Identifikation mit Preußen hatte in der DDR was Subversives
Vermutlich hat Honecker, Mittenzwei lesend, sein Herz für Friedrich entdeckt. Jedenfalls rühmte er das Buch in einem Interview, das er dem britischen Verleger Robert Maxwell gab und das am 26. August 1980 zwei Seiten des Neuen Deutschland füllte. Die Geschichte Preußens gehöre zum Erbe. »Wie Sie zu Recht bemerkt haben, befinden sich im Zentrum unserer Hauptstadt Berlin Standbilder von Clausewitz, Scharnhorst, Yorck und Gneisenau. Vielleicht kommt in absehbarer Zeit das Standbild Friedrichs des Großen von Rauch hinzu. [...] Es entspricht unserem Weltbild, die Geschichte in ihrem objektiven, tatsächlichen Verlauf, in ihrer gesamten Dialektik zu erfassen. Dazu gehört die Sicht auf Größe und Grenze hervorragender Persönlichkeiten der Geschichte.«
Fortan durfte Friedrich wieder »der Große« heißen. Die Volte verblüffte in Ost und West. Ihr terminlicher Anlass war die Westberliner Preußen-Ausstellung 1981. Ost-Berlin mochte nicht hintanstehen, zumal ja die DDR preußische Bauten und Ländereien hatte, zu schweigen von obrigkeitsstaatlichen Parallelen. Also wurde Friedrich »unser« – wie dann 1983 Luther, danach Bismarck. Dies hatte schon 1981 der DDR-Dramatiker Claus Hammel mit seiner Komödie Die Preußen kommen prophezeit. Luther, bis dato »Fürstenknecht«, brüllt Bauernschlächter-Fantasien. Friedrich belehrt: »Wer zuerst aufhören könnte, von Nation zu reden, wäre der erste Realist.« Ein Westreporter tritt auf: »Ostberlin. Mein Gott, wohin sind Sie geraten! Dabei sind Sie bei uns begraben.« Friedrich: »Meine Leiche gehört nach Potsdam.« Der Narr: »Die NVA ist gegen Friedrich eingenommen / Ihr täten mehr die Freiheitskrieger frommen.« Ein Langer Kerl erklärt, was Militarismus sei: »Die totale Militarisierung des öffentlichen wie des privaten Lebens. Uniformes Denken, Fühlen und Handeln nach Vorschrift einer Zentralgewalt. Expansionistische Gelüste und Hegemonialanspruch.« Friedrich: »Ich bin eher Künstler. Die Gebietserweiterungen Preußens betrieb ich aus ästhetischen Gründen, nicht aus strategischen. Mir ging es um ein geschlossenes Kartenbild.«
Da hätten wir den wandelbaren, den Allzweck-Friedrich, geeignet für jede gewünschte Projektion. Lessing und Marx schmähten, Fontane und Engels priesen ihn. Man kann ihn als Kreatur seiner Zeit betrachten oder als aggressiven Leitgeist der verpreußten deutschen Reichsgeschichte, bis hin zu Hitler, dem Fritzen-Führer, in dessen Bunker Anton Graffs Friedrich-Porträt hing. Man darf den König Vateropfer, Zyniker, Aggressor, Egomane nennen, ebenso Künstler und Erster Diener des Staats. Menschenverachtung und Toleranz sind überliefert, Talent zur Freundschaft wie die nimmermüde Sucht, seine Mitmenschen zu demütigen. Friedrich gilt als widersprüchlich. Das bleibt er nicht, wenn man die Mitte seines Wesens sieht. Im Zentrum dieses Charakters steht gloire. Dem Ruhm dient alles, was Friedrich tut, der Krieg und die Musik, das Bauen, das Schreiben, der Staat.
So erzählt es Der Große, die neue Friedrich-Biografie von Jürgen Luh, dem Haushistoriker der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. Deren Direktor Hartmut Dorgerloh ist seit seiner Jugend mit Preußen befasst. Bereits 1977, mit 15 Jahren, jobbte der Potsdamer Pfarrerssohn als Führer in Sanssouci. Da hieß Friedrich noch der Zweite, eventuell mit dem Zusatz: den man auch den Großen nannte. Das, sagt Dorgerloh, sei in Sanssouci der gängige Jargon gewesen. Im Übrigen war das Schloss ein bewahrenswertes Zeugnis der großen Leistungen der Werktätigen des 18. Jahrhunderts. Friedrich galt immerhin als kongenialer Auftraggeber. Werktätig argumentierend, gelang es dem damaligen Direktor Joachim Mückenberger immer wieder, rare Baukapazitäten zu organisieren. Hilfreich war auch die Sage, Sanssouci sei 1945 von der Roten Armee vor der faschistischen Zerstörung bewahrt worden und dürfe schon deshalb nicht verfallen. Jedes DDR-Schulkind erfuhr den Namen des Retters, den am Parkeingang Grünes Gitter eine Gedenktafel ehrte: Gardeoberleutnant Jewgenij Fjodorowitsch Ludschuweit. In Wahrheit unterstand Ludschuweit das Sicherungskommando der sowjetischen Trophäenkommission, die nach Kriegsende im Neuen Palais ihre Kunstbeute zum Abtransport nach Osten sammelte.
