Chinas Aufstieg : Der geteilte Himmel

Im 19. Jahrhundert mussten Chinas Herrscher lernen, dass ihr Land nur eins von vielen ist. Erst heute ist das "Reich der Mitte" wieder fast so mächtig wie einst. Der Weg dorthin war weit und hart umkämpft – und kostete Millionen Menschen das Leben.
Tausende Menschen feiern Ende Januar 2012 das chinesische Neujahr in Shanghai. Der gelbe Drache symbolisiert die Macht der chinesischen Kaiser. © Peter Parks/AFP/Getty Images

Die Geschichte Chinas im 19. und 20. Jahrhundert ist eine Geschichte von Niedergang und Aufstieg, von Demütigung und Selbstbehauptung. Sie handelt von vielen, teils äußerst gewaltsamen Neuanfängen. Und sie handelt von einer Hoffnung – dass China wieder werde, was es jahrtausendelang war: das mächtigste Land der Welt.

Am Anfang dieser Geschichte steht die kaiserliche Reichsherrlichkeit: Die Welt des alten dynastischen China hat unter der Qing-Dynastie ihre größte geografische Ausdehnung erreicht. Auf den Höhepunkt aber folgte der tiefe Fall: Das Reich verlor seine zentrale Stellung in Ostasien und wurde von den westlichen Mächten geplündert, besetzt und gedemütigt – bis zur Revolution von 1911, mit der die Geschichte des chinesischen Kaiserreichs endet. Im Februar 1912 dankte Chinas letzter Kaiser ab. Dieses Datum, das sich nun zum 100. Mal jährt, markiert den Beginn einer bis heute andauernden Aufholjagd: Seit 1912 strebt China danach, sich als Nationalstaat in die Welt einzugliedern und zugleich seine herausragende Stellung wiederzugewinnen.

Alles unter dem Himmel

Die Qing waren die letzte von 25 Dynastien, die über China herrschten. Sie regierten von 1644 bis 1912 und waren mandschurischen Ursprungs. Die Mandschuren, ein kleines, am nordöstlichen Rand Chinas angesiedeltes Reitervolk, haben das chinesische Reich nach dem Niedergang der Ming-Dynastie (1368–1644) erobert, unterworfen und neu entstehen lassen. Unter den Qing wurden die Mongolen, die Tibeter und die Turkvölker im Nordwesten ins Reich integriert, all jene Randvölker also, die auch aus Sicht der heutigen chinesischen Führung noch zu China gehören. China wurde zu einem Vielvölkerreich. Nach wie vor fehlt dem Land dadurch die Homogenität eines »klassischen« Nationalstaats.

Ein Einheitsstaat mit einer zentralen Regierung ist China dagegen, mit Unterbrechungen, schon seit seiner Einigung im dritten vorchristlichen Jahrhundert. Darum hat es für sich auch stets eine zentrale und universale Position in Anspruch genommen – bis zur Konfrontation mit dem Westen im 19. Jahrhundert. China begriff sich bis dahin als ein Reich, das »alles unter dem Himmel« (tianxia) umfasst. Natürlich wussten die Chinesen von der Existenz anderer Völker und Staaten, dennoch setzten sie China und die Welt gleich. Das Zentrum des Reiches bildete der Kaiser, der – mit dem »Mandat des Himmels« ausgestattet – eine charismatische Form von Herrschaft ausübte. Wer sich ihm unterstellte, gehörte zum Reich; wo er regierte, war das Reich, und das Reich war die Welt. In dieses Weltbild konnten alle Völker der Region und der Welt unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit integriert werden. Entscheidend war die Loyalität gegenüber dem Kaiser: Wer immer sich ihm zuordnete und sich dadurch in den Kontext der chinesischen Kultur stellte, gehörte zum Reich. Auch Europa hätte nach dieser Vorstellung ein Teil Chinas sein können.

Ihr Territorium immer weiter auszudehnen, hielten die chinesischen Kaiser indes nicht für nötig. Denn das kaiserliche Charisma, verbunden mit der Überzeugungskraft der konfuzianischen Kultur, war nach damaliger Vorstellung so groß, dass Krieg zu führen im Grunde überflüssig war. Die chinesische Zivilisation, so lautete die Überzeugung, strahlt in alle Himmelsrichtungen, und alles, was das Zentrum umgibt, wird zu diesem Zentrum hingezogen. Die europäischen Missionare, die vom 14. Jahrhundert an nach China kamen und sich von der dort herrschenden Ordnung beeindruckt zeigten, haben die Chinesen in diesem Selbstbewusstsein sicherlich bestärkt. Denn weit mehr, als dass sie den Chinesen das Christentum nahebrachten, passten sie sich selbst der chinesischen Kultur an. Auch sonst war der chinesische Zentralismus keine bloße Größenfantasie: Zahlreiche Völker und Staaten ordneten sich im Lauf der Jahrhunderte dem Kaiser unter und mehrten dadurch seine Macht.

