Chinas AufstiegDer geteilte Himmel
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Revolution und Wiederaufstieg

Revolution und Wiederaufstieg

Letztlich setzte sich der revolutionäre Weg durch. Doch bevor sich relevante Teile der chinesischen Elite für Marxismus und Revolution entschieden, orientierte sich das Land an Japan und an der sich dort seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Vorzeichen der Reform vollziehenden Modernisierung. Dieser Prozess war ganz offensichtlich erfolgreich, was sich nicht zuletzt in der militärischen Stärke des Landes zeigte: Im ersten Japanisch-Chinesischen Krieg 1894/95 hatte China eine schwere Niederlage erlitten, und im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05 war es der japanischen Armee sogar gelungen, eine »europäische« Macht in die Knie zu zwingen. Alles hätte dafür gesprochen, es Japan gleichzutun. Doch die ungeduldigen jungen Intellektuellen ließen sich von ihrer Revolutionsorientierung nicht abbringen. Auch machte es die Demütigung, die China durch Japan erfahren hatte, schwer, das Land als Vorbild anzuerkennen: 1911 verabschiedeten sich die Eliten in China von der Möglichkeit, ihr Land mittels Reform in die Moderne zu führen. Aufständische übernahmen mithilfe des Militärs im Herbst des Jahres die Macht. Im Februar 1912 erzwangen sie die Abdankung des fünfjährigen Pu Yi, des letzten Kaisers.

Von nun an wurde der Kampf um die Macht auf dem Schlachtfeld ausgetragen, und die organisierte Gewalt wurde zum Motor der Entwicklung. Nicht alle, aber viele Mitglieder jener Gruppe von jungen Intellektuellen, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierte, sahen darin den einzigen Ausweg aus der Rückständigkeit. Die Revolution sollte die gesellschaftliche Entwicklung beschleunigen. Zugleich ermöglichte sie eine Form der Partizipation, die nicht an langwierige demokratische Prozesse gebunden war: Alle machen mit für das große Ganze. Der Idealismus, so die Hoffnung der Revolutionäre, trägt die Gesellschaft weiter und lässt über die Opfer, welche der Wandel unweigerlich fordert, hinwegsehen.

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Der Marxismus und später auch der Leninismus und Stalinismus boten sich schon bald als erfolgversprechende Theorien an. Sie halfen, die Revolution zu legitimieren, und eröffneten zugleich Perspektiven auf eine verheißungsvolle Zukunft. Viele chinesische Marxisten gingen davon aus, dass die Voraussetzungen für den Sozialismus in ihrem Land sogar besonders günstig seien, obwohl sich in China – anders, als Marx es für unabdingbar hielt – der Kapitalismus als Voraussetzung für einen sozialistischen Umsturz nur in Ansätzen entwickelt hatte. Das Fehlen des Kapitalismus wurde von diesen Intellektuellen indes als Besonderheit der chinesischen Geschichte positiv ausgelegt: In China werde sich der Sozialismus schneller und besser verwirklichen lassen als in Europa, weil sich in der chinesischen Gesellschaft nie vergleichbare Klassen und Klassengegensätze herausgebildet hätten. Mit dem Vollzug der sozialistischen Revolution könne China, wenn auch ökonomisch und militärisch immer noch schwach, moralisch eine Vorreiterrolle übernehmen und dadurch seinen Verlust von Zentralität und Universalität kompensieren.

Die Hinwendung zum Marxismus hatte somit eine Doppelfunktion: Sie ermöglichte den Sprung »in die erste Reihe« – die Zentralposition wurde durch die Avantgardeposition ersetzt –, und zugleich stellte sie die Wiedergewinnung von Universalität in Aussicht. Mao Zedong wird in China noch heute dafür verehrt, dass es ihm gelang, diese beiden Ziele auf dem Weg der Revolution zu erreichen. Er hat die Chinesen mit dem Argument mobilisiert, China mache alles anders als der Rest der Welt und erweise sich gerade in seiner Armut als moralisch am weitesten entwickelt. Die Kulturrevolution und ihre internationale Ausstrahlung in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren schienen ihm recht zu geben: Das Land leuchtete damals in einem verheißungsvollen neuen Glanz – wenn auch in einem trügerischen. Doch von den finsteren Seiten der Kulturrevolution wollte man oft genug nichts wissen. Im Vordergrund stand, dass China wieder etwas von jener Machtfülle und Anziehungskraft zurückgewonnen zu haben schien, die schon das dynastische China ausgemacht hatten.

Erst mit dem Tod Maos und dem Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei über »Reform und Öffnung« im Jahr 1978 endet das Jahrhundert der Revolutionen in China. Seitdem ist das Land bei seiner Aufholjagd schneller vorangekommen als zuvor, obwohl es sich auf den Weg der Reform gemacht und der Revolution mehr oder weniger offen abgeschworen hat. 2011 verkündete der Präsident der Volksrepublik, Hu Jintao, der Wiederaufstieg Chinas sei so weit gediehen, dass seine Vollendung vor Augen stehe.

