil gegen den Müller. Der Müller ging vors Landgericht, verlor jedoch auch diesen Prozess. Es kam zur Zwangsversteigerung, und Schmettau erwarb die Mühle. Nun wandte sich Arnold an den König. Der folgte seinem persönlichen Gerechtigkeitsgefühl und verlangte von den Gerichten Urteile zugunsten des Müllers. Dies verweigerten die Richter mit dem Hinweis auf die geltende Gesetzeslage und auf ihre Unabhängigkeit in Zivilsachen. Obwohl Friedrich selbst diese Unabhängigkeit stets bekräftigt hatte, ließ er in seinem Autokratenzorn die Richter vorübergehend auf der Festung Spandau internieren.

Im Volk führte die »gerechte« Einmischung Friedrichs zur Legende vom König als Beschützer der Untertanen gegen Aristokratenwillkür. Bei den Richtern galt die Intervention als »Justizkatastrophe«. Und die Rechtsgelehrten drängten darauf, die Gesetze von vornherein gerecht zu machen, damit ein korrigierendes Eingreifen hinterher nicht nötig sei. Dieser Position schloss sich Friedrich an und ließ die liegen gebliebene Kodifizierungsarbeit wieder aufnehmen. Sie führte zum Allgemeinen Gesetzbuch (AGB) für die preußischen Staaten von 1791. In dessen Einleitung wurde in Paragraf 6 der Machtspruch des Königs in Zivilsachen ausdrücklich untersagt. Das AGB trat jedoch nicht in Kraft, sondern wurde unter dem Eindruck der revolutionären Entwicklung in Frankreich einer reformfeindlichen Revision unterzogen. Im 1794 veröffentlichten Allgemeinen Landrecht war das Verbot des Machtspruchs nicht mehr enthalten.

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Preußen bildete damit keine Ausnahme: Alle europäischen Monarchen haben ihre Stellung über dem Gesetz mit äußerster Zähigkeit verteidigt, auch wenn die aufgeklärten unter ihnen versicherten, ihre Macht nur im gesetzlichen Rahmen gebrauchen zu wollen. Justiz und Verwaltung fungierten in allen absolutistischen Staaten Europas als Instrumente der Autokratie.

Erfolgreich war dieser aufgeklärte Absolutismus nur bedingt. Egal ob in Friedrichs Preußen, Josephs Österreich oder Katharinas Russland: Überall zeigte sich, dass sich die Ideen der Aufklärung nicht ohne Weiteres für Herrschaftszwecke instrumentalisieren ließen. Zwar verhinderten oder verzögerten die Reformen eine demokratische Umwälzung. Dennoch schwächten sie auf lange Sicht die absolutistische Herrschaft, zu deren Stabilisierung sie kurzfristig beitrugen. Auf Dauer hat den europäischen Frühling der Aufklärung keine einzige absolutistische Monarchie überlebt – es sei denn als konstitutioneller Zierat moderner demokratischer Staaten.

Weiterlesen

Bruno Preisendörfer: Staatsbildung als Königskunst. Ästhetik und Herrschaft im preußischen Absolutismus, Akademie Verlag, Berlin 2000.

Bruno Preisendörfer: Candy oder Die unsichtbare Hand (nach der Vorlage von Voltaires Candide),Verlag Das Arsenal, Berlin 2011.

Bestandteil dieses überpersönlichen Entwicklungsprozesses war auch die Gestalt Friedrichs, Philosoph und Kriegsfürst, Rechtsreformer und Willkürherrscher, Befürworter religiöser Toleranz und Erzwinger politischen Gehorsams, erster Diener des Staates und dessen oberster Herr. Seine Politik war der anderer Staaten in mancher Hinsicht voraus, in mancher hinkte sie hinterher. Aufs Ganze gesehen aber stellte sie keinen über die Maßen lobenswerten Sonderfall dar, sondern fügte sich in den Kontext der europäischen Entwicklung – mit all ihren Errungenschaften, aber auch mit all ihren Widersprüchen.

Friedrich der Große wollte nachlesbare Gesetzestexte und verbot juristische Kommentare; er wollte eine unabhängige Justiz und griff in die Rechtsprechung ein; er wollte ein Strafsystem ohne Rache und schärfte Urteile, die ihm zu mild erschienen; er wollte rasche Reformen und zögerte bei ihrer Umsetzung. Er wollte die Macht des absolutistischen Staates sichern und ihn zugleich modernisieren. Das war, wie die Geschichte zeigte, ein Widerspruch in sich.