Identifikation mit Preußen, sagt Dorgerloh, hatte in der DDR was Subversives. Mich selbst interessierte vor allem die klassizistische Epoche – Schinkel, Spree-Athen, bürgerliche Emanzipation. Um Friedrich habe ich immer einen Bogen gemacht, finde es aber zunehmend faszinierend, ihm beim Abschminken zuzusehen. Wir haben seine Schatullrechnungen ins Netz gestellt. Entgegen seinem Image als spartanischer Greis im zerlumpten blauen Rock gab er Unsummen für die edelsten Stoffe aus, für die größten Klunker, für Orangenwasser, Puder, die teuersten Weine. Friedrich war ein Luxustier.
Und was macht ihn groß?
Dass er sich nicht an Regeln hält. Er begreift früh, dass sich, wer nach Ruhm strebt, unterscheiden muss. Als Kronprinz die Flucht vor dem Vater. Der Einmarsch in Schlesien, kaum dass er König ist. Mitten im protestantischen Berlin baut er eine katholische Kirche. Er arbeitet seinen Nachfolger nicht ein. Er glaubt nicht, die Welt müsse zwangsläufig sein, wie sie ist. Er fragt nach; insofern ist er aufgeklärt. Den Mut, das Allgemeine Preußische Landrecht einzuführen oder tatsächlich Religionsfreiheit zu praktizieren, hat er allerdings nicht.
Aber sein Image ist doch auch konstruiert. Diese vorgetäuschte Askese des Philosophen...






"Groß aber nennen wir Preußens zweiten Friedrich nicht. Unendlich größer waren seine Leichenberge."
Wie viele Leute die "der Große" genannt werden haben keine Leichenberge hinterlassen?
0?
Viele heutige deutsche Historiker und Journalisten brauchen es anscheinend, ständig ganz demonstrativ nur von "Friedrich II." zu schreiben. Nur wenn es um den vielleicht wirklich größten militärischen Zocker aller Zeiten geht, würden die niemals "Alexander III." schreiben. Auf die Konsequenz warte ich bis heute noch vergeblich.
Viele heutige deutsche Historiker und Journalisten brauchen es anscheinend, ständig ganz demonstrativ nur von "Friedrich II." zu schreiben. Nur wenn es um den vielleicht wirklich größten militärischen Zocker aller Zeiten geht, würden die niemals "Alexander III." schreiben. Auf die Konsequenz warte ich bis heute noch vergeblich.
Eine sehr interessante Abhandlung über die Wandlung der Einschätzung einer historischen Figur dem jeweiligen Zeitgeist oder der staatlichen Obrigkeit entsprechend!
Die Sage "Sanssouci sei 1945 von der Roten Armee vor der faschistischen Zerstörung bewahrt worden und dürfe schon deshalb nicht verfallen" ist dabei frappant beispielhaft wie man Kunstbeutejäger zu -Rettern hochstilisiert.
Ebenso vielsagend wie pietätlos sind die letzten beiden Zeilen des Artikels.
Und wenn die ZEIT noch so viele kleingeistige Schmähartikel zu F2 verfasst - Friedrich bleibt einer der bedeutendsten deutschen und der bedeutendste preußische Herrscher.
Dass die Medien der heutigen Bundesrepublik mit Preußen, seinen Tugenden und Schwächen, so wenig anzufangen wissen, spricht für den verkorksten Bildungsweg der Meinungseliten.
Die meisten von ihnen stehen halt leider in der geistigen Tradition der Rheinbundstaaten, ganz im Sinne von Teilstaatgründer Adenauer.
Wenn sich unser Geschichtsbild endlich von seiner kranken Fokussierung auf die schlimmsten 12 Jahre emanzipiert haben wird, dann finden auch Friedrich II und Bismarck wieder ihren angestammten Platz im "deutschen Olymp".