Susanne Weigelin-Schwiedrzik lehrt Neuere und Neueste chinesische Geschichte am Institut für Sinologie der Universität Wien

Weiterlesen: Jürgen Osterhammel: »China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit« C.H. Beck, München 1989

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Leserkommentare
    • Layer 8
    • 28. Februar 2012 18:33 Uhr

    Ich habe Ihren Artikel kopiert und bei mir als PDF abgelegt. Über 2000 Jahre chinesische Geschichte und Philosophie kurz gefasst. Zumindest habe ich jetzt ein grobes Bild des Ganzen und kapiere etwas mehr wie die Chinesen so 'ticken'. Auch die 'Tibetfrage' erscheint mir jetzt in etwas anderem Licht, wobei ich aber das momentane Verhalten des States China diesbezüglich keinstens billige.

  1. Opiumkriegen stand - Aus dem Reich, das alles umfasste, wurde ein Land, das eines von vielen war.

    • Felefon
    • 29. Februar 2012 1:10 Uhr

    Schade, daß er dem Fazit - nämlich die Entwicklung der letzten 30 Jahre zu erklären - nur zwei Sätze gewährt.

    Und besonders schade, daß der wesentliche Faktor der jüngeren Geschichte Chinas ( die 1-Kind-Politik ), die das Land vom Entwicklungsland zur demnächst führenden Wirtschaftsmacht geführt hat, mit keinem Wort erwähnt.

  2. beschreibt Fernand Braudel in einem Kapital seiner kleinen Geschichte der Kulturen (aus dem Französischem ins Englische übersetzt als A History of Civilizations), dich ich jedem nur empfehlen kann.

    Braudel betrachtet größere Zeiträume und langandauernde gesellschaftliche Prozesse. "... Insgesamt unterscheidet damit Braudel drei Zeitebenen. Die unterste Schicht wird gebildet von einer langsam fließenden Geschichte, in der Veränderungen kaum wahrnehmbar sind, einer histoire quasi immobile, die Braudel auch géohistoire nennt. Diese Zeit ist die der Naturerscheinungen, in der alle Bewegungen in einem Kreislauf an ihren Ausgangspunkt zurückkehren. Es ist dies die Geschichte der Täler und Gebirge, der Inseln und Küsten, des Klimas, der Land- und Seewege. Die darüberliegende Schicht ist jene, welche später besonders mit dem Begriff der longue durée verbunden wurde. Es ist die Zeit der in langsamen Rhythmen verlaufenden Geschichte, der größeren sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Strukturen, die einen Zeitraum von ein, zwei Jahrhunderten umfassen können. Ganz an der Oberfläche befindet sich letztlich die Geschichte der Ereignisse, die histoire événementielle. Geschichte lässt sich nach Braudel nicht verstehen, wenn nur diese letzte Ebene betrachtet wird, vielmehr erscheinen die menschlichen Ereignisse wie bloße Wellen auf der Oberfläche des Stroms der Geschichte, ohne deren tieferen Grund zu berühren. ..."

  3. "Die ungleichen Verträge erschütterten Chinas Selbstverständnis von der Zentralität und Universalität seiner Kultur zutiefst: Zwei Systeme waren aufeinandergestoßen, und das chinesische hatte sich als das schwächere erwiesen. China musste sich den Forderungen der europäischen Großmächte fügen. Das Land war ein großes Armenhaus geworden, ein Koloss, der sich nicht vom Fleck bewegte und sich im Wettbewerb mit den Westmächten nicht behaupten konnte."

    *Good Luck* ist die Geschichte der Menschheit noch nicht zuende geschrieben und auch in keinem Buch der Welt (außer vielleicht im Yijing in gewisser Weise) aufgeschrieben, Frau Dr. Weigelin-Schwiedrzik. Aber danke für den ansonsten homogen und flüssig geschriebenen Artikel, ganz im Sinne von *Sinologie goes Public*...

    • TomFynn
    • 29. Februar 2012 11:30 Uhr

    In dem Zusammenhang kann ich "Why the West Rules - for Now" von Ian Morris wärmstens empfehlen.

    • Mars7
    • 01. März 2012 9:23 Uhr

    Der Ami McCain war persönlich noch nie in China, er kennt es nur aus der Zeitung und aus einigen gefärbten TV-Reportagen. Von einem arabischen Frühling in China zu fantasieren -wobei die Muslime eine gravierende Minderheit sind- ist das Gleiche wie die Fantasterei dass der Dollar Weltwährung wird. Das Gegenteil zeigt sich bereits und ist nicht aufzuhalten, ist aber auch verursacht durch die maßlose Selbstüberschätzung der Amis.

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