Friedrich der GroßeDer erste Diener und seine Untertanen

Landreform, Folterverbot, Religionsfreiheit: Friedrich II. gilt als der fortschrittlichste Herrscher seiner Zeit. Aber war er das wirklich? von Bruno Preisendörfer

Friedrich II. von Preußen auf einem Gemälde von 1775

Friedrich II. von Preußen auf einem Gemälde von 1775  |  © Hulton Archive/Getty Images

Knapp zwei Jahre nach dem Tod Friedrichs des Großen wurde in Berlin ein Edikt veröffentlicht, in dessen Mitte, in einer eigenen Zeile und durch Sperrdruck hervorgehoben, das Wort "Aufklärung" prangte. Doch nicht als Zeichen des Triumphes war es ausgestellt, sondern zur Anklage: Friedrichs Nachfolger Friedrich Wilhelm II. erklärte mit dem von Johann Christoph von Wöllner verfassten Erlass 1788 den »Krieg gegen die Aufklärung« – und damit nicht nur gegen die preußischen Reformen der vergangenen Jahrzehnte, sondern gegen einen europäischen Entwicklungsprozess, der das ganze Jahrhundert angedauert hatte.

1792, vier Jahre nach dem »Wöllnerschen Religionsedikt«, wurde der Krieg gegen die Aufklärung als Krieg gegen Frankreich fortgesetzt. Preußen schloss mit Österreich, Friedrichs altem Feind im Kampf um Schlesien, eine Koalition. Ausgerechnet die beiden Staaten, die von bedeutenden Monarchen des Reformabsolutismus regiert worden waren – Preußen bis 1786 von Friedrich II., Österreich bis 1790 von Joseph II. –, mobilisierten nun gegen das »Mutterland« der Aufklärung. An späteren Koalitionen nahm auch Russland teil, bis 1796 regiert von Katharina II., der dritten großen Gestalt unter den aufgeklärten Fürsten Europas.

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Die militärische Intervention zur Wiedereinsetzung des französischen Königs Ludwig XVI. in seine »angestammten Rechte« scheiterte. Am 21. September 1792 erklärte sich Frankreich zur Republik, vier Monate später zeigte in Paris der Henker dem Volk den abgeschlagenen Kopf des Königs. In den Residenzen wurde für diesen unerhörten Schnitt durch den Körper des Monarchen, der zugleich die neue Zeit unheilbar von der alten trennte, das Gedankengut der Aufklärung verantwortlich gemacht.

ZEIT Geschichte 4/2011
ZEIT Geschichte 4/2011

Doch von diesen Gedanken hatten sich nicht nur die Revolutionäre in Frankreich inspirieren lassen, sondern auch die Reformer im übrigen Europa – in der Hoffnung, dies würde zur Erneuerung des alten Systems führen, nicht zu dessen Sturz. Reformen in Justiz und Verwaltung waren die wichtigsten Instrumente zur Selbsterhaltung des Absolutismus und zu seiner Verteidigung gegen die alten Feudalherren. Insbesondere im jungen Königtum Preußen war die neue königliche Zentralgewalt dem Adel erst kurz zuvor mühsam abgetrotzt worden.

Nirgends in Europa ging es dabei darum, ob der Untertan beherrscht werden sollte, sondern darum, von wem: vom König und vom Recht, das er setzte, oder vom Gutsherrn, vom Landrat, vom Dorfpfarrer. Es ging nicht darum, ob der Untertan für den Staat zu funktionieren hatte, sondern wie: den neuen Verwaltungsvorschriften oder den alten Feudalregeln gehorchend. Mochte die preußische Reformpolitik also noch so aufgeklärt sein: Immer hatte der Untertan für den Staat da zu sein und nie der Staat für den Bürger. Die Macht des Königs sollte geregelt und der Willkür entkleidet, aber auch gefestigt werden, nicht etwa beschränkt (wie in der konstitutionellen Monarchie Englands) oder gar gebrochen (wie im revolutionären Frankreich). Modernisierung und Aufklärung sollten dem Machterhalt dienen.