Chinas Verhältnis zu anderen Völkern und Staaten wurde durch das sogenannte Tributsystem geregelt. Dieses System sah vor, dass die Völker im Umkreis des chinesischen Kernlands dem Kaiser regelmäßig Tribut zollen und dadurch ihre Unterwerfung zum Ausdruck bringen. Unter anderem gehörten Korea, Vietnam und Burma zum Tributsystem. Der chinesische Kaiserhof erkannte in der Tribut-Übergabe den Willen der Überbringer, sich dem chinesischen Reich zuzuordnen. Zugleich übergab der Kaiser seinerseits Geschenke an die Delegationen, um dadurch die Zugehörigkeit des Überbringerlandes anzuerkennen. Dabei wurde darauf geachtet, dass der Wert der mitgebrachten Gaben, meist Luxusgüter aus dem jeweiligen Land, dem der kaiserlichen Geschenke genau entsprach. Da die Reisen zum chinesischen Kaiserhof oft weit waren und lange dauerten, dienten sie zugleich dem Handel in Ostasien. 

Wer sich in dieses System nicht einordnete, zeigte damit, dass er sich nicht der chinesischen Zivilisation zugehörig fühlte – und wurde als »Barbar« bezeichnet. Ein Barbar stand außerhalb des Reiches und damit außerhalb der Welt. Vor Gründung der Qing-Dynastie hatten die Reitervölker im Norden Chinas als Barbaren gegolten. Sie stellten die Vorherrschaft des Kaisers infrage und frönten einer Lebensweise, die in China als unzivilisiert galt.

Japan nahm in dieser Konstellation eine Sonderstellung ein. In den Augen der Qing-Herrscher war Japan Teil des Tributsystems, also ein Land, das von einem König regiert wurde, sich aber dem chinesischen Kaiserhaus unterstellte. Dem japanischen Selbstverständnis nach aber war das anders: Japan hatte selbst einen Kaiser und begriff sich nicht als Teil der sinozentrischen Welt. Auf den Ryukyu-Inseln im Chinesischen Meer, südwestlich von Japan gelegen, trafen die beiden Reiche aufeinander: Mal gehörten die Inseln zu Japan, mal zu China. Ihre Bewohner profitierten davon, dass sie den Handel zwischen den beiden Reichen ermöglichten, wurden aber ausdrücklich dazu angehalten, das Geheimnis ihrer zweifachen Verbundenheit nicht zu offenbaren – weder den Japanern noch den Chinesen.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Danke, Frau Weigelin-Schwiedrzik!

Ich habe Ihren Artikel kopiert und bei mir als PDF abgelegt. Über 2000 Jahre chinesische Geschichte und Philosophie kurz gefasst. Zumindest habe ich jetzt ein grobes Bild des Ganzen und kapiere etwas mehr wie die Chinesen so 'ticken'. Auch die 'Tibetfrage' erscheint mir jetzt in etwas anderem Licht, wobei ich aber das momentane Verhalten des States China diesbezüglich keinstens billige.

Ein sehr informativer Artikel

Schade, daß er dem Fazit - nämlich die Entwicklung der letzten 30 Jahre zu erklären - nur zwei Sätze gewährt.

Und besonders schade, daß der wesentliche Faktor der jüngeren Geschichte Chinas ( die 1-Kind-Politik ), die das Land vom Entwicklungsland zur demnächst führenden Wirtschaftsmacht geführt hat, mit keinem Wort erwähnt.

Die Demütigung Chinas durch den Westen 1839-1949

beschreibt Fernand Braudel in einem Kapital seiner kleinen Geschichte der Kulturen (aus dem Französischem ins Englische übersetzt als A History of Civilizations), dich ich jedem nur empfehlen kann.

Braudel betrachtet größere Zeiträume und langandauernde gesellschaftliche Prozesse. "... Insgesamt unterscheidet damit Braudel drei Zeitebenen. Die unterste Schicht wird gebildet von einer langsam fließenden Geschichte, in der Veränderungen kaum wahrnehmbar sind, einer histoire quasi immobile, die Braudel auch géohistoire nennt. Diese Zeit ist die der Naturerscheinungen, in der alle Bewegungen in einem Kreislauf an ihren Ausgangspunkt zurückkehren. Es ist dies die Geschichte der Täler und Gebirge, der Inseln und Küsten, des Klimas, der Land- und Seewege. Die darüberliegende Schicht ist jene, welche später besonders mit dem Begriff der longue durée verbunden wurde. Es ist die Zeit der in langsamen Rhythmen verlaufenden Geschichte, der größeren sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Strukturen, die einen Zeitraum von ein, zwei Jahrhunderten umfassen können. Ganz an der Oberfläche befindet sich letztlich die Geschichte der Ereignisse, die histoire événementielle. Geschichte lässt sich nach Braudel nicht verstehen, wenn nur diese letzte Ebene betrachtet wird, vielmehr erscheinen die menschlichen Ereignisse wie bloße Wellen auf der Oberfläche des Stroms der Geschichte, ohne deren tieferen Grund zu berühren. ..."