Von den Politikern unserer Zeit fällt mir da niemand ein, der auch nur annähernd deren Format hätte. Aber das kann man auch nicht vergleichen.
Jaja, die DDR und Preußen. Für Mitterand war beides ja gleichzusetzen. Und wenn man sich Uniformen, Stechschritt und die "aufgabenorientierte" Führung in der Gesellschaft anschaute, war da sicher was dran. Ich kann mich übrigens noch an ein Theaterstück erinnern, muss Mitte, Ende der achtziger Jahre gewesen sein. Protagonist war der Alte Fritz. Von der Handlung weiß ich eigentlich nichts mehr, nur der Schlussakt blieb in meinem Gedächtnis. Hier wurde die Würdigung Preußens durch die DDR auf´s Korn genommen: der alte Fritz trat von der Bühne, es wurde dunkel und dann konnte man die Umrisse eines Mannes mit kräftiger Statur und Pickelhaube erkennen. Er fragte sich, wann er denn endlich seinen Auftritt bekommt.
Viele heutige deutsche Historiker und Journalisten brauchen es anscheinend, ständig ganz demonstrativ nur von "Friedrich II." zu schreiben. Nur wenn es um den vielleicht wirklich größten militärischen Zocker aller Zeiten geht, würden die niemals "Alexander III." schreiben. Auf die Konsequenz warte ich bis heute noch vergeblich.
Viel mir auch auf, als ich neulich dieses -nachtstudio- zum Thema sah :
http://www.zdf.de/ZDFmedi...
Und wie eine der Gäste/innen (mit was wichtigem beschäftigen sich die Leute bei der Rechtschreibreform eigentlich?) so beschrieb, nämlich die Frau Trevert, da fiel mir hier im Artikel auch auf, daß ihm der zweite Vorname fehlt, der laut erwähnter Frau Trevert wohl
Friedrich II "merchandising himself" von Brandenburg-Preußen
hätte lauten können.
Seltsam das keine Kartoffelsorte nach ihm heißt, aber, wie gehört, er schon zu Lebzeiten sein Konterfei vermarktete.
Aber an Alexander hatte ich auch gedacht.
Viel mir auch auf, als ich neulich dieses -nachtstudio- zum Thema sah :
http://www.zdf.de/ZDFmedi...
Und wie eine der Gäste/innen (mit was wichtigem beschäftigen sich die Leute bei der Rechtschreibreform eigentlich?) so beschrieb, nämlich die Frau Trevert, da fiel mir hier im Artikel auch auf, daß ihm der zweite Vorname fehlt, der laut erwähnter Frau Trevert wohl
Friedrich II "merchandising himself" von Brandenburg-Preußen
hätte lauten können.
Seltsam das keine Kartoffelsorte nach ihm heißt, aber, wie gehört, er schon zu Lebzeiten sein Konterfei vermarktete.
Aber an Alexander hatte ich auch gedacht.
wie kann ein grosser deutscher feldherr auch einfach nur "gross" sein, ohne dass man auf seine ruchlosigkeit aufmerksam machte? werden aktuelle (westliche) staatenlenker dereinst ebenso streng an ihren leichenbergen gemessen werden? wie sagte hillary clinton lachend, als sie das video mit gadhafis hinrichtung sah: "we came, we saw, he died." der libyenfeldzug hatte 10'000 tote gefordert.
100'000 tote natürlich.
100'000 tote natürlich.
100'000 tote natürlich.
Da war doch einmal die Rede von "preußischen Tugenden" ... ?!
Aber andererseits, eine Bananenrepublik ist durch eine Banane schon angemessen vertreten ... ... !!
... eine "Rehabilitierung" Friedrichs des Großen und anderer großer Deutscher gar nicht mehr zu wollen, sondern eher als Missbrauch anzusehen.
Oder zumindest müde darüber zu lachen, wie sich Geschichte wiederholt und nun ein zweiter deutscher Nachkriegsstaat meint, mit ein wenig (!) Preußens Gloria seinen Niedergang zu kaschieren. Da erkenne ich durchaus eine Parallele.
... eine "Rehabilitierung" Friedrichs des Großen und anderer großer Deutscher gar nicht mehr zu wollen, sondern eher als Missbrauch anzusehen.
Oder zumindest müde darüber zu lachen, wie sich Geschichte wiederholt und nun ein zweiter deutscher Nachkriegsstaat meint, mit ein wenig (!) Preußens Gloria seinen Niedergang zu kaschieren. Da erkenne ich durchaus eine Parallele.
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