Bruno Preisendörfer

Jahrgang 1957, ist Schriftsteller und lebt in Berlin

Alle reformbereiten absolutistischen Fürsten suchten zu diesem Zweck Verbündete unter den Aufklärern: Friedrich ließ sich von d’Alembert brieflich und von Voltaire persönlich beraten; Joseph traf sich auf einer Inkognito-Reise nach Frankreich mit Rousseau und Voltaire; Katharina lud Diderot nach St. Petersburg ein und korrespondierte wiederum mit – Voltaire. Dieser europäisch »vernetzte« Dichterphilosoph salbte Friedrich zum »Philosophenkönig« (auch der Beiname »der Große« geht auf ihn zurück), ernannte Katharina zur »Philosophin auf dem Thron« und nobilitierte Wenzel Anton Graf Kaunitz, den Staatskanzler Maria Theresias und ihres Nachfolgers Joseph, zum »Beförderer der Aufklärung«.

Gleichwohl waren die Beziehungen zwischen aufklärerischem Geist und absolutistischer Macht an den großen Höfen wie in den kleinen Residenzen zwiespältig. Nicht selten stand intellektuelle Anmaßung auf der einen und herrscherliche Arroganz auf der anderen Seite. Und es war kein gleichberechtigtes Ringen: Wenn ein Kopf mit einer Krone zusammenstieß, siegte immer die Krone. Vor allem über die Französische Revolution entzweite sich mancher philosophische Berater mit seinem Fürsten.

Leserkommentare
  1. Friedrich und seine Zeitgenossen nicht an den Möglichkeiten ihrer Zeit, sondern an den Einsichten der Moderne. Ich glaube kaum, dass Demokratie oder ähnliches wirklich jemals in den Blickpunkt der aufgeklärten Herrscher gekommen ist. Demokratie war damals eine Sozialutopie mit Vorstellungen, die auch uns heute merkwürdig vorkämen (gemeinschaftliches bzw. kommunitäres Leben der Fabrikarbeiter in eigenen Musterstädten). Und die von heutigen Autoren so groß als demokratisch gefeierte französische Revolution endete erst in der Terrorherrschaft und danach im französischen Kaiserreich.
    Man müsste vorsichtiger sein, die Demokratie als Allheilmittel jeder Epoche anzupreisen. Denn das ist einfach ahistorisches Denken.

    MfG

    6 Leserempfehlungen
    • colca
    • 20. Dezember 2011 10:14 Uhr

    1792 erklärte Frankreich Österreich den Krieg, nachdem es schon vorher eine Reihe von unzumutbaren Ultimaten gestellt hatte. Da bereits vorher Preußen und Österreich ein Defensivbündnis geschlossen hatten, befand sich auch Preußen im Krieg mit Frankreich.
    Herr Preisendörfer übertreibt aber maßlos, wenn er diesen eher verhalten geführten Feldzug zu einem Krieg gegen die Aufklärung stilisiert. Vielmehr verteidigte sich das alte Europa gegen die im Blutrausch rasende Jakobinerdiktatur, die ihr Terrorregime weit in das Heilige Römische Reich hineintrug. Den Gewaltexzessen der völlig außer Kontrolle geratenen Ex-Revolutionäre fielen etwa 40 000 Menschen auf der Guillotine zum Opfer. Diese Zahl hatte im Vergleich der Naziterror von 1933-39 nicht annähernd erreicht!
    Wenn man dann noch bedenkt, dass sich den Gräueln der französischen Revolution ein 20jähriger Krieg gegen ganz Europa anschloss, den Napoleon von Lissabon bis Moskau führte - dann wäre vermutlich ein schneller preußisch-österreichischer Sieg 1792 für den ganzen Kontinent besser gewesen.
    Auf lange Sicht gesehen bringen evolutionäre Vebesserungen meistens brauchbarree Resultate hervor als die Tabula-Rasa-Exzesse der Revolutionen.
    Ach so - die hungernden Franzosen von 1789 hatten ein paar Jahre später übrigens auch nicht mehr zu beißen. Dafür wurden sie mit hohlem Pathos auf die Schlachtfelder Europas getrieben und in unvorstellbaren Massen verheizt. 1815 war das geschundene Land dann endlich im wörtlichen Sinn ausgeblutet.

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