 
Leser-Kommentare
  1. wird im Schatten des Preußen immer vergessen: Hatte zeitlich früher bereits ein umfassendes Programm in Angriff genommen mit Bildung (Basedow) für seine Untertanen, pazifistischen Ideen, Chalkografischer Gesellschaft, Gartenreich und Weltreisenden Forster und natürlich seinen Architekten Erdmannsdorff, der mit Wörlitz weit vor Schinkel englische Gärten und klassizistische Bauwerke im kontinentalen Europa realisierte. Dank der verwandtschaftlichen Verhältnisse hat er sicher Vorbildcharakter für den Preußen, nur ist dessen Attribut "der Große" für alle anderen das Totschlagsmerkmal.

    • colca
    • 20.12.2011 um 10:14 Uhr

    1792 erklärte Frankreich Österreich den Krieg, nachdem es schon vorher eine Reihe von unzumutbaren Ultimaten gestellt hatte. Da bereits vorher Preußen und Österreich ein Defensivbündnis geschlossen hatten, befand sich auch Preußen im Krieg mit Frankreich.
    Herr Preisendörfer übertreibt aber maßlos, wenn er diesen eher verhalten geführten Feldzug zu einem Krieg gegen die Aufklärung stilisiert. Vielmehr verteidigte sich das alte Europa gegen die im Blutrausch rasende Jakobinerdiktatur, die ihr Terrorregime weit in das Heilige Römische Reich hineintrug. Den Gewaltexzessen der völlig außer Kontrolle geratenen Ex-Revolutionäre fielen etwa 40 000 Menschen auf der Guillotine zum Opfer. Diese Zahl hatte im Vergleich der Naziterror von 1933-39 nicht annähernd erreicht!
    Wenn man dann noch bedenkt, dass sich den Gräueln der französischen Revolution ein 20jähriger Krieg gegen ganz Europa anschloss, den Napoleon von Lissabon bis Moskau führte - dann wäre vermutlich ein schneller preußisch-österreichischer Sieg 1792 für den ganzen Kontinent besser gewesen.
    Auf lange Sicht gesehen bringen evolutionäre Vebesserungen meistens brauchbarree Resultate hervor als die Tabula-Rasa-Exzesse der Revolutionen.
    Ach so - die hungernden Franzosen von 1789 hatten ein paar Jahre später übrigens auch nicht mehr zu beißen. Dafür wurden sie mit hohlem Pathos auf die Schlachtfelder Europas getrieben und in unvorstellbaren Massen verheizt. 1815 war das geschundene Land dann endlich im wörtlichen Sinn ausgeblutet.

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    • Varech
    • 20.12.2011 um 11:59 Uhr

    ... auch heute noch ihre Armee gegen das eigene Volk wüten lassen, haben v o n der Französischen Revolution gelernt.

    Vielleicht werden unsere "Aufklärer" eines Tages doch noch
    a u s der Revoluton lernen. Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot sollten doch langsam genug sein.

    • Varech
    • 20.12.2011 um 11:59 Uhr

    ... auch heute noch ihre Armee gegen das eigene Volk wüten lassen, haben v o n der Französischen Revolution gelernt.

    Vielleicht werden unsere "Aufklärer" eines Tages doch noch
    a u s der Revoluton lernen. Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot sollten doch langsam genug sein.

  2. Friedrich und seine Zeitgenossen nicht an den Möglichkeiten ihrer Zeit, sondern an den Einsichten der Moderne. Ich glaube kaum, dass Demokratie oder ähnliches wirklich jemals in den Blickpunkt der aufgeklärten Herrscher gekommen ist. Demokratie war damals eine Sozialutopie mit Vorstellungen, die auch uns heute merkwürdig vorkämen (gemeinschaftliches bzw. kommunitäres Leben der Fabrikarbeiter in eigenen Musterstädten). Und die von heutigen Autoren so groß als demokratisch gefeierte französische Revolution endete erst in der Terrorherrschaft und danach im französischen Kaiserreich.
    Man müsste vorsichtiger sein, die Demokratie als Allheilmittel jeder Epoche anzupreisen. Denn das ist einfach ahistorisches Denken.

    MfG

  3. In der Religionsfreiheit zeigt der Autor nur das Negative und falsche auf, nämlich Juden nicht gleichzuberechtigen. Die trotzdem mit Friedrichs Denken gegebenen Fortschritte in der Religionsfreiheit etwa die Gleichstellung der christlichen Konfessionen und die angedachte Religionsfreiheit für Muslime, die für seine Zeit geradezu revolutionär war, kommt gar nicht in den Blick. Schade, dass der Artikel, nicht nur an dieser Stelle, recht einseitig ist.

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    Das ist etwas zu euphorisch gesehen; denn m.E. lag die Haltung des alten Fritz an den Folgen seiner brutalen Kriegführung, dass 25% seines Volkes 1756-63 untergingen und er die Raume wieder Bevölkern mußte, um Steuerzahler und Soldaten zu erhalten. Außerdem war er der 1. Hoheenzollern der Verbündeter der Hohen Pforte war, um österreich-Habsburg zu schaden.
    Das war der Antrieb um aus Ungarn Türken abzuzweigen, die wehrhaft und besteuerungsfähig waren.
    Er war ein absolutistischer König, dem alles untertan war und perfektioniert durch absoluten Gehorsam gegenüber dem Beamten- und Militärstaat. Das war kein Spaß!

    Das ist etwas zu euphorisch gesehen; denn m.E. lag die Haltung des alten Fritz an den Folgen seiner brutalen Kriegführung, dass 25% seines Volkes 1756-63 untergingen und er die Raume wieder Bevölkern mußte, um Steuerzahler und Soldaten zu erhalten. Außerdem war er der 1. Hoheenzollern der Verbündeter der Hohen Pforte war, um österreich-Habsburg zu schaden.
    Das war der Antrieb um aus Ungarn Türken abzuzweigen, die wehrhaft und besteuerungsfähig waren.
    Er war ein absolutistischer König, dem alles untertan war und perfektioniert durch absoluten Gehorsam gegenüber dem Beamten- und Militärstaat. Das war kein Spaß!

    • Varech
    • 20.12.2011 um 11:59 Uhr

    ... auch heute noch ihre Armee gegen das eigene Volk wüten lassen, haben v o n der Französischen Revolution gelernt.

    Vielleicht werden unsere "Aufklärer" eines Tages doch noch
    a u s der Revoluton lernen. Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot sollten doch langsam genug sein.

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    war an Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot aufklärerisch?

    war an Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot aufklärerisch?

  4. war an Hitler, Stalin, Mao und Pol Pot aufklärerisch?

    Antwort auf "Auch die, die..."
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    • Varech
    • 20.12.2011 um 20:41 Uhr

    ... haben denn die auf Sie beispielsweise nicht aufklärend gewirkt?

    • Varech
    • 20.12.2011 um 20:41 Uhr

    ... haben denn die auf Sie beispielsweise nicht aufklärend gewirkt?

  5. F2 war in seiner Zeit, was er war, nicht mehr, nicht weniger, durch die Geburt an seine Stelle gesetzt, durch Glück und Geschick auf seiner Stelle geblieben. Wenn wir jedesmal fragen würden, wie viele Untertanen ihr Leben durch die Ambitionen der jeweiligen großen und kleinen Führer verloren haben ... wir fänden kein Ende. Wir können uns das an Eigenschaften aussuchen für unser Tun und Handeln, was wir ( heute ) für gut befinden, wir können das unterlassen, was wir an seinem Tun un Handeln ( heute ) für nicht gut halten. Alles andere deutet aber eher auf unsere "Fehler" ( von "fehlen" ) hin als auf seine.

  6. Das ist etwas zu euphorisch gesehen; denn m.E. lag die Haltung des alten Fritz an den Folgen seiner brutalen Kriegführung, dass 25% seines Volkes 1756-63 untergingen und er die Raume wieder Bevölkern mußte, um Steuerzahler und Soldaten zu erhalten. Außerdem war er der 1. Hoheenzollern der Verbündeter der Hohen Pforte war, um österreich-Habsburg zu schaden.
    Das war der Antrieb um aus Ungarn Türken abzuzweigen, die wehrhaft und besteuerungsfähig waren.
    Er war ein absolutistischer König, dem alles untertan war und perfektioniert durch absoluten Gehorsam gegenüber dem Beamten- und Militärstaat. Das war kein Spaß!

    Antwort auf "Ergänzung